9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2018 - Medien

Vor zwei Tagen kritisierte der ehemalige BGH-Richter (und Zeit-online-Kolumnist) Thomas Fischer auf Meedia die Zeit-Berichterstattung über Dieter Wedel, der er vorwirft, "jeden Ansatz zu professionell-kritischer Distanz" gegenüber den Vorwürfen gegen Wedel vermissen zu lassen: "Die Zeit-Veröffentlichungen vom 4. und 25. Januar 2018 sind nicht neutral oder unvoreingenommen, sondern beziehen Position und fällen ein Urteil. Dazu nutzen sie Mittel der Suggestion und Verzeichnung, der Zirkelschlüssigkeit und der Denunziation. Das gilt für die Auswahl der referierten Zeugen-Bekundungen, aber zum Beispiel auch für die tendenziöse Verwendung von Konjunktiv und Indikativ: Die belastenden Aussagen werden in mittelbarer Form eingeführt ('sie sagt…, dass…'); wenn sich Lücken zeigen oder Nachfragen aufdrängen, wechselt der Bericht aber unvermittelt in den Indikativ ('Sie weiß nicht mehr, …'). Die Autoren wechseln immer wieder zwischen der Rolle der Berichterstatter über Behauptungen und der von Berichterstattern über Wahrheiten. Das führt zu einer zirkelschlüssigen, suggestiven Geschlossenheit der Darstellung."

Ebenfalls auf Meedia widerspricht Fischer jetzt die Juristin Elisa Hoven, die Fischers Anforderungen an investigative Berichterstattung überzogen findet: "Ein Journalist kann - schon aufgrund fehlender Eingriffsbefugnisse - nicht in gleicher Weise Beweise erheben wie ein Gericht. Setzte man dies aber voraus, wäre jeder Bericht über den Verdacht einer Straftat unzulässig. Investigative Recherchen mit strafrechtlichem Bezug dürfte es also nicht geben (kein 'Watergate', keine Aufdeckung des 'DFB-Skandals 2006', keine Berichte über Untreuehandlungen von Vorstandsvorsitzenden - übrigens alles Fälle, in denen keine entsprechende Medienschelte erfolgt ist)."

Die Länder tagen über die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender, die Finanzbedarf angemeldet und bisher nur wenige Sparpotenziale gehoben haben, so Michael Hanfeld in der FAZ. Auch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (Kef) mahne zu weiteren Einsparungen, sonst sind die Gebührenzahler dran: "Kommen die Ministerpräsidenten in Sachen Auftrag, Struktur und Finanzen der Öffentlich-Rechtlichen zu keiner Lösung, 'müsste' der Rundfunkbeitrag nach Einschätzung der Finanzexperten auf 18,70 Euro im Monat steigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2018 - Medien

(Via turi2) So langsam wirken sowohl die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Fernsehsender durch die Streamingdienste leicht ramponiert, schreibt Caspar Busse im Wirtschaftsteil der SZ: "In Europa und Deutschland tut sich dagegen wenig. Es erweist sich vielmehr gerade für die deutschen privaten Fernsehsender als verhängnisvoll, dass lange am Programm gespart und statt für den Zuschauer vor allem für die Werbeindustrie gesendet wurde. Die aber wandert ohnehin ins Netz ab, wo Marketing effizienter eingesetzt werden kann."

Auch die modischen smarten Lautsprecher werden die Medien-Szene, in diesem Fall besonders bei den Radios, auf den Kopf stellen, berichtet Marvin Schade bei Meedia.

Claudia Tieschky berichtet ebenfalls in der SZ über die Neufassung des "Telemedienauftrags", die öffentlich-rechtlichen Sendern einerseits gestatten wird, Inhalte länger als sieben Tage in Mediatheken zu präsentieren und sogar eigene Formate auf Facebook oder Youtube zu bieten, andererseits aber "Presseähnlichkeit" weiter unterbinden will: "Der Gesetzesentwurf legt nun erst einmal fest, was 'presseähnlich' ist - Angebote mit Schwerpunkt Text - und formuliert dann ein paar Ausnahmen, wann solche Textangebote doch erlaubt sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2018 - Medien

Schön, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Mediatheken öffnen wollen, aber Dokumentarfilme sollte sie bitte nur voll verfügbar machen, wenn sie sie auch voll finanziert haben, fordert Thomas Frickel, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm in der FAZ: "Wie sollen Produktionsfirmen, die Fernsehfilme aus eigener Tasche mitfinanzieren, ihr investiertes Geld jemals zurückbekommen, wenn ihnen die interessanteste Einnahmemöglichkeit - das Online-Geschäft - verbaut wird? Kein Mensch kauft doch einen Film, der einen Mausklick weiter dauerhaft und kostenlos in einer öffentlich-rechtlichen Mediathek abgerufen werden kann. Wie war das doch gleich mit unserem Bäcker? Erst zwinge ich ihn, mir das Dreißig-Cent-Brötchen für zehn Cent zu überlassen, dann esse ich es vor seinen Augen auf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2018 - Medien

(Via turi2) Der Bundesverband der Zeitungsverleger schließt sich der Forderung  Rupert Murdochs an Facebook an, das für die Verbreitung ihrer Inhalte bezahlen solle (aus irgendwelchen Gründen lassen sie diese Verbreitung zur Zeit noch kostenlos zu). "Zeitungen und Zeitschriften genießen in Deutschland eine hohe Glaubwürdigkeit", behaupten die Verleger in einer Pressemitteilung. "Unsere Produkte werden gedruckt und digital als seriöse Quellen wahrgenommen mit weitem Abstand vor den sozialen Medien. Davon profitieren die Plattformanbieter nicht nur inhaltlich, sondern auch mit einem Zugewinn an Image."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2018 - Medien

Grandios eine kleine Zitatmontage, mit der Sieglinde Geisel auf tell-review.de das letzte Wort zur Simon-Strauß-Debatte schon gar nicht mehr aussprechen muss. Sie collagiert Kritikerzitate zu Strauß' Roman "Sieben Nächte" aus den Leitmedien von vor der Debatte mit Nutzerrezensionen auf Amazon - zuerst die Zeitungen:
- Ein "grandioses Debüt, der Generationenroman der aktuellen Endzwanziger schlechthin" (Der Freitag)
- "Strauß ist mit diesem literarischen Aufruf ein überaus großer Wurf gelungen." (Berliner Zeitung)
- "Schon wenn man dieses Buch in die Hand nimmt, spürt man, dass es für Furore sorgen wird." (Die Zeit)
- "Ein Manifest wider den Zeitgeist." (Spiegel Online)

Und dann die Leser bei Amazon:
- "Das Buch hat erschreckend wenig zu sagen."
- "Liest sich, als hätte ein lauwarmer Fruchtzwerg beschlossen, Autor zu werden."
- "Unfassbare inhaltliche Langeweile."
- "So plätschert das Buch mal peinlich, mal belanglos vor sich hin."

Auch Paul Jandl winkt nach Lektüre von Strauß' Roman in der NZZ eher ab: "Es ist eine sehr papierene Revolution, die da ausgerufen wird. Ein Manifest zwischen Klugheit und Schwulst, das eher literarisch eine Selbstanzeige ist als politisch."

Nach einem Jahr Trump zieht Kyle Pope in der Columbia Journalism Review Bilanz über die Arbeit der amerikanischen Presse. Zu Beginn habe es ausgezeichnete Recherchen gegeben, aber dann kam ein routinemäßiger Clinch: "Wenn unsere Aufgabe vor einem Jahr war, dass Trump uns nicht an der Nase herumführt, dann haben wir versagt." Besser gemacht habe es Michael Wolff mit seinem Buch "Fire and Fury": "Er ließ es nicht zu, das Trump mit erlogenen Widerlegungen Aufmerksamkeit abzog... Es erinnerte mich daran, was mir eine Trump-Wählerin sagte, als ich sie zu Trumps Tendenz zur Lüge befragte: 'Er hat eine größere Wahrheit.' Und das trifft auch für Wolff zu."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2018 - Medien

Carolin Emcke verteidigt in ihrer SZ-Kolumne den Status quo der öffentlich-rechtlichen Sender: "Es sind nicht nur libertäre, sondern auch rechtsradikale Ambitionen, die eine Institution ausschalten wollen, die einem allgemeinen Gut dienen soll: der Möglichkeit, sich zu informieren und sich über die gemeinsam geteilte Welt zu verständigen. Letztlich geht es nicht einmal darum, die Legitimität oder Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender zu bezweifeln, sondern darum zu bestreiten, dass es das überhaupt geben kann: etwas allen Gemeinsames."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2018 - Medien

Jens Uthoff liefert in der taz Hintergründe zum Streit um Simon Strauß (unsere Resümees), der für ihn eher ein Clash zweier ambitionierter Nachwuchscliquen im Literaturbetrieb zu sein scheint: Einerseits die Gruppe "Rich Kids of Literature" um den Korbinian Verlag, eher so Kreuzberger Hipster, dort der Kreis um Simon Strauß, eher so Feuilleton-Jungs mit höheren Ansprüchen. Aber Strauß bezog sich auf das Manifest "Ultraromantik" des Korbinian-Autors Leonhard Hieronymi. Der stützt die soziologische These Uthoffs mit folgender Aussage: "Ich will, wenn man sich schon Strauß' Vater ständig anschaut, dass man sich auch meinen anschaut. Mein Vater ist ein humpelnder, zwei Meter großer Gas-und-Wasser-Installateur, der in den letzten zehn Jahren nur ein Buch gelesen hat: 'Das Manifest der Ultraromantik'! Und er sagte zu mir: 'Witzig!' Er hat die bisher beste Interpretation meines Buchs geliefert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2018 - Medien

Auf der Medienseite zitiert taz-Autor Daniel Bouhs einige Kollegen, die sich Gedanken über die von Facebook angekündigte Degradierung von Medieninhalten machen - offenbar stellen sie bereits seit einigen Monaten fest, dass sie mit Inhalten weniger durchdringen als bisher. Seit Anfang Oktober gehe das so, sagt ein Sprecher von Tagesschau.de: "Reichweiten haben sich plötzlich massiv verändert."

Götz Hamann sieht es bei Zeit online anders: "Das Gute an dieser Auseinandersetzung ist: Zuckerberg hat die geplante Änderung angekündigt, Wochen und Monate bevor er sie verwirklichen möchte. Das war früher anders. Da schuf er Fakten über Nacht."

Eine Meldung im FAZ-Feuilleton - vielleicht interessant im Kontext der Debatte in den letzten Tagen: "Simon Strauß, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, wird in seiner Funktion als Mitglied der 'Rolf-Joseph-Gruppe' mit dem German Jewish History Award der Obermayer-Stiftung ausgezeichnet. Geehrt wird damit das langjährige Engagement der Gruppe für die Dokumentation und Vermittlung der Lebensgeschichte des Holocaust-Überlebenden Rolf Joseph."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2018 - Medien

Die Zeit bringt ein Pro und Contra zum Vorwurf gegen den FAZ-Redakteur und Romanautor Simon Strauß, sein romantischer Ästhetizismus ähnele dem Gedankengut der Rechten. Was genau "rechts" an Strauß sein soll, kann Antonia Baum auch nicht festmachen, doch raunt er ihr zu viel und überhaupt geht ihr das Männbündische an Strauß auf die Nerven: Wenn der Erzähler in Strauß' Buch "seine geistigen Bezugsgrößen zitiert, so sind es ausschließlich Männer, er sehnt sich nach Heldentum und Geheimbünden, bis er selbst einen für die Handlung des Buches zentralen Pakt mit einem Mann schließt, der ihn 'führen will'. Hier erinnert der Roman an die Wirklichkeit, an jene fast besoffene, George-Kreis-hafte Strauß-Verliebtheit einiger seiner männlichen Fans in den Feuilletons und natürlich an den zentralen Strauß-Förderer Jürgen Kaube, der einem absoluten Männerparadies vorsteht, nämlich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo der Feuilletonredakteur Simon Strauß die Seiten mit AfD-Sorgen in Proseminar-Sprache vollschreibt."

Ijoma Mangold findet die Debatte dagegen geradezu denunziatorisch. Was genau habe der Mann denn verbrochen? "Erstens: Strauß hatte vor Jahren Götz Kubitschek in einen Salon eingeladen, den er zusammen mit anderen Autoren führte. Das war bevor die Qualitätsmedien alle nach Schnellroda für eine Kubitschek-Homestory pilgerten. Strauß wird das zur Last gelegt. ... Zweitens: Simon ist der Sohn von Botho Strauß ... Drittens hatte Simon Strauß im Dezember in einem Feuilleton-Aufmacher der FAZ die Erfolge der AfD damit erklärt, dass über Monate hin keine andere Partei in der Lage gewesen sei, 'vernünftige Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik' zu üben. Dieser Satz ist eine Tatsachenbehauptung - es sei denn, man ist der Meinung, dass jeder, der Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert, bei der AfD einsortiert gehört."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2018 - Medien

Auch in Dänemark ist das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem (das den dänischen Gebührenzahler 340 Euro pro Jahr kostet) sturmumtost, berichtet Reinhard Wolff in der taz: "Die rechtsliberale Regierungspartei Venstre will das DR-Budget um 12,5 Prozent kürzen. Ihr Koalitionspartner, die rechtspopulistische Dänische Volkspartei, will dem Sender sogar ein Viertel seiner Einnahmen streichen und stellt den Rundfunkbeitrag gleich komplett in Frage."

"Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung", hat Deniz Yücel laut FAZ zur dpa gesagt: "Er wolle seine Freiheit nicht 'mit Panzergeschäften von Rheinmetall oder dem Treiben irgendwelcher anderen Waffenbrüder befleckt wissen'." Hintergrund ist eine Äußerung Sigmar Gabriels, der angedeutet hat, dass es bis zur Lösung des Falls Yücel eine restriktive Haltung bei Waffenlieferungen an die Türkei gibt.

Unter anderem meldet der Deutschlandfunk, dass der bekannte Medienjournalist und Mitbegründer des Netzwerks Recherche Thomas Leif im Alter von nur 58 Jahren gestorben ist.

Der Schlaf des Korrektors gebiert Ungeheuer. Sabine am Orde berichtet in der taz, dass der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, den AfD-Politiker Wolfgang Gedeon weiter als "Holocaustleugner" bezeichnen darf. Dies sei von der Meinungsfreiheit gedeckt, entschied am Dienstag das Berliner Landgericht. Und was macht die taz für eine Überschrift? "Ehemaliger AfDler darf Holocaustgegner genannt werden." (Online ist der Fehler übrigens inzwischen korrigiert.)