9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2024 - Medien

In der taz schreibt Georg Seeßlen einen wehmütigen Nachruf auf die gedruckte Zeitung, mit der auch ein Stück Demokratie verloren geht: "Als Element von Kritik und Kontrolle waren Zeitungen ein wichtiger Bestandteil der Gewaltenteilung in der Demokratie. Allerdings funktionierte das nie so, wie man es sich als aufklärerisches Ideal vorstellen konnte. Denn im mehr oder weniger goldenen Westen musste die Presse im Allgemeinen, die Zeitung im Besonderen immer auch einen weiteren Widerspruch ausdrücken, nämlich den zwischen Demokratie und Kapitalismus. Die Nachricht war immer zugleich Botschaft und Ware. Und eine Zeitung war immer auch eine soziale Waffe. Man konnte Kriege und Bürgerkriege damit anzetteln, Stimmungen mehr in die fortschrittliche oder in die konservative Richtung lenken oder einfach bösartigen Blödsinn verbreiten."

Daniel Bratanovic und Nick Brauns bilden die neue Chefredaktion der Jungen Welt, Brauns ist jener Redakteur, der am Tag nach dem 7. Oktober einen Artikel mit dem Titel "Gaza schlägt zurück" verfasste, erinnert Dominik Lenze in der taz. Die antiimperialistische Leitlinie der ältesten, noch bestehenden linken Zeitung Deutschland, die die USA und Israel verteufelt und Putin, Hamas oder Kim Jong-un hofiert, dürfte sich entsprechend kaum ändern, so Lenze: "Der Gaza-Text ist nicht Brauns einzige journalistische Entgleisung: 2007 gab er einen Sammelband heraus, in dem zu einer links-jihadistischen Querfront aufgerufen wird - samt Autoren, die der Hisbollah nahe stehen. Er fordert ein 'Bündnis des islamisch-religiösen Widerstands gegen Imperialismus und Zionismus mit der säkularen Linken.'" Eine der ersten Amtshandlungen von Bratanovic als neuer Co-Chefredakteur: "Er hielt eine Rede auf der 75-Jahr-Feier der DDR, die die Zeitung im Berliner Kino Babylon organisierte. Gesprochen hat auch der Ex-SED-Chef Egon Krenz, der in den Mauerschützenprozessen wegen Totschlags verurteilt wurde."

Weitere Artikel: Nach fünfzig Jahren stellt der italienische kommunistische Altertumswissenschaftler Luciano Canfora die Zeitschrift Quaderni di storia ein, schreibt Stefan Rebenich, der auf den Natur-und-Wissenschaften-Seiten der FAZ auf die Erfolgsgeschichte der Zeitschrift zurückblickt: "Eine einsame, ja autokratische Entscheidung beendete eine internationale Erfolgsgeschichte. Ökonomische Gründe waren nicht ausschlaggebend. Der Verlag Edizioni Dedalo in Bari sah keinen Grund, die Quaderni di storia aus dem Programm zu nehmen. ... Offenbar glaubt ... Canfora, er könne als Herausgeber nicht ersetzt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2024 - Medien

Es wird in diesen Tagen viel über die mögliche Schließung des angeblichen Kultursenders 3sat geklagt. Aber wie sieht so ein Tag bei 3sat eigentlich aus? Stefan Niggemeier von den Übermedien hat schon am Samstag mal nachgeguckt: "Der Tag bei 3sat hat heute mit drei Sendungen über 'die gefährlichsten Schulwege der Welt' begonnen: in Bolivien, in Peru und in Kolumbien, Dokumentationen aus den Jahren 2013 und 2019. Es folgten zwei Folgen der Reihe 'unterwegs' über den Norden und den Süden Argentiniens aus dem Jahr 2012. Je nachdem, wann Sie diese Mail lesen, können Sie noch drei 'Terra X'-Sendungen über die 'Söhne der Sonne' (die Maya, die Inka, die Azteken) aus dem Jahr 2020 sehen, eine weitere 'Terra X'-Sendung 'Sieben Kontinente - Ein Planet: Südamerika' aus dem Jahr 2019, drei Filme über den 'Mythos Amazonas' von 2011, zwei Filme über 'Kolumbien - das entfesselte Paradies' von 2021 und je drei Filme über das 'Wilde Patagonien' (2016) und das 'Wilde Brasilien' (2014), bevor der Sendetag mit zwei Dokumentationen über Galápagos von 2017 endet." In der taz denkt Ann-Kathrin Leclère über die Zukunft von 3sat nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2024 - Medien

Lisa Kräher von den Übermedien hatte mal eine sehr gute Idee: "Wenn man die öffentlich-rechtlichen Dokus über Sahra Wagenknecht aus den vergangenen zwölf Monaten zusammenzählt, kommen 379 Sendeminuten raus. Also fast sechseinhalb Stunden für 'Der Bruch. Sahra Wagenknecht und die Linke' (ARD), 'Sahra Wagenknecht - Neue Partei, neues Spiel?' (WDR), 'Trotz und Treue, das Phänomen Sahra Wagenknecht' (MDR), und jetzt neu: 'Inside Bündnis Wagenknecht - Hinter den Kulissen einer umstrittenen Partei' (ZDF). Das ist schon beachtlich, wenn man bedenkt, dass Sahra Wagenknecht den Großteil der Zeit, in der sie da mit der Kamera begleitet wurde, einfache Bundestagsabgeordnete war beziehungsweise später Vorsitzende einer neuen Partei, die nur wenige Mitglieder hatte und noch in kein Parlament gewählt wurde. (Also bis auf die von der Linken abgespaltene Gruppe im Bundestag.) Welcher andere Politiker bekommt als Person so viel Aufmerksamkeit?" Die ZDF-Doku findet Kräher übrigens trotzdem gut.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2024 - Medien

Recht ungnädig, wie von der NZZ nicht anders zu erwarten, berichtet Nathan Giwerzew über das Publix-Haus in Berlin, in dem Correctiv, "Reporter ohne Grenzen" und andere Organisationen ein ansprechendes Heim gefunden haben. Gebaut wurde es für 25 Millionen Euro von der Schöpflin-Stiftung, die damit die Idee des "gemeinnützigen Journalismus" fördern will, die natürlich auch Correctiv verficht. Tatsächlich müssen Medien, die diese Idee vertreten, bisher Umwege gehen: "In Deutschland regelt die gesetzliche Abgabenordnung, welche Projekte Gemeinnützigkeit beanspruchen dürfen - und damit keine Steuern zahlen müssen. Gemeinnützigen Journalismus sehe sie derzeit nicht explizit vor, erklärt Christian Hoffmann von der Universität Leipzig. Doch es gibt ein Schlupfloch, das Correctiv, Netzpolitik und andere 'gemeinnützige' Medienhäuser schon jetzt nutzen. Denn anders als Journalismus kann Bildung laut Abgabenordnung gemeinnützig sein. Wer also seine Medienfirma zu einem Bildungsunternehmen umetikettiert, hat gute Chancen auf die Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das zuständige Finanzamt." Dass die Ampel noch wie versprochen den Journalismus in die Liste der gemeinnützigen Zwecke aufnehmen wird, gilt angesichts ihres Zustands allerdings als unwahrscheinlich.

Außerdem: Am Freitag hat der Grünen-Politiker Cem Özdemir in der FAZ einen sehr differenzierten Artikel zum Thema Migrationspolitik vorgelegt (unser Resümee). Er schlägt darin eine Trennung von Asyl- und Einwanderungspolitik vor und fordert schnellere Abschiebungen irregulär Eingewanderter, um die wirklich Schutzbedürftigen in den Vordergrund zu stellen. Dafür wurde er auf Twitter einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt, den Stefan Laurin in den Ruhrbaronen nur mit Analphabetismus erklären kann.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2024 - Medien

Im Spiegel legt Stefan Kuzmany eine lange Recherche zur Berliner Zeitung vor, die unter ihrem Verleger Holger Friedrich zu einer Stimme des Ostens, der Russlandfreunde und der Impfskeptiker geworden ist. Einst renommierte Journalisten wie Michael Maier und Margit J. Mayer machen dabei mit. Inzwischen lässt die Zeitung etwa auch ehemalige Autoren des verbotenen russischen Staatsmediums RT zu Wort kommen. Friedrichs Unterlinge begründen das im Gespräch mit der "Notwendigkeit vielfältiger Perspektiven". Kuzmany fragt in diesem Gespräch mit seinen Kollegen auch nach dem Gerücht nach einer möglichen Finanzierung der Zeitung durch Russland. Man beteuert, es gebe "keine Fremdbeeinflussung", schickt dem aber ein anwaltliches Abmahnschreiben hinterher: Der Spiegel verbreite durch einen Mitarbeiter ein "massiv ehrenrühriges Gerücht". Wie abstoßend sich die Berliner Zeitung heute liest, zeigt Kuzmany am Beispiel Corona: "Viele Artikel über die staatliche Pandemie-Politik und das RKI sind von eifrigem Skandalisierungswillen getrieben. Kolumnist Andrick raunt über 120.000 Tote während der massenhaften Coronaimpfungen. Woran sie wohl gestorben sind? 'Alle wissen es.' Wie in Zeiten der DDR steckt die Botschaft zwischen den Zeilen: Die Impfung hat sie umgebracht. In Gastbeiträgen kommen zahlreiche Impfgegner und Maßnahmenskeptiker zu Wort, siebenmal in diesem Jahr etwa bereits der 'ausgebildete Wildnispädagoge' und Aktivist Bastian Barucker." Die Berliner Zeitung reagiert heute mit einem Offenen Brief an den Spiegel: "Woher kommt diese Lust am taktischen Foul?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2024 - Medien

Bei den Öffentlich-Rechtlichen soll gespart werden, mehrere Radiosender der ARD werden geopfert. Die Apps der Sender landen in einer übergreifenden Radio-App, berichtet Aurelie von Blazekovic in der SZ, die einem Pressegespräch mit dem ARD-Vorsitzenden Kai Gniffke beiwohnte: Aber "man werde weiterhin auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten, und versuchen, Menschen anders zu beschäftigen, wenn ihre Aufgabenbereiche wegfallen."

Es gibt weitere Unruhe bei den Sendern, meldet der Bayerische Rundfunk selbst. Ein Warnstreik beim BR führt auch am heutigen Freitag zu Einschränkungen im Programm. Dazu aufgerufen haben die Gewerkschaft Verdi und der Bayerische Journalistenverband. Sie fordern im seit Monaten andauernden Tarifstreit unter anderem 10,5 Prozent mehr Geld für feste und freie Mitarbeiter, mindestens aber 500 Euro mehr im Monat, bei einer Laufzeit von 12 Monaten." Auch beim NDR und anderen Sendern wird gestreikt.
Stichwörter: ARD, NDR

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2024 - Medien

Stephan Lebert und Thomas E. Schmidt versuchen sich auf zwei Zeit-Seiten an einer Ehrenrettung der ehemaligen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger, die ihrer Ansicht nach Opfer einer Hetzkampagne - nicht nur, aber vor allem - des Springer Verlags ist. "Schlesingers Fall hat auch Missstände im öffentlich-rechtlichen System aufgezeigt: enorme Pensionen beispielsweise, einträgliche Weiterbeschäftigungen oder sehr kommode Ruhegeldregelungen." Aber Schlesinger persönlich ist nichts vorzuwerfen, sind sich die Autoren sicher, deren Artikel mit einem golden schimmernden Foto von Schlesinger garniert wurde.
Stichwörter: RBB

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2024 - Medien

Ausgerechnet in diesen für Israel so schweren Zeiten hat der Londoner Jewish Chronicle, die älteste jüdische Zeitung der Welt, eine Relotius-Affäre. Der Journalist Elon Perry hat gefälschte Berichte gebracht, die alle der Netanjahu-Regieung nutzten, und er hat auch seine Biografie geschönt (unser Resümee), berichtet Daniel Zylbersztajn-Lewandowski heute in der taz. Der Jewish Chronicle hat sich entschuldigt und alle Artikel Perrys entfernt. "Doch wie die Zeitung die verfälschten Dokumente oder unbelegten Behauptungen in Perry/Yifrachs Artikeln überprüft haben will und welche Maßnahmen nun konkret unternommen werden, bleibt unklar. Auf eine Anfrage der taz reagierte die Zeitung nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2024 - Medien

Der Springer Verlag wird noch einmal umgebaut, erzählt Steffen Grimberg in der taz. Das Kleinanzeigengeschäft wird den Finanzinvestoren von  KKR und CCP überlassen, die vor ein paar Jahren in den Konzern eingestiegen waren. Und "der Laden, der mit rund 10.000 Mitarbeiter*innen weltweit nicht gerade zum Medienmittelstand zählt, gehört nach Abschluss der Aufspaltung dann jeweils zur Hälfte Friede Springer und Mathias Döpfner. Aber auch das stimmt nur auf dem Papier, denn die 81-Jährige hat ihrem Axel-Alter-Ego Mathias bereits das Stimmrecht ihres Anteilspakets überschrieben. Springer heißt jetzt Döpfner."

Am Wochenende haben israelische Soldaten das Büro von Al Jazeera geschlossen. Dieser Schritt sollte möglichst bald ungeschehen gemacht werden, fordert Philip Volkmann-Schluck in der Welt. Sonst gibt es bald keine Journalisten mehr in Gaza. Al Jazeera "ist noch immer das Netzwerk mit den meisten Mitarbeitern vor Ort, weil Israel weiterhin internationalen Journalisten den unbegleiteten Zugang in den Gazastreifen verwehrt. Was anfänglich aus Bedenken für deren Sicherheit begründet gewesen sein mag, führt dazu, dass es noch immer an unabhängigen Berichten fehlt. (...) Zwar haben Journalisten, anders als in Gaza, Zutritt zu den meisten Teilen des Westjordanlandes. Aber die Bilder der maskierten israelischen Soldaten im Büro von Al Jazeera in Ramallah dürften vielerorts als Bestätigung dafür dienen, dass Israel daran gelegen ist, möglichst wenige Berichte über das Vorgehen seiner Soldaten zuzulassen." Al Jazeera befindet sich im Besitz der Herrscherfamilie von Qatar, das zugleich Sponsor der Hamas ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2024 - Medien

Eher fassungslos reagiert FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld auf die Empfehlungen eines von der Bertelsmann-Stiftung und dem Bundesinnenministerium gegründeten "Bürgerrats für Maßnahmen gegen Desinformation", der vom Bundesinnenministerium und der Bertelsmann-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Nachgedacht wurde da offenbar über so etwas wie ein öffentlich-rechtlich gesteuertes Zensurbüro: "Eine 'unabhängige' Stelle solle Medien Noten vergeben und sich dabei daran orientieren, wie diese mit Quellen umgehen, Fakten prüfen und ob sie Rügen vom Deutschen Presserat erhalten beziehungsweise durch das 'Verbreiten von Desinformation' hervorgetreten sind. Wer dabei gut abschneidet, bekommt das Gütesiegel, jeweils für ein Jahr. Als 'unabhängige' Prüfstelle fällt dem Bürgerrat das Medienunternehmen Correctiv ein." Immerhin war Nancy Faeser klug genug, sich von dieser Empfehlung zu distanzieren.  Nachlesen lässt sich das alles in einem "Bürgergutachten zum Umgang mit Desinformation", hier als pdf-Dokument.