Jetzt ist die
Restitutionsdebatte in weiteren Leitmedien wie der
Zeit und der nun doch erwachten
FAZ angekommen.
Deutsche Politik und Kultureinrichtungen sind längst mit der Rückgabe von kolonialem Raubgut, der Zusammenarbeit mit Herkunftsländern und der Erforschung der Objektbiografien beschäftigt, schreibt
Hermann Parzinger in einem watteweichen Aufmacher des
FAZ-Feuilletons - und ergänzt den Katalog um
weitere Forderungen. Ein
Raum der Stille zum Gedenken an die Opfer kolonialer Verbrechen soll etwa im Humboldt-Forum geschaffen werden, zudem müsse eine
internationale Ethikkommission einen Handlungsrahmen schaffen. Und: "Wir haben uns an unseren Partnern in Afrika, Asien oder Ozeanien zu orientieren, nicht umgekehrt. Die wahre Komplexität des Themas ist ihnen bewusst. Auch sie wollen wissen, welche Geschichten hinter den Objekten stehen, das hören wir in unseren Gesprächen immer wieder."
Auch in der
Zeit fasst Georg Blume die seit einer Woche geführte Debatte um den von
Benedicte Savoy und
Felwine Sarr vorgelegten Bericht zur Rückerstattung von Kunst aus kolonialem Kontext (unsere
Resümees) zusammen. Außerdem macht er auch auf die wenigen Gegenstimmen aufmerksam: "Nach Monaten des Schweigens zur Initiative Macrons meldete sich am Montag dieser Woche erstmals der Direktor des
Pariser Völkerkundemuseums, Stéphane Martin, zu Wort. Er schalt den Sarr-Savoy-Bericht als das
Werk zweier Außenseiter. 'Rückerstattung ist nur eine Möglichkeit', hielt Martin gegen das Kernanliegen des Berichts - denn er will seine Kunst lieber behalten, gerne ausleihen, austauschen und mit allen kooperieren. Aber der Besitzer bleiben. Martin wusste, dass er mit seiner Stellungnahme seine
Entlassung betrieb. Wer in Paris die großen Museen leitet, bestimmt immer noch der französische Präsident. Aber Martin erwartet ohnehin die Pensionierung. Und er wusste eine ganze
Kunst-
Armada hinter sich." Mit Verweis auf das Prinzip der
Unveräußerlichkeit staatlichen Besitzes in Frankreich hält auch die Pariser Anwältin Amelie Tripet, die reiche französische Kunstsammler vertritt, den Bericht für unanwendbar. Restitution ist erst der Anfang, sagt indes der Hamburger Kultursenator
Carsten Brosda im
Zeit-Gespräch mit Ijoma Mangold: "Wir brauchen eine
universelle Perspektive, bei der Objekte aus aller Welt überall in der Welt gezeigt werden." Zurückgeben will er aber nur, wenn auch andere zurückgeben.
Von einer internationalen Berliner Raubkunst-Tag über die
Washingtoner Erklärung zur
Restitution von jüdischem Besitz berichtet derweil Nikolaus Bernau in der
Berliner Zeitung. Er erinnert daran, wie groß der Widerstand der Institutionen war, bis sie durch Raubkunstskandale zur Rückgabe gezwungen wurden und beklagt, dass die Washingtoner Erklärung nur für NS-Raubkunst aus jüdischem Besitz gilt: "Warum wurden nicht vergleichbare Regelungen
für Sinti und für Roma gefunden? Wie steht es mit dem Eigentum von politisch oder religiös Verfolgten, von Schwulen etc." Im
Dlf-Gespräch
berichtet der Raubkunst-Experte Stefan Koldehoff, der bei der Berliner Raubkunst-Tagung dabei war, dass Parzinger außerdem ein
verbindliches Raubkunstgesetz für Deutschland nach dem Vorbild Österreichs forderte: "Da darf eine Kommission, egal, ob den Museen das passt oder nicht, in die Häuser rein, auch in die Archive, und gucken, was da ist, daraus dann Berichte schreiben, die direkt dem Kulturministerium vorgelegt werden."