9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2019 - Medien

In Frankreich werden das neue europäische Leistungsschutzrecht für Presseverleger zuerst verwirklicht. Google will allerdings nicht für die Anzeige von Snippets bezahlen und will Verlagen erlauben, freiwillig die Länge von akzeptierten Snippets einzustellen, berichtet Freidhelm Greis bei golem.de: "Einem Bericht des französischen Journal du Net zufolge haben 28 von 30 angefragten großen französischen Medien entschieden, aus Angst vor Trafficverlusten Google eine Gratislizenz zu erteilen und weiterhin kurze Textausschnitte (Snippets) von Inhalten anzeigen zu lassen. Auch deutsche Medien hatten nach Inkrafttreten des deutschen Leistungsschutzrechts im Jahr 2013 Google eine Gratislizenz erteilt, anderen Suchmaschinen hingegen nicht." Die Verlage wollen sich allerdings wehren und Google zwingen zu bezahlen, das heißt, "einen Kontrahierungszwang durchsetzen, den die EU-Urheberrechtslinie bewusst nicht vorgesehen hat".

Einige europäische Medienhäuser - oder Journalisten? - wenden sich in einem offenen Brief gegen Google: "Wir Journalisten haben lange für diese Richtlinie gekämpft. Weil es teuer ist, qualitativ hochwertige Nachrichten zu produzieren. Weil die aktuelle Situation unhaltbar ist, in der Google den größten Teil der Werbeeinnahmen einstreicht, die es durch das Abgreifen von Nachrichten erzielt." Mehr dazu bei Meedia.

59 palästinensische Online-Medien und Facebookseiten sind nach einem Urteil eines Gerichts in Ramallah blockiert worden, mit der Begründung, sie hätten Symbole der Palästinensischen Autonomiebehörde "verunglimpft" , meldet Alexandra Föderl-Schmidt in der SZ: "Die Pressefreiheitsorganisationen Reporter ohne Grenzen und International Press Institute kritisierten die Entscheidung. 'Diese unakzeptable Maßnahme scheint darauf ausgerichtet zu sein, Medien, die der Regierung kritisch gegenüber stehen, zu bestrafen. Webseiten zu blockieren ist klar ein Verstoß gegen das Recht auf Information', meint Sabrina Bennoui von Reporter ohne Grenzen. Die palästinensische Autonomiebehörde zeige damit, dass sie Medienpluralität nicht akzeptieren und Opposition eliminieren wolle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2019 - Medien

Der frühere Spiegel-Journalist Claas Relotius geht mit dem Medienanwalt Christian Schertz gerichtlich gegen Juan Morenos Buch "Tausend Zeilen Lüge" vor, er wirft Moreno "Falschdarstellungen" in mehr als 20 Stellen vor: Moreno behaupte etwa, Relotius habe 40 Preise erhalten, es seien allerdings nur 19 Preise und zwei weitere Auszeichnungen gewesen, meldet die Berliner Zeitung mit dpa.

In der Welt kommentiert Christian Meier: "Es wirkt ironisch, sogar zynisch, wenn sich der Mann, der dem 'Spiegel' und dem deutschen Journalismus insgesamt einen Glaubwürdigkeitsschaden größten Ausmaßes zugefügt hat, sich nun via Anwalt zum Medienethiker aufspielt (und die 'Zeit' in diesem Fall mit einem Text freundlich sekundiert). 'Morenos Buch müsste blütenweiß sein', sagt Christian Schertz. 'Ist es aber nicht.' Er habe persönlich mit Zeugen gesprochen, 'alle Punkte gegengecheckt'. Und hier kommt, trotz der bitteren Ironie, eine ebenso bittere Wahrheit. Das Buch muss in der Tat blütenweiß sein. Der Text darf allerdings auch nicht ohne Fairness und ohne Augenmaß kritisiert werden, allein mit dem Ziel, das gesamte Buch unglaubwürdig zu machen."

Stefan Niggemeier kritisiert in den Übermedien allerdings dennoch eine als Pointe gemeinte und darum wichtige Episode: Relotius habe behauptet, er lasse sich in einer Klinik behandeln - und wurde angeblich ganz woanders auf dem Fahrrad gesichtet. Lügt er also immer noch? Moreno kann die Sichtung Relotius' auf dem Fahrrad nicht beweisen, so Niggemeier: "Sollte sie tatsächlich nicht stimmen, würde das nicht die Substanz von Morenos Buch und seiner Schilderungen von Relotius bedrohen. Es würde nur eine Schmuckschleife abreißen, die er am Ende noch draufgebunden hat. Moreno hätte sie einfach weglassen können. Aber sie hat das Paket scheinbar so perfekt gemacht. Und es sind ja nicht nur Journalisten, die solche Schleifen lieben, sondern auch Leser."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2019 - Medien

Sehr interessant spricht die tunesische Reporterin Hanène Zbiss, die gerade den Raif Badawi Award erhalten hat, im FAZ-Interview mit Lili Hering über Journalismus in Tunesien, dem einzigen Land, das nach dem arabischen Frühling eine, wenn auch holprige Demokratisierung hinbekommen hat. Die Bedingungen seien besser geworden, sagt Zbiss, aber "wir können noch so viel aufdecken und die Verantwortlichen anhand von Beweisen benennen - sie werden nicht zur Verantwortung gezogen, weil die Justiz nicht unabhängig ist. Es herrscht eine Kultur der Straffreiheit. Prozesse werden nicht zu Ende geführt, Geschichten unter den Teppich gekehrt. Das ist frustrierend für uns Journalisten. Unsere Arbeit wird zwar von der Zivilgesellschaft sehr gut angenommen, sie hat aber wenig Konsequenzen. Wir prangern an, aber niemand ist schuldig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2019 - Medien

Auf der Medienseite der SZ stellt Ekaterina Kel neun Länder vor, die bereits zum Ziel russischer Desinformationskampagnen wurden. Rumena Filipova vom Center for the Study of Democracy in Sofia sagt etwa: "Seit den 2010er-Jahren haben sich ausländische Investoren größtenteils aus Bulgariens Medienlandschaft verabschiedet, an ihre Stelle sind lokale Oligarchen-Gruppen getreten, die mittlerweile die Kontrolle über fast alle Medienunternehmen übernommen haben. Gleichzeitig sind mit dem Rückgang der Printmedien die journalistischen Standards gesunken. In so einem Zustand trifft prorussische Propaganda auf einen reichen Nährboden. Wir haben einen klaren Zusammenhang zwischen der Nähe von Medieneignern zu prorussischen Gruppen und der Anwendung kremlnaher Narrative festgestellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2019 - Medien

Ebru Tasdemir und Cem Odos-Güler stellen in der taz fest, dass auch die Diversität bei der Journalistenausbildung zu wünschen übrig lässt: "30 Jahre nach dem Mauerfall stellt das medium magazin das ernüchternde Ergebnis vor: Die Nachwendegeneration aus Ostdeutschland kommt in den westdeutschen Journalistenschulen und Ausbildungsstätten kaum vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2019 - Medien

Die populistischen Regimes in Mittelosteuropa zeigen, dass Medien, die sich gern so viel auf segensreiches Wirken für die Demokratie zugutehalten, recht leicht gleichschalten lassen. Bei den privaten Medien ist es in Polen immerhin nicht so leicht, ausländische Besitzer zu vergraulen, schreibt Olivia Kortas in der taz, denn die EU-Regeln verbieten das: Stattdessen stärkte die polnische Regierung "in den vergangenen Jahren den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und wandelte ihn in einen Werbekanal für die eigene Regierung um. 'PiS hat die Öffentlich-Rechtlichen zu Staatsmedien gemacht', kritisiert Medienwissenschaftler Janusz Adamowski. Mittlerweile stört die einseitige Berichterstattung sogar PiS-WählerInnen. Schon immer berichteten die öffentlich-rechtlichen Medien in Polen regierungsnah, auch unter den linksliberalen Vorgängern. 'Aber das Ausmaß war ein anderes', sagt Adamowski, 'Diese Medien sind gesetzlich dazu verpflichtet, ausgewogen zu berichten, aber sie erfüllen dieses Kriterium nicht mehr.'

Während alle anderen über Halle nachdenken, bringt das FAZ-Feuilleton auf seiner Aufmacherseite ein großes medienrechtliches Interview zum Ibiza-Video. Julia Encke befragt Stefanie Schork, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Strafrecht. Auf die Frage, ob es medienrechtlich erlaubt sei, Fallen wie für dieses Video zu stellen, obwohl die Privatsphäre eindeutig verletzt wird, antwortet die Anwältin: "Wenn jemand etwa ankündigt, dass er die Bild-Zeitung kaufen, als Wahlkampfhelfer funktionalisieren und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gleichschalten will, wird man das machen dürfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2019 - Medien

Das polnische Staatsfernsehen erweist sich im Vorfeld der Wahlen am Sonntag als komplett gleichgeschaltet, berichtet Christian Davies im Guardian: "Eine Analyse des Inhalts der wichtigsten Abendnachrichtensendung von TVP durch die Polnische Gesellschaft der Journalisten ergab, dass von 105 Berichten zu den Wahlen 69 auf die PiS-Partei fokussiert waren, darunter 68 mit positiver und einer mit neutraler Haltung. Jeder der 33 Berichte über die Opposition war negativ."
Stichwörter: Polen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2019 - Medien

Medien reden gern von ihrer Funktion für die Demokratie, weniger gern von ihren Geschäftsmodellen, etwa davon, dass sie Kontexte schaffen, um darüber reden zu können. Modemagazine sehen exakt aus wie die Anzeigen, die in ihnen geschaltet werden. Und noch deutlicher ist es beim Sport, wie Steffen Grimberg nach der weitgehend unkritischen Fernsehberichterstattung über die Leichtathletikweltmeisterschaft in Doha in in der taz beobachtet: "Es ist die Medienkohle, die den ganzen Betrieb unter Strom hält. Und das klassische Fernsehen braucht die Live-Sportereignisse, weil sie die letzten großen Lagerfeuer sind, um die sich die Menschen scharen." Die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland spricht Grimberg nur en passant an: "So spielen sie als immer noch sehr potente Geldgeber brav mit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2019 - Medien

Alexander Nabert schildert in der taz die Praxis der "Autorisierung", die Interviews mit Politikern und wichtigen Leuten in Deutschland oft so papieren klingen lässt. Vom Pressekodex her wäre sie eigentlich nicht gedeckt: "Was wäre es nur für eine Lesefreude, wenn statt langweiligen, immer gleichen Politstanzen und Worthülsen aus der Feder von Pressesprecher*innen künftig öfter das im besten Sinne ungehobelte Wort in Zeitungen stünde? Das kann man im angloamerikanischen Raum sehen, wo Autorisierung nicht ganz zu Unrecht als eine Form von Zensur verpönt ist."
Stichwörter: Pressekodex

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2019 - Medien

Und bei den Krautreportern  sind es - ausnahmsweise mal frei zugänglich - Farhad Dilmaghani und Georg Diez, die ihre Heldenbrust in den Gegenwind des Faschismus recken. "Nie wieder Faschismus" solle künftig die Leitlinie des Journalismus seien, fordern sie dann auch und sehen sich die Redaktionsstatute der Öffentlich-Rechtlichen und den Pressekodex an, die sie im Dienste dieser Idee ergänzen oder verändern wollen. Die Konsequenzen liegen für Autoren auf der Hand: "Es ist daher überfällig, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk präzise darlegt, vor dem Hintergrund welcher Annahmen und Begründungen er weiterhin eindeutig rechtsradikale AfD-Vertreter einladen möchte - oder wie er künftig die AfD bezeichnen möchte. Rechtspopulistisch ist verharmlosend."

Die französische Zeitung Le Monde, früher der Stolz der Branche, ist heute arg geschwächt und im Besitz von Millionären. Die Redakteure hatten bei Le Monde immer eine gewissen Autonomiestatus gegenüber den Verlegern, den sie sich jetzt erneut erstritten haben, freut sich Benjamin Knödler  im Freitag: "Bei der anstehenden Aufsichtsratssitzung am 3. Oktober soll darüber hinaus ... über eine Stiftung nachgedacht werden, die die Anteile der Hauptaktionäre dauerhaft vor einer Übernahme durch Investoren schützen soll."