9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2023 - Religion

Im FR-Gespräch erzählt die Aktivistin Hibo Wardere, die in den Siebzigern in Somalia aufwuchs und deren Buch "Cut" über Genitalverstümmelungen bereits 2016 auf Englisch erschienen ist, wie sie im Alter von sechs Jahren zur Beschneidung gezwungen wurde, um "heiratsfähig" zu sein: "An diesem Morgen erfuhr ich, was Schneiden bedeutet und was man braucht, um eine schöne Frau oder allgemein eine Frau zu werden. Es war auch der Morgen, an dem ich das grausame, entsetzliche Abschlachten kennenlernte, so möchte ich es nennen. Plötzlich zwangen mich die Menschen, denen ich vertraute, mich nackt hinzusetzen und zogen meine Beine auseinander. Als würden meine Beine abgetrennt werden. Und dann die fremden Blicke auf meine Genitalien und die damit verbundene Verlegenheit und das Unbehagen, das ich empfand.Was sie dann taten, werde ich nie vergessen. Mit schmutzigen Rasiermessern rissen, schnitten und schnitten sie, was mir wie eine Ewigkeit vorkam. Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, sie würden mir ein Stück nach dem anderen abnehmen, bis ich sterbe. Sie müssen sich vorstellen, dass all dies ohne Schmerzmittel oder irgendeine Form der Anästhesie geschah."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2023 - Religion

Bald ist Deutscher Evangelische Kirchentag in Nürnberg. Reinhard Bingener erzählt in einem Hintergrundartikel für die FAS die Geschichte der Institution, die ihr heutiges Gesicht mit der Friedensbewegung in den Achtzigern bekam. Eine der Protagonistinnen dieser Strömungen, Margot Käßmann, deren Bibelstunden einst der zuverlässigste Publikumsmagnet der Kirchentage war, wird allerdings diesmal nicht kommen. Sie hat sogar angekündigt, sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, wohl auch ein bisschen eingeschnappt nach Kritik, denn sie hatte den Aufruf von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht mit unterschrieben. Selbst in der evangelischen Kirche wird der einstige Pazifismus nicht mehr so gern gesehen, der lange zum positiven Selbstbild gehörte: "Zur Sehnsucht nach Frieden und der Solidarität mit den Unterdrückten in aller Welt gehörten allerdings blinde Flecken: Die westdeutsche Friedensbewegung war nicht nur von einem tief sitzenden Antiamerikanismus durchzogen, sondern auch von Geheimdiensten aus dem Osten unterwandert. Auch eine linkssektiererische Israelkritik machte sich damals breit. Beide Strömungen sind bis heute in Nischen der evangelischen Kirche präsent und personell eng miteinander verflochten. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2023 - Religion

Blasphemie ist ein großes Thema: nicht nur in fernen Ländern, sondern auch in Europa. In Schweden gibt es gerade ein Diskussion darüber, ob das Verbrennen "heiliger" Bücher erlaubt sein soll. Für Daniela Wakonigg ist das auf hpd überhaupt keine Frage: "Für einen säkularen Staat müsste es eigentlich klar sein, dass kein Buch objektiv 'heilig' ist. Es gibt Bücher, die Menschen wichtig sind, den einen Koran, Bibel, Thora oder Bhagavadgita und den anderen Harry Potter, Goethes Faust oder Darwins 'Entstehung der Arten'. Das Verbrennen oder Zerstören jedes Buchs zu verbieten, das irgendjemandem wichtig ist oder wichtig sein könnte, dürfte deshalb weder praktikabel noch sinnvoll sein. Die Bevorzugung Religiöser gegenüber Nicht-Religiösen und damit ein Verbot nur für das Verbrennen oder Zerstören von Büchern, die Religiöse für 'heilig' halten, verbietet sich jedoch in einem säkularen Staat. In einem solchen muss also das Verbrennen auch sogenannter 'heiliger' Bücher erlaubt sein. Aber sollte man es deshalb auch tun? Nein. Jedenfalls nicht ohne triftigen Grund. Hier käme dann der Humanismus ins Spiel. Denn warum soll ich absichtlich Menschen verletzen, indem ich etwas beschädige, das ihnen wichtig ist - egal für wie unsinnig ich persönlich dieses Etwas halte?"
Stichwörter: Blasphemie, Faust

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2023 - Religion

Wenig Interesse haben die Medien bisher an der "Good News International Church" gezeigt. Der kenianische christliche Sektenführer Paul Nthenge Mackenzie hatte seine Gläubigen aufgefordert, sich zu Tode zu hungern, um Gott näher zu sein. Inzwischen wurden "mehr als 200 verhungerte Sektenmitglieder in Kenia exhumiert", meldete der Tagesspiegel am Samstag. "Angesichts der hohen Zahl der Toten sind die Kapazitäten in der Leichenhalle des örtlichen Krankenhauses längst erschöpft. Das kenianische Rote Kreuz hatte einen Kühlcontainer in die Region gebracht, in dem die Toten zunächst gelagert werden können." Laut Voice of Afcica hat sich nun der kenianische Präsident William Ruto  zum ersten Mal geäußert: "Ich übernehme als Präsident die Verantwortung dafür, dass dies nicht hätte passieren dürfen. Und sicherlich werden einige Leute, die für dieses Versagen der Regierung verantwortlich sind, Rechenschaft ablegen müssen." Aber mindestens ebenso wichtig war es ihm, den Kirchen ihre Autonomie zu garantieren: "Ich weiß, dass es Leute gibt, die nervös sind, weil sie fürchten, dass wir die Kirche regulieren. Und das ist richtig - wir sollten die Kirche nicht regulieren. Wir wollen von unseren religiösen Führern erfahren, wie wir uns auf einen Mechanismus einigen können, der sicherstellt, dass Kriminelle und Gauner die Religion nicht ausnutzen." Angehörige von Opfern kritisieren die kenianischen Behörden scharf, sie hätten zu spät eingegriffen. Einigen der Opfer sollen Organe entnommen worden sein, meldete unter anderem Spiegel online.

Stichwörter: Kenia, Sekten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2023 - Religion

Tariq Ramadan galt lange als Beweis, dass ein gemäßigter Islamismus möglich sei und war auch in deutschen Medien ein gern gesehener Interviewgast. In Oxford wurde er mit Geldern aus Katar zum Professor gemacht. Dann erhoben in Frankreich und der Schweiz immer mehr Frauen Vergewaltigungsvorwürfe, über die in den Medien eher selten berichtet wurde. Auch in der Schweiz findet zur Zeit ein Prozess statt, das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet. Saïda Keller-Messahli, Präsidentin eines Schweizer Forums für einen fortschrittlichen Islam, kommentiert im Blick: "Noch ist die Politik zögerlich, wenn es um die Muslimbruderschaft und ihre Vertreter geht. Ihre Financiers treten als Investoren auf, mit denen man es sich nicht verscherzen will. Wie auch immer das Urteil am 24. Mai in Genf ausfallen wird, es wird hoffentlich eine Diskussion auslösen, welche Rolle der politische Islam in einer demokratischen Gesellschaft spielen soll."

In der taz unterhält sich Ute Löhning mit dem chilenischen Ermittler Luis Henríquez Seguel, der Ende der neunziger Jahre half, die Vorgänge um die rechtsextreme, mit Pinochet verbundene Colonia Dignidad aufzuklären - sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen war auch hier eines der düsteren Themen. "Was in den Jahrzehnten der Colonia Dignidad geschehen ist, war schrecklich, auch für die vielen deutschen Opfer, die in der Siedlung gelitten haben. Natürlich ist Chile verantwortlich, weil diese Dinge auf chilenischem Boden geschehen sind. Aber auch die deutsche Botschaft in Chile kannte die Berichte derjenigen, die aus der Siedlung fliehen konnten wie Wolfgang Kneese 1966."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2023 - Religion

Die peruanischen Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz berichteten in einer sorgfältig recherchierten Reportage von Gewalt und sexuellem Missbrauch an Schülern der vor mehr als fünfzig Jahren gegründeten religiösen Vereinigung Sodalicio de Vida Cristiana, schreibt Mario Vargas Llosa in der NZZ. Sogar mit dem Papst sprachen sie, aber was folgte, waren "Prozesse, Schmutzkampagnen in der Presse, Beleidigungen und Schikanen jeglicher Art gegen sie und ihre Familien. Was zeigt, dass wir in Peru noch immer in der Kolonialzeit leben, in der es niemand wagt, gegen die Kirche oder ihre als Priester verkleideten Verbrecher (es gibt Ausnahmen) aufzubegehren. (…) Das alles ist umso merkwürdiger, als Peru doch in vielen Dingen sehr fortschrittlich wirkt, besonders in seinen Gesetzen. Das gilt jedoch nur, solange die Kirche in Ruhe gelassen und ihr nicht untersagt wird, der Gesellschaft zu schaden, wie es beispielsweise die korrupten Führungskräfte getan haben, die jahrelang an der Spitze der Sodalicio standen. Gleichzeitig haben viele Radiosender und Zeitungen noch immer eine gewisse Furcht vor der heiligen Mutter Kirche und getrauen sich nicht, sie zu kritisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2023 - Religion

Auf den politischen Seiten der SZ denken Wolfgang Janisch und Annette Zoch darüber nach, ob eine Ablösung der Staatsleistungen für die Kirchen (Unser Resümee) tatsächlich - zumindest in der astronomischen Höhe - verpflichtend ist: "Der emeritierte Münsteraner Staatsrechtler Bodo Pieroth hält die anvisierte Großzügigkeit, also die Ablösung mit dem Faktor 18, für 'geradezu verfassungswidrig'. Schließlich verspreche das Grundgesetz den Kirchen ja gerade keine 'immerwährenden' Leistungen, sondern fordere im Gegenteil deren Ablösung. Also könne man den Bewertungsfaktor locker halbieren, sagte Pieroth der Zeitung Die Welt. (...)  Hinzu kommt, dass der Staat die Verluste der Kirchen eigentlich längst ausgeglichen hat. Pieroth zitiert ein Gutachten, wonach die Kirchen das 194-fache des ursprünglich entzogenen Wertes erhalten hätten, wenn man eine dreiprozentige Verzinsung zugrunde legt. Ob verfassungsrechtlich so gerechnet werden darf, ist freilich umstritten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2023 - Religion

Es ist zwar Ostern. Aber "kein Segen" liegt offenbar auf den Verhandlungen zur Ablösung der Staatsleistungen für die Kirchen. Nach wie vor zahlt der Staat dreistellige Millionenbeträge pro Jahr an die Kirchen, um Bischöfe und ähnliche Würdenträger zu entlohnen. Diese Staatsleistungen, die nicht mit Kirchensteuern zu verwechseln sind, gelten offiziell als Entschädigung für Enteignungen der Kirchen unter Napoleon und sollen seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts abgeschafft werden. Die Bundesregierung war zwar guten Willens, berichtet Gisa Bodenstein in hpd.de. Aber die Gespräche scheinen abgebrochen worden zu sein. Die Bundesländer sagen, dass sie sich die Abschaffung der Staatsleistungen nicht leisten können, denn "die Juristen, welche das Bundesinnenministerium bei Beratungen im Winter hinzuzog, sind von der Notwendigkeit einer astronomischen Einmalzahlung an die Kirchen zur rechtskonformen Ablösung der vertraglichen Zahlungsverpflichtungen überzeugt. Es ginge um ein 17- oder 18-Faches der jeweiligen jährlichen Summen, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden und die Jahr für Jahr anwachsen. Zusätzlich würden die Staatsleistungen aber noch für ein paar Jahre circa in der derzeitigen Höhe weiterbezahlt." Mehr zum Thema in der Welt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Religion

Auf ZeitOnline beleuchtet Andrea Böhm die Hintergründe der Entebbe-Konferenz, die von einer amerikanischen Anti-LGBTQ+-Gruppe unter dem Titel "Family Values and Sovereignty" organisiert wurde und an der Abgeordnete und Delegierte aus 22 afrikanischen Ländern teilnahmen. Mitinitiator ist die amerikanische christliche Lobbygruppe Family Watch International (FWI), die Homosexualität für eine "psychische Krankheit" hält: "Was lange übersehen wurde: Die religiöse Rechte in den USA hat ihre Agenda seit Jahrzehnten nach Afrika exportiert. Mit viel Geduld und großem Einsatz ist es der evangelikalen Rechten aus den USA gelungen, ihren schlechten Ruf als Unterstützer von Apartheid-Regimen auszuradieren und mit dem Image als Beschützer einer vermeintlich 'urafrikanischen' patriarchalen Familientradition zu ersetzen. Fundamentalistische Kirchen und Lobbygruppen überweisen seit Jahrzehnten große Summen an Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser in afrikanischen Ländern. Oft ohne Zweckbindung oder Kriterien für transparente Buchhaltung, aber verknüpft mit der Bedingung, dass diese Institutionen sich von liberaleren kirchlichen Unterstützern aus dem Ausland lossagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2023 - Religion

Auch der in Polen in höchsten Ehren gehaltene Papst Johannes Paul II. wusste von sexuellem Missbrauch in der Kirche, schreibt Gabriele Lesser in der taz: "Im Buch 'Maxima Culpa - Johannes Paul II. wusste davon' deckte der niederländische Polen-Korrespondent Ekke Overbeek vor rund drei Wochen auf, dass der spätere Papst in seiner Zeit als Krakauer Erzbischof vom sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester in mindestens drei Fällen wusste. Statt aber die Sexualstraftäter in der Soutane der Staatsanwaltschaft zu übergeben oder zumindest aus der Seelsorge abzuziehen, habe Wojtyła die Priester lediglich in eine andere Gemeinde versetzt, in einem Fall sogar nach Österreich. Parallel zum Buch von Overbeek strahlte der Privatsender TVN24 die Dokumentation 'Franciszkanska 3' von Marcin Gutowski zum gleichen Thema aus." Auch in Polen hat das Ansehen der Katholischen Kirche im Kontext der Missbrauchsaffären, aber auch wegen de Nähe zur Pis-Partei gelitten, erzählt Lesser in einem zweiten Artikel.

Ronya Othmann kann es in ihrer FAS-Kolumne nicht fassen, dass Ratsversammlungen von Städten immer noch so naiv sind wie die von Wuppertal, wo eine Ditib-Moschee gebaut werden soll. Sie wiederholt es nochmal für Anfänger: "Die Religionsattachés in den türkischen Konsulaten beaufsichtigen die Moscheegemeinden. Und die setzten schon mal ganze Vorstände von Stadtteilmoscheen ab, wenn sie nicht auf Linie sind. Der Bundesvorstand von Ditib wird von der Religionsbehörde Diyanet bestimmt, das ist in der Satzung des Vereins festgeschrieben. Wollte man sich wirklich von Ankara lösen, müsste man zuerst die Satzung ändern."