9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2018 - Religion

Urs Wälterlin besucht für die taz die Provinz Aceh in Indonesien, die eine Sonderstellung in Indonesien hat und ein drakonisches Scharia-Recht eingeführt hat: "Weit über 500 Menschen sind mit der Rute bestraft worden, seit die Provinzregierung im Oktober 2015 den Islamic Criminal Code endgültig eingeführt hat. Das Szenario ist fast immer dasselbe: Der oder die zu Bestrafende kniet am Boden, Körper und Kopf meist mit einem weißen Gewand verhüllt. Daneben steht der schwarz gekleidete vermummte Vollstrecker. Mit einem Bambusstock schlägt er dem Opfer auf den Rücken. Jeder Schlag wird von einem Offiziellen mitgezählt, alles muss korrekt ablaufen. Nur selten hört man die Bestraften klagen. Einige wimmern, andere weinen stumm ein paar Tränen des Schmerzes." Dass sich der Islamismus nicht auf Aceh beschränkt zeigen die Terrorattentate der letzten Tage in Surabaya auf der Insel Java - der jüngste Anschlag wurde heute früh gemeldet.

Der Guardian analysiert in einem Editorial die Beziehungen zwischen evangelikalen und katholischen Organisationen in den USA und hofft, dass beide keine allzu gute Prognose haben: "Der skandalgeschüttelte katholische Klerus ist in liberale und konservative Fraktionen aufgespalten, die beide glauben, sie seien katholischer als der Papst. Nur ein Zustrom von Latino-Immigranten hält die Kirche am Boden. Aber dies bedroht die Allianz mit der evangelikalen Bewegung, die in den letzten dreißig Jahren immer rassistischer wurde. Sie stellte sich gegen die Immigration, aber auch gegen Homosexualität und das Klima-Thema. Dem Präsidenten verzeiht sie all seine Lügen und Liebeshändel, weil er so klar für 'white supremacy" einsteht. Aber wenn er Macht verliert, wird es den Fundamentalisten genauso ergehen. Durch ihre patriarchale Haltung zu den Frauen, haben sie die junge Generation bereits verloren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2018 - Religion

"Offensichtlich ermöglicht das Internet derzeit mehr Freiraum, als die Demokratie vertragen kann", hat Kulturministerin Monika Grütters neulich geschrieben (unser Resümee). Das Kreuz bereitet ihr derartige Ängste nicht, auch wenn sie es nicht unbedingt in Amtsstuben aufhängen würde, wie sie in der Zeit schreibt. Aber sie beruft sich auf Michel Houellebecqs "Unterwerfung" und konstatiert - auch in ihrer Eigenschaft als Lobbyistin des Katholizismus (sie ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken) - eine bedauerliche "kulturelle Unbehaustheit" unserer Gesellschaft: "Wer Houellebecqs 'Unterwerfung' gelesen oder auf der Bühne gesehen hat und im erbärmlichen Opportunismus der Hauptfigur das Zerrbild einer spirituell abstinenten, bindungslosen, genusssüchtigen Gesellschaft erkannt hat, der weiß, dass die 'Entchristlichung der Gesellschaft' dem Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft nicht zuträglich ist."

Auch der im politischen Teil der FAZ schreibende Markus Blume, Generalsekretär der CSU, hält Christentum und Demokratie für konsubstanziell: "Der empirische Blick auf die Welt zeigt, dass auf Dauer stabile Demokratien außerhalb von Ländern christlicher Prägung selten anzutreffen sind. Die bedeutenden Ausnahmen sind schnell aufgezählt: Indien, Indonesien und Israel."

Das soll den Katholiken erst mal einer nachmachen! Religion mit Humor, Witz und Kunst - und alles mit Genehmigung des Papstes. Die neue Ausstellung des Met Museums in New York feiert "Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination". Das Thema inspirierte die Gäste der Eröffnungsgala weitaus aus mehr als die Themen der letzten Jahre. Im Daily Mail fühlt sich Piers Morgan beleidigt. Das ist zwar Unsinn, aber hier macht er einen Punkt: "Die Met hat ihre Doppelstandards offenbart, denn jeder weiß, dass sie das niemals mit dem Islam oder Judaismus gewagt hätten." Der Jesuitenpater James Martin hatte dagegen viel Spaß. Er twitterte die besten Komplimente für seine schlichte schwarze Kutte:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 - Religion

Der gewaltlose Islam etwa der Muslimbrüder sei gefährlicher als Terrorismus, meint Michael Meier nach der Lektüre von Elham Maneas Buch "Der alltägliche Islamismus" im Tages-Anzeiger. Sprengkraft habe in westlichen Gesellschaften vor allem das "Amalgam aus muslimischer Opferrolle und dem Hass vieler westlicher Intellektueller auf die eigene Gesellschaft. Dort die Muslime, die sich als verfolgte und diskriminierte Gruppe fühlen und im Westen den Feind sehen. Hier die Linken und Liberalen, die sich wegen der kolonialen und imperialen Vergangenheit des Westens schuldig fühlen und meinen, die Rechte von Minderheiten aus den ehemaligen Kolonien schützen zu müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2018 - Religion

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio sieht das Kreuz in bayerischen Amtsstuben wohlwollend. Besonders gläubige Muslime dürften sich davon nicht verletzt fühlen, meint er in der Zeit: "Wer genau hinschaut, wird sehen, dass viele Menschen islamischen Glaubens und auch manche Atheisten ihre Kinder gerne in konfessionelle Kindertagesstätten oder Schulen schicken. Manche muslimische Familie will ganz gewiss keinen Beitrag im antiwestlichen Kulturkampf fundamentalistischer Strömungen leisten, aber sie fürchtet dennoch eine 'gottlose' Gesellschaft mehr als jede konkurrierende Religion."
Stichwörter: Kulturkampf, Fabio, Udo Di

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2018 - Religion

Scharf kritisiert Welt-Autor Richard Herzinger in eine Facebook-Post die bayerische Idee, das Kreuz in Ämter zu hängen - denn der Staat schwäche damit seine Position auch gegenüber anderen Religionen: "Mit dem politischen Islam ist der säkularen Ordnung eine furchtbare, in ihrer ganzen Dimension noch immer nicht ausreichend begriffene Bedrohung erwachsen. Es ist deprimierend zu sehen, wie die - ohnehin noch viel zu schwache - Abwehrfront gegen diese epochale Gefahr jetzt dadurch gespalten zu werden droht, dass flinkzüngige Wiederentdecker des 'Abendlandes' die religiöse Anmaßung islamischer Kreise farcenhaft zu imitieren versuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2018 - Religion

Die Werte unserer Gesellschaft sind nicht christlich, auch wenn das gern behauptet wird, schreibt der Humanist Heinz-Werner Kubitza in der taz: "Toleranz und Freiheit sind eben nicht organisch aus dem Christentum erwachsen, sondern mussten geradezu in Gegnerschaft zum Christentum verwirklicht werden. Religiöse Rechthaberei und Bevormundung mussten erst aus Staat und Rechtsprechung verschwinden, damit Raum für wirkliche Gewissensfreiheit und einen Begriff von Menschenwürde geschaffen wurde, der diesen Namen wirklich verdient."

Auch der Verfassungsrechtler Horst Dreier, der gerade das Buch "Staat ohne Gott - Religion in der säkularen Moderne" vorgelegt hat, stört sich in der Welt an der Heuchelei von Markus Söders Begründung für das Kreuz in bayerischen Ämtern: "Der Text des Kabinettsbeschlusses sowie erläuternde Stellungnahmen lassen das Bemühen erkennen, den Vorwurf einer Verletzung des Neutralitätsgebotes schon im Vorfeld abzuwehren, und zwar mit zwei unterschiedlichen Aussagen. Der einen zufolge werde das Kreuz gar nicht als christliches Symbol, sondern als eine Art Chiffre für die bayerische Identität und deren geschichtliche Prägung verstanden. Die andere gibt vor, das Kreuz repräsentiere die grundlegenden Wertvorstellungen des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung. Doch das Erste verbietet sich, und das Zweite stimmt nicht." Die Autorin Nora Gomringer plädiert dagegen in der Welt für das Kreuz in Ämtern.

Kardinal Reinhard Marx, Chef der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, lehnt den Kreuz-Erlass von Markus Söder strikt ab: "Es sei 'Spaltung, Unruhe, Gegeneinander' entstanden", kritisierte Marx im Interview mit der SZ. "'Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden', sagte der Erzbischof von München und Freising. 'Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.' Es stehe dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeute." Auch die Bürger sind mehrheitlich gegen das Kreuz in Amtsstuben, laut einer Emid-Umfrage für die Bild-Zeitung, sind 64 Prozent der Befragten gegen die Aufhängung von Kreuzen in Behörden, meldet die SZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2018 - Religion

Die FAZ räumt die ganze erste Seite ihres Feuilletons für ein Interview mit Georgi Schewkunow frei, bekannt als Bischof Tichon und Putins Beichtvater. Darin säuselt er, dass er nicht gegen die Freiheit der Kunst sei, sondern nur talentloses Herumrandalieren (damit meint er Pussy Riot), und den Anhängern konservativer Werte darf er sich auch empfehlen: "Unsere Begriffe stimmen mit denen westlicher Leute manchmal nicht überein. Wir lehnen nicht den Liberalismus im Sinn von Streben nach Freiheit ab, sondern den Anarchismus als Ideologie der Zerstörung der kulturellen und moralischen Lebensgrundlagen der Völker Europas. Die konservativen Werte, wie Sie sich ausdrücken, liegen für uns in der Freiheit der Persönlichkeit und in der Erhaltung der christlichen Identität Europas."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2018 - Religion

Der Kruzifixbeschluss des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ist schamlos, unchristlich und dient allein der Ausgrenzung, so weit sind sich die Zeitungen einig. Söder hat verfügt, das Kreuz müsse künftig im Eingang aller bayerischer Amtsstuben hängen - allerdings nicht als religiöses Symbol, so Söder, sondern als kulturelles. Das ist "Ketzerei", wie Söder das Kreuz zum "religiösen Hirschgeweih" degradiert, meint dazu Heribert Prantl in der SZ.

Erst als mit der Europäischen Union eine wirklich säkulare Institution für die Friedenssicherung in Europa zuständig wurde, begannen die 70 Jahre Frieden, den die christliche Religion ihren Anhängern nicht schenken konnte, erinnert der ehemalige The European-Herausgeber Alexander Görlach im Tagesspiegel und fügt hinzu: "Religion spaltet mehr, als dass sie eint. Unsere freiheitliche Rechtsordnung betrachtet den Menschen als Gegenstand des Rechts, ungeachtet seiner Herkunft, Religion und anderer Merkmale. Das sollten Konservative, die sehr häufig glühende Europäer sind, zu Markte tragen und nicht das Kreuz zur Schau stellen. So verhelfen sie dem Narrativ eines starken, freien Europas zu neuer Blüte. Das ist es, was an Europa überall in der Welt bewundert wird, seine Friedensordnung und sein Wohlstand. Nicht seine Religion."

Im Bekenntnis zu Land, Religion und Ideen ziehen die Deutschen immer den Schwanz ein, klagt indes Katholikin Birgit Kelle in der Welt enttäuscht darüber, dass die Religion nun doch nicht zurück ist. Sie sieht das Problem Europas nicht in einer "stetigen Islamisierung", sondern vielmehr in einer "grassierenden Entchristlichung".

Der Beschluss zeigt auch die unklaren Verhältnisses von Staat und Kirche in Deutschland, schreibt Christian Rath in der taz. Zwar hatte das Bundesverfassungsgericht 1995 gegen das Kreuz in bayerischen Klassenzimmern entschieden - aber der Beschluss hatte kaum Folgen. Die Kreuze hängen da immer noch und werden nur abgehängt, wenn sich Eltern beschweren. "Wenn nun im Eingangsbereich von bayerischen Landesbehörden Kreuze aufgehängt werden, ist eine Widerspruchslösung weder vorgesehen noch praktikabel, schließlich wird eine Eingangshalle meist nur kurz passiert. Für die bayerische Regierung ist eine Widerspruchslösung aber auch nicht notwendig, da das Kreuz hier ja kein Glaubenssymbol sei, sondern nur ein 'Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung'." Im Namen des christlichen Abendlands spricht man in Bayern zur Not sogar dem Kreuz seinen religiöse Symbolik ab.

Und der Bayerische "Bund für Geistesfreiheit München" kommentiert laut hpd.de: "Der neue Ministerpräsident schlägt gleich die richtigen Nägel ein und will eine 'Staatsreligion' wieder fest verankern, obwohl in der Verfassung (Art 142, 1) zu lesen ist, dass keine Staatskirche besteht. So ganz sicher ist er sich seiner Sache wohl nicht, denn er hat sich im Vorfeld rechtlich abgesichert und den 'neutralen' Eingangsbereich der Dienstgebäude für seine Kampagne gewählt, um den zu erwartenden Klagen den Wind aus den Segeln zu nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2018 - Religion

Mit einer populistischen Geste ersten Ranges hat CSU-Chef Markus Söder verfügt, dass bayerische Dienstgebäude ab 1. Juni mit einem Kreuz ausgestattet werden, berichtet süddeutsche.de. Das Neutralitätsgebot missachte das nicht, so Söder in seiner Begründung: "Ausdrücklichen Symbolwert haben sollen die Kreuze, die künftig in allen Behörden der bayerischen Staatsverwaltung im Eingangsbereich hängen werden. Söder beteuerte, diese sollten kein religiöses Symbol des Christentums sein, sondern ein 'Bekenntnis zur Identität' und zur 'kulturellen Prägung' Bayerns. 'Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion', sagte er. 'Das ist kein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot.'"

In der Welt findet Lucas Wiegelmann die Entscheidung gut, weil sie der "pseudo-neutralen Religionsfeindlichkeit" im Land entgegentrete, durch die Begründung aber entwertet: "Der Verdacht drängt sich auf, statt eines Bekenntnisses zu mehr Christentum in Deutschland samt entsprechenden Konsequenzen (Nächstenliebe, Toleranz, auch offene Spiritualität und Frömmigkeit) solle hier lediglich ein beliebiges Zeichen der Selbstvergewisserung und potenziellen Abgrenzung von anderen Kulturen gesetzt werden: ein Bayern- und Deutschlandlogo. Das wäre kein Gewinn an Christentum, sondern eine Zweckentfremdung und Zwangssäkularisierung seines wichtigsten Symbols."

Das Bundesverfassungssgericht hatte bezüglich von Kreuzen in bayerischen Klassenzimmern allerdings schon mal ganz anders entschieden - hier der Link zum Urteil von 1995, der auf Twitter kursiert: "Die Anbringung eines Kreuzes oder Kruzifixes in den Unterrichtsräumen einer staatlichen Pflichtschule, die keine Bekenntnisschule ist, verstößt gegen Art. 4 Abs. 1 GG." (Der EuGH hat das allerdings später wieder für zulässig erklärt, vorausgesetzt, andere Religionen würden nicht diskriminiert und dürften ihre Symbole auch zeigen, mehr hier. Willkommen Kopftuch in deutschen Amtsräumen!)

Und für die NZZ will der Physiker Hans Widmer Wissenschaft und Glaube versöhnen. Denn auch wenn der Mensch noch so viel wisse, habe er grundsätzlich ein Bedürfnis nach Transzendenz. Um dieses zu befriedigen, rät Widmer zu einer flexiblen Religiosität, die wissenschaftliche Erkenntnisse nicht leugnet: "Nur muss sich der Gläubige mit der Quintessenz von allem Glauben bescheiden, nämlich im Gebot der Liebe zu handeln und sich in der Gnade Gottes aufgehoben zu fühlen. Verzichtet er darauf, 'unbefleckte Empfängnis', 'leibliche Himmelfahrt' und dergleichen wörtlich zu nehmen, tritt er weder mit unabweisbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen noch mit Andersgläubigen in Konflikt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2018 - Religion

In der FAS beschreibt Bahareh Ebrahimi das strenge Regime an iranischen Mädchenschulen: "Das Beispiel der Mädchenschule zeigt, dass viele Frauen dort ihre Macht nicht dazu nutzen, eine frauenfreundlichere Politik einzuleiten. Oft ist das Gegenteil der Fall, auch wenn es selbstverständlich auch Ausnahmen couragierter Lehrerinnen gibt. In einem Zirkel der Unterdrückung werden die Unterdrückten manchmal selbst zu Unterdrückern, hier also zu Unterdrückerinnen."
Stichwörter: Iran