Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2023 - Film

Bunte Plakata, schwarzweiße Filme: Die Retrospektive des Filmfests Loccarno (Collage: Filmfest Locarno)

Die von Olaf Möller kuratierte Retrospektive des Filmfestivals Locarno widmet sich in diesem Jahr dem populären Kino Mexikos der Dreißiger- bis Sechzigerjahre. Diesem fiel die Aufgabe zu, ein Land, in dem der Analphabetismus noch vorherrschte, kulturell zu einigen, schreibt Georg Seeßlen auf Zeit online. So entstanden "ganz eigene Geschichten, eigene Stilrichtungen, eigene Genres, die unvergleichlich sind und noch heute beim Sehen oder Wiedersehen das Herz jeder Cineastin und jedes Cineasten entflammen können: das Kino als populäre Kunst, die sich vor nichts fürchtet, nicht vor großen Gefühlen, nicht vor gewaltigem Blödsinn, nicht vor kindlichen Fantastereien, nicht vor Pathos und nicht vor Momenten der Wahrheit." Als Beispiel nennt Seeßlen unter anderen "Fernando de Fuentes und Roberto Gavaldón ('Días de otoño', 1963), die in ihren Melodramen stets auch nach einer 'mexikanischen Seele' suchten, zu der beides gehörte: eine magische, surreale und poetische Erregung und die harte Realität des Lebens in den wachsenden Städten und auf dem kargen Land. Es waren Filme wie 'Maria Candelaria', die das weiße und das indigene Mexiko zusammenbrachten."



Weitere Artikel: Das haben wir am Samstag vor lauter Martin Walser nicht berücksichtigt: Die Zeit hat Katja Nicodemus' Reportage aus Hongkong online nachgereicht, für die sie sich mit zahlreichen Filmschaffenden getroffen hat, die wachsenden Unmut über die Lage des Hongkong-Kinos unter Chinas Einflussnahme äußern. Andreas Scheiner zeigt in der NZZ mit Blick auf den großen Doppel-Streik in Hollywood sehr viel Verständnis für die Lage der Studios und nur sehr beiläufig solches für die Streikenden, denen er zwar auch keine Ausbeutung wünscht, ihnen aber schon eher vom Streik abrät, denn: "Realitätssinn gehört nicht zur Kernkompetenz eines Schauspielers." In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Regisseur John N. Smith zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Emanuele Crialeses "L'immensità" mit Penélope Cruz (Standard, mehr dazu hier), Taylor Sheridans Serie "Special Ops: Lioness" (Zeit) und die Netflix-Serie "Glamorous" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2023 - Film

Claudia Schwartz fordert im NZZ-Kommentar Gerechtigkeit für Kevin Spacey. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Dokumentarfilmer Ken Burns zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Christopher Nolans "Oppenheimer" (Jungle World), der Netflix-Thriller "Paradise" mit Iris Berben (FR), die Disney-Gruselkomödie "Geistervilla" (Standard), die belgische Netflix-Serie "Rough Diamonds" (Presse) und die zweite Staffel der Amazon-Serie "Good Omes" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2023 - Film

Reichsbürger sind Deppen: Das ZDF bestätigt, was jeder weiß (ZDF)

Mit der Mini-Serie "Freiheit ist das Einzigste, was zählt" nimmt das ZDF die Reichsbürgerszene satirisch aufs Korn. Matthias Dell von ZeitOnline findet das Resultat alles andere als überzeugend: "Schon künstlerisch ist die gewählte Form der Satire eine Herausforderung, wenn nicht schlicht das falsche Mittel - wie will man Leute überzeichnen, deren eigene Performance schon pure Überzeichnung ist? Und vor allem: wozu? Was weiß man, wenn man weiß, dass Leute, die als Deppen gelten, Deppen sind? ... Man sieht einer Gruppe großer Schauspielnamen dabei zu, wie sie durchaus mit Lust am Ausziehen, Dämlich- und Krasssein auf Reichsbürger macht."

Kevin Spacey wird wohl auch nach seinem mittlerweile zweiten Freispruch keine guten Rollen in Hollywood mehr bekommen, meint Claudius Seidl im FAZ-Kommentar und zwar schon auch, "weil sie alle damit zugäben, wie hysterisch, heuchlerisch und opportunistisch sie gehandelt haben, damals, als MeToo völlig zu Recht ganz Hollywood erschütterte und verunsicherte, was trotzdem kein Grund war, jeden, der bezichtigt wurde, sofort auch als schuldig zu betrachten." Christiane Peitz verteidigt im Tagesspiegel-Kommentar die Unschuldsvermutung, die allerdings auch für jene gelten muss, die Spacey der Übergriffe bezichtigt haben: "Gefühle, Begierden, Einsamkeit, Sex, Gewalt, es gibt eine klare Grenze, aber manchmal ist sie unfassbar schwer auszumachen. Weil Erinnerungen lange zurückliegen, Alkohol im Spiel war, Erlebnisse unterschiedlich und traumatisierend wahrgenommen werden, handelt es sich jedoch noch lange nicht um Lügen. Weder von der einen, noch von der anderen Seite." In der NZZ fasst Marion Löhndorf den Prozess zusammen.

Rüdiger Sturm bringt in der Welt Zahlen, Hintergründe und Updates zum großen Hollywoodstreik. Noch haben die Drehbuchautoren und Schauspieler das Momentum für sich, aber die Studios könnten laut Aussagen eines Produzenten auch einfach auf Zeit spielen: Denn ab Ende Oktober "seien die finanziellen Ressourcen der meisten Gewerkschaftsmitglieder so erschöpft, dass diese sich von der APTMP die Bedingungen diktieren lassen würden. ... Der Leidensdruck, weil aktuell keine Drehbücher akquiriert werden können, hält sich in Grenzen. Denn die Firmen sitzen auf Bergen unverfilmter Skripts und fertiger Produkte. ... Hinzu kommt noch ein anderes Motiv: 'Die Studios nutzen das, um bei sich aufzuräumen', so der ungenannte Produzent. 'Nach drei Monaten Streik können sie langfristig Verträge wegen höherer Gewalt auflösen. Du kannst alle loswerden, die du loswerden wolltest.'"

Weiteres: David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Drehbuchautor Bo Goldman. Besprochen werden Danny und Michael Philippous Horrorfilm "Talk to Me" (Tsp, FR), Ferit Karahans Internatsdrama "Brother's Keeper" (SZ), eine BluRay-Box mit Filmen von Jean-Paul Belmondo (Intellectures) und der deutsche, auf Netflix gezeigte Science-Fiction-Film "Paradise" mit Iris Berben (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2023 - Film

Farben und Eis in einer Welt, die Nonkonformismus nicht vorsieht: "L'Immensità"

Die Filmkritik findet sich versammelt bei Emanuele Crialeses "L'immensità" ein: Der Film "erzählt von einer Frau, die sich aus ihrem Unglück ins Exzentrische rettet", schreibt Olga Baruk im Perlentaucher. "Wir sind im Rom der 1970er, überall Muster und Farben, die Lidstriche sind dick, die Frisuren voluminös und die Schlaghose eng anliegend. In dieser Zeit der äußeren Freizügigkeit lebt es sich im katholischen Italien allerdings nicht groß anders als zuvor, und Clara (Penélope Cruz), die gut situierte Mutter dreier Kinder, wird von ihrem Ehemann betrogen und misshandelt. Der Mann - wer sonst - hat hier das Sagen, also was bleibt Clara übrig, als ihn zu ertragen?" Penélope Cruz verkörpert als Clara "die dunkle Seite all dessen, was das italienische Kino der Sechziger- und Siebzigerjahre als Frauenbild feierte", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ: "Sie lebt auch jenen Teil, den man dort nie sieht - eine spanische Sophia Loren mitten in Rom, sozusagen. Nur ohne deren Triumphe."

Trotz sommerlicher Farben "wirken die patinierten Erinnerungen an die 1970er Jahre alles andere als sehnsuchtsvoll", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Es gibt keinen Raum für Nonkonformismus, der katholische Glaube ist tief in den Familien verankert", woran denn auch das Drama des Kindes entbrennt, das als Mädchen ein Junge sein will - eine Spiegelung der Lebensumstände des Regisseurs: "Dabei spiegelt sich das Unbehagen und die Verzweiflung im Gesicht der beeindruckenden Debütantin Luana Giuliani. Mit seiner klaustrophobischen, fast erstickenden Atmosphäre erinnert das häusliche Drama 'L'immensità' an die Melodramen eines Douglas Sirk - nur dass bei Crialese der bürgerliche Puritanismus immer wieder Transzendenz in der Kino-Erzählung sucht." Tazlerin Carolin Weidner beobachtet "eine sehr locker arrangierte Studie familiärer Dysfunktion", doch "die Einladung, in dieses emotional-ambivalente Gefüge einzutreten, gelingt nur bedingt, die vielen gesetzten Tupfen verbinden sich schwerlich zu einem konzisen Eindruck." Weitere Besprechungen in FAZ und FR.

Julia Lorenz findet auf ZeitOnline Johanna Adorjans Ärger über "Barbie" (unser Resümee) "erstaunlich. Als hätte man etwas anderes erwartet, als gäbe es etwas zu enttarnen an einem Blockbuster, der auch als solcher vermarktet wird. ... Wer in 'Barbie' nun den Sieg des Kapitalismus über die gute Sache sieht, verkennt das uralte Problem des Popfeminismus: Jeder Versuch, Pop etwas Revolutionäres abzuringen oder Subversives massentauglich zu gestalten, muss den eigenen Ausverkauf mitbedingen."

Außerdem: Lukas Foerster schwärmt im Perlentaucher vom "Terza Visione"-Festival, das vergangene Woche in Frankfurt stattgefunden hat und Streifzüge durch die Geschichte des italienischen Genrefilms unternommen hat. Christiane Peitz findet im Tagesspiegel, dass das Land Berlin der (vom Bund finanzierten) Berlinale ja wohl mit ein, zwei Milliönchen aushelfen sollte, um das Budgetniveau des zuletzt von Sparzwängen geschüttelten Festivals zu halten - schließlich bringe es auch an die 100 Millionen Euro Umsatz in die Stadt. Andreas Scheiner spekuliert in der NZZ darüber, was die Multimilliardärin Maja Hoffmann als neue Geschäftsführerin des Locarno Filmfestivals alles planen könnte. Patrick Holzapfel befasst sich im Filmdienst mit der Krise der Liebesdarstellungen im Kino. Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek glaubt nicht, dass Kevin Spacey nach einem weiteren Freispruch nun wieder Rollen in Hollywood angeboten bekommt: "Die Macht der sozialen Netzwerke hat eine Rehabilitierung fast unmöglich gemacht."  Hollywood-Blockbuster werden visuell immer dunkler und klanglich immer schwieriger zu verstehen, beobachtet Susanne Gottlieb im Standard.

Besprochen werden Ferit Karahans "Brother's Keeper" (taz), Danny und Michael Philippous Horrorfilm "Talk to Me" (FAZ, SZ), Ben Lewins "Verrückt nach Figaro" (Filmdienst), Justin Simiens Horrorkomödie "Geistervilla" (Filmdienst), Boris Kunz' deutscher, auf Netflix gezeigter Science-Fiction-Film "Paradise" (SZ) und die Heimkino-Ausgabe des philippinischen Horrorfilms "The Entity" von Erik Matti (Filmdienst). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2023 - Film

"Der im Vorfeld befürchtete Exodus von US-Filmen hat letztlich nicht stattgefunden", kommentiert Valerie Dirk im Standard unter den Eindrücken des aktuellen Doppel-Streiks in Hollywood das gestern bekannt gegebene Programm von Venedig, mit dem das Festival am Lido seinen 80. Jahrgang feiert. Die Namen sind schon mal sehr dekorativ: "Mit Sofia Coppola, David Fincher, Ava DuVernay, Bradley Cooper (über Leonard Bernstein) und Michael Mann (mit seinem Ferrari-Biopic 'Enzo') ist die amerikanische Filmindustrie sogar so stark wie lange nicht mehr in der Konkurrenz um den Goldenen Löwen vertreten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Dass Venedig sich aber auch in puncto Arthousekino von Cannes nicht den Schneid aufkommen lässt, zeigen die Nominierungen der neuen Filme von Giorgos Lanthimos mit Emma Stone, Mark Ruffalo und Willem Dafoe und Pablo Larraín über einen vampirischen Augusto Pinochet. Bleibt nur die Frage, ob bis zur Eröffnung am 30. August die Streiks beigelegt sind. Sonst wird das Festival, wie schon zur Pandemie-Edition 2020, eine rein europäische Angelegenheit. Angesicht des Jubiläums eine traurige Aussicht." Felicitas Kleiner vom Filmdienst könnte es verschmerzen: "So wichtig das Schaulaufen ist, das Gesicht eines Festivaljahrgangs enthüllt sich nicht im Blitzlichtgewitter der Fotografen, sondern im dunklen Kinosaal."

Tazlerin Valérie Catil lässt sich keinen Bären und erst recht keine Barbie aufbinden: "Barbie" (unsere Kritik) rettet das Kino und den Feminismus obendrein? Denkste! "Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: 'Barbie' wird dazu führen, dass der Kinosarg noch früher zugenagelt wird. Der Film hat zwar ein paar lustige Momente und kluge Gedanken, die einen erfreuen könnten, wenn man sich nicht sofort darüber klar würde, dass das Skript von Mattel abgesegnet ist. 'Barbie' zeigt, dass Produktfilme eine absurde Popularität erlangen und die Handlung dafür vernachlässigt werden kann. Dass sich die Regisseurin Greta Gerwig, die einst der Indie-Bubble angehörte, für diesen Film verkaufte, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Alles Antikapitalistische, alles Feministische, alles Konsumkritische von irgendeinem Mattel-Image-Heini genehmigt, weil seine Marktanalyse ergab, dass genau das von den Konsument*innen dankend verschlungen wird."

Außerdem: Indische Hinduisten protestieren gegen eine Sexszene in Christopher Nolans "Oppenheimer", in der aus der Bhagavad Gita vorgelesen wird, berichtet David Steinitz in der SZ unter Berufung auf den Guardian. FAZ-Kritikerin Sandra Kegel treibt sich mit Ruben Östlunds Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness" (unsere Kritik) die Lust auf Kreuzfahrten aus. Besprochen werden Danny und Michael Philippous Horrorfilm "Talk to Me" (taz), der Disney-Kinofilm "Geistervilla" (Tsp), das auf Disney+ gezeigte Comeback von "Futurama" (ZeitOnline) und die Disney-Serie "Große Erwartungen" nach Charles Dickens (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2023 - Film

Grund zum Feiern: "Barbie" übertrifft alle Rekorde

Nicht nur einen, sondern gleich zwei Kassenschlager hat die letzte Woche mit "Barbie" (unsere Kritik) und "Oppenheimer" den Kinobetreibern beschert, worüber sich insbesondere auch die hiesigen Häuser freuen können, die im Sommer traditionell in die Röhre schauen. Die Feuilletons sortieren die Lage. Es war "das viertbeste Einspielergebnis eines Startwochenendes aller Zeiten" und der beste Kinostart eines von einer Frau inszenierten Films, informiert Andreas Busche im Tagesspiegel - dem "Barbenheimer"-Hype vorab sei Dank. "Was das nun für die Filmbranche bedeuten könnte? Zumindest die Erkenntnis, dass sich das Kinopublikum nach anderen Filmen sehnt als das ewige Sequel- und Remake-Einerlei. ... Damit ging auch das Konzept auf, dass die beiden Filme sich nicht etwa gegenseitig Konkurrenz machen, sondern sich mit ihren sehr unterschiedlichen Zielgruppen sogar ergänzen." Zwar spielte "Barbie" deutlich mehr ein als "Oppenheimer" - aber beide Filme übertrafen die Erwartungen sichtlich, schreibt David Steinitz in der SZ. Und: "65 Prozent der 'Barbie'-Zuschauer waren weiblich, und auch das ist in Hollywood, wo gern divers getan wird, aber trotzdem immer noch vor allem Männer Filme für Männer drehen, außergewöhnlich: Fast alle Blockbuster werden von jungen männlichen Zuschauern über die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze am ersten Wochenende gehoben."

In der SZ gießt Johanna Adorján Wasser in den Wein: Das soll er also sein, der große feministische Film unserer Tage? Ausgerechnet "Barbie"? "Ist es Feminismus, eine langbeinige, stupsnasige Kunststoffpuppe auch mit Pilotenmütze zum Kauf anzubieten, oder ist das nur stinknormaler Kapitalismus? ... Obwohl er etwas anderes behauptet, handelt dieser Film von nichts anderem als: vom Begehren als Kraft, die den Kapitalismus antreibt. ... Erwachsene Menschen, ausgehungert nach Kinofilmen ohne Superhelden, wenigstens das, strömen ins Kino, und bescheren dem ohnehin hochgestimmten Spätkapitalismus einen weiteren Riesenlacher. Was hatte man uns traurigen Konsumenten noch mal versprochen, 'Barbie' sei ein satirischer Blick auf Konsumverhalten, Feminismus und toxische Maskulinität? Herzlichen Glückwunsch an die Marketingabteilung von Mattel."

In der Welt liefert Hannes Stein Hintergründe zum in den USA offenbar sehr erfolgreichen Film "Sound of Freedom", ein Herzensprojekt des fundamentalistisch-katholischen Schauspielers Jim Caviezel, der darin eine von QAnon-Verschwörungsfantasien geprägte Geschichte um Kinderhandel erzählt und dabei auch im rassistischen und antisemitischen Sumpf watet.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2023 - Film

Die Autoren-Gewerkschaft in Hollywood streikt, die Angst vor Drehbüchern, die nur aus KI-Datenbanken stammen, geht um. Aus Sicht der Produzenten ließen sich damit Blockbuster vorprogrammieren. Das wäre eine fatale Entwicklung, deren Anfänge wir jetzt schon sehen, findet Susan Vahabzadeh. "Personalisierung" ist bereits seit einigen Jahren ein Schlagwort in den Kino-Branchenblättern. Beachtet wird von der KI ja, was früher schon im Kino erfolgreich war. Schon jetzt können die Studios ziemlich genau ausrechnen, wie viele Zuschauer ein Film haben wird. Was sie nun wollen, sind Programme, die ausrechnen, wie ein Film genau aussehen sollte, um möglichst vielen Leuten zu gefallen. Das wäre der Tod jeder Inspiration. Die Programme, mit denen Streamingdienste ihren Kunden Empfehlungen geben, funktionieren schon mit KI und sind dafür ein gutes Beispiel - sie rechnen aus, was einem Zuschauer gefallen würde, der bestimmte Filme vorher gesehen hat. Und nicht, welche Filmen sie oder ihn überraschen, herausfordern oder erschüttern könnten."

Weitere Artikel: In der NZZ erinnert der Historiker Peter Payer an den Schneider Franz Reichelt, der im Februar 1912 vor laufenden Filmkameras in einem selbstgenähten Fallschirmmantel vom Eiffelturm sprang. Joachim Hentschel war für die SZ bei der Pressekonferenz Dario Argentos anlässlich einer Hommage an den Regisseur im Deutschen Filminstitut in Frankfurt. Harry Nutt sieht für die Berliner Zeitung die Krankenhausserie "In aller Freundschaft" und sehnt sich nach Dr. House. Claus Löser annonciert in der Berliner Zeitung 10 Jahre "Lange Nacht der Berliner Filmfestivals". Und Samira El Ouassil entpuppt sich in der SZ als Fan der Serie "Westworld" und empfiehlt das Buch "One more loop around the bend" als Sehhilfe zur Serie.

Besprochen werden eine ZDF-Doku über die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus, die beim Attentat auf eine Polizeistation in Afghanistan umkam (Tsp), Volker Koepps Uwe-Johnson-Doku "Gehen und Bleiben"  (taz) und Juel Taylors Sci-Fi-Komödie "They Cloned Tyrone" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2023 - Film

Dario Argento, 2017. Foto: Brian Eeles, unter cc-Lizenz
Kino heute ist doch langweilig geworden, klagt im Interview mit der Welt einer der größten Horrorfilmer aller Zeiten, Dario Argento: "Die Gegenwart arbeitet gegen den Instinkt, der mein Kino immer geleitet hat. Heute regiert die politische Korrektheit. Selbst die Homosexualität wird heute verdruckster thematisiert als noch vor 20, 30 Jahren. Die Filmemacher gehen wie auf Eiern, aus Angst, einen Fehler zu machen und jemanden zu verletzen. Am ehesten wird es dann gleich außen vor gelassen. Auch das führt dazu, dass das gegenwärtige Kino eher eines des Spektakels ist, der Unterhaltung und Abenteuer. Nicht die Psychologie steht im Vordergrund, sondern die Effekte. ... Mich fasziniert das asiatische Horrorkino, vor allem das aus Südkorea. Es ist eben kein realistisches, sondern eines, das sich auf Träume und Psychologie fokussiert. Ebenso übrigens das japanische und das mexikanische Kino, von del Toro oder Cuarón. Filme, die selbst, wenn man auf die Oscars schaut, das amerikanische Kino seit einigen Jahren hinter sich gelassen haben." Argento kritisiert deshalb auch die Filmkritik, die sich nur für "realistische" Filme interessiere.

Die Münchner Filmtechnik-Firma Arri gibt es seit 1917 und ist heute "eine der wichtigsten Technikfirmen im weltweiten Filmgeschäft mit einem Umsatz von mehreren Hundert Millionen Euro", erzählt in der SZ der Filmhistoriker Armin Jäger, den diese Erfolgsgeschichte weniger interessiert, als die Frage, wie Arri den Nationalsozialismus überlebt hat: Die Gründer August Arnold und Robert Richter waren beide schon zum 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten. In den Entnazifizierungsverfahren legten sie "die üblichen entlastenden Zeugenaussagen vor, bedenkenswert scheinende von Personen, die von den Nürnberger Gesetzen betroffen waren, aber auch erkennbar unwahre, laut denen zum Beispiel eine Parteimitgliedschaft für Filmproduzenten zwingend nötig war, obwohl sich in Wirklichkeit 1933 im Filmgeschäft niemand dafür interessierte und das auch niemand einforderte." Letztere Behauptung dämpft Jägers Freude, dass Arri diese Geschichte jetzt aufarbeiten will, denn diese Mitgliedschaft doch wird die Freude gedämpft durch die Behauptung, "Mitgliedschaften in NS-Organisationen [seien] zwingend gewesen, um der Reichsfilmkammer beitreten und den Beruf ausüben zu können. Denn: "Das ist unzutreffend und nicht der beste Start für einen schmerzhaften Blick in die Vergangenheit."

Weitere Artikel: Im Interview mit der taz blickt die 86-jährige Filmemacherin Helke Sander zurück auf ihr Leben und ihre Arbeit, mit der sie sich immer wieder zwischen die Stühle setzte. Zum Beispiel: "'Eine Prämie für Irene', der das Leben einer Fabrikarbeiterin zeigt, hat viel Widerstand hervorgerufen. Ich habe den damals an der Filmakademie gezeigt, da gab es viele ML-Gruppen, Marxisten-Leninisten, und da wurde mir vorgeworfen, ich würde die Arbeiterklasse spalten." Claus Leggewie erinnert in der taz anlässlich des Films an die wichtigsten Stationen im Leben Robert J. Oppenheimers. Katharina Walser fragt sich in 54 books, ob Barbie und die Farbe Pink wirklich eine neue feministische Welle verkörpern. Willi Winkler erinnert in der SZ an Todd Haynes Puppenfilm "Superstar: The Karen Carpenter Story", ein Meisterwerk über die magersüchtige Sängerin, das man nur noch auf Youtube findet, in schlechter Qualität und mit portugiesischen Untertiteln, aber immerhin. Zeit online meldet den Tod der Schauspielerin Josephine Chaplin, Tochter von Charlie. Lena Karger plaudert für die Welt mit Schauspielerin Heike Makatsch über ihre Rolle in der RTL-Serie "Der König von Palma".

Besprochen werden Christopher Nolans "Oppenheimer" (FR, intellectures), Volker Koepps Dokum "Gehen und Bleiben" (Tsp), Greta Gerwigs "Barbie" (FAS) und die Ausstellung "Ausgeblendet/Eingeblendet. Eine jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik" im Jüdischen Museum Frankfurt (die u.a. daran erinnert, dass Barbie von Ruth Handler erfunden wurde, der Tochter jüdischer US-Einwanderer aus Polen, so Maria Wiesner in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2023 - Film

Für die Berliner Zeitung schaut Slavoj Zizek "Indiana Jones", "Barbie" und "Oppenheimer" und erkennt in allen Filmen "eine Flucht aus den Fantasien in die brutale Realität". Die NZZ bringt eine Bilderstrecke zum 50. Todestag von Bruce Lee. Besprochen werden Christopher Nolans "Oppenheimer" (für Fabian Tietke in der taz ein "etwas biederer, solider, sehr epischer und sehr vom Geniekult geprägter Film", ZeitOnline, artechock), die britische Serie "It's a Sin", derzeit in der ZDF-Mediathek (BlZ) und die Netflix-Mystery-Komödie "They Cloned Tyrone" (BlZ, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2023 - Film


Kann es derzeit einen aktuelleren Film geben als Christopher Nolans "Oppenheimer" über den "Vater der Atombombe", fragt Hanns Georg-Rodek in der Welt. Nein, aber Rodek denkt nicht an die atomare Bedrohung durch Russland, sondern an die Gefahren durch KI: "Möglicherweise erleben wir gerade einen zweiten 'Oppenheimer-Moment': Auch die Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Menschheit, wie wir sie kennen, auszulöschen. Parallelen drängen sich auf: eine Gruppe von Kybernetikern, die eine Waffe ( jawohl, Waffe!) von ungeahntem Potenzial entwickelt, ein machtvoller Auftraggeber (die TechKonzern-Elite, aufmerksam beobachtet vom Militär), eine für Bürger völlig undurchschaubare Technologie, die ihre Wirkweise (sprich: Algorithmisierung) als Staatsgeheimnis betrachtet."

Aber wie ist denn nun der Film, der mit üppigem (männlichen) Ensemble auftritt und vier Zeitebenenen, darunter Oppenheimers Zeit in Cambridge, seine Rolle als Organisator des US-Atombombenprogramms im Zweiten Weltkrieg und das Verhör wegen Spionageverdacht im Jahr 1954, verschachtelt? "Es ist modernstes Geschichtenerzählen, und bald springt Nolan mühelos von einer Ebene in die andere, und es steht immer im Dienst der Geschichte, die Sprünge in Vergangenheit und Zukunft verbrämen das Verständnis nicht (wie oft bei Nolan), sondern erklären und kommentieren und tragen zu dem rasanten Tempo eines faszinierenden Films bei", so Rodek. Der Film setzt Energien frei, "wie man es von der Filmkunst fast nicht mehr erwartet hat", versichert ein begeisterter Andreas Schreiner in der NZZ: "Intelligente Filme von größerem Kaliber macht gegenwärtig keiner."

"Wer folgen kann, hat den Test bestanden; Denkfaulen ist der Zutritt verwehrt", warnt Dietmar Dath in der FAZ: Nolan nimmt "Politik als Politik ernst, nicht als Moralcode, und gesellt ihr mit höchster visueller Akkuratesse noch eine andere Schicksalsmacht hinzu: die physikalische Wirklichkeit. Leerraum, schwarze Löcher, Bogenblitze, Teilchendetektorspuren in der Nebelkammer - und dazu eine Klangregie, vor der selbst David Lynch niederknien darf: Geigerzählerknacksen, das Trampeln einer Hörerschaft, das zur marschierenden Armee wird und zum Donner einer Detonation." SZ-Kritiker Tobias Kniebe hat sich dagegen kolossal gelangweilt: Er "geht einfach nicht richtig los", stöhnt er: "Große Konfusion, teilweise fast unverständliche Dialoge, gänzlich unklare Ziele der Beteiligten, zugekleistert noch dazu mit permanent dräuender Musiksoße - schon rein handwerklich ist der erste Teil des Films ein Totalausfall. (…) Schlimmer noch als die Hetze und das Bürokratengeraune und die Bilder der Bürokratenräume, für die man nun wirklich keine Imax-Kameras braucht, ist aber die Grundfragestellung des Films, die sich daraus ergibt: War Oppenheimer vielleicht ein bisschen Kommunist? Ziemlich sicher sogar. Und ist ihm deshalb im Nachkriegsamerika großes Unrecht widerfahren? Nun ja, also …" Weitere Besprechungen in Berliner Zeitung, Tagesspiegel und Standard.

Von Oppenheimer zum Streik der Drehbuchautoren und Schauspieler in Hollywood: "Es geht um den Berufsstand Schauspieler", erklärt Nina Hoss, Mitglied der Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild, im Zeit-Gespräch: "Eigentlich ist es uninteressant, auszuführen, wie wir zu dem kommen, was ihr alle anschaut. Also erklären zu müssen, dass wir ja auch Arbeiter sind. Etwa wenn es um die Wiederholungshonorare geht. Ein Schauspieler muss in den USA mindestens 25.000 Dollar im Jahr verdienen, um über die Gewerkschaft krankenversichert zu sein. Das ist für viele nur durch diese Honorare erreichbar. Und wenn man mit den Streamern keine gerechte Lösung findet, weil sie sich nicht in die Karten schauen lassen wollen, dann ist das ein Problem."

Besprochen werden außerdem Greta Gerwigs "Barbie" ("Das wirklich große Kino bei 'Barbie' ist der absolut lockere, lustige, massentaugliche Ton", meint Aurelie von Blazekovich in der SZ, taz, FR, Zeit) und Edward Zwicks "The Last Samurai" (FAZ).