9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2021 - Medien

Zeitungen haben es bisher nicht geschafft, einen gemeinsamen Pool für Bezahlinhalte anzulegen oder einzelne Artikel preiswert kaufbar zu machen. Lesern bleibt dann allenfalls der Gang in die Bibliothek, wenn sie einen bestimmten Artikel lesen wollen. Oder sie benutzen die Datenbank Genios über das Bibliotheksnetzwerk VÖBB. Allerdings war zuletzt auch Genios hier wegen eines neuen Tools, das die Benutzung vereinfacht, auf Druck der Zeitungen gesperrt, berichtet Arne Semsrott bei heise.de - und warnt: "Es wäre nämlich durchaus möglich, dass bald Programmierer:innen auf die Idee kommen, eine Art Sci-Hub für deutsche Nachrichtenseiten zu entwickeln - also eine Plattform, auf der auch aktueller Paywall-Content von Nachrichtenseiten frei zur Verfügung steht, mit Servern in Russland oder anderen Jurisdiktionen, die für deutsche Ermittler außer Reichweite sind. Vielleicht würden dann Bibliotheken auch wieder ein attraktiverer Partner für die Verlage werden."
Stichwörter: Medienwandel, Zeitungskrise

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2021 - Medien

In der FAZ berichtet Jan Brachmann von Navid Kermanis beherzter Verteidigung des Kulturprogramms von WDR3, für die er einen Auftritt in der Kölner Philharmonie nutzte: "Dass eine Hörerstudie dazu dienen soll, mit Hilfe einer veränderten Musikauswahl die Reichweite von WDR 3 zu erhöhen, statt dass die Führungskräfte des Senders sich über die dreihunderttausend Hörer bei der Sendung 'Klassik Forum' im Vormittag freuen, 'einem schwierigen Programm, wo Dinge laufen, die man sonst nirgendwo in Deutschland hört', das will Kermani nicht in den Kopf: 'Die Leute schalten aus Hamburg, Berlin oder Sydney zu. Dreihunderttausend Hörer jeden Morgen - und das soll nicht genug sein?'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2021 - Medien

Ziemlich spekulativ hat Spiegel online gestern eine Geschichte aufgemacht und damit den Anschein erweckt, Gesundheitsminister Spahn oder sein Ehemann Daniel Funke seien in einen Deal mit Masken verwickelt ("Firma von Spahns Ehemann verkaufte Masken ans Gesundheitsministerium", lautete die Überschrift vor der Korrektur). In Wirklichkeit ging es um eine Vermittlung von Masken, an der der Burda-Konzern, für den Funke arbeitet, noch nicht mal etwas verdient hat und in den Funke nicht verwickelt war, berichtet stefan Winterbauer bei Meedia: "Der Spiegel konstruierte daraus nun ein möglichen Interessenskonflikt. Konkrete Anhaltspunkte dafür nennt das Magazin aber nicht. Der Text zog schnell weite Kreise und wurde unter anderem von AfD-Politikern für Hetzereien gegen Spahn im Netz genutzt. Die falsche Lesart des Artikels wurde auch dadurch befeuert, dass der komplette Text als Plus-Artikel nur Abonnenten vorbehalten war und sich viele Kommentierer im Netz nur auf die Überschrift stürzten. Allerdings stand auch schon im frei lesbaren Vorspann, dass es nicht wirklich um eine Firma von Daniel Funke ging, sondern um dessen Arbeitgeber."
Stichwörter: Der Spiegel, AfD, Burda

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2021 - Medien

Dem Bild-Chefredakeur Julian Reichelt wird vorgeworfen, Mitarbeiterinnen sexuell belästigt zu haben. Die notorischen Feinde der Bild jubilieren. Aber es geht nicht nur um die Bild, mahnen Peter Weissenburger und Erica Zingher auf einer taz-Seite zum Thema: "Geschichten wie diese gibt es auch in anderen Medienhäusern. Die Deutsche Welle sieht sich seit Jahren mit Vorwürfen von Mitarbeitenden konfrontiert, die stark an die aktuellen erinnern: autoritäre Vorgesetzte, cholerischer Umgangston, Druck auf feste Freie, Übergriffe. Das Muster des Annäherns vor allem an junge weibliche Kolleginnen erinnert an die Vorwürfe gegen einen Tagesspiegel-Mitarbeiter von 2019. Und gerade erst haben 78 Journalistinnen des Schweizer Medienkonzerns Tamedia in einem offenen Brief eine Kultur der sexistischen Zoten, Anzüglichkeiten und der Übergriffigkeit beschrieben - und ein Wegsehen und Wegreden der Vorgesetzten angeprangert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2021 - Medien

Der WDR war neulich nach einer Gesprächssendung unter dem Titel "Die letzte Instanz", wo mehrere weiße Männer forsch über die Frage schwadronierten, ob man noch "Zigeuenerschnitzel" sagen darf, ziemlich in die Kritik geraten. Nun organisierte der Sender gestern eine neue Gesprächsrunde zum Thema Rassismus (Videos hier und hier), aber mehrere Gesprächspartnerinnen hatte abgesagt, berichtete Stefan Niggemeier gestern bei den Uebermedien: "Sie trauen der Sendung nicht zu, systemischen Rassismus ernsthaft zum Thema zu machen, fühlen sich als Token - also als Alibi-Vertreterinnen - missbraucht und sehen sich teilweise von der Redaktion über den geplanten Ablauf getäuscht." Zu den Gästen, die absagten, gehörte Perla Londole von der Black Community Foundation, die sich über eine unklare Planung des Senders beklagt: "Sie habe dann ein unwohles Gefühl gehabt: 'Das wird eher eine Debatte, anstatt den Betroffenen zuzuhören.' Der Ablauf erschien ihr fragwürdig."

Arno Frank bespricht die Sendung heute früh bei Spiegel online: "Für dieses defensive Manöver der Demut brauchte das öffentlich-rechtliche Dickschiff volle zwei Monate." Die Anspannung war dann spürbar: "'Die letzte Instanz', ohne die es diesen Themenabend wohl nicht gegeben hätte, wird wie toxisches Material behandelt: 'Normalerweise würden wir ihnen jetzt die schlimmsten Ausschnitte aus dieser Sendung zeigen', erklärt Nassif: 'Aber wir haben uns dagegen entschieden'. Sie wollen wirklich alles, alles richtig machen." In der FAZ berichtet Michael Hanfeld.

Anna Schneider nimmt bei der NZZ die "Neuen Deutschen Medienmacher" unter die Lupe, einen Verein, der Medien mehr Achtsamkeit in Fragen der Diversity beibringen will und betont, nicht selbst journalistisch tätig zu sein. Der Verein organisiert vor allem Projekte, um für seine Ideen zu werben. 2019 beliefen sich die Fördermittel aus privaten und öffentlichen Töpfen auf 1,5 Millionen Euro: "2020 nahm der Verein weitere Projekte auf, die öffentlichen wie privaten Fördermittel beliefen sich in diesem Jahr auf insgesamt 1.892.800 Euro. Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Preisgelder lagen 2019 bei 32.000 und 2020 bei 43.000 Euro."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 - Medien

Nicht nur bei der New York Times wird der "Liberalismus der alten Schule durch eine neue Ideologie ersetzt, bei der es eine Fixierung auf (…) Identitätspolitik gibt", sagt Bari Weiss, einst New York Times (Unsere Resümees), heute Welt, im SZ-Interview und erläutert: "Seit die Anzeigen wegbrechen, sind es nicht mehr die Werbekunden, die ein Medium gewinnen muss. Der wirtschaftliche Erfolg beruht auf digitalen Abonnenten, die oft sehr engagiert sind. Das führt dazu, dass ein Medium seinen Lesern das gibt, was sie bei der Stange hält. Und das ist meistens Aufregung, man sehe sich nur an, was Sender wie MSNBC oder Fox News jeden Abend veranstalten. Viele Leute denken, dass eine Institution wie die New York Times immun gegen diese Entwicklung ist. Aber das ist sie nicht. Und wenn man davon ausgeht, dass 95 Prozent der Abonnenten linksliberal eingestellt sind, dann ist es kein Wunder, dass ein Artikel, der Trump verteufelt, besser ankommt als einer über die Dissidenten in Hongkong."

Außerdem: Während der Präsidentschaft Trumps steigerte die NY Times die Zahl der verkauften Abonnements von 2,3 auf 7,5 Millionen, sekundiert Alan Cassidy, der die Ereignisse in der Redaktion in den letzten Jahren für die SZ resümiert: "Das Wachstum bei den Abonnenten ging einher mit einem Ausbau der Redaktion, die inzwischen 1700 Mitarbeiter umfasst." In der FAZ sammelt Nina Rehfeld Informationen über die ominöse Epoch Times, eine Zeitung,die aus der Falun-Gong-Bewegung entstanden ist, bis heute mit ihr in Verbindung steht und durch trumpistische Propaganda auffällt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2021 - Medien

Die australische Linksteuer, die Rupert Murdoch gegen Google und Facebook erstritten hat, kommt tatsächlich im wesentlichen Murdochs Zeitungen in Australien zugute, die in dem Land ohnehin eine übermächtige Stellung haben, schreibt Peter Weisenburger in der taz: "News Corp stärkt gleichzeitig seine quasimonopolistische Stellung, indem es sich sämtliche Gelder sichert, die die australische Regierung aus Google und Facebook herausgepresst hat. Vor einem solchen Effekt hatten Kritiker*innen bereits gewarnt. Hier offenbart sich die Schwäche des Gesetzes: Es tut so, als wäre News Corp ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen, dem an einer vielfältigen Medienlandschaft gelegen ist. News Corp hat aber erst im vergangenen Jahr auf einen Schlag über hundert lokale Titel stillgelegt oder die Papierausgaben eingestellt." Dass Murdoch kein Herold der Pressefreiheit ist, sondern der Demokratie mehr schadete, als es sich Mark Zuckerberg je erträumen könnte, zeigt die BBC-Dokumentation über ihn, die in der Arte-Mediathek immer noch zu sehen ist.

Ebenfalls in der taz meldet Klaus-Helge Donath, dass auf die Zeitung Nowaja Gaseta ein Giftanschlag verübtr wurde - zu Schaden kam niemand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2021 - Medien

"Warum Meghan Buckingham verlassen hat - 'Weil ich nicht mehr atmen kann'".

Das neue Cover von Charlie Hebdo hat einige antirassistische Aktivisten auf den Plan gerufen, die sich auf Twitter als "not amused" bezeichneten, meldete gestern die FAZ, ohne allzu viele Beispiele. Es zeigt die Queen, die auf dem Hals von Meghan Markle kniet, die stöhnt: "Ich kann nicht mehr atmen". Markle hatte in einem Fernsehinterview mit Oprah Winfrey gesagt, dass sie an Selbstmord gedacht habe, berichtete etwa der Hollywood Reporter: "Ich verstand, dass dies alles geschah, weil ich atme."

Der Guardian hat schon vor drei Tagen über das Cover berichtet und schaffte es, seinen Artikel nicht mal mit einer Andeutung des Covers zu illustrieren - Charlie-Zeichnungen scheinen in der angelsächsischen Presse jetzt grundsätzlich tabu. Streng und ebenfalls ohne Illustration urteilt Michael Hanfeld in der FAZ: "Man muss nicht auf Twitter unterwegs und auch kein engagierter Antirassismus-Aktivist sein, um die Anspielung auf diesen grausamen Tod geschmacklos zu finden. Ihr wohnt kein Witz inne." Immerhin, Hanfeld plädiert dafür, die Karikatur auszuhalten.

Das Oprah-Winfrey-Interview von Prince Harry und Meghan Markle in der letzten Woche hat nebenbei auch zu Aufruhr innerhalb der britischen Presseverbände gegführt, denn die beiden hatten die Tabloids mit dem Argument angegriffen, sie seien die Hauptverbreiter von Rassismus in Großbritannien, aber niemand wage ihre Macht in Frage zu stellen. Priyamvada Gopal, Professorin für postkoloniale Studien, kann das bei politico.eu nur bestätigen. "An der University of Cambridge, wo ich unterrichte, werden Versuche, unseren Lehrplan oder unsere Rekrutierung zu diversifizieren, von einem ängstlichen Blick in Richtung der roten Titel begleitet - nicht aus der Sorge, dass die Institution zur Rechenschaft gezogen wird, sondern dass sie zum Gegenstand fabrizierter Kulturkriege wird. Im Jahr 2017 wurden zum Beispiel schwarze Studentinnen in Cambridge fälschlicherweise beschuldigt, weiße Autoren aus dem Lehrplan entfernen zu wollen."

Etwas ungemütlich liest sich diese Meldung des Guardian: "Der Daily Telegraph plant, die Bezahlung von Journalisten an die Klickraten ihrer Artikel zu koppeln."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2021 - Medien

Geradezu verzweifelt liest Ludger Wess bei den Salonkolumnisten nach, wie tendenziös die deutschen Medien - besonders die öffentlich-rechtlichen - über den zehnten Jahrestag des Tsunamis in Japan berichtetet haben. Die 15 bis 20.000 Toten der Naturkatastrophe wurden in den Schlagzeilen schlicht der Havarie des Atomkraftwerks von Fukushima zugeordnet. "Zehn Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima gedenkt Japan heute der 16.000 Todesopfer", hieß es etwa im Deutschlandfunk. "Die Katastrophe von Fukushima vor genau zehn Jahren hat mehr als 15.000 Menschen das Leben gekostet", lautet eine Unterzeile bei der Tagesschau. Aber in Fukushima selbst ist nur ein Todesfall überliefert, so Wess. Tausende in Japan kamen dagegen durch die Flutwelle ums Leben. Dass Parteien oder Lobbyisten die Wahrheit so verzerren, kann Wess zur Not nachvollziehen. "Katastrophal aber ist es, wenn Print-, Online-, Rundfunk- und Fernsehmedien im ganzen Land offensichtliche Lügen unkommentiert lassen, keine kritischen Fragen stellen oder gleich selbst 'alternative Fakten' verbreiten. Wie soll man AfD-Anhängern und Verschwörungstheoretikern noch glaubhaft entgegentreten, wenn diese behaupten, es handle sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und vielen Zeitschriften und Magazinen um 'gleichgeschaltete Staatsmedien', die fürs Lügen bezahlt würden? Die angeblich einer Sprachregelung folgen, die 'von oben' vorgegeben wird?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2021 - Medien

In der FR unterhält sich Bascha Mika mit dem Journalisten und Medienethiker Tanjev Schultz über das "Frontschwein"-Gehabe von Bild-Chef Julian Reichelt und das Compliance-Verfahren, das mehrere Mitarbeiterinnen gegen ihn angestrengt haben. Aber klar: Überrascht sein kann hier niemand: "Psychosozial betrachtet kann die Arbeit bei so einem Boulevardblatt offenbar mit einer narzisstischen Kränkung einhergehen, die zu dem Impuls führt, andere Menschen fertig zu machen. Denn selbst wenn viele Leute die Bild-Zeitung wahrnehmen, wird sie letzten Endes belächelt und als Medium nicht für voll genommen."