Heute übergeben
Bénédicte Savoy und
Felwine Sarr ihren Bericht zur Restitution afrikanischer Kunst an Emmanuel Macron - sie fordern eine fast
totale Rückgabe und stoßen damit in der Öffentlichkeit bisher kaum auf kritische Reaktionen. Eine wirkliche Debatte ist zu dem Bericht aber noch nicht entbrannt.
Le Monde äußert sich in einem Leitartikel
vorsichtig kritisch zu dem Bericht von Savoy und Sarr, dem die Zeitung "Maximalismus" vorwirft: "Es besteht kein Zweifel daran, dass die Kolonialzeit ein Synonym für Unterdrückung und Ausbeutung war. Dass jedes einzelne Objekt
automatisch als Produkt eines Raubs betrachtet wird, mag dennoch vereinfachend erscheinen, schon allein wegen der häufigen Aufträge, die afrikanische Künstler von europäischen Sammlern erhielten."
Die
Restitution von Kolonialkunst ist überfällig,
meint Marcus Woeller in der
Welt - befürchtet aber die nächste ideologische Debatte: "Denn
Reinwaschung von europäischer Schuld ist auch durch die so generös proklamierte Rückgabe nicht möglich. Unrecht ist geschehen, unabhängig davon, ob die Artefakte nun in Europa bleiben, ob sie an Museen in Afrika übergeben werden, ob sie wieder in rituelle Zusammenhänge rückgeführt werden können oder in den
Kunsthandel gelangen, der von den Restitutionen zweifellos profitieren würde. Sinnvoll ist, was viele europäische Museen (wenn auch mit jahrzehntelanger Verspätung) betreiben und bestenfalls gemeinsam mit den Herkunftsländern vorantreiben müssen: die
Entschlüsselung der Objektbiografien. Darin müssen ehemalige Kolonialisten wie Frankreich oder Deutschland investieren - als ethische Wiedergutmachung."
Im
Tagesspiegel vermisste Nicola Kuhn am Donnerstagmorgen bei dem in Dahlem eröffneten
Symposium zum Thema "Vertagtes Erbe? Vergangenheit und Gegenwart des Kolonialismus" klare Worte von
Hermann Parzinger. Eher skeptisch äußerte er, "dass man 'die erzählerische Kraft der Objekte' miteinander teilen müsse. An welchem Ort dies zuallererst zu geschehen habe, daran lässt er jedoch keine Zweifel,
erst die deutschen Museen, dann die afrikanischen Partner. Savoys und Sarrs 'Neue Ethik der Beziehungen', so der Untertitel ihres Berichts, stellt genau diese Hierarchie in Frage. Frankreich, die Grande Nation, kann hier echte Größe beweisen."
Paul Starzmann
sammelt indes ebenfalls im
Tagesspiegel Stimmen, die nun ein
klares Signal aus Deutschland fordern. Aber: "Wie im Oktober aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage hervorging, hat die Bundesregierung
nicht einmal einen Überblick, wie viel Raubkunst und
Leichenteile aus früheren Kolonien die Deutschen bis heute in Museen und Privatsammlungen horten." In der
FAZ kommentiert Jürg Altwegg das Ausmaß des Raubs und der Restitution. Es geht um nicht weniger als die Zukunft Afrikas und das Schicksal Europas
, meint er.
Auch in
Dänemark gibt es eine Restitutionsdebatte,
berichten Anaïs Kien und Séverine Cassar im französischen Radiosender
France Culture. Und die geht so: "Nach sieben Jahrhunderten Kolonisierung nutzte
Island die Besetzung der
Kolonialmacht Dänemark durch die Nazis und erklärte seine Unabhängigkeit. Da es kaum über Baudenkmäler verfügt, blieb Island nur ein einziger Schatz:
die Sagas, jene Geschichten der skandinavischen und Wikingerwelt, die von anonymen isländischen Autoren zusammengetragen wurden und heute die Erforschung der germano-skandinavischen Vorstellungen und Lebensweisen im Mittelalter erlauben und bis heute die Fantasie anregen. Da dies
natürliche nationale Schätze sind, wurden die Manuskripte sofort zum Gegenstand von Rückgabeforderungen, auf die die dänischen Behörden mit den aus dieser Art
postkolonialem Konflikt bekannten Argumenten reagierten: Island habe nicht die Kompetenz zur Erhaltung und Präsentation der Dokumente, und dänisches Kulturgut sei nicht veräußerbar." Der einstündige Bericht gehört zu einer
vierteiligen Serie von
France Culture zum Thema Restitution - ach, würden deutsche Sender auch mal sowas machen!