9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2021 - Medien

In der SZ resümiert Andras Arato, Leiter von Klubradio, dem letzten landesweiten, unabhängigen Radiosender Ungarns, dem nun ebenfalls die Frequenz seit einem Monat genommen wurde, den "Krieg", den Regierungschef Viktor Orban gegen die freie Presse führt: "Unter 'Nationaler Zusammenarbeit' verstand Fidesz, einen Wirtschaftskrieg gegen die freie Presse zu starten. Augenblicklich wurden der Staat, seine Organisationen und Unternehmen zu dominierenden Akteuren auf dem Werbemarkt, während eine beträchtliche Anzahl privater Werbetreibender lernte - in der Hoffnung auf öffentliche Aufträge oder aus existenzieller Angst -, sich 'brav zu verhalten'. Die unabhängigen Medien verloren ihre Einnahmen und wurden ihrer Lebensgrundlage beraubt. Manch bedeutende Blätter wurden ruiniert, viele andere zu leichter Beute von regierungsnahen Investoren - was zu einer erstaunlichen Medienkonzentration führte."

Die jüngste Studie der Otto-Brenner-Stiftung kommt zu dem Ergebnis: Ostdeutsche lesen kaum überregionale Zeitungen, meldet Cerstin Gammelin in der SZ, die der Studie auch die Erklärung dafür entnimmt: "Die Studie zeichnet in groben Zügen einige massenmediale Entwicklungen seit den Wendejahren nach, in denen alles marginalisiert wurde, was aus dem Osten kam; Intelligenz, Erfahrungen, Stimmen, Ideen und Utopien fanden keinen Widerhall. Stattdessen habe die Berichterstattung mit westdeutschem Blick stattgefunden - der Vertrauensverlust war schon angelegt, heißt es in der Studie, er habe 'den Lügenpresse- und Staatsfunk-Rufer*innen Raum gegeben'. Die 'diskursive Agilität', mit der überregionale Tageszeitungen in der alten Bundesrepublik Themen wie den Kalten Krieg, die Aufarbeitung der Nazi-Zeit oder das Verhältnis zur DDR bearbeitet und damit essentielle Integrationsleistungen erbracht hätten, habe es für den Osten nie gegeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2021 - Medien

Die FR entschuldigt sich für einen Artikel, in dem Israel "Apartheid" vorgeworfen wurde, weil es angeblich den Palästinensern Impfungen verweigere. Gestern schrieb Thomas Borchert, eigentlich Skandinavien-Korrespondent, über "Israels völkerrechtswidrigem Ausschluss fast aller fünf Millionen Palästinenser:innen in den besetzten Gebieten von Impfungen." Da hatte Israel längst angefangen, Impfstoffe in die Palästinensergebiete zu liefern. Eigentlich hatte sich die Palästinensische Autonomiebehörde gemäß ihrer Zuständigkeit selbst kümmern wollen, war aber gescheitert. Mehr dazu bei den Ruhrbaronen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2021 - Medien

Gina Thomas erzählt in der FAZ die Geschichte des bekannten britischen Journalisten Roy Greenslade, der über Jahrzehnte im Guardian eine Medienkolumne hatte. Zuvor hatte er in vielen Zeitungen jeglicher Couleur Karriere gemacht. Nun gibt er in einem Artikel für die British Journalism Review zu, jahrelang engste freundschaftliche Kontakte zur Führungsebene der IRA gepflegt zu haben. Peter Wilby fragt im New Statesman, ob ihm da nicht selbst ab und an ethische Bedenken gekommen seien: "Andrew Neil, sein Chefredakteur bei der Sunday Times und Chris Ryder, der Belfast-Korrespondent der Zeitung waren IRA-Ziele. Greenslade war stets in Gefahr bei gesellschaftlichen Anlässen unwissentlich Informationen weiterzugeben. Er war auch in Gefahr, erpresst zu werden. Diese Themen spricht er nicht an, obwohl er seit 2003 an der Universität unter anderem über journalistische Ethik lehrte. Er trat nach der Empörung über seinen Artikel von dieser Position zurück." Der Guardian, so Gina Thomas, hat übrigens bisher noch nicht mit einem Wort über die Geschichte berichtet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2021 - Medien

Die Presse wird von allen Seiten mit Geld überhäuft. Darüber berichtet sie nicht ganz so intensiv. Von der Bundesregierung sind schon mal 220 Millionen Euro Subventionen zu erwarten (die Zeitungen sollen schon mal Vorschläge für die Verwendung des Geldes machen, meldete Horizont). Google und Facebook unterzeichneten in Australien Deals mit dem Murdoch-Konzern und minderen Medien für eine Art Linksteuer, die auch in Europa ersehnt wird (unsere Resümees). Google bezahlt die Zeitungen im Rahmen seines "Google News Showcase" (unsere Resümees). Facebook zieht nun nach und hat einen großen Lizenz-Deal mit deutschen Presseverlagen angekündigt, der ab Mai laufen soll, berichtet Ingo Dachwitz bei Netzpolitik. Fast alle Zeitungen von Rang und Namen sind dabei. Aber Transparenz stellen sie nicht her: "Über die Details des Deals schweigen sich sowohl Facebook als auch die teilnehmenden Verlage aus. Presseanfragen von netzpolitik.org mit Bitte um weiterführende Informationen erteilen mehrere Beteiligte eine Absage. 'Details zu den Vertragskonditionen können wir nicht mit Ihnen teilen', antwortet Facebook. Von der FAZ heißt es, dass man 'grundsätzlich keine Auskunft zu Vertragskonditionen mit Geschäftspartnern' erteile. Der Spiegel teilt mit, die Vertragsinhalte seien 'wie üblich vertraulich'." Die Süddeutsche Zeitung und die Springer-Medien machen beim Facebook- und dem entsprechenden Google-Deal übrigens nicht mit.

Interessant liest sich übrigens der Netzpolitik-Hinweis "in eigener Sache" zu dieser Marktverzerrung: "Wir von netzpolitik.org nehmen aus Gründen der Unabhängigkeit kein Geld von Facebook und machen bei Facebook News nicht mit. Im Wettbewerb mit den teilnehmenden Medien werden wir deshalb nicht nur Einnahmen, sondern wahrscheinlich auch Reichweite verpassen, denn im neuen Nachrichten-Feed werden wir nicht vorkommen. Wir sind deshalb umso mehr auf Eure Unterstützung angewiesen."

Ein weiteres wichtiges Zeichen in der sich verschiebenden Medienlandschaft, die mehr auf einen Schulterschluss zwischen Plattformen und Traditionsmedien hinausläuft, ist die Meldung (etwa hier bei golem.de), dass Google trackingbasierte Werbung einschränken will.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2021 - Medien

"Frontline", ein Portal der Public-Television-Netzwerks PBS, hat erstmals die Rechte zu einem Dokumentarfilm erworben, damit er trotz Zensur auf den Philippinen gezeigt werden kann, berichtet Elahe Izadi in der Washington Post. Es handelt sich um den Film "A Thousand Cuts" (Trailer), der in Sundance gefeiert wurde und den Kampf der Journalistin Maria Ressa gegen das blutige Regime Rodrigo Dutertes schildert. "Es gibt schon jetzt Gewissheit, dass die Filipinos 'A Thousand Cuts" sehen wollen. Der Film wurde 24 Stunden lang am Unabhängigkeitstag des Landes gestreamt und wurde über 250.000mal angesehen - ein Rekord für einen Dokumentarfilm von 'Frontline' auf Youtube. Die Menschen haben auch große Mengen Raubkopien des Films angefertigt. 'Frontline' hofft, dass noch viel mehr Menschen den Film sehen, wenn er ab 13. März permanent gestreamt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2021 - Medien

Rupert Murdoch, der Mann, der Brexit und Trump möglich machte und jüngst den Plattformkonzernen Google und Facebook eine Linksteuer aufzwang, wird in den nächsten Tagen neunzig Jahre alt. Er ist immer noch obenauf, regiert aber ein durch Verkäufe verkleinertes Imperium, schreibt ein Reporterteam in der Financial Times (Link über diesen Tweet). Noch ist nicht klar, wie er das Erbe weitergibt, und "in den letzten Monaten haben sich einige Risse aufgetan. Die Demokraten sind wieder an der Macht. Den Fox News und einer Handvoll prominenter Moderatoren steht ein 2,7-Milliarden-Dollar-Prozess über ihre angebliche Rolle in der Verbreitung der falschen Theorie über gefälschte Wahlen bevor. Donald Trump, das größte Marketing-Tool bei Fox, ruft manchmal noch an. Aber die Quoten sind gefallen, Ergebnis einer ruhigeren Nachrichtenlage und des Zerfallens des konservativen Publikums, das jetzt zum Teil randständige Medien wie Newsmax bevorzugt."

Gina Thomas berichtet in der FAZ über den Krieg, den die Tories und konservative Medienhäuser gegen die BBC führen. Aber die Anstalt ist auch unabhängig davon in der Krise: "Umfragen bestätigen, dass sich immer weniger Zuschauer, insbesondere die den Brexit befürwortende Arbeiterschicht im Norden, von der BBC repräsentiert fühlen. Die Rundfunkgebühr beruht auf dem Prinzip der Universalität: Jeder zahlt und jeder bekommt etwas dafür. Der Sender wird jedoch zunehmend als Domäne eines blasierten, linksliberalen, metropolitanen Gruppendenkens angegriffen, dem es im Getöse über Vielfalt und Inklusivität an Denkvielfalt fehle."

Auch die taz nimmt jetzt Geld von Google und Facebook, meldet die Zeitung in eigener Sache: "Die Summen, die Facebook und Google uns zahlen, sind nicht so hoch, dass wir von ihnen abhängig werden könnten. Auch werden weder Google noch Facebook Einfluss auf die Berichterstattung haben." Ebenfalls in der taz berichtet Anne Fromm über die jüngste Krise des Neuen Deutschland, das die Linkspartei wohl gerne abstoßen würde.

Außerdem: Donald McNeil, den die New York Times feuerte, weil er in einer Diskussion mit Studenten  über das Wort "Negro" dieses Wort ausgesprochen hatte, erzählt in einem allzu epischen vierteiligen Artikel bei Medium seine Version der Geschichte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2021 - Medien

In der NZZ ärgert sich Peter Strasser, dass die Medien die neuen Wutbürger so bedenkenlos mit dem Begriff "Querdenker" - so nannte man einst Intellektuelle wie Robert Jungk, Erwin Chargaff, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno oder Paul Feyerabend - geadelt haben, statt sie als das zu bezeichnen was sie sind: Hassprediger. Und es waren gerade die seriösen Medien, "die das dummdreiste Begriffsgehabe im Internet und am Boulevard in ihre Berichtsterminologie aufnahmen, meist ohne Anführungszeichen, ob geschrieben oder gesprochen. Damit wurde den alten klugen, störrischen Köpfen - den Querdenkerköpfen von einst - ein denkbar schlechter Dienst erwiesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2021 - Medien

Auf Zeitonline adressiert Jochen Bittner einen Brief an Moderator und Twitterkönig Jan Böhmermann und wirft ihm vor, sich vom Selbstironiker in einen Diskurspolizisten gewandelt zu haben, der mit nur noch wenig Skrupeln gegen Störer seines Weltbildes losprügele: "'Verrühre und empöre' - dieses Geschäft betreibt, wie Sie nur zu genau wissen, Recep Tayyip Erdoğan, wenn er Regierungskritiker Terroristen nennt, oder auch die AfD, wenn sie Muslime und Islamisten gleichsetzt. Umso mehr frage ich mich, warum Sie diese Methode, auf links gedreht, kopieren. Vielleicht liegt an einem Selbstbestätigungsbias? Zwei Millionen Follower, von denen Hunderte zuverlässig alles bejubeln, was Sie schreiben, gepaart mit den Tausenden, die Sie geblockt haben, und mit all jenen, die Angst haben, von Ihnen an den Pranger gestellt zu werden, falls sie Ihnen widersprechen, beeinträchtigen womöglich Ihre Fähigkeit zur Selbstprüfung."
Stichwörter: Böhmermann, Jan, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2021 - Medien

Die New York Times hat nicht nur mehrere Journalisten entlassen (Unsere Resümees), parallel hat sie vor acht Monaten eine Untersuchung zur Identität des Unternehmens angestoßen, weiß Christian Meier in der Welt. Mitarbeiter wurden zu ihrer Herkunft, ethnischen Zugehörigkeit, sexuellen Orientierung und zu ihrem sozioökonomischen Hintergrund befragt, verstärkt wurden Frauen und "people of color" eingestellt - derzeit sind 52 Prozent der Mitarbeiter Frauen, 34 Prozent PoC - aber nicht weiße Frauen sind in den Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert, fährt Meier fort und entnimmt der Untersuchung, die er arbeitsrechtlich nicht für unproblematisch hält, weitere Zielvorgaben: "Zum Journalismus der Zeitung heißt es auch, man werde Datenanalysewerkzeuge einsetzen, um zu messen, wie gut oder schlecht einzelne Gruppen in der Berichterstattung repräsentiert sind, sowohl als Quellen wie als Protagonisten. Wird dies bedeuten, dass Redakteure sich rechtfertigen müssen, wenn sie statistisch betrachtet beispielsweise zu wenig Frauen zu Wort kommen lassen?"
Stichwörter: New York Times

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2021 - Medien

Die Zeit wird 75 Jahre alt. Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo gratuliert ihr selbst auf Seite 1 und bekennt seine Sorge vor identitätspolitischen Exzessen, wie sie die New York Times jüngst mehrfach erlebte,etwa im Fall des Wissenschaftsjournalisten Donald McNeil (unsere Resümees). McNeil hatte in einer Diskussion das Wort "Negro" ausgeprochen, die Chefreaktion entließ ihn, nachdem 150 KollegInnen seinen Rauswurf forderten: "Bei diesem Kulturkampf geht es um Fragen, die das Selbstverständnis aller freien Medien berühren: ob im Prinzip schützenswerte Minderheiten auch Mehrheiten majorisieren dürfen, ob Haltung zur Gesinnung erstarren kann, wann die Tugend der journalistischen Einordnung in Belehrung und Missionierung umschlägt. Und nicht zuletzt geht es darum, ob man Menschen nicht auch einen Fehler verzeihen kann."

"Der Kampf, der sich gerade in Australien abspielt, könnte zu einem weltweiten Wendepunkt in der angespannten Beziehung zwischen Internetplattformen und Verlagen werden", schreiben Hannah Knuth und Ann-Kathrin Nezik in der Zeit zur Auseinandersetzung zwischen Facebook und Rupert Murdoch und zur australischen Linksteuer, die die Verleger gern auch in Europa hätten. Das australische Gesetz beschreiben sie eindeutig als eine "Lex Murdoch", aber auch in Europa verbinden sich Medien- und Internetkonzerne immer mehr zu einem undurchdringlichen Gestrüpp, das die Öffentlichkeiten beherrschen wird - ob das Internet dabei untergeht, wird noch abzuwarten sein. Die Zeitungsverleger sind wegen ihres direkteren Einflusses auf Politiker im Moment oben auf: "Lange sah es so aus, als bestimmten die Digitalen nun die Regeln, nach denen sich die alten Medienfürsten richten müssen. Doch seit einer Weile geraten die Manager der Plattformen selbst unter Druck: In den USA ermitteln gleich mehrere Behörden gegen die Konzerne... Auf den zunehmenden Druck reagieren die beiden Konzerne sehr unterschiedlich."