Bücherbrief

Mit Gedankengeschwindigkeit

07.07.2025. Erfrischende Lektüre für heiße Sommertage: Patricia Holland Moritz schickt eine junge DDR-Bürgerin mit viel Witz nach der Wende drei Sommer lang nach Paris, Paul Ruban lässt in einem mexikanischen Luxusresort einen Blauwal und eine Ehe explodieren, Juan S. Guse nähert sich einer Gruppe stinkreicher Krypto-Boys, Michi Strausfeld begibt sich auf deutsche Spuren in Lateinamerika und Paolo Rumiz sucht Abkühlung im unterirdischen Italien. Dies alles und mehr in unseren besten Bücher des Monats Juli.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Tan Twan Eng
Das Haus der Türen
Roman
DuMont Verlag. 352 Seiten. 24 Euro

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Dieser Roman des malayisch-britischen Autors Tan Twan Eng spielt im Jahr 1921 in Malaysien. Ausgehend von einigen bekannten Fakten erzählt er, wie William Somerset Maugham während eines Besuchs in der britischen Kolonie zum Stoff für seine berühmte Erzählung "Der Brief" (1940 mit Bette Davis verfilmt) gekommen sein könnte. Dabei verhält sich Engs Roman zu Maughams Erzählung in etwa so wie ein breites, detailreiches und farbenprächtiges Sittengemälde zu einer "Kohlezeichnung", meint in der FAZ Bernd Eilert, dem das Kontrastprogramm alles in allem sehr gut gefällt. Wie der Autor Fakt und Fiktion verwebt, hätte auch Maugham gefallen, ist er überzeugt. Dlf-Kritiker Oliver Pfohlmann verliert manchmal etwas die Übersicht, zumal hier auch noch Liebesaffären, ein revolutionär gesinnter Chinese, die britische Kolonialgesellschaft und ein Mord eine Rolle spielen, aber auch er hat sich gut unterhalten. Und Marko Martin ruft im Dlf Kultur gar "Meisterwerk", so spannend findet er den Roman.

Patricia Holland Moritz
Drei Sommer lang Paris
Roman
Aufbau Verlag. 426 Seiten 24 Euro

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Das ist schon originell: Über den Mauerfall zu schreiben aus der Perspektive einer jungen DDR-Bürgerin, die kurz vorher nach Paris gezogen war, findet SWR-Kritiker Michael Kuhlmann. Patricia Holland Moritz' Alter Ego Ulrike betrachtet die Ereignisse im Fernsehen distanziert, aber manchmal doch recht zornig, so Kuhlmann, und sinniert über Ossis wie Wessis gleichermaßen, die weder ihre neuen Freiheiten noch ihre alten Privilegien verstehen. Über weite Strecken des Buches aber geht es um die Entdeckung von Paris durch eine junge Frau, die "zum ersten Mal die weite Welt betritt", erklärt in der SZ Michelle Schleimer. Und so ist der Roman auch eine Liebeserklärung an die Stadt. Sprachlich ist das nicht unbedingt ambitioniert, trotzdem empfiehlt die Rezensentin das Buch sehr gerne. taz-Kritiker Julian Weber verzichtet gern auf Sprachspiele, wenn ein Roman so lebendig, spannend, raffiniert gebaut, teilweise ungemein witzig von der "Alltagskommunikation im Pariser Nahverkehr" erzählt oder von "Missverständnissen bei der gesellschaftlichen Etikette" und die Welt jenseits des Péripherique entdeckt.


Juan S. Guse
Tausendmal so viel Geld wie jetzt
S. Fischer Verlag. 192 Seiten. 23 Euro

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So ganz sicher kann niemand sagen, ob es sich bei dem neuen Buch von Juan S. Guse nun um einen Roman oder um ein Sachbuch handelt. Aber für den SZ-Kritiker Felix Stephan zählt Guse so oder so zu den  "avanciertesten Schriftsteller seiner Generation", sein tausendseitiger Roman "Miami Punk" hat in bestimmten Kreisen inzwischen Kultstatus erreicht. Hauptberuflich ist Guse als Soziologe tätig, vom Literaturbetrieb hält er sich meist fern - wenn er nicht gerade filmreife Performances beim Bachmann-Wettbewerb hinlegt. Seine beiden Professionen bringt Guse laut Stephan nun brillant zusammen, wenn er für dieses Buch vier unterschiedliche Männer zwischen 20 und 40 begleitet, die eines eint: Sie sind durch Kryptowährung zu sehr, sehr viel Geld gekommen, ohne zu wissen, was sie damit anfangen sollen. Guse, der durch Krypto Geld verloren hat, gelingt eine gute Mischung aus Nähe, Neugier und Distanz, wenn er die Männern beim Klettern oder Campen begleitet, versichert Tobias Rüther in der FAS: Eine leise Kritik kommt hier nicht zu kurz, meint er. Auch die Dlf-Rezensentin Undine Fuchs hat viel Spaß mit dem Text, den Guse zwischen Faktizität und Literarizität switchend an Verfahren des New Journalism anlehnt. Nur ein paar der vielen Fachbegriffe hätte sie gerne erklärt bekommen

Paul Ruban
Der Duft des Wals
Roman
Aufbau Verlag. 223 Seiten. 22 Euro

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Nicht nur Fans der Serie "White Lotus" werden begeistert sein von diesem Roman, versichert in der SZ ein hingerissener Bernhard Heckler. Worum gehts? Um ein Paar, das seine Ehe mit einem Urlaub in Mexiko retten will. Dumm nur, dass vor der Tür des Luxusresorts ein Blauwal stirbt und langsam verrottet. Es stinkt erbärmlich - genau wie die Ehe der beiden Protagonisten, die hoffnungslos verloren zu sein scheint, wie Heckler erzählt. Bald regiert das Chaos, Hugo verführt eine Animateurin, Judith kauft Drogen und die Stewardess in ihrem Flieger versucht ihre Schuldgefühle wegzupeitschen. Heckler bewundert die multiperspektivische, witzig-fiese Erzählweise des Romans. Ein "Meisterwerk", versichert er, das auf strandkorbgeeigneten 220 Seiten liebevoll Absurditäten, Heucheleien und Lächerlichkeiten der bürgerlichen Mittelschicht aufs Korn nehme, ohne bösartig zu werden.

Faruk Sehic
Von der Una
Roman
Voland und Quist Verlag. 240 Seiten. 24 Euro

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Der bosnische Schriftsteller Faruk Sehic kommt im Jugoslawienkrieg als 21-Jähriger zum Militär, macht dort Karriere und zieht in den Krieg gegen Serbien. Auch wenn - nach einem Gedichtband - sein erster ins Deutsche übersetzte Roman vor diesem Hintergrund spielt, ist er doch keineswegs nur autobiografisch, versichert Sieglinde Geisel in FAZ: Weit hinaus über persönliches Erleben geht die Geschichte um einen Helden, der sich von einem Hypnotiseur zurück in seine Jugend katapultieren lässt, schreibt sie. In auschweifender Prosa und in einer ganz eigenen Sprache, zwischen Orten und Zeiten springend, führt Sehic sie zunächst in eine geradezu paradiesische Kindheit, die er in dichten Naturbeschreibungen schildere. Die Naturmetaphern verwendet der Autor auch bei den späteren, mitunter brutalen Kriegsschilderungen, erklärt Geisel: "Es regnete Mörsergranaten wie Blumensträuße". Paul Jandl (NZZ) bewundert die "Gedankengeschwindigkeit", mit der ihn Sehics Held auf eine "Zeitreise" mitnimmt, "wie sie die Literatur noch nicht kennt". Wie Sehic Kriegsgrauen, Folter, Hass und Überlebenskampf atmossphärischen Beschreibungen von überschwemmten Wiesen nach sommerlichen Regenfällen gegenüberstellt, lässt den Kritiker lange nicht los. Im Dlf staunt Undine Fuchs, wie der Autor seine "leuchtende Sprache" als Heilmittel einsetzt.


Sachbuch

Michi Strausfeld
Die Kaiserin von Galapagos
Deutsche Abenteuer in Lateinamerika
Berenberg Verlag. 180 Seiten. 24 Euro

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Gibt es eine bessere deutsche Lateinamerikakennerin als Michi Strausfeld? Der Literaturwissenschaftlerin, die mehr als dreißig Jahre das spanisch-lateinamerikanische Programm des Suhrkamp-Verlags verantwortete, verdanken die Deutschen die Kenntnis der großen lateinamerikanischen Literaten. Aber heute, so klagt Katharina Döbler im Gespräch mit der Autorin für Dlf Kultur, ist das deutsche Interesse an Lateinamerika und seinen Autoren erloschen. Grund genug für Strausfeld nach deutschen Spuren auf dem Kontinent zu suchen. Und Dobler trägt mit merklichem Interesse weiter, was die Autorin zutage fördert: Deutsche Siedler gab es. Flüchtlinge vor den Nazis und Flüchtlinge, die Nazis waren. Forscher und Spinner. Strausfeld hätte genug Material für einen literaturhistorischen Wälzer, so die Rezensentin. Aber so etwas machen Verlage ja nicht mehr. Darum hier gedrängt und anregend: ein deutsches Plädoyer für Lateinamerika - und die bunte Geschichte seiner deutschen Bewohner, Bösewichte, Liebhaber und Erforscher. Für den SWR hat sich Peter B. Schumann mit der Autorin unterhalten.

Gerhard Johannes Rekel
Lina Morgenstern
Die Geschichte einer Rebellin
Kremayr und Scheriau Verlag. 264 Seiten. 18,99 Euro

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An eine faszinierende Frau, Rebellin und Galionsfigur der bürgerlichen Frauenbewegung erinnert uns der Wissenschaftsjournalist Gerhard Johannes Rekel mit dieser lesenswerten Biografie: Schon im Kindesalter engagierte sich die 1830 in Breslau in eine deutsch-jüdische Familie geborene Lina Morgenstern für sozial Benachteiligte, später zog sie nach Berlin und gründete während des preußisch-österreichischen Krieges die Berliner Volksküchen, für die sie viel Ansehen erntete, aber auch mit Misogynie und vor allem antisemitischem Hass konfrontiert wurde. Zudem war sie Gründerin der "Deutschen Hausfrauen-Zeitung", in der sie nicht nur über richtige Ernährung, medizinische Mythen und weibliche Gesundheit aufklärte, sondern auch für das Wahlrecht für Frauen kämpfte. Eine "fesselnde" Biografie über eine mutige, engagierte Frau legt uns Victoria Eglau im Dlf ans Herz. Und auch bei der SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh hallt das Buch lange nach.

Paolo Rumiz
Eine Stimme aus der Tiefe
Reise durch das unterirdische Italien
Folio Verlag. 320 Seiten 28 Euro

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Die Reise, zu der uns der italienische Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz mitnimmt, dürfte bei dieser Hitze auf jeden Fall angenehme Kühle versprechen: Anhand einer "strukturell-kinematischen" Karte startet Rumiz von Sizilien aus bis zu den Alpen: Die Topografie Italiens zwischen 2009 und 2023 erkundend, steigt er in Schwefelgruben, erklimmt den Ätna, trifft zurückgebliebene Alte in fast verlassenen Dörfern und hält sich dabei überwiegend im Mezzogiorno auf. Für FAZ-Kritiker Andreas Rossmann sind es vor allem die Abschweifungen, auch ins Synästhetische, die dieses Buch glänzen lassen: So erfährt Rossmann etwa, dass Riccardo Muti Rumiz schrieb, die Tonart Neapels sei G-Dur. Dieser ausgezeichneten Kulturgeschichte verzeiht der Rezensent gern auch einige Flüchtigkeits- und sachliche Fehler. Auch Dirk Fuhrig empfiehlt in Dlf Kultur nachdrücklich dieses poetisch-leidenschaftliche Buch, dessen Autor er als "progressiven Nostalgiker" schätzt. Rumiz zeigt ihm die "Urgründe unserer Zivilisation" in Höhlen, Kratern und Katakomben Italiens und die Spuren der Griechen und Spanier am Ätna oder er folgt Odysseus durch Kalabrien. Nicht zuletzt ist es Rumiz' Kunst, das Archaische der Natur mit dem Politischen zu verbinden, die Fuhrig beeindruckt: Etwa, wenn der Autor an das Versagen Europas im Umgang mit den Flüchtlingen aus Afrika erinnert.

Ira Peter
Deutsch genug?
Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen
Goldmann Verlag. 256 Seiten. 22 Euro

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Die Journalistin Ira Peter kam selbst 1992 als Spätaussiedlerin nach Deutschland, würde sich selbst aber nie als "Russlanddeutsch" bezeichnen: Ihre Vorfahren waren um 1861 aus Ostpreußen ins heutige westukrainische Gebiet gezogen und wurden später nach Kasachstan deportiert, sie selbst hat bis auf die Muttersprache kaum etwas mit Russland zu tun, wie sie betont. Für FAZ-Kritikerin Yelizaveta Landenberger leistet Peter mit diesem Buch wichtige Aufklärungsarbeit, wenn sie ausgehend von der eigenen Familiengeschichte individuelle Erfahrung mit historischer Rekapitulation und einem Blick auf die aktuelle Situation in Deutschland lebender Russlanddeutscher verbindet. Mit großer Sachkenntnis führt Peters zunächst in die Geschichte der Russlanddeutschen ein, so die Kritikerin. Sie liest von sowjetischen Repressionen, dem Traum von der alten deutschen Heimat, der anschließenden Desillusionierung und einer daraus resultierenden "Überidentifizierung". Dass Peter ein gängiges Opferschema unterbricht und zu generellem "Miteinander" aufruft, erntet Landenbergers Anerkennung. Auch im Dlf Kultur legt uns Gesine Dornblüth dieses Buch ans Herz, denn sie findet hier nicht nur Erklärungen, was die Putin-Affinität vieler Russlanddeutscher betrifft, sondern erfährt auch einiges über deren Lebensumstände. 

Anke te Heesen
Frauen vor Mustern
Ein Bildmotiv und seine Geschichte
Klaus Wagenbach Verlag. 160 Seiten. 18 Euro

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Man hat sie schnell vor Augen, die Damen, die in Gemälden seit Ende des 19. Jahrhunderts in bürgerlichen Innenräumen vor Tapeten- und Stoffmustern drapiert wurden. Die Wissenschaftsjournalistin Anke te Heesen hat diesem Sujet einen ganzen Essay gewidmet: Klingt nach einem kunsthistorischen Nischenthema, geht aber offenbar weit darüber hinaus: Durch die Kunst- und Kulturgeschichte wandernd, geht sie dem Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Einsamkeit nach und fragt: Werden die Frauen vor den ornamentierten Tapeten und Stoffen selbst zum Interieur oder eignen sie sich den Raum vielleicht sogar an? FAZ-Kritikerin Alexandra Wach betritt mit der Autorin gern diesen "vortrefflich ausfransendem Diskussionsteppich", der auch Männern vor Mustern einen kurzen Exkurs widmet. In dem reich bebilderten Buch kann sie nicht nur sehen, wie dominant das Motiv der "im Textilen weggeschlossenen Frau" etwa in Gemälden von Cezanne, Vuillard oder van Gogh auftrat. Vor allem staunt sie, wie Künstlerinnen wie die Autodidaktin Suzanne Valadon, die Fotografinnen Francesca Woodman und Bettina Rheims, aber auch Elfriede Jelinek und sogar Madonna sich das Thema aneigneten und umdeuteten. Für taz-Rezensentin Hilka Dirks macht das Buch anhand eines kleines Gegenstands große Debatten zur Repräsentation und Sichtbarkeit  auf.

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