An diesem Wochenende beginnt der zweite Wiener Prozess im Rahmen der von Milo Rau kuratierten Wiener Festwochen, angeklagt ist diesmal die FPÖ, als Kronzeuge der Anklage tritt Julian Hessenthaler, Macher des Ibiza-Videos, auf, als Verteidigung die ehemalige AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry. Der Standard begleitet das Spektakel per Liveticker, Welt-Kritiker Jakob Hayner nötigt Raus Programm, bei aller Befremdung über den "koketten Flirt mit dem Aktivismus", Respekt ab: "Die Höhepunkte sind Theaterabende, die man so schnell nicht vergessen wird: Carolina Bianchi setzt sich mit K.o.-Tropfen außer Gefecht, Angélica Liddell stürzt sich in einen blutigen Stierkampf, Florentina Holzinger lässt nackte Nonnen tanzen. Tim Etchells klamaukige Slapstick-Nummer tourt durch alle Wiener Bezirke. Die letzten Arbeiten von René Pollesch und Peter Brook sind schon jetzt Theatergeschichte."
Von schlechter Auslastung und internen Querelen am Dortmunder Schauspielhaus seit Julia Wissert die Intendanz übernommen hat, berichten in der SZ Alexander Menden und Uwe Ritzer: "Interne Kritiker fühlen sich ... von ihr abgebürstet. Sie sei 'dogmatischer als mancher alte weiße Mann, der hier Intendant war', zitierte die WAZ einen langjährigen Mitarbeiter. 'Es herrschte eine besondere Form von Druck und Angst, eine Form von weicher Gewalt', sagte ein ehemaliges Ensemble-Mitglied der SZ. Zunächst einverstanden damit, namentlich mit diesem und anderen kritischen Sätzen zitiert zu werden, zog die betreffende Person ihre Zustimmung wieder zurück. So ist es häufig, wenn man mit Wissert-Kritikern spricht. Die Angst ist groß, am Ende als alter weißer Mann oder alte weiße Frau gebrandmarkt dazustehen, der oder die auf eine junge schwarze Intendantin losgeht."
Besprochen werden das von Alia Luque und dem Trio ACE inszenierte "Kein Sportstück" am Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Gernot Grünewalds Adaption von Thomas von Steinaeckers Roman "Die Verteidigung des Paradieses" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), João Turchis Inszenierung "Last Supper" in der Kaserne Basel (nachtkritik).
"100% peruanisch-amazonisches Haar. Bild: Fabian Ritter. In Manuela Infantes Theaterabend "100% peruanisch-amazonisches Haar" am Schauspielhaus Bochum geht es passend zum Titel um Verflechtungen, die weit über das Kopfhaar und die daraus bestehenden Perücken hinausgehen, die die Protagonistin des Stückes trägt, berichtet Theresa Schütz für die nachtkritik: "Ein Haartest konfrontiert die Schauspielerin schließlich mit der Tatsache, dass 159 verschiedene DNA-Spuren auf ihrem Kopf nachgewiesen werden konnten. Womit wir beim Haarraub-Komplex wären, dem zuvorderst Frauen aus verarmten, weil landwirtschaftlich ruinierten Regionen Südamerikas ausgeliefert sind. Stimmen berichten auch von Frauen, die aus Angst lieber ihre Haare essen. Und so steht die haarige Frage im Raum: Wussten wir von dieser Verflechtung? Wollen wie es überhaupt wissen? Reicht es nicht zu wissen, dass das Haarteil von Amazon kommt?"
Elfriede Jelineks Monolog "Angabe der Person" ist zuerst am Deutschen Theater in Berlin auf die Bühne gekommen und gastiert jetzt im Rahmen der Wiener Festspiele an der dortigen Volksbühne. Dass Standard-Kritiker Ronald Pohl so viel Freude an dem Stück findet, liegt vor allem an den Schauspielerinnen, die diese Geschichte zwischen Altern, Steuerfahndung und Familienforschung spielen: "Die Schauspielerinnen des Deutschen Theaters Berlin sind die Koloratursopranistinnen dieses Spuks. Jede knallt den Aktenordner ungehalten auf den Boden. ... In der Version der ingrimmigen Fritzi Haberlandt wird Rokoko-Gift versprüht. Mit spitzen Fingern aus gerüschten Ärmeln modelliert die Mimin in Blitzes Schnelle Jelineks Sprachturmbauten. Kommt vom 'Baldur' (von Schirach) auf den 'Arthur' (Seyß-Inquart), von diesen beiden auf ihren Cousin - und macht auch vor dem funktionsethischen Gebrauchsliteraten Ferdinand von Schirach nicht halt."
Mamela Nyamza ist eine der wichtigsten südafrikanischen Choreografinnen, weiß im Tagesspiegel Sandra Luzina, die Nyamzas Stück "Hatched Ensemble" im HAU bewundert. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit Ballett als elitärer und rassistisch geprägter Tanzform: "'Hatched' bedeutet ausgebrütet. Nyamaza hat auch wirklich etwas ausgeheckt. Ihr geht es nicht nur um eine Abrechung mit dem Ballett, das stelltvertretend für die Kultur der Weißen steht. Sie will einen Akt der Selbstbefreiung zeigen, einen Clash der Kulturen. Die Performer streifen zum Schluss die Spitzenschuhe ab und dehnen genüßlich ihre Füße. Zu fröhlichen Rhythmen tanzen sie barfuß, nur mit einem roten Mantel bekleidet. Die Rückbesinnung auf die afrikanische Tradition, so suggeriert die Szene, ist der einzige Weg, um sich von rassistischen Zuschreibungen zu befreien."
Besprochen wird außerdem die Strauss-Oper "Salome" in der Inszenierung von Cyril Teste an der Wiener Staatsoper (Standard).
Kafkas Käfer mal anders. Bild: Paul Max Fischer Einer ganz eigenen Annäherung an Kafkas "Verwandlung" wohnt SZ-Kritiker Martin Krumbholz beim Impuls-Theater-Festival in Köln, Düsseldorf und Mühlheim bei. Dort nämlich wurde er von Performer Manuel Gerst, Gründungsmitglied der freien Theatergruppe Monstertruck, aufgefordert, in einem Happening einen VW-Käfer mit Hämmern, Äxten, Golfschlägern und Mistgabeln zu zertrümmern: "Jemand sprüht in großen weißen Lettern 'Sei zärtlich' auf die Karosserie. Es dauert fast eine Stunde, bevor sich die Stoßstangen lösen lassen. Obwohl die Leute sich wirklich alle erdenkliche Mühe geben. Leicht zu dechiffrieren ist das Happening nicht. Vielleicht liegt darin sogar seine Qualität. Einerseits gilt der auf den ersten Blick fast unschuldige VW-Käfer vermutlich als Repräsentant fossiler Energien. Andererseits gerät aber auch die tatsächlich staunenswerte Zerstörungslust der ja ganz und gar freiwillig Mitwirkenden kritisch oder ethnologisch in den Blick. Was ist da los? Wieso gerieren diese Menschen sich so enthemmt, nur weil man ihnen (scheinbar?) freie Bahn lässt?"
Besprochen werden Modest Mussorgskys "Chowanschtschina" an der Berliner Staatsoper unter den Linden (FAZ, Welt, NZZ, VAN und ND - mehr hier), Janusz Kicas Inszenierung von Carlo Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" am Wiener Theater in der Josefstadt (FAZ), Florentina Holzingers Performance "SANCTA" in Schwerin (Zeit) und das Körber Studio Junge Regie in Hamburg (taz).
Staatsoper Hamburg: Saint François d'Assise. Jacques Imbrailo, Anna Prohaska, Audi Jugendchorakademie, Vokalensemble LauschWerk. Foto: Bernd Uhlig Olivier Messiaens "Saint François d'Assise" ist laut FAZ-Autor Jürgen Kesting weniger eine Oper denn ein regelrechtes Mysterium, verehrt, aber auch gefürchtet, vor allem von den Musikern, die das Stück aufführen sollen. Georges Delnon und Kent Nagano haben an der Hamburger Staatsoper die Herausforderung im Rahmen des Internationalen Musikfests angenommen. Die Inszenierung ist nicht frei von Sakral- und Sozialkitsch, lesen wir, aber musikalisch gerät die Darbietung "zum Befreiungsschlag Naganos als Operndirigent. Das Orchester war auf die maßlosen Herausforderungen der Partitur glänzend vorbereitet. Das besondere Charakteristikum des Raumklangs, die früher oft kritisierte Trennschärfe, sorgte selbst dieses Mal für exzellente Durchhörbarkeit. Ein Paradox nur: dass die exzessiven Ballungen des finalen Alleluja zur Tortur der Ohren wurde. Unaufgelöst blieb das im Ritual des Werks liegende Dilemma: sein Glaubens-Dogmatismus. Die Begegnung mit einem Aussätzigen, der durch den Liebeskuss geheilt wird, oder das Nacherleiden der Stigmatisierung als Ausdruck von Gottesliebe gehören zu den Zumutungen, denen Messiaen seine Hörer aussetzt."
Ebenfalls für die FAZ besucht Wiebke Hüster einen Tanzabend an der Semperoper Dresden. "Classics" ist das Programm überschrieben, gezeigt wird jedoch kein narratives Ballett aus dem 19. Jahrhundert, sondern neuere Stücke, unter anderem Balanchines "Serenade". Kann man da von "Klassikern" sprechen? Man kann: "Ballette sind dann Klassiker, wenn in ihnen alles aus einem Grund heraus geschieht, wenn sie eine innere Logik offenbaren, also auch Überraschungen, Wendepunkte. 'Serenade' führt das vor. Wenn zu Beginn siebzehn Frauen mit parallel aufgestellten Füßen in einer rhombenartigen Formation über die Bühne verteilt stehen und mit himmelwärts weggestreckten Händen die Sonne abschirmen zu wollen scheinen, dann setzt diese ungewöhnliche Haltung gleich den Ton, interessant, geheimnisvoll, vieldeutig."
Außerdem: Christine Lemke-Matwey stellt auf Zeit Online die Opernfestspiele Heidenheim vor, die dieses Jahr ihren 60. Geburtstag feiern. Auf nachtkritikerinnert Wolfgang Behrens an den Kritiker Günther Rühler, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Sandra Luzina blickt im Tagesspiegel voraus auf das Berliner Festival Tanz im August.
Besprochen werden das Stück "The Making of Berlin" der belgischen Gruppe Berlin am Wiener Theater Akzent, als Teil der Wiener Festwochen (Standard), Christiane Jatahys ebenfalls auf den Wiener Festwochen aufgeführte "Hamlet - Dans les plis du temps" (FAZ), in einer Dreifachbesprechung die beiden erwähnten Festwochen-Stücke sowie als drittes die belgische Produktion "Medeas Kinderen" (taz), Nora Abdel-Maksouds Stück "Jeeps" am Staatstheater Darmstadt in der Inszenierung von Jessica Weisskirchen (FR), eine auf Musikrevue getrimmte Aufführung von Shakespeares "Richard III" an der Kammeroper Wien (Standard) und Modest Mussorgskys "Chowanschtschina" an der Berliner Staatsoper unter den Linden (nmz)
Szene aus "Chowanschtschina" an der Staatsoper Berlin. Foto: Monika Rittershaus. Auf eine Zeitreise in ein von Machtkämpfen und Gewalt geprägtes Russland des 17. Jahrhunderts begibt sich Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz bei Claus Guths Inszenierung der Mussorgsky-Oper "Chowanschtschina" an der Lindenoper in Berlin. Putin taucht hier nie auf, verrät die Kritikerin, trotzdem ist er "omnipräsent". Die Handlung ist entsprechend der historischen Situation ziemlich kompliziert, so Peitz, es geht aber unter anderem um den Moskauer Aufstand, bei dem die Strelitzen, die Palastgarde von Regentin Sofia, den Kreml stürmten und ein Massaker veranstalteten. Mussorgsky lässt den Fürsten Chowanski als vergnügungssüchtigen, brutalen Populisten auftreten, schildert Peitz: Am Ende ist "Fürst Chowanski der Mütterchen-Russland-Volkslieder müde, er bestellt sich Perserinnen. Sie tanzen ihm, den das Volk als 'weißer Schwan' bejubelt, einen Schwanengesang. Die Frauen und auch ein paar Männer drehen sich in langen, weißen Gewändern in Zeitlupe um ihn herum. Folklore als zur Chiffre geronnene Gewalt, Kolonialismus in Slowmotion, in der Choreografie von Sommer Ulrickson: Der Fürst ersticht sie nach und nach alle. Die Tanzkunst, ein Wirbeln und Taumeln zum Tod."
Auch Katharina Granzin ist in der taz ziemlich beeindruckt von diesem Abend, auch musikalisch: "Der Chor agiert toll, mal dunkel russisch raunend, dann sängerisch kraftvoll, ohne zu brüllen. Manche können beim Singen sogar tanzen. Die SängerInnen müssen stets die Präsenz einer echten Bühnenpersona wahren, denn sehr oft streift die Livekamera, deren Bilder in Massenszenen auf den Bühnenhintergrund projiziert werden, über die Gesichter, hebt einzelne aus der Menge hervor." In der SZ bespricht Wolfgang Schreiber das Stück.
In der FAZ resümiert Reinhard Kager den ersten Part von Milo Raus Wiener Festwochen. Er sieht hier viel unreflektiverten politischen Aktivismus und Aufmerksamkeitsheischen. Entschädigen kann ihn immerhin der Auftritt des Kyiv Symphony Orchestra unter Oksana Lyniv (siehe Musik).
Besprochen werden Anne Lenks Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" am Thalia Theater in Hamburg (FAZ), Florentina Holzingers feministische Messe "SANCTA" frei nach Paul Hindemith am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin (Welt), Pia Richters Inszenierung von Shakespeares "Die Zähmung der Widerspenstigen" am Staatstheater Kassel (FR) und Victor Bodos Inszenierung von "Die gläserne Stadt" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (taz).
Weitere Artikel: In der Welt schreibt Reinhard Wengiereck einen Nachruf auf den Regisseur und Schauspieler Alexander Lang. Taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller verschafft sich bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in Berlin einen Überblick über den aktuellen Zustand der Deutschen Dramatik und bespricht Texte von Amir Gudarzi, Akın Emanuel Şipal, Guido Wertheimer, Fatma Aydemir und Lukas Rietzschel.
Besprochen werden der musikalische Theaterabend "Ciao. Ein Bandprojekt" von unter anderem Emre Aksızoğlu und Knut Berger am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Malte Kreutzfeldts Inszenierung von George Taboris Stück "Die Goldberg-Variationen" am Theater Chemnitz (nachtkritik), Lies Pauwels Adaption von Hermann Hesses "Steppenwolf" am Theater Basel (nachtkritik, NZZ), Pia Richters Inszenierung von Shakespeares "Die Zähmung der Widerspenstigen" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung ihrer Büchner-Kombination "Leonce und Lena und Lenz" am Theater Münster (nachtkritik), Anne Lenks Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Thomas Lufts Inszenierung von Robert Thomas' Stück "Acht Frauen" bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen (FR), Viola Scagliones vierteiliger Tanzabend "Play_Bach" am Gallus Theater in Frankfurt (FR) und, in einer Doppelbesprechung, Milo Raus "Medeas Kinder" und Christiane Jatahys Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" bei den Wiener Festwochen (SZ).
Auch Nachtkritiker Georg Kasch ist weitgehend zufrieden, wenn Holzinger "Religion als männliches Narrativ und die Kirche als männliches Machtzentrum" zertrümmert: "Da zerhämmern Kletterinnen jene berühmte Abbildung in der Sixtinischen Kapelle, in der Gott Adam Leben verleiht... Da donnern zwei Frauen an Haken, die ihnen durch den Rücken getrieben wurden, gegen riesige Bleche. (...) Schön ist, dass die körperlichen Krassheiten, die man aus anderen Holzinger-Arbeiten kennt, hier mit Bezug auf Bibel, Liturgie und Heiligengeschichten noch mal eine neue Dringlichkeit bekommen. (...) Nicht alle Einfälle besitzen diese Kraft. Ein wenig wohlfeil und auch langatmig wirken jene Episoden, in denen Jesus als Outsider-Schluffi die Bühne entert und auf Englisch, Österreichisch und Schweizerdeutsch auf das Establishment und die Kirche schimpft." In der SZ hebt Egbert Tholl vor allem die Musik hervor: "Man hört Musik von Gounod, Bach oder Rachmaninow, neu komponierte Übergänge und echte eigene (seltsame) Zutaten vor allem von Johanna Doderer, aber auch Musical, eine superironische Metal-Nummer, Jesus (...) tritt mit Eminem auf..." "Künstlerisch mag man 'Sancta' unterschiedlich bewerten; das Anliegen aber bleibt ein brennendes", meint Susanne Benda im Tagesspiegel.
Szene aus "Work". Foto: Moritz Haase An der Volksbühne lässt derweil Susanne Kennedy gemeinsam mit Markus Selg in "Work" "echsenhafte" Wesen in Latexmasken auftreten, um anhand einer Künstlerin namens "Xenia" über Leben und Kunst, auch von Kennedy und Selg selbst, zu reflektieren, berichtetNachtkritikerin Esther Slevogt, die der Abend ein wenig ratlos zurücklässt: "In den Versatzstücken ehemaliger und gegenwärtiger Arbeiten soll das Leben der Künstlerin Xenia also von ihr selbst noch einmal inszeniert werden. (...) Natürlich scheitert die Imitation des Lebens in der Kunst am Ende. Und es kommt in 'The Work' zu einem ganz physischen Akt: Die Spieler*innen entledigen sich ihrer Hosen und zwischen ihren Beinen wird ein seltsames Geschlecht erkennbar, aus dem nach geburtseinleitenden Maßnahmen erst blutiger Schleim und dann tatsächlich aus einer Art glibberiger Fruchtblase kleine Xenia-Figuren entbunden werden. Ist das jetzt die Essenz?" "Viel verlorene Zeit", resümiert Peter Laudenbach in der SZ, während Christine Wahl im Tagesspiegel die Selbstironie von Kennedy und Selg schätzt.
Weitere Artikel: Nachrufe auf den im Alter von 82 Jahren verstorbenen Schauspieler, Regisseur und "Bühnenmagier" Alexander Lang, der nicht nur am Deutschen Theater, sondern auch an der Comedie française inszenierte, schreiben Kerstin Decker im Tagesspiegel und Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. In der FAS spricht Wiebke Hüster mit dem Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui über Homosexualität, Arabischsein und die Arbeit mit Madonna oder Beyoncé. In der NZZerinnert Christian Wildhagen an Richard Wagners elfjähriges Exil in der Schweiz. Besprochen wird Anita Vulesicas Inszenierung "Die Gehaltserhöhung" von Georges Perec in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin (FAZ).
Zeit Online und SZ resümieren die Preisverleihung in der Konrad-Adenauer-Stiftung an den Schauspieler Ulrich Matthes, die Laudatio hielt Matthes' gute Freundin Angela Merkel. Das Van Magazin lässt eine Opernsängerin vom Neid auf und hinter der Bühne schreiben.
Besprochen werden: Die auf dem gleichnamigen Kafka-Roman basierende Oper "Amerika" von Roman Haubenstock-Ramati an der Oper Zürich (Welt), die neue Spielzeit im Staatstheater Wiesbaden (FR), "Searching for Zenobia" von Lucia Ronchetti auf der Münchner Musiktheater-Biennale (SZ), "Sancta" von Florentina Holzinger am Mecklenburgischen Staatstheater (Van) und "Haus ohne Ruhe" auf Basis der "Orestie" von Zinnie Harris am Theater Ingolstadt (Nachtkritik).
Nachtkritikerin Gabi Hift resümiert den ersten Prozess, den Milo Rau in seiner ausgerufenen Freien Republik Wien im Rahmen der Wiener Festwochen inszeniert hat. 69 Menschen aus den 23 Wiener Bezirken diskutierten ein Wochenende lang über Vorwürfe aus der Coronazeit: "Angeklagt war die Republik Österreich. Ankläger und Verteidiger waren echte Staranwälte. Den Vorsitz hatte die frühere Präsidentin des Obersten Gerichtshofs Irmgard Griss. Die Geschworenen wurden aus dem Rat der Republik heraus gecastet und wirkten hier viel eher in ihrem Element, konzentriert und interessiert. Vom ersten Sitzungstag an dominierte die Anstrengung. Alle Argumente, die man hört, kennt man schon. Aber es wird einem dadurch, dass man sich zwingt zuzuhören, richtig bewusst, welche Arbeit Demokratie bedeutet. Wie das ist, abzuwägen, etwas wieder und wieder durchzukauen, dranzubleiben. Zu verstehen. Man spürt eine große Sehnsucht, sich in diesen vernünftigen Bahnen zu bewegen, auf diese Weise zu Entscheidungen zu kommen. In einem solchen Gemeinwesen zu leben, in dem die Vernunft regiert."
Weitere Artikel: Ein ganz besonderes Fan-Girl hielt mit Angela Merkel die Laudatio auf den Schauspieler Ulrich Matthes, der den "Hommage" betitelten Kulturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhielt, resümiert unter anderem Peter von Becker im Tagesspiegel, in der nachtkritikschreibt Esther Slevogt. Für die Welt wirft Jakob Hayner einen Blick in die Fortsetzung von Elfriede Jelineks Endlos-Drama "Die Schutzbefohlenen - Was danach geschah", in dem sich die österreichische Schriftstellerin dem rechten Treffen in Potsdam widmet und die er der Inszenierung von Kay Voges am Berliner Ensemble vorzieht: "Kurz nach Veröffentlichung wurde das Personal des Potsdamer Treffens - unterbrochen durch Correctiv-Werbeblöcke - satirisch überspitzt vorgeführt. Viel empörte Selbstgefälligkeit, die einer tieferen Kritik im Weg stand, wie auch bei den großen Demonstrationen gegen Rechts. Von Jelineks Chor darf sich hingegen auch die 'Mitte der Gesellschaft' angesprochen fühlen." Das Deutsche Theater hat sich mit dem entlassenen Geschäftsführer Klaus Steppat vor Gericht auf eine Abfindungssumme von 165.000 Euro geeinigt, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel.
Besprochen werden Milos Raus Genter Inszenierung "Medeas Kinder" im Wiener Jugendstiltheater am Steinhof (Standard), das Mini-Theater-Festival "Uwaga" in Osnabrück (taz) und Christiane Rösingers nun auch beim Impulse-Festival gezeigte "große Klassenrevue" (nachtkritik). Ebenfalls in der nachtkritikspricht der scheidende Impulse-Festivalleiter Haiko Pfost über safe spaces und die Herausforderungen der freien Szene.
Dass Marco Goecke, der Hundekotaggressor von Hannover, alsbald neuer Balletchef des Theaters Basel wird, findet FAZ-Autor Johannes Franzen gar nicht komisch. Insbesondere irritiert zeigt sich Franzen von dem Geniebonus, der Goecke offensichtlich eingeräumt wird, insbesondere auch in einer von der Täterperspektive dominierten Berichterstattung: "Es kommt selten vor, dass der Täter im Diskurs um seine Tat das Narrativ der Rehabilitierung selbst so umfangreich gestalten darf. Man stelle nur das Gedankenexperiment an, ein solcher Übergriff wäre nicht von einem sensiblen Künstlergenie verübt worden, sondern von einem im Kopfrechnen besonders begabten Sparkassenfilialleiter oder einem Autohausmitarbeiter am Rande des Burnouts. Beim besten Willen würde eine solche Tat nicht mit denselben Argumenten gerechtfertigt." Auf nachtkritikkommentiert Esther Slevogt.
Hannes Hintermeier hat in der FAZ derweil Spaß mit Michael Niavaranis Antike-Komödie "Venus & Jupiter", das ebenfalls in Wien, auf dem Festival "Theater im Park", aufgeführt wird. Spritziges Volkstheater wird hier geboten, ganz besonders, wenn Venus plötzlich als Mann erwacht: "Sie macht die größte Verwandlung durch - von der oberen Führungskraft im Götterhimmel zum Zipfelschwinger in Lederhose. Unten zwickt's, oben juckt der Bart. Das produziert Lachsalven, besonders wenn im Fall sexueller Erregung bei Octavia das Oberstübchen den Dienst quittiert und das 'Hochparterre' das Kommando übernimmt. Es geht viel um Küssen, Sex, Erektionen, Fürze, und da Teile des Ensembles breiten Wiener Dialekt sprechen, ist für ausreichend Fallhöhe zum hohen Ton der Götter gesorgt."
Außerdem: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von iranischen Choreografen und Tänzern, denen in ihrer Heimat die Ausübung ihres Berufes verboten wurde. Marco Frei schreibt in der NZZ über Querelen an der Bayerischen Staatsoper.
Besprochen werden ein gemixter Abend in der Frankfurter Alten Oper mit Stücken von unter anderem Peter Eötvös (FR), die Gob Squad-Aufführung "Dancing with our neighbours" im HAU Berlin (nachtkritik), eine "Peer Gynt"-Aufführung auf den Festpielen Bergen (FAZ), Sergej Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" am Theater Bremen (taz Nord) und Richard Strauss' "Elektra" am Theater Brandenburg (nmz).
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