9punkt - Die Debattenrundschau

Wer weiß?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2021. In der New York Times sieht Shoshana Zuboff einen epistemischen Coup, mit dem die Internetkonzerne die demokratische Wissensgesellschaft kapern. Die FAZ blickt mit Entsetzen nach Cambridge, wo jetzt Antirassismus-Seminare prophylaktische Pflicht werden. In der taz beobachtet Ljudmila Ulitzka eine zunehmende Grausamkeit des Kremls. Ebenfalls in der taz beschreibt die Historikerin Karina Urbach, wie die HohenzollerInnen die vaterländischen Frauenverbände für die Nazis aufputschten. Und die FR fragt bang, ob Corona uns reaktionär macht und wie sich das behandeln lässt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2021 finden Sie hier

Internet

Eine Überwachunggesellschaft kann niemals eine demokratische sein, schreibt Shoshana Zuboff, Autorin des einschlägigen "Überwachungskapitalismus", in einem großen Stück in der New York Times und warnt vor dem staatsstreich-artigen Angriff der Informationskonzerne auf die demokratische Wissensgesellschaft: "In Informationskulturen definiert sich eine Gesellschaft durch Fragen des Wissens - wie ist es verteilt, welche Autorität entscheidet über die Verteilung und welche Macht schützt diese Autorität. Wer weiß? Wer entscheidet, wer weiß? Wer entscheidet, wer entscheidet, wer entscheidet, wer weiß? Die Antwort zu allen diesen Fragen liegt heute in der Hand der Überwachungskapitalisten, obwohl wir sie niemals dazu ermächtigt haben. Darin besteht das Wesen des epistemischen Coups. Sie beanspruchen die Autorität darüber zu entscheiden, wer weiß, indem sie sich Eigentumsrechte an unseren personenbezognen Informationen sichern und diese Autorität durch die Macht stützten, kritische Informationssysteme und Infrastruktur zu kontrollieren."
Archiv: Internet

Politik

"Der Drache hat seine Zähne noch nicht abgenutzt", fürchtet die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja im taz-Gespräch mit Inna Hartwich. Aber die Menschen in Russland und Belarus verlieren ein wenig von ihrer Angst: "Den Herrschenden wird sehr deutlich signalisiert, dass die Gesellschaft sie nicht unterstützt. Aber für Regimekritiker ändert das leider nichts. Die Machtelite ist weiterhin nicht zu einem Dialog mit den Menschen bereit. Stattdessen nimmt sie Organisator*innen der Proteste fest - aber auch wahllos Menschen, die friedlich in der Menge stehen. Die Herrschenden werden immer grausamer."

In der SZ stört sich Sonja Zekri dennoch an einigen von Alexej Nawalnys politischen Positionen, die sich nicht im Kampf gegen Korruption erschöpften: "Vor ein paar Jahren nahm er nicht nur an den 'Russischen Märschen' der Rechten und Ultrarechten teil, sondern schloss sich auch der Bewegung 'Chwatit kormit' Kawkas' an, wir haben den Kaukasus genug durchgefüttert. Und dann gibt es - gnadenloses Internet - ein Video, in dem Nawalny Verständnis für ausländerfeindliche Unruhen nach der Vergewaltigung einer jungen Frau durch einen Kirgisen vor zwei Jahren zeigt und eine Visumspflicht für Migranten fordert."

Die Erfolge der ostasiatischen Länder im Kampf gegen die Corona-Pandemie liegen weder in einer gemeinsamen Kultur noch in einer einheitlichen Politik, schreibt der Sinologe Dominic Sachsenmaier in der FAZ, denn davon könne bei China, Korea und Japan keine Gerede sein. Er sieht den Unterschied zu Deutschland im staatlichen Agieren: "In dieser Krise zeigt sich unser Staat als Verwaltungsorgan seltsam schwerfällig - und damit auch generell schlecht gewappnet für unser gegenwärtiges Dasein als Risikogesellschaft. Egal, ob in kleinen Städten oder auf nationaler Ebene scheinen die Behörden überfordert zu sein mit einer Situation, die schnelles Handeln und koordinierte Entschiedenheit erfordert... Insbesondere die Fähigkeit zur Orchestrierung zwischen Ministerien, Kommunen und verschiedenen Behörden ist in verschiedenen Ländern Ostasiens hoch ausgeprägt. Entscheidungen werden weitläufiger geplant und konsequenter umgesetzt; auch sind Behörden wesentlich schneller darin, Änderungen umzusetzen und aufeinander abzustimmen."
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Gesellschaft

In der FR fürchtet Arno Widmann eine weitere, wohl kaum behandelbare Folge der Pandemie: Sie macht reaktionär: "Das ist die zweite Lektion des Coronavirus. Er hat uns den Mut genommen, den Glauben, wir könnten die Welt zum Besseren verändern. Wir sehnen uns zurück in die Welt der Kriege und Bürgerkriege, des Fanatismus und Terrorismus. Um reisen, um zusammen ausgehen, um einander umarmen zu können. 'Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt', sagten unsere Großeltern zu uns. Jetzt haben wir gelernt, was sie meinten. Jetzt sagen wir selbst: Wir wussten nicht, wie gut wir es hatten. Heute gibt es keine Utopie mehr. Die Debatten um sie sind eingestellt. Wir haben uns auf ein einziges Prinzip Hoffnung geeinigt und rufen unisono: Eine Welt ohne Corona. Punkt."

Zwischen Spott und Entsetzten schwankt Jürgen Kaube in der FAZ angesichts des prophylaktischen Antirassismus-Trainings, zu dem die Universität Cambridge alle Mitglieder der Fakultät "Arts and Humanities" verpflichtet: "Vor einiger Zeit schon hatte Cambridge den Versuch einer 'umgekehrten Mentorenschaft' unternommen, bei dem weiße Lehrkräfte durch solche aus der BAME-Gruppe (Black, Asian and minority ethnic) in puncto Rassismus unterrichtet werden sollten. Auch diese Maßnahme war von der Überzeugung getragen, man müsse nicht auf entsprechende Taten oder Äußerungen warten. Das Weißsein allein erzeugt hier schon einen Umerziehungsbedarf. Weiße sähen die Probleme der Nichtweißen nicht. Das kann sein, aber das gilt für die Probleme der Schüchternen oder der Süchtigen bei denen, die es nicht sind, auch." Und natürlich: "Es soll auch Noten für die Kurse geben, die aber, heißt es, nur zu statistischen Zwecken ausgewertet werden." 

Weiteres: Die Landschaft deutscher Stiftungen wird immer unübersichtlicher, schimpft Heribert Prantl in der SZ, ein Dickicht, in dem Idealismus, Wohltätigkeit und Philantropie gedeihen, aber auch Etikettenschwindel und politische Einflussnahme: "Es bräuchte ein kreatives legislatives Konzept für Wohltätigkeit." Die taz bringt einen Auszug aus dem Buch "Hure oder Heilige - Frau sein in Italien" von Barbara Bachmann und Franziska Gilli, in dem die beiden Autorinnen jene Januarwoche des Jahres 2020 rekonstruieren, in der sieben Frauen ermordet wurden.
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Archiv: Gesellschaft

Wissenschaft

Jean-Pierre Jenny erinnert in der NZZ an den Gelehrten Girolamo Fracastoro, der bereits 1546 in seinem Buch "De contagione" direkte und indirekte Ansteckung zu unterscheiden wusste: "Zu dieser letztgenannten Option hielt er jedoch fest, dass eine Infektion über Distanz niemals auf magische oder okkulte Kräfte zurückgeführt werden könne, und wenn ein Krankheitserreger eingeatmet werde, dann könne er auch nicht einfach durch Ausatmen vertrieben werden. Als Arzt vermutete Fracastoro, dass eine Art Keime die Übertragung bewirken musste. Diese Keime seien aber zu klein, als dass man sie sehen könne. Damit trat er in Widerspruch zu der seit der Antike herrschenden Theorie der Miasmen. Nach dieser Auffassung entstehen unter der Erdoberfläche oder in Sümpfen Ausdünstungen, welche fiebrige Erkrankungen und Pestepidemien auslösen. Auch die alte Humorallehre verwarf er. Auf ihrer Basis hatte man Epidemien als Störungen im Gleichgewicht der vier Körpersäfte gesehen."

Joachim Müller-Jung schreibt in der FAZ zum Tod des Atmosphärenchemikers Paul Crutzen, der das Ozonloch entdeckte und den Begriff des Anthropozäns entwickelte: "Warum hat man den Namen Paul Crutzen trotzdem so selten gehört als lauten Mahner und Warner? Diesen Charismatiker, der in der Community schon in den Achtzigern eine Legende war und mit seinem holländischen Spracheinschlag und einer anrührenden Menschlichkeit selbst die tiefgründigsten Chemiethemen aufzulockern wusste? Die Antwort ist einfach: Weil er weniger als andere die große politische Bühne suchte. Er war als begnadeter Experimentator und wissenschaftlicher Theoretiker zu Weltruhm gelangt, doch das Geschäft des politischen Handelns lag in den Händen anderer."
Archiv: Wissenschaft

Geschichte

In den juristischen Auseinandersetzungen mit den Hohenzollern spielt nur eine Rolle, ob Kronprinz Wilhelm als Chef des Hauses dem Aufstieg der Nazis erheblichen Vorschub leistete (mehr hier). Für die Historikerin Karina Urbach ist aber auch interessant, wie die Frauen agierten. Gestützt auf die geheimdienstberichte der amerikanischen Journalistin Sigrid Schultz schreibt sie in der taz etwa über Kronprinz Wilhelm und seine Frau Cecilie: "Seit Ende der 1920er Jahre führte das Paar in Berlin ein großes Haus, und Cecilie engagierte sich in vaterländischen Frauenverbänden, unter anderem übernahm sie die Schirmherrschaft des 1923 gegründeten Königin-Luise-Bundes. Der Bund schloss 'Jüdinnen und andere Fremdrassige' von der Mitgliedschaft aus, 'um die Reinheit der Rasse' zu gewährleisten. Im Mai 1933 schwor Cecilie 20.000 Zuhörerinnen ihres Bundes mit markigen Worten auf den Führer ein: 'So bringen wir nationalen Frauen … die sich von nun an in breiter Front zusammengeschlossen haben, unserem Reichskanzler Adolf Hitler unseren von Herzen kommenden Dank dafür, daß wir unter seinem Schutz unsere vaterländischen Aufgaben ungehemmt erfüllen dürfen.' Ihre Rede wurde mit begeisterten Heilrufen aufgenommen."
Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

In Hamburg und Wien wurden die Kulturetats im Pandemie-Jahr 2020 sogar erhöht, im SZ-Interview erklären Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, wie man seine Ziele durchsetzt. Kaup-Hasler: "Permanentes Argumentieren aufgrund einer genauen Analyse hilft enorm. Insistieren. Nicht aus einer Defensivposition heraus verteidigen. Unser Kampf gilt ja auch der Abfederung zukünftiger Kosten. Es geht um gesellschaftlichen Mehrwert. Wir verlieren etwas, wenn die sozialen Räume, die Kunst schafft, schrumpfen. Gerade auf dem Feld der Kultur müssen wir unbequeme Fragen stellen."
Stichwörter: Pandemien

Medien

Früher war das Fernsehen doch besser, klagt Holger Gertz in der SZ wieder einmal und erinnert sich an Günter Gaus, Dieter Kürten und Roger Willemsen. Und heute?  "Jeden Abend Reden und Raunen um des Redens und Raunens willen, weil die Quote stimmt. Was ist das für ein Fernsehen?"
Archiv: Medien

Europa

Marko Martin erinnert bei den Salonkolumnisten an einen letzten und besonders traurigen Höhepunkt der deutschen Friedensbewegung vor genau dreißig Jahren, als Saddam Hussein Kuwait besetzt hatte und damit drohte, Israel in ein Krematorium zu verwandeln. Während die Israelis sich mit Gasmasken in Bunker setzten mussten, skandierten die deutschen Empörten "Kein Blut für Öl" und "Amis raus aus Arabien!", schreibt Martin: "Jenseits des offenkundigen Irrsinns der selbsternannten Friedensstrategen bleibt vor allem die eiskalte Ignoranz gegenüber dem Schicksal Israels hängen, verbreitet in exakt jenem Milieu, das seit Jahrzehnten das Mantra wiederholte, aus der Vergangenheit gelernt zu haben, nie mehr wegsehen zu wollen, den Anfängen zu wehren, etc pp." Die Parallele zu den heutigen BDS-Ermöglichern um den "Weltoffen"-Aufruf ist für Martin augenfällig: "Verblüffend ähnlich die Muster: Wie damals und heute jenes juste milieu geradezu manisch nach 'jüdischen Stimmen' forscht, die dem eigenen Ressentiment das Schmuddelige nehmen sollen."
Archiv: Europa