9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

2336 Presseschau-Absätze - Seite 60 von 234

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2022 - Medien

Die Intendantinnenkrise ist in erster Linie eine Krise der moralischen Legitimation des RBB, schreibt Max Thomas Mehr im Perlentaucher: "Wie soll etwa ein RBB-Journalist ernst genommen werden mit einem 'Tagesthemen-Kommentar' zum Thema '300 Euro Energiegeld', wenn jeder gelesen hat: seine Intendantin soll sich weitaus höhere Kosten für mutmaßlich private Abendessen mit Gästen vom Sender habe erstatten lassen? Wie soll ein Reporter des RBB nach diesem Skandal gegenüber anderen Firmen auftreten, über deren Compliance-Verstöße er recherchieren und berichten will?"
Stichwörter: RBB, Mehr, Max Thomas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2022 - Medien

In der SZ könnte sich Friedrich Küppersbuch gut vorstellen, wie man die Öffentlich-Rechtlichen ins 21. Jahrhundert schiebt: Weniger redundante Wellen, Konzentration auf Nachrichten und Zeitgeschehen, mehr Regionales oder auch Mitarbeiter-Beteiligung. Aber auf keinen Falle mehr Rundfunkrat, der eh nur tatenlos bestaune, was alles schiefgeht: "Sie alle zusammen sind die 'Gremien voller Gremlins', die Günther Jauch 2007 erschüttert abdrehen und 2015 endgültig hinschmeißen ließen. Jauch dürfte radikaler Umtriebe eher unverdächtig sein; in den Sendern triumphierten selbstbewusste Honorarmumien. Die Warnung blieb überhört, so bahnte sich der Weg weiter zum Gremieninfarkt des RBB. Wie man daraus 'mehr Verantwortung', 'mehr Macht für die Gremien' und gar 'bessere Ausstattung der Räte' ableiten kann, wie es der neue Medienänderungsstaatsvertrag vorsieht, ist einen Themenabend wert. Im Kinderteil erklären die Maus und Mai Thi, warum die Erde eine Scheibe ist."

Die taz widmet ihrem verstorbenen Gründer Christian Ströbele noch einmal ein Dossier. Stefan Reinecke lotet die politische Kräfte aus, die den RAF-Anwalt und Grünen-Politiker antrieben: "Sein Ethos war kein revolutionäres, sondern im Kern ein liberales: Man muss den Einzelnen gegen den Staat verteidigen. Und den Staat immer vom Individuum aus denken... Er war der prinzipientreue Einzelkämpfer, kritisch gegen Kapitalismus, Militär, Staat, der im Bundestag konsequent gegen alle Auslandseinsätze der Bundeswehr stimmte. Aber jenseits davon machte er auch pragmatisch-politische Deals. Zu rot-grünen Regierungszeiten half er dabei, Schilys rigide Antiterrorgesetze unauffällig zu entschärfen. Er war eben nicht nur der ewige Rebell, sondern facettenreicher. Ein linker Bürger, der sich im Spannungsfeld zwischen zwei Polen bewegte: den linksegalitären, kollektiven Idealen und dem Bürgerlichen, Individualistischen, Solitären."

In der FR hängen die frühere taz-Chefin Bascha Mika und Geschäftsführer Kalle Ruch ihren Erinnerungen an Ströbele nach: "Christian wollte die Welt verbessern, ganz klar. Es ging um flüchten oder standhalten. Entweder verziehen wir uns auf eine einsame Insel und machen uns ein schönes Leben oder wir verändern die Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2022 - Medien

Gestern waren neue Belege für die herzliche Verbundenheit von Politik und NDR Kiel aufgetaucht (unser Resümee). Johannes Schneider sieht das mit Beziehungen strategischer Paare zwischen öffentlich-rechtlichen Journalisten und Politikern in Zeit online zwar recht gelassen, zumal in einer relativen medialen Wüste wie Schleswig-Holstein: "Dass Protagonistinnen aus Politik und Verwaltung und Journalisten persönliche Beziehungen pflegen, im Zweifel auch seit Zeiten, wo beide Seiten noch in ganz anderen Funktionen tätig waren, bedeutet ja nicht gleich, dass Einflussnahme und Machtmissbrauch stattfinden." Aber im Fall des FDP-Politikers Sven Partheil-Böhnke, der mit dem leitenden politischen NDR-Redakteur Stefan Böhnke verheiratet ist, fällt ihm doch eine gewisse Schamlosigkeit auf, und er zitiert aus einer Interviewäußerung des Politikers: "Mit meinem Mann als politischem Journalisten und über unsere besonderen Kontakte in die Kieler Landespolitik habe ich zudem einen guten Berater für die politische sowie die tägliche Arbeit und ein sehr gutes und nützliches Netzwerk."

Perlentaucher Thierry Chervel beobachtet in einem kleinen Twitter-Thread, dass das Phänomen des "strategischen Paars" (Ehefrau und Ehefrau, Ehemann und Ehefrau, Ehemann und Ehemann) sehr viele der öffentlich-rechtlichen Skandale auszeichnet: "Die Skandale sollten von Ethnologen untersucht werden, die sich mit der Heiratspolitik in diesen Institutionen befassen. Dass sich private Beziehungen mit institutioneller Macht so verknüpfen, offenbart meiner Meinung nach eine Feudalisierung unsrer Gesellschaft."

Außerdem: Stefan Locke berichtet aus Leipzig für die FAZ von einem Prozess gegen den ehemaligen MDR-Manager Udo Foht, dem gravierende Finanzjonglierereien vorgeworfen werden, ein Fall aus dem Jahr 2011, der erst jetzt verhandelt wird.

Viel im Gespräch ist eine Untersuchung der Uni Bielefeld, die untersucht hat, wie sehr Jugendliche der Politik und den Medien vertrauen und dabei herausfand, dass sie es nicht tun. Studienleiter Holger Ziegler verhaftet im Gespräch mit Uwe Ebbinghaus von der FAZ die üblichen Verdächtigen: "Dabei fiel auf, dass die Gruppe, die angab, massives Misstrauen gegenüber Medien zu haben, sich selten oder gar nicht übers Radio, über Zeitungen, das Fernsehen oder digitale Angebote der entsprechenden Medienhäuser informiert, sondern fast ausschließlich über soziale Netzwerke. Hier war die Neigung, Verschwörungstheorien zu glauben, fünf Mal höher als bei denjenigen, die auch klassische Medien nutzen. Das ist eindeutig keine Petitesse."

Das von Fahrettin Altun, einem früheren Think-Tank-Wissenschaftler und Vertrauten von Erdogan, geleitete sogenannte Kommunikationsdirektorat in Ankara soll die türkischen Mainstream-Medien total kontrollieren, berichtet Thomas Avenarius (SZ) unter Berufung auf eine Reuters-Recherche: "Das Amt lenke die Nachrichtengebung der regierungsnahen Sender, Zeitungen und Online-Auftritte. Chefredakteure und Kolumnisten würden mit Anrufen und Whatsapp-Nachrichten auf die jeweils vorgegebene Linie eingeschworen. (…) Erleichtert werde das Vorgehen des Direktorats durch die Besitzer der Sender und Blätter. Über die Vergabe staatlicher Anzeigen würden die Medien wirtschaftlich unter Druck gesetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Medien

Aufruhr im NDR, das renommierte "Zapp"-Magazin, selbst eine NDR-Sendung, brachte gestern Abend eine Sonderausgabe. Es gibt neue Enthüllungen über das Funkhaus Kiel im an sich so friedlich wirkenden Bundesland Schleswig-Holstein. Dass es Vorwürfe von allzu großem freundlichem Einvernehmen zwischen den Spitzen der Politikredaktion und CDU-Talent Daniel Günther gab, war ja schon bekannt (unser Resümee).

Die Enthüllungen kommen nicht aus dem Sender selbst, sondern vom Stern. So sah die Anmoderation im "Schleswig-Holstein-Magazins", an sich einem Monument freundlichen Biedersinns, aus:


Die neueste Meldung des Stern ist: "Leiter des NDR-Landesstudios in Kiel lassen Ämter ruhen." Es geht unter anderem um den Chefredakteur Norbert Lorentzen und Julia Stein, "Leiterin der trimedialen Redaktion Politik und Recherche", Stein hatte auch mal das "Zapp"-Magazin "geleitet. Der Direktor des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, Volker Thormählen, teilte in einem Statement mit: 'Norbert Lorentzen und Julia Stein haben mich am heutigen Nachmittag gebeten, sie bis auf weiteres von ihren bisherigen Aufgaben im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein zu entbinden. Ich habe ihrem Wunsch entsprochen und mich bei ihnen für diesen Schritt bedankt.' Thormählen ergänzte: 'Ich möchte der guten Ordnung halber daran erinnern, dass die Unschuldsvermutung gilt.'"

Leider stehen die Stern-Recherchen nicht online. Der Linken-Politiker Fabio De Masi resümiert auf Twitter die Vorwürfe gegen Stein, die Recherchen zur Geschichte es Deutschen Roten Kreuzes erschwert haben soll. Es ging um Gewalt gegen Kinder in Landverschickungsheimen in den fünfziger und sechziger Jahren. Das Pikante daran: "Chefin des DRK SH ist eine Ex SPD-Landespolitikerin, ihre damalige Lebensgefährtin war damals Vorsitzende des Landesrundfunkrates Kiel." Ein weiterer Vorwurf des Stern laut der Zusammenfassung im NDR selbst: "Ein leitender Redakteur der Politikredaktion soll Wahlkampf für seinen Mann im Kampf um ein Bürgermeisteramt gemacht haben." Mehr auch bei ntv.de.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2022 - Medien

Der RBB sucht einen Übergangsintendanten, aber die Suche gestaltet sich nicht ganz einfach, schreibt Michael Hanfeld in der FAZ: "Widersprüchlich sind bis zuletzt die Anforderungen, die mit der Personalie verbunden werden. Ein Ostdeutscher solle es sein, heißt es. Jemand mit RBB-Erfahrung oder jemand, der für die Vorgängersender ORB und SFB wirkte. Auf gar keinen Fall ein Kandidat mit RBB-Hintergrund, heißt es von anderer Seite, wohl aber aus der ARD."
Stichwörter: RBB, ARD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2022 - Medien

Die eigentliche Verschwendung in den Öffentlich-Rechtlichen ist das Programm, schreibt Claudius Seidl in der FAZ: All die Bozen-, Istanbul-, Potsdam-Krimis: Man kann zu jeder beliebigen Tageszeit eine Stichprobe machen und stets den gleichen Schrott ernten. Aber die Debatte um die Sender ist für Seidl auch ein Beispiel für die blockierte Öffentlichkeit, in der wir leben: "Die Kritik der öffentlich-rechtlichen Programme hat ja in den vergangenen Jahren so funktioniert, dass die AfD den ganzen Laden abschaffen wollte, weshalb jeder besonnene Gebührenzahler ihn verteidigen musste. Wenn es die Öffentlich-Rechtlichen nicht gäbe, müsste man sie erfinden, sagen die gern über sich selbst - und übersehen dabei, dass man sicher nicht diesen aufgeblähten, unbeweglichen, ständig unter seinen eigenen Möglichkeiten arbeitenden Riesenapparat erfände. Und erst recht nicht die daran angeschlossene Fiktionsindustrie."

Irgendwie benennt auch Carolin Emcke heute in ihrer SZ-Kolumne diese bei den Öffentlich-Rechtlichen eigenartig gehemmte Öffentlichkeit. "Vielleicht ist das der eigentliche Skandal, den es aufzuklären gilt: dass diejenigen, die das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für eine unverzichtbare, großartige Institution halten, es nicht scharf genug kritisiert haben, wenn es erkennbar seinem Anspruch und Auftrag nicht nachkam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2022 - Medien

Es gibt auch Ärger beim NDR, berichten Jan C. Wehmeyer und Philip Kaleta im Business Insider, allerdings ganz anderer Natur als beim RBB. Es geht um den NDR Kiel. Redakteure machen laut Bericht den Vorwurf, dass die Berichterstattung über die Landesregierung im Sinne des Ministerpräsidenten Daniel Günther glattgebügelt werde: "Die Mitarbeiter berichten, 'es gebe einen 'politischen Filter' in der Redaktion, 'eine Art Pressesprecher der Ministerien''. Weiter heißt es im Bericht: "Es werde teilweise nicht vom Ministerpräsidenten Daniel Günther oder seinem Stellvertreter Heiner Garg, sondern von 'Daniel' oder 'Heiner' gesprochen." Der Redaktionsausschuss des NDR hält die Aussagen der Redakteure - so das Fazit - für 'glaubwürdig'. Der NDR erklärt dazu, dass sich die 'pauschale Beurteilung 'Klima der Angst'' aus Sicht der Verantwortlichen in Kiel nach persönlichen Gesprächen mit zahlreichen Mitarbeitenden nicht bestätigt habe."

Auch der Stern hat zu den Vorwürfen recherchiert. Der Artikel steht hinter der Zahlschranke, wird aber im Presseportal resümiert: "Der Stern hat mehrere Fälle recherchiert, welche die Vorwürfe der Redaktionsmitglieder bestätigen. So hat der NDR nicht über eine Alkoholfahrt mit Unfallfolgen des einstigen CDU-Parlamentariers Hans-Jörn Arp berichtet. Die Alkoholfahrt des engen Vertrauten von Ministerpräsident Daniel Günther war großes Thema in den Medien des Bundeslandes, wurde beim NDR jedoch totgeschwiegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2022 - Medien

Die Affäre Schlesinger wurde zwar in der Tagesberichterstattung ausführlich widergespiegelt, aber bisher kaum reflektiert. Steht sie für ein Versagen des Systems oder handelt es sich nur um eine persönliche Verfehlung? Die freie Journalistin Katharina Körting artikuliert  in der taz jedenfalls ihren ohnmächtigen Zorn: "Erst die Honorare für die freien MitarbeiterInnen kürzen und sich dann selbst 16 Prozent Gehaltserhöhung gönnen. Die Aufregung darüber ist daher keine Neiddebatte, sondern eine um die fahrlässige Gefährdung demokratisch notwendiger Institutionen durch das eigene Personal. Schlesinger betrieb gewissermaßen Sabotage an der Glaubwürdigkeit der Demokratie."

"Die Schwarze-Schaf-Nummer funktioniert nicht", meint auch der ehemalige "Aspekte"-Moderator Wolfgang Herles im Freitag mit Blick auf die Distanzierung der übrigen Intendanten. Es brauche eine grundsätzliche Debatte, und vor allem die Fixierung auf Quoten und Gebühren müsse beendet werden. Herles bringt eine staatliche Finanzierung ins Spiel. "Der Haupteinwand gegen steuerfinanzierte Anstalten lautet: Wir brauchen mehr, nicht weniger Staatsferne von ARD und ZDF. Ein Scheinargument. Auch Theater, Universitäten, Museen sind Staatsbetriebe. Niemand käme auf die Idee, deren Intendanten betrieben die Sache von Regierungen und Parteien. Man könnte die Anstalten in eine Stiftung einbringen, aus Steuern subventionieren und von unabhängigen Fachleuten kontrollieren lassen."

Und Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), hofft in der FAZ, das Problem in den Sendern mit noch üppiger besetzten Compliance-Abteilgungen lösen zu können.

Die Zeit feiert heute ihren Herausgeber Theo Sommer, der im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Fehler hat er gemacht, da ist besonders seine krasse Fehleinschätzung der DDR, Ende der achtziger Jahre, die die ganze Zeit zu einem sehr DDR-freundlichen Institut machte, findet auch Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo. Sommer sei später mit seinen Irrungen nonchalant umgegangen: "Dieses Naturell befähigte ihn andererseits zu einer Großzügigkeit, die sonst bei ehemaligen Chefredakteuren, die grimmig und egomanisch ihr Blatt mit ihrem eigenen Abschied schnurstracks in die Belanglosigkeit abdriften sehen, sehr selten vorzufinden ist." Für den Osteuropa-Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bleibt auf Twitter ein bisschen Bitterkeit: Sommer "zählte zu jenen bundesdeutschen Betrachtern, die wirkmächtig dafür sorgten, dass die DDR und der Kommunismus wie ein legitimer, netter Versuch daherkam, eine angeblich freundliche Gesellschaft zu entwerfen." Hier Kuno Kruses Nachruf im Stern.

In Algerien schreitet die Gleichschaltung nach den Protesten vor dei Jahren voran. Die französische Sprache wird immer mehr geächtet. Die Presse leidet, berichtet Hans-Christian Rößler für die FAZ: Die frankophone Zeitung El Watan, Leuchtturm der freien Presse in Algerien sei wohl nicht mehr zu retten. "El Watan ist der Pionier der unabhängigen und unerschrockenen Presse in Algerien, von der bald nichts mehr übrig sein wird. Im April hatte schon Liberté aufgegeben, die zweitgrößte französischsprachige Zeitung. Auch Quotidien d'Oran aus der gleichnamigen Küstenstadt kämpft ums Überleben. Das Regime hat nicht nur den Hirak ins Visier genommen, sondern auch Journalisten und Medien, die über die Protestbewegung berichten und deren Kritik unterstützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2022 - Medien

Die RBB-Intendantin Patricia Schlesinger ist unterdessen offiziell fristlos gefeuert, melden die Medien. Stefan Niggemeier kommentierte in seinen Übermedien noch mal die spektakuläre Distanzierung aller acht Schlesinger-KollegInnen aus den Sendern, die auch der noch amtierenden Geschäftsführung des Senders ihr "Misstrauen" aussprachen: "Man kann das alles für Theaterdonner halten, insbesondere weil die gemeinsame Erklärung keine formalen Konsequenzen hat: Die ARD hat dem rbb gar nichts zu sagen. Insofern ist der Schritt vor allem symbolisch und ein Versuch, demonstrativ maximale Distanz zwischen ein unübersehbar toxisches System bei einer Rundfunkanstalt und allen anderen Rundfunkanstalten zu bringen. Die öffentliche Wirkung ist jedenfalls gewaltig, und die ARD hat selbst alles dafür getan, sie zu maximieren."

FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld berichtet, dass die Distanzierung in Berlin nicht so gut angekommen ist: "Das vom ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow im Namen aller Intendanten verkündete Misstrauensvotum der ARD wies der neue RBB-Rundfunkratsvorsitzende Dieter Pienkny zurück. 'So stelle ich mir Solidarität nicht vor', sagte er dem Berliner Tagesspiegel. In einer Zeit, in der alle Kollegen und Kolleginnen im RBB den Schutt wegräumten und Lösungen suchten, sei so etwas nicht konstruktiv."

Zeit-Herausgeber Theo Sommer, Urgestein des bundesrepublikanischen Journalismus, ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Selbst bei Zeit online gibt es bisher nur eine Meldung. Sommer war bis ins letzte Jahr ein engagierter Verfechter von Nordstream 2: "Sobald eine Pipeline gebaut ist, verlagert sich der Machtschwerpunkt vom Anbieter auf den Käufer. Der kann im Konfliktfall abschalten, der Produzent bleibt dann auf seinem Öl oder Gas sitzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2022 - Medien

Der CDU-Politiker Rainer Robra ist Staatsminister aus Sachsen-Anhalt, dem Land, das den öffentlich-rechtlichen Sendern am kritischsten gegenübersteht (der AfD-Anteil im Landtag des Landes liegt bei 24 Prozent). Außerdem ist er Mitglied im Fernsehrat des ZDF. Auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ greift er den RBB-Skandal auf. Nach langen Erwägungen technisch finanzieller Natur wird er auch inhaltlich: "Zum Respekt vor dem Beitragszahler gehört ferner die Einsicht, dass es keinen volkserzieherischen Auftrag gibt. Im aufgeklärten 21. Jahrhundert ist die Bundeswehr nicht mehr Schule der Nation, und die Rundfunkanstalten sind es schon gar nicht. Das Volk spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Der Rundfunk ist nicht berufen, es politisch korrekt sprechen zu lehren oder sonst Verhaltensstandards zu setzen. Übersetzt in die Sprache des Medienrechts: Die Anstalten sind vermehrt - oft missionarischer - Faktor der öffentlichen Meinungsbildung geworden und weniger Medium; das sollte sich wieder umkehren." Die übrigen ARD-Intendanten haben der Geschäftleitung des RBB unterdessen ihr Misstrauen erklärt, ein system-historisch einmaliger Schritt, den Michael Hanfeld auf Seite 1 des FAZ-Feuilletons kommentiert.

In der FR berichtet Moritz Serif von einem SWR-Podcast zum Bosnienkrieg, in dem eine Serbin unwidersprochen das Massaker in Srebrenica in Frage gestellt hatte. Der Podcast ist immer noch online, so Serif. "Melina Borčak, die selbst aus Bosnien stammt und infolge des Genozids nach Deutschland flüchtete, wirft dem SWR in einem Journalist-Artikel vor, falsche Fakten und Genozid-Leugnung zu verbreiten" und forderte eine Richtigstellung. "Eine Sonderfolge des Podcasts sollte eigentlich die Wogen glätten und das Geschehene aufarbeiten. Darin versucht Borčak mit SWR-Moderatorin Stephanie Haiber und Redakteurin Karin Feltes darüber zu sprechen, was bei der Folge falsch gelaufen ist. Doch dazu kommt es nicht wirklich. Haiber und Feltes unterbrechen sie ständig, lassen sie nicht ausreden. Teilweise wird sie sogar ausgelacht."