9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2021 - Wissenschaft

Im Interview mit der SZ hat FU-Präsident Günter M. Ziegler auch keine Antwort auf die Frage, warum es so ewig lange dauert, bis die Kommission zu einem (zweiten!) Urteil in der umstrittenen Doktorarbeit von Franziska Giffey kommt. Statt zu einem Abschluss zu kommen, ist die neue Kommission jetzt überhaupt erst zusammengekommen: "Wir haben uns gewünscht, die Prüfung bis zum Ende des Wintersemesters abzuschließen, das ist richtig. Wir haben aber unterschätzt, wie diffizil das Verfahren ist, auch der Findungsvorgang. Es steht alles unter öffentlicher Beobachtung, und wir wollten jegliche Anlässe für einen Anschein von Befangenheit vermeiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2021 - Wissenschaft

Jean-Pierre Jenny erinnert in der NZZ an den Gelehrten Girolamo Fracastoro, der bereits 1546 in seinem Buch "De contagione" direkte und indirekte Ansteckung zu unterscheiden wusste: "Zu dieser letztgenannten Option hielt er jedoch fest, dass eine Infektion über Distanz niemals auf magische oder okkulte Kräfte zurückgeführt werden könne, und wenn ein Krankheitserreger eingeatmet werde, dann könne er auch nicht einfach durch Ausatmen vertrieben werden. Als Arzt vermutete Fracastoro, dass eine Art Keime die Übertragung bewirken musste. Diese Keime seien aber zu klein, als dass man sie sehen könne. Damit trat er in Widerspruch zu der seit der Antike herrschenden Theorie der Miasmen. Nach dieser Auffassung entstehen unter der Erdoberfläche oder in Sümpfen Ausdünstungen, welche fiebrige Erkrankungen und Pestepidemien auslösen. Auch die alte Humorallehre verwarf er. Auf ihrer Basis hatte man Epidemien als Störungen im Gleichgewicht der vier Körpersäfte gesehen."

Joachim Müller-Jung schreibt in der FAZ zum Tod des Atmosphärenchemikers Paul Crutzen, der das Ozonloch entdeckte und den Begriff des Anthropozäns entwickelte: "Warum hat man den Namen Paul Crutzen trotzdem so selten gehört als lauten Mahner und Warner? Diesen Charismatiker, der in der Community schon in den Achtzigern eine Legende war und mit seinem holländischen Spracheinschlag und einer anrührenden Menschlichkeit selbst die tiefgründigsten Chemiethemen aufzulockern wusste? Die Antwort ist einfach: Weil er weniger als andere die große politische Bühne suchte. Er war als begnadeter Experimentator und wissenschaftlicher Theoretiker zu Weltruhm gelangt, doch das Geschäft des politischen Handelns lag in den Händen anderer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Wissenschaft

Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wünscht sich in Antwort auf einen FAZ-Artikel Wolfgang Streecks, der die politische Rolle der Wissenschaftler in der Corona-Pandemie kritisierte (unser Resümee), eine wirksame Außenvertretung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft, die das versammelte Wissen bündelt und autoritativ verfügbar macht - eine Aufgabe von zunehmender Dringlichkeit".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2021 - Wissenschaft

Nach dem Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok auf Alexander Nawalny kommt Peter Richter (SZ) in Kontakt mit einem Chemiefabrikanten, der das Gegengift herstellt und ein grundsätzliches Problem der Arzneimittelproduktion, die fast nur noch in Asien sitzt, anspricht: "Er erzählte von Fabriken, die er in China und Indien gesehen hatte. Dort würden die Wirkstoffe zum Teil zwischen Straßendreck zusammengekocht. Dort seien die Qualitätskontrollen auch nicht so streng. Am Ende hätten die Kostenunterschiede dazu geführt, dass in Deutschland, das einmal als Apotheke der Welt galt, heute kaum noch chemische Wirkstoffe hergestellt würden, sondern diese fast alle aus Asien kämen. Dies wiederum sei auch angesichts dessen, was jetzt schon wegen Corona los ist, bedenklich: 'Warum haben wir in Europa keinen einzigen großtechnischen Hersteller von Antibiotika mehr? Und ich rede nicht von den Arzneimittelherstellern, die die in Tabletten pressen, ich rede von den Wirkstoffen, die wir in China und Indien kaufen müssen. Was, wenn das nächste Corona ein Bakterium ist? Und was, wenn die Asiaten dann sagen: Tut uns leid, wir können gerade nicht liefern?'"
Stichwörter: Arzneimittel, Nowitschok, Corona

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2021 - Wissenschaft

Leicht abgestoßen zeigt sich Adrian Lobe in der NZZ von den Plagiatsjägern des VroniPlag Wiki, die Doktorarbeiten prominenter Politiker an die Öffentlichkeit ziehen, sich selbst aber hinter Pseudonymen wie "Stratumlucidum" verschanzen: "Zwar verwahrt sich VroniPlag Wiki gegen den Vorwurf, es sei ein Pranger. Doch der Furor, der nachgerade kriminalistische Eifer, der Zitatediebe habhaft zu werden und an ihnen ein Exempel zu statuieren - all das hat etwas Jakobinisches. Die Revolutionäre um Georges Danton waren geradezu besessen, der Aristokratie die Masken vom Gesicht zu reißen, das bigotte Schauspiel der Macht zu beenden. Genau dieses Motiv zeigt sich, wenngleich in abgeschwächter Form, bei den zeitgenössischen Moralpolizisten: Die Plagiatejagd zielt darauf ab, Politiker zu demaskieren, den falschen Glanz akademischer Weihen zu entlarven, das Podest, auf dem die Würdenträger stehen, zu demontieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2020 - Wissenschaft

Zu den positiven Ereignissen des Jahres, die zu wenig bemerkt wurden, gehören die Erfolge der Ebola-Bekämpfung, schreibt Dominic Johnson in der taz. Das Virus ist wesentlich tödlicher als etwa Corona und hat vor Jahren Tausende getötet: "Obwohl die betroffenen Regionen sämtlich zu den ärmsten der Welt gehören, wo es kaum ein Gesundheitswesen gibt, sind afrikanische Mediziner sich mittlerweile sicher, Ebola im Griff zu haben. In Guinea wurden Impfstoffe entwickelt, die später im Kongo so effektiv waren, dass sie noch vor der formalen Zulassung aus humanitären Gründen zum Einsatz kamen. Aus den vielen Seuchenausbrüchen im Kongo, in Uganda und in Westafrika sind Behandlungsmethoden entwickelt worden, die das Sterberisiko deutlich reduzieren. Trotz vieler Befürchtungen konnten alle Ebola-Epidemien Afrikas eingedämmt werden, bevor sie sich in Millionenstädten einnisten und Zehntausende dahinraffen konnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2020 - Wissenschaft

Corona hat alles überschattet, aber 2020 war ein Jahr der Fortschritte, schreibt Michael Miersch bei den Salonkolumnisten. Der erste Fortschritt, der Impfstoff aus Gentechnik, hat direkt mit Corona zu tun. Als zweiten Fortschritt nennt Miersch die Entwicklung von Fusionsreaktoren, als dritten die erstmalige Zulassung von Fleischprodukten auf Basis von Zellkulturen. Sie könnten die Welt radikal verändern, so Miersch: ″Mehr als 60 Milliarden Nutztiere werden Jahr für Jahr geschlachtet, verkündet der 'Fleischatlas' der Heinrich-Böll-Stiftung, 58 Milliarden davon sind Hühner. Diese Tiere verbrauchen enorme Mengen Futter, Wasser und Landfläche. Sie hinterlassen Gebirge aus Kot und Seen aus Urin. Ihr Atem und ihre Darmgase tragen erheblich zum Klimawandel bei. Ganz zu schweigen von dem ethischen Dilemma, dass wir Menschen für unsere Ernährung andere Lebewesen töten, die Schmerz und Angst empfinden. Laborfleisch könnte unser aller Leben und die Ökologie des Planeten stärker verändern als das Auto, die Empfängnisverhütung oder das Internet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2020 - Wissenschaft

In einem epischen Interview mit Zeit online betont der Infektiologe Jeremy Farrar, wie wichtig es ist, bei einer Pandemie die Zahl der Neuinfektionen drastisch zu minimieren. Und er wünscht sich eine bessere Forschung dazu, wie Menschen sich verhalten: "In den letzten zwanzig Jahren haben wir Disziplinen wie die Anthropologie und die Verhaltenswissenschaften nicht genügend wertgeschätzt und finanziert. Wir brauchen in dieser Pandemie ganz dringend ein besseres Verständnis davon, wie Menschen leben. Wir müssen ihr Verhalten besser verstehen. Nur wenn uns das gelingt, wird man mit Verhaltensinterventionen auch Erfolg haben. Und wir müssen die Trennwände zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen einreißen, zwischen den Sozialwissenschaften, den Kommunikationswissenschaften und der Biomedizin etwa. Ein besseres Verständnis von Kultur und Verhalten wird nicht jedes Problem lösen. Aber genauso wenig schwimmt die Lösung für alles in einem Glasfläschchen mit der Aufschrift 'Impfung'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2020 - Wissenschaft

Künstliche Intelligenz kann die Faltung von Proteinen vorausberechnen und erweist sich dabei inzwischen als ebenso effizient wie die viel zeitaufwändigeren experimentellen Methoden - das ist die große Meldung über einen Erfolg von Googles KI-Ableger Deepmind in den heutigen Zeitungen. Bei golem.de schreibt Frank Wunderlich-Pfeiffer: "Die Fortschritte kamen. Langsam. Ausgehend von den experimentellen Methoden im Labor wird geschätzt, dass die Proteinstrukturen auf einer Skala von 100 Punkten mit einer Genauigkeit von etwa 90 Punkten bestimmt werden können. 1994 erreichten die besten Programme 20 Punkte in diesem 'Global Distance Test'. Bis 2016 verbesserten sich die Punktzahlen auf 30 bis 40 Punkte. 2018 stieg Deepmind mit Alpha Fold in den Wettbewerb ein und erreichte im Durchschnitt 58 Punkte. 2020 waren es fast 90 Punkte. Der KI von Alpha Fold gelang es, zwei Drittel der vorgelegten Proteine mit der Präzision von Labormessungen zu berechnen."
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Wissenschaft

250.000 Corona-Tote haben die USA inzwischen zu verzeichnen. In einem wichtigen Hintergrundtext legen Alexis C. Madrigal Whet Moser in Atlantic dar, dass die Sterberate von Corona-Infizierten in den USA zwar gesunken sei, die Zahl der Infizierten aber so stieg, dass demnächst trotzdem mit 2.000 Toten täglich oder mehr zu rechnen ist. Sarah Zhang ist in Atlantic aber mit Blick auf die kommenden Impfstoffe zuversichtlich: "Das Ende der Pandemie ist nun in Sicht."