9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2018 - Religion

Die Menschen werden immer säkularer? Der Religionssoziologe Hans Joas glaubt es nicht. Wenn sie sich von den Kirchen abwenden, suchen sich Menschen eben etwas neues Heiliges, meint er im Interview mit der Berliner Zeitung: "Was ich behaupte, ist die Entstehung immer neuer Sakralisierungen. ... In Umfragen, was ihnen heilig sei, antworten manche Menschen: 'Nichts, da ich keiner Religionsgemeinschaft angehöre.' Aber sie übersehen, dass die Erfahrung des Heiligen etwas universell Menschliches ist. Das lässt sich an den Werten, an denen Individuen sich orientieren, leicht zeigen. Es gilt aber auch für die großen politischen Bewegungen und Weltbilder. Die Kommunisten haben den einbalsamierten Leichnam Lenins oder die rote Fahne kultisch verehrt. Liberale Humanisten halten die Würde des Menschen für unantastbar und bestehen somit auf der Sakralität jeder Person. Selbst dem übelsten Verbrecher, dem grausamsten Terroristen kommt deshalb im Rechtsstaat eine menschenwürdige Behandlung zu. Daran sieht man: Auch das Weltbild des Grundgesetzes enthält Elemente einer - nicht-religiösen - Sakralität."

Der Deutschlandfunk Kultur interviewt die Juristin und Publizistin Liane Bednarz, die gerade das Buch "Die Angstprediger" publiziert hat, in dem sie über rechtsextreme Christen recherchiert. Sie kritisiert die Kirchen, die sich gern als Bastion gegen die AfD geben: "Nach außen hin wenden sich die Kirchen sehr stark gegen Rechtspopulismus,sprechen sich auch sehr kritisch über die AfD aus, jüngst erst wieder Erzbischof Schick in Bamberg, aber mit diesen Christen, die innerhalb der Kirchen gen rechts gedriftet sind und irgendwo in diesem Graubereich jetzt auch teilweise sind, zwischen konservativ und rechts, sucht man eigentlich nicht die Auseinandersetzung, obwohl die Feindbilder, die dort gepflegt werden, in vielen Fällen identisch sind mit dem Feindbildern, die man auch im AfD-Milieu trifft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2018 - Religion

Sklaverei in Mauretanien wird zwar religiös begründet, aber der Aktivist und Politiker Biram Dah Abeid will das nicht anerkennen, wie er im Interview mit François Misser in der taz erklärt: "In Mauretanien wird zur Rechtfertigung der Sklaverei eine Version der harten malekitischen Lehre von Khalil Ibn Ishaq herangezogen, die autoritärste Doktrin, die der Islam kennt. Das traditionelle Sklavenrecht, der sogenannte 'code noir', hat in Mauretanien den Status der einzig wahren Interpretation der heiligen Bücher, des Koran und der Aussprüche des Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm. Indem ich die Bücher des Sklavereirechts zerstöre, nehme ich ihnen ihren heiligen Charakter. Für mich stehen sie im völligen Gegensatz zum ursprünglichen Wesen des Islam, zu Gleichheit, Barmherzigkeit, Mitleid, Brüderlichkeit und Menschlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 - Religion

Mit dem Christentum geht es in Deutschland bergab, immer weniger Menschen glauben daran, das sagen die Meinungsforscher. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen wehrt in der SZ die Untergangsszenarien ab: "Indem die Allensbacher und mit ihnen empirische Religionssoziologen dieser Linie folgen und eine orthodoxe Doktrin zum 'Kernbestand des Christentums' erklären, alles andere an gelebter Religion jedoch als 'vage Spiritualität' abtun, ist es ihnen kaum möglich, die Komplexität und die Ambivalenz der Säkularisierung oder die Legitimität individualisierter Religiosität wahrzunehmen. Auch die Fokussierung auf traditionelle Frömmigkeitspraktiken wie Gottesdienst oder Tischgebet führt dazu, dass eine theologisch und kirchlich definierte Christlichkeit als Norm aufgestellt wird, der schon die meisten Kirchenmitglieder nicht entsprechen. Dann aber wäre der Niedergang des Christentums nicht zuletzt der eigenen Definition geschuldet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2018 - Religion

"Der Schriftsteller Martin Mosebach glorifiziert in seinem neuen Buch den Märtyrertod", annonciert die taz in der Unterzeile einen Artikel des Theologen Konstantin Sacher, der Mosebachs Buch über die Kopten, "Die 21 - Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer", kritisiert. Im Text liest sich das dann etwas anders: "Zwar kann man Mosebach zugutehalten, dass er vor der Verklärung von Selbstmordattentätern haltmacht. Doch auch wenn er immer wieder die Friedlichkeit seiner Kopten betont: Religiöser Fundamentalismus ist niemals ganz friedlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2018 - Religion

Die Geschichte des Christentums gewalttätig? Die katholische Kirche in sexuellen Dingen nicht liberal? Alles Fake-News, behauptet der Psychiater und katholische Theologe Manfred Lütz in seinem gemeinsam mit dem Theologen Arnold Angenendt herausgegebenen und mit "historischen Quellen" belegten Buch "Der Skandal der Skandale" und im FR-Interview mit Joachim Frank. Lütz klärt auf, "dass gerade die Deutschen so ihre liebe Not mit der eigenen Geschichte haben, und da ist es erleichternd, die Last irgendwo anders abzuladen. Für diesen sozialpsychologischen Service wird dann die Kirche in Anspruch genommen. Laut einer Umfrage glauben die meisten Deutschen zum Beispiel, dass die Hexenverfolgungen im Mittelalter stattgefunden hätten und von der kirchlichen Inquisition durchgeführt worden seien. Beides ist eindeutig falsch. Die Forschung weiß heute, dass im Mittelalter keine Hexen verfolgt wurden, weil Hexenglaube als heidnischer Aberglaube galt. Erst vom Beginn der Neuzeit an wurden Hexen verfolgt, die Hexenprozesse wurden von der modernen weltlichen Justiz geführt, und zwar überwiegend in Deutschland - in katholischen Gebieten ebenso wie in evangelischen."

In der Welt erinnert Hannes Stein indes unter anderem an den historischen christlichen Antisemitismus: "Wer sich einen bildlichen Eindruck vom 'christlich-jüdischen Abendland' verschaffen will, sollte vielleicht an die Scheiterhaufen denken, die von der Inquisition in Spanien errichtet wurden - Scheiterhaufen, auf denen neben Ketzern auch conversos verbrannt wurden: Juden, die gezwungenermaßen zum Christentum konvertiert waren, aber immer noch heimlich am Freitagabend die Schabbatkerzen entzündeten. Wenn an solchen heimlichen Juden schon die Flammen leckten, streckten die Mönche ihnen Kruzifixe an langen Stangen zum Kuss entgegen. Die meisten conversos wandten angeekelt den Blick ab, und manche nutzten ihren letzten Moment, um auf das Kreuz zu spucken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2018 - Religion

Seyran Ates berichtet auf den Online-Seiten der Emma über wutentbrannte Reaktionen konservativer muslimischer Kreise (jedweder Färbung) auf die von ihr gegründete liberale Ibn-Rushd-Goethe Moschee. Von Facebook, wo die Hasskommentare und Morddrohungen gepostet wurden, aber auch von der Berliner Polizei, an die sie sich mit Anzeigen wandte, hat sie keine Hilfe bekommen: "Auch wenn es uns gegen den Strich geht: Wir machen uns inzwischen kaum noch die Mühe, gegen Hass und Hetze im Internet vorzugehen. Auf der Facebookseite der Moschee löschen wir entsprechende Kommentare oder blockieren die Nutzer auf unserer Seite. Die Hoffnung auf die Hilfe von Facebook oder der Staatsanwaltschaft haben wir inzwischen begraben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2018 - Religion

An der Humboldt-Uni wird ein Institut für Islamische Theologie eingerichtet, und da wie bei den Kirchen nicht die Unis (zumindest nicht allein) über die Besetzung der Lehrstühle entscheiden, unterrichtete nach dem taz-Bericht von Daniél Kretschmar "das Präsidium der HU den Akademischen Senat der Universität über die Kooperationsvereinbarung zwischen mehreren Islamverbänden und der Hochschule. In der Vereinbarung werden den Verbänden sehr weitgehende Mitbestimmungsrechte bei der Auswahl der Lehrenden eingeräumt. Dazu zählt eine prinzipielle Zustimmungsklausel bei der Berufung von ProfessorInnen und der Einstellung wissenschaftlicher MitarbeiterInnen." Zu den Verbänden gehört auch die direkt der türkischen Regierung unterstehende Ditib.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2018 - Religion

Annette Steinich hat für die NZZ in Karthago den tunesischen Islamwissenschafter Abdelmajid Charfi besucht, der gerade die erste historisch-kritische Koranausgabe überhaupt vorgelegt hat. "Zu fast allen Versen der 114 Suren gibt es Varianten. Nur die kurzen, leicht zu merkenden Suren aus der Zeit des Propheten in Mekka, also etwa fünf Prozent des gesamten Textes, sind in allen Überlieferungen identisch. Das ist das wesentliche Ergebnis von Charfis mehr als zehnjähriger Forschungsarbeit mit einem Team von zehn ehrenamtlich tätigen Wissenschaftern: Es gibt nicht die eine eindeutige heilige Schrift, sondern ein vielschichtiges Geflecht von Texten, die die Spuren ihrer eigenen Geschichte und des jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umfelds der Autoren in sich tragen. ... 'Wir müssen aufhören, den Koran wortwörtlich zu nehmen', mahnt Charfi." In Saudiarabien wurde die Ausgabe bereits verboten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2018 - Religion

In einem dankenswerten Artikel kommt Jochen Bittner in der Zeit nochmal auf die Debatte über die Beschneidung von Jungen zurück, die in einem eilfertigen Parlamentsbeschluss vor fünf Jahren ausdrücklich erlaubt wurde, bei Säuglingen auch ohne Betäubung. Bittner ist hier nach wie vor nicht einverstanden: "Die geltende Beschneidungserlaubnis folgt hier einer falschen Abwägung. Sie räumt religiösen Überzeugungen einen zu hohen Rang gegenüber staatlich garantierten Freiheiten ein. Denn wenn es das Erziehungsrecht erlaubt, einen hochsensiblen Teil des Körpers - sogar ohne fachgerechte Betäubung - abzuschneiden, mit welchem Recht will der Staat dann, um nur ein Beispiel zu nennen, muslimische Eltern zwingen, ihre Töchter am Sportunterricht teilnehmen zu lassen?" Auch die negative Religionsfreiheit des Kindes werde verletzt, so Bittner: "Natürlich dürfen, ja sollen Eltern ihre Kinder prägen, wozu auch religiöse Erziehung gehört. Aber warum sollte die das Recht einschließen, seine Kinder körperlich auf unwiderrufliche Weise zu markieren?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2018 - Religion

Emmanuel Macron möchte eine Art französischen Staatsislam schaffen. Der ausländische Einfluss soll weggedrängt werden. Die in Frankreich ausgebildeten Imame sollen durch eine "Halal"-Steuer (eine Inspiration an der deutschen Kirchensteuer?) finanziert werden. Diese soll zum Beispiel auf Halal-Produkte erhoben werden, die in französischen Hypermarchés ganze Regalmeter einnehmen. Die Islamwissenschaftlerin Rachid Benzine ist in Le Monde skeptisch. Erstens gebe es auch ausländische Einflüsse, die man dulden könne - aus Algerien und Marokko, wo der Islam eine Religion der Eintracht sei. Und zweitens "ist die Halal-Industrie alles andere als von den Muslimen dominiert: Es sind eher die großen Lebensmittelproduzenten und Supermarktketten, die sich dank der muslimischen Konsumenten bereichern. Wie soll man ihnen eine Steuer für eine Institution des muslimischen Glaubens auferlegen?"