Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Zumindest diskursiv im eigenen Saft

11.10.2010. Der iranische Philosoph Abdulkarim Soroush erklärt in seinem Blog, warum iranische Geistliche so gern eine islamische Wissenschaft hätten. Douglas Coupland legt in The Globe and Mail einen "radical pessimist's guide to the next 10 years" vor, in dem er sich auch endgültig von der Mittelschicht verabschiedet. Die SZ berichtet von einem Eklat bei der Verleihung des Leipziger Medienpreises an Kurt Westergaard: Shirin Ebadi boykottierte die Veranstaltung und findet, dass Westergaards Karikatur gegen die UN-Menschenrechtserklärung verstößt. Und endlich: Der Heatball ist da!

Gottes Geschenk an China

09.10.2010. Die FR betrachtet muskulöse Männerkörper und -bäuche in der großen Michelangelo-Ausstellung in der Albertina. In der NZZ warnt Annette Schavan vor gottlosen Säkularismus. In der taz erklärt Norbert Bolz: Internet und Massenmedien brauchen sich. Die FAZ porträtiert den Berliner Fußballscout Roger Ülger. Die SZ erklärt, warum China heute kritische Autoren nicht mehr mundtot machen kann.

Nach Homers Art

08.10.2010. So richtige Beisterung kommt in den Feuilletons über den Literaturnobelpreis für Mario Vargas Llosa nicht auf. Die NZZ porträtiert ihn als Selbstdarsteller. Die taz findet ihn zu neoliberal. Die SZ nicht kühn genug. Nur FAZ und Welt freuen sich. Außerdem: Die SZ erklärt am Beispiel der Bloggerin Shiva Nazar Ahari, was es bedeutet, im Iran zur "Feindin Gottes" erklärt zu werden. Die Welt porträtiert die Heimatschriftstellerin Maria Beig.

Kennzeichen restaurativer Epochen

07.10.2010. In der NZZ rechnet der Autor Niyi Osundare mit Nigerias betrügerischer Herrscherclique ab. In der taz besteht Washington-Post-Reporterin Dana Priest auf der Trennung zwischen Meinung und Tatsachen. Die Schweiz tut nur liberal, meint Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji in der Welt. Literaturdeutschland ist nur noch eine gediegene Mittelstandsparty, schimpft die Zeit.

Unterhalb des Kukident-Alters

06.10.2010. Im Tagesspiegel fragt Monika Maron, ob der Islam wirklich zu Deutschland gehört. Für die NZZ analysiert Oleg Jurjew die verheerenden Auswirkungen der Postmoderne auf die Petersburger Eremitage. Die FR starrt auf einen nackten Macho in Mullbinden vor bröckelnder Mauer. Schafft das ZDF ab, ruft die Welt, die "Mad Men" schon vor drei Jahren auf DVD gesehen hat. In der SZ erklärt "Mad Men"-Hauptdarsteller Jon Hamm: Digitale Technologie machte den Erfolg seiner Serie möglich. Die FAZ lässt sich auf der Buchmesse erklären, was ein "erweitertes E-Book" ist.

Ihr gemeinstes Gesicht

05.10.2010. In der FR beschreibt der Autor Martin Caparros die Fallstricke argentinischer Erinnerungspolitik. In der taz erzählt der Autor Damian Tabarovsky, wie im Jahr 2001 in Argentinien die Künste neu erblühten. Die NZZ weiß, warum Schweden keinen Nobelpreis bekommen. Die SZ betrachtet mit 200 Kunstsammlern schwitzende Männer am Hochofen. Die FAZ betrachtet eine einsame Sexgöttin beim Brotscheibenkneten.

Sechzig lebendige Fliegen

04.10.2010. Zeit Online bringt einen Essay des Copyleft-Aktivisten Federico Heinz über das, was das Buch ist, wenn es digital ist. In Arthurmag erklärt der Bestsellerautor Douglas Rushkoff, warum er sein neuestes Buch außerhalb der etablierten Verlage veröffentlicht. Der Standard bringt einen Überblick über die österreichische Verlagsszene. In der FAZ erklärt David Simon, was "The Wire" von den "Mad Men" unterscheidet. Die taz erkennt in der Zeichnerin Molly Norris ein Opfer der naiv in Anspruch genommenen freien Meinungsäußerung.

Schnelle Zunge

02.10.2010. In der NZZ fragt der Autor Tomas Eloy Martinez: Lebt der Peronismus denn ewig? In der taz fragt Michael Rutschky: Garantieren nur Dinge die Ordnung der modernen Welt?. Im Spiegel fragt Konrad Lischka: In welchem Zustand ist die Buchbranche, wenn sie das Libroid nicht selbst hervorbringt? In der SZ verkündet New-Yorker-Herausgeber David Remnick sein verlegerisches Credo.

Nicht jedes Tabu ist falsch

01.10.2010. Die Welt sucht nach dem großen deutschen Gegenwartsroman, findet ihn aber nicht. Drei ostdeutsche Intendanten verkraften überdies das Trauma der Wiedervereinigung. Die taz bringt aus diesem Anlass einen Appell von Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten gegen Biologismus und die Ausgrenzung von Migranten. Außerdem plädiert die taz für Sprechverbote. Laut FR bringen die SZ und andere Zeitungen große Anzeigen der Jungen Freiheit, die von der Sarrazin-Debatte profitieren will. In der FAZ weist Thilo Sarrazin den Vorwurf des Biologismus zurück: "Mich interessiert das Zusammenspiel von 'Nature' und 'Nurture'." In der SZ erhofft sich Ingrid Thurner Denkanstöße von muslimischen Feministinnen zum Problem der Sexualisierung unserer Öffentlichkeit.

Ebenjenes Lullefix

30.09.2010. In der Zeit vermisst Thea Dorn politische Polemiker. Außerdem findet die Zeit: Der deutschen Literatur geht's nicht so gut. Sie plappert. Wie die  "kindergeburtstagsfröhliche Literaturkritik". Die FAZ sieht Geert Wilders' Erfolg in den Niederlanden als Stoßseufzer einer satten Gesellschaft, die beim Verdauen nicht gestört werden möchte.