Im Kino
Die äußere Wirklichkeit steht im Weg
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
10.12.2025. Auch aus der Zeit fallen will gelernt sein. Tony Tosts Gangsterfarce "Americana" weckt Erinnerungen an die Videothekenkultur der 1990er und trägt dabei leider fast durchweg etwas zu dick auf.
"What Americans imagine takes precident over what is real. We reside in the possible, the possible is our birthright." So salbadert ein fürs große Ganze des Films eher nebensächlicher Wichtigtuer in einer Szene früh in "Americana". Regisseur und Drehbuchautor Tony Tost ist sich, steht zu vermuten, bewusst, dass sein auch sonst die eine oder andere selbstreflexive Schleife drehender Film sich in dieser Szene selbst beschreibt. Alle Figuren in "Americana" versuchen auf die eine oder andere Weise, ihr amerikanisches Geburtsrecht der Selbstverwirklichung zu realisieren. Die äußere Wirklichkeit steht ihnen dabei eher selten im Weg.
Die innere schon eher. Cal Starr (Gavion Maddox Bergman) zum Beispiel hält sich für den Widergänger des legendären indigenen Häuptlings Sitting Bull. Dass er von außen wie ein ganz und gar nicht indigener, vielmehr sehr weißer Junge ausschaut, der schlicht zu viele Western geschaut hat (am Ende gar Karl-May-Filme?), ficht ihn kein bisschen an. Was ihm vorläufig noch fehlt, ist eine Gelegenheit, sein inneres Indigenentum auszuleben. Penny Jo Poplin (Sydney Sweeney) wiederum wäre gerne Country-Sängerin, bekommt aber - vorläufig - den Mund nicht auf, wohnt deshalb nicht in Nashville, sondern in einem verschlafenen Nest in South Dakota, wo sie in einem Diner arbeitet.
Sydney Sweeney, Hollywoods momentan heißestem Eisen, wurden für den Film Sommersprossen ins Gesicht getupft, einzelne große Punkte genauer gesagt, die wie alles an der Provinzgöre Penny Jo ein bisschen zu dick aufgetragen sind. Auch Paul Walter Hausers Lefty, mit dem Penny Jo sich alsbald zusammentut, etwas zu aufdringlich auf gutherzig-begriffsstutziger, Pabst Blue Ribbon-trinkender Brummbär gebürstet wurde. Will man böse sein, könnte man sagen: gut, dass der Liebesgeschichte, die sich zwischen diesen beiden Karikaturen entspinnt, alsbald eine halbgare Gangsterfarce in die Quere kommt - es wimmelt auf der Leinwand nur so vor christlichen Fundamentalisten, windigen Kunsthändlern, tumben White-Trash-Gangstern und vergleichbaren Schießbudenfiguren.

Will man noch böser sein, könnte man hinzufügen: noch besser, dass Penny Jo einen gar nicht so kleinen Teil der Laufzeit mit einem Knebel im Mund verbringt, sodass ihr ganz besonders dick aufgetragener Sprachfehler, ein auf niedlich, beziehungsweise niedlich sexy getrimmtes Stottern ("I can say whatever the… fuck I want"; "I'm a hidden… gem"; leider nicht: "I have good… jeans") Sendepause hat. Aber böse sein muss man nun auch wieder nicht mit einem Film, der zweifellos das Herz am rechten Fleck hat, auch wenn nichts an ihm so recht stimmen will.
Begonnen damit, dass die Drehorte im südwestlich-staubigen New Mexico schlichtweg nicht nach dem rauhen, verwilderten, viele hundert Meilen weiter nördlich gelegenen South Dakota ausschauen wollen. Hier wie da gibt es weite Horizonte und atmosphärische Sonnenuntergänge abzugreifen, mögen sich die Produzenten gedacht haben. Die immerhin mit ziemlicher Seelenruhe und einigen atmosphärischen, von geschmackssicher ausgewählten Country & Western-Songs (u.a. Townes van Zandt, Willie Nelson, Dolly Parton) unterlegten Atempausen heruntergefilmte Gangsterfarce, die, wie erwähnt, den Hauptteil der Laufzeit einnimmt, wirkt wiederum wie ein Relikt aus den 1990ern; Jim Jarmushs "Dead Man" findet im Film selbst Erwähnung, mindestens genauso oft denkt man an die alberneren Arbeiten der Coen-Brüder und an Tarantinos Frühwerk, an die Hochphase der Videotheken-Filmkultur, an eine Zeit, als Filmgeschichte noch, zumindest ein bisschen, Schulhofwissen war.
Nichts gegen die 90er. Aber auch das aus-der-Zeit-fallen ist eine Kunst, und "Americana" beherrscht sie über weite Strecken wenig, bleibt in übereifrigen Stilzitaten stecken und findet nur gelegentlich zu einer produktiveren, entspannteren Form von Uneigentlichkeit. Was den Film ein bisschen rettet sind seine Nebendarsteller, vor allem Zahn McClarnon als bis an die Zähne bewaffneter, gleichwohl bodenständig selbstironischer indigener Aktivist Ghost Eye und Popsängerin Halsey in ihrem Kinodebüt als Cals Mutter Mandy Starr, ein Energiebündel von einer Frau. Sydney Sweeney wiederum trägt, das soll nicht verschwiegen werden, eine wirklich wunderhübsche rosa Plüschjacke durch den Film.
Lukas Foerster
Americana - USA 2025 - Regie: Tony Tost - Darsteller: Sydney Sweeney, Paul Walter Hauser, Halsey, Eric Dane, Zahn McClarnon, Gavin Maddox Bergman - Laufzeit: 107 Minuten.
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