9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2021 - Wissenschaft

Der Philosoph Dieter Schönecker begründet in der Welt, warum er dem "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" (unsere Resümees) beitrat, auch wegen der Polarisierung in den sozialen Medien, die er zwar nach eigenem Bekenntnis nicht nutzt, aber doch einzuschätzen weiß: "Als Anfang Februar 2021 das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet wurde, brach, wie zu erwarten, ein Twitter-Sturm los, und wie ebenfalls nicht anders zu erwarten wurde das Netzwerk sofort als rechts diffamiert. So zwitscherte der Göttinger Historiker Tobias Weidner in Anspielung auf seinen Kollegen Andreas Rödder, der ebenfalls Mitglied im Netzwerk ist, das Netzwerk müsse sich umbenennen in 'Rödders Rechtsaußen-Resterampe'. Ist das differenziert?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 - Wissenschaft

Der ökologische Zustand der Erde ist "erbärmlich", schreibt der Umweltforscher Josef Settele in einem recht ausgewogenen Text in der Welt, in dem er den Zusammenhang zwischen Klimawandel, Artensterben und Pandemien erläutert: "Diese drei Komponenten, die ich die 'Triple-Krise' nenne, bedingen und befeuern sich wechselseitig. Durch Rodung mit Kettensägen oder durch Brände verschwindet Lebensraum für Wildtiere, damit dort Palmöl angebaut werden kann oder Wohnungen errichtet werden können. Die Pufferzonen zwischen Wildnis und Zivilisation schwinden, Mensch und Wildtier kommen sich ungewollt immer näher, von den hässlichen Wildtiermärkten in Asien und Afrika ganz zu schweigen. (…) Das Coronavirus und Covid-19 sind eine Lappalie gegen das, was noch im Dschungel auf uns lauert. Alarmismus? Mitnichten. Die Erderwärmung sorgt dafür, dass eingeschleppte Mücken-, Hornissen- und Zeckenarten, die für Menschen äußerst gefährliche Krankheitserreger in sich tragen, in Europa Fuß fassen, weil sie die Winter locker überleben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2021 - Wissenschaft

Zu Beginn der Woche warf der Historiker Caspar Hirschi in der FAZ der Wissenschaftsakademie Leopoldina und dem RKI-Präsidenten Lothar Wieler vor, Regierungspropaganda zu betreiben (unser Resümee). Heute entgegnet ihm recht scharf Gerald Haug, der Präsident Leopoldina. Wo sind die Belege?: "Hirschis Gespinst ist rundum falsch. Wie jede ihrer Stellungnahmen hat die Leopoldina auch die Ad-hoc-Stellungnahme vom 8. Dezember 2020 ohne politischen Druck und ohne Einmischung der Politik unabhängig erarbeitet. Die Kernaussage der Stellungnahme, dass ein 'harter Lockdown' zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung eine normativ gebotene Handlungsoption sei, beruhte ausschließlich auf den Einsichten von insgesamt 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an der hochgradig interdisziplinären Arbeitsgruppe mitgewirkt haben. Wer hier ein 'Kalkül' unterstellt, das politisch motiviert den wissenschaftlichen Diskussionsprozess fremdgesteuert habe, beschädigt mutwillig nicht nur das Ansehen der unabhängigen Wissenschaft und einer ihrer Institutionen. Darüber hinaus verunglimpft er vor allem die an der Arbeitsgruppe beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in ihren jeweiligen Fachgebieten eine hohe Reputation genießen, als willfährige Mitläufer."
Stichwörter: Lockdown, Leopoldina

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2021 - Wissenschaft

Der Wissenschaftsbetrieb liegt vielerorts während der Pandemie brach, Bibliotheken, Archive und Labore sind geschlossen, Labortiere und -kulturen mussten vernichtet werden, Promotionsstipendien wurden häufig nur nach Ermessen der Fachbereiche verlängert, weiß Jonas Feldt in der Welt: "Auch für die Zukunft sieht es nicht besonders gut aus - für das in diesem Jahr beginnende Exzellenzforschungsprogramm Europe Horizon ist das Budget bis 2027 auf 95,5 Milliarden Euro festgelegt worden. Vom Europäischen Parlament wurden ursprünglich 120 Milliarden gefordert, die Kommission strebte 100 Milliarden Euro an. Konkurrenzfähig mit anderen großen Wissenschaftsstandorten ist die EU damit nicht. Bei einem derartigen Umgang mit der Wissenschaft und ihrem Nachwuchs wird sich dieser nach neuen - und alten - Forschungshotspots wie China oder den USA umschauen und umschauen müssen. Die Folgen solcher Abwanderungen sind katastrophal, auch für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Europa. Denn mit den Professoren gehen ganze Arbeitsgruppen, einschließlich ihrer Doktoranden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2021 - Wissenschaft

In Grenoble sind zwei Professoren in sozialen Medien und über Graffiti an Uni-Gebäuden als "Islamophobe" und Faschisten an den Pranger gestellt worden (unser Resümee). In Frankreich hat die Affäre nach dem Mord an Samuel Paty, der mit einer ähnlichen Kampagne anfing, Aufsehen erregt. Hadrien Brachet berichtet für die Zeitschrift Marianne über die Atmopshäre an der Uni Grenoble, wo sich Professoren in einem Papier äußerten: "Merklich hin- und hergerissen zwischen der Verurteilung der Graffiti und Sympathie für andere Kollegen beklagen sie in dem Kommuniqué 'gefährliche Handlungen' und rufen zur 'Befriedung' auf, ohne jedoch eine Unterstützung der Angegriffenen zu formulieren. Der Repräsentant des wichtigsten Studentenverbands prangert seinerseits eine 'instrumentalisierte Polemik' an und fordert sogar Sanktionen gegen die beiden der 'Islamophobie' bezichtigen Professoren an." In der Welt wird Klaus Kinzler, einer der beiden attackierten Professoren, interviewt, das Interview steht leider nicht online.

Der "Islamogauchismus", die Allianz zwischen linken Intellektuellen und reaktionären Islamisten, ist nicht das Hauptproblem an den französischen Universitäten, meint die Kunstsoziologin Nathalie Heinich im Interview mit der NZZ, sondern "die Vermischung zwischen Aktivismus und Forschung. ... Wenn wir so weitermachen, entwickelt sich die Uni zu dem Ort, an dem in Dauerschleife rein ideologische Arbeiten über Diskriminierung entstehen. Damit man mich richtig versteht: Gegen Diskriminierung zu kämpfen, ist absolut richtig und legitim - in der Arena der Politik. Es gibt Parteien und Assoziationen dafür. An der Uni dagegen sind wir angestellt, um Wissen zu schaffen und weiterzugeben, und nicht, um die Welt zu verändern."

Der klassische Philologe Jonas Grethlein erzählt auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ aus Cambridge und Oxford, wo Altphilologen Sensibilisierungskurse über ihren "strukturellen Rassismus" belegen sollen und kritisiert Bestrebungen, sein Fach nach den Kriterien der "Critical Race Theory" um den amerikanischen Althistoriker Dan-el Peralta neu zu orientieren: "Dan-el Peralta, Professor für römische Geschichte in Princeton, hat wiederholt festgestellt, als Schwarzer und Immigrant könne er Unterdrückung und andere Phänomene in der Antike anders und besser erschließen als seine weißen Kollegen. Hier wird die Identität des Wissenschaftlers zum Grund für neue Erkenntnisse, die Identitätslogik ist mit der Erkenntnislogik verbunden. ... Altertumswissenschaftler betrachten vergangene Kulturen wie die Antike im Horizont ihrer eigenen Zeit. Aber wenn dieser Horizont so übermächtig wird, dass sie die antiken Werte und Praktiken primär als Bestätigung oder Widerspruch zu ihren eigenen Vorstellungen sehen, dann verspielen sie die Möglichkeit, neue Perspektiven auf die Gegenwart zu gewinnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2021 - Wissenschaft

Der Trierer Historiker Benjamin Zachariah erzählt bei geschichtedergegenwart.ch, wie die indische Regierung die Coronakrise nutzt, um die akademische Freiheit einzuschränken: "In aller Stille wurde in einer bürokratischen Mitteilung des Bildungsministeriums der indischen Regierung vom 15. Januar 2021 festgelegt, dass alle akademischen Online-Veranstaltungen oder Konferenzen, die an oder mit Beteiligung von staatlich finanzierten Institutionen stattfinden, einer vorherigen Genehmigung bedürfen und beim Außenministerium registriert werden müssen, wobei das Programm auf eine vom Ministerium bereitgestellte Online-Seite hochgeladen werden muss. Bei den akademischen Veranstaltungen dürfen keine inneren Angelegenheiten Indiens, keine sensiblen Themen oder Angelegenheiten der nationalen Sicherheit zur Sprache kommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2021 - Wissenschaft

Hannah Bethke kam gestern auf der Wissenschaftsseite der FAZ auf die Diskussion um die Genderprofessorin Maureen Maisha Auma zurück, die von dem AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider heftig attackiert wurde (unser Resümee). Der Islamwissenschaftler ist Abgeordneter und Vizechef der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt und dort Sprecher für Wissenschaft, Bildung und Kultur. An der Uni Bayreuth ist er Privatdozent. Nach seinen Attacken hatte es mehrere Solidaritätserklärungen von Kollegen für sie gegeben. Bethke will allerdings den Studien und Erklärungen der Antirassisten an den Unis nicht ganz trauen und verteidigt sogar einen Antrag der AfD-Fraktion im Bundestag, das Antirassismusprogramm der Bundesregierung aufzugeben. Die AfD argumentiere hier zwar ideologisch verblendet, "das zeigt sich etwa in Fehlschlüssen, welche die Behauptung einer 'unregulierten Zuwanderung' und einer deutschen 'Basisidentität' mit der Theorie-Analyse vermischen. Das enthebt die Gegenseite aber nicht der Pflicht einer sachorientierten Auseinandersetzung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2021 - Wissenschaft

In der Welt findet es Jörg Phil Friedrich grundsätzlich begrüßenswert, dass Professoren sich in einem Netzwerk für die Wissenschaftsfreiheit einsetzen. Aber so hilflos wie sie tun, sind die Professoren in ihren Machtpositionen nun auch nicht, kritisiert er und fordert mehr Mut: "Da wäre als Erstes die Kraft des Arguments. Wenn sie Widerstand gegen die Einladung umstrittener Gäste fürchten, sollten sie schlicht stark bleiben und praktisch zeigen, wie kontroverser Diskurs funktioniert. Sie sind die, die auf dem Podium stehen, sie sind die, die die Mikrofone in der Hand halten, sie sind die, die darin geübt sein sollten, ihre Argumente mit Witz und Überzeugungskraft vorzutragen. Und sie sollten wohl auch die Reflexionsfähigkeit besitzen, im Gegenwind des Widerspruchs, der oft unsachlich und wenig akzeptabel sein mag, die bedenkenswerten Argumente zu vernehmen, aufzugreifen und zu verarbeiten. Mit einer wehleidigen Attitüde der gekränkten Autorität, die meint, das Abendland würde untergehen, weil sich unsachlicher und lautstarker Widerstand gegen gewohnte und selbstverständlich geglaubte Freiheiten regt, wird man diese Freiheit nicht verteidigen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2021 - Wissenschaft

Viel dazu gelernt hat die Wissenschaft seit dem Plagiatsskandal von Guttenbergs Doktorarbeit nicht, meint Tanjev Schultz in der SZ. Das liege vor allem daran, dass viel zu viele Doktorarbeiten geschrieben würden, oft "fürs eigene Prestige, für ein besseres Einstiegsgehalt, die schnellere Karriere oder um in der eigenen Kleinstadt zum Grüppchen der Honoratioren aufzuschließen. Und so lesen sich viele Doktorarbeiten dann auch. Stumpfsinn für Fortgeschrittene, ohne wissenschaftlichen Mehrwert und zum Schaden jener Promovierenden, die tatsächlich interessante oder sogar brillante Ergebnisse erarbeiten. Die gibt es ja auch."
Stichwörter: Plagiate

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2021 - Wissenschaft

In der FAZ verteidigt Sibylle Anderl die Modellberechnung in der Wissenschaft gegen die Anhänger der reinen Faktenlage: "Modelle als Brückenelemente zwischen Theorien und Anwendungsfällen prägen seit jeher die Wissenschaften. Je komplexer das Problem, desto wichtiger werden Vereinfachungen, Idealisierungen und Approximationen. Mit dem Einsatz von Computern wurden die Grenzen des Berechenbaren zwar verschoben. Daran, dass Modelle das Modellierte nur annähern können, hat sich dennoch nichts geändert. 'Unsicherheit' ist daher der zentrale Begriff jeder Modellierungstätigkeit."