Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2023 - Film

Entdeckt am Ende sogar ihre Vagina: Margot Robbie als "Barbie"

Dass Greta Gerwig ihrer "Barbie" eine feministische Note verleihen wird, war bereits bekannt. "Aber 'Barbie' ist nicht nur ein feministischer Film geworden, sondern ein Film über den Feminismus. Er denkt den Feminismus nicht nur mit, sondern er denkt ihn neu", freut sich Marie-Luise Goldmann in der Welt: "An harscher Selbstkritik an der glitzernden, neoliberalen Plastikästhetik hat Gerwig, die das Drehbuch gemeinsam mit ihrem Ehemann Noah Baumbach … schrieb, nicht gespart. ... Barbie selbst erfährt eine existenzielle Erschütterung, als sie in der echten Welt einen Schulhof betritt und die erwartete Begeisterung vonseiten der Kinder ausbleibt. Statt ihr menschgewordenes Idol zu umarmen, werfen sie ihr an den Kopf, sie zu hassen und schon seit dem Alter von fünf Jahren nicht mehr mit ihr, einer Faschistin und Kapitalistin, die am ungesunden Körperbild so vieler Frauen schuld sei, zu spielen."

Barbie "soll niemanden zu sehr verprellen. Und natürlich die 100 Millionen [Produktionskosten] wieder einspielen. Letzteres steht in den Sternen, die ersten beiden Punkte scheinen realisierbar", meint hingegen Perlentaucherin Carolin Weidner: "Alles bleibt Andeutung, perfekt ausgeführt und on point, aber eben auch leicht verdaulich und höchstens dann subversiv, wenn man sich noch nie mit so etwas wie dem Patriarchat auseinandergesetzt hat, oder im Fall des einen oder anderen Zuschauers - vielleicht auch nicht auseinandersetzen musste." Am Ende entdeckt Barbie aber immerhin "ihr Bewusstsein, ihre Tränen, Wut, und, Trommelwirbel, am Ende sogar eine echte Vagina." Bei allem "Klamauk" erkennt Dietmar Dath in der FAZ durchaus auch "stille, tiefe Stellen" - oder anders ausgedrückt: "In einer Wüste, in der bestimmte Nährstoffe anders nicht zu finden sind (solche über die Beschaffenheit weiblicher Kinderträume etwa), trinkt man auch mal fragwürdiges Pfützenwasser in Pink."

Für Gerwig ist der Film "nur eine Etappe auf dem Weg zur größten Hollywood-Regisseurin der Gegenwart", glaubt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Für Mattel ist es dagegen nur der Anfang. 13 weitere Realfilme sollen folgen: unter anderen über die Rennwagen Hot Wheels und den violetten Dino Barney." Da musste Gerwig schon nach den Regeln des Konzerns spielen, meint Busche. "Der Barbie-Feminismus fällt darum immer auch mit der Tür ins Traumhaus (das keine Innenräume hat). 'Ich bin der Mann mit der wenigsten Macht im Raum', sagt einmal ein unterrangiger Mattel-Angestellter. 'Macht mich das zur Frau?'" In der Berliner Zeitung bespricht Manuel Almeida Vergara den Film, in der NZZ schreibt Daniel Haas.

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Matthias Dell den Nachruf auf den im Alter von 72 Jahren gestorbenen Kameramann Thomas Plenert, der mit allen großen Regisseurinnen und Regisseuren der DDR drehte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2023 - Film

Zum Kinostart von Christopher Nolans Biopic-Blockbuster "Oppenheimer" begibt sich Rüdiger Suchsland für den Filmdienst auf die filmischen Spuren, die der Vater der Atombombe in der Filmgeschichte bislang hinterlassen hat. Besprochen werden der von Masha Matzke herausgegebene Band "Figures of Absence" über die Experimentalfilmerin Dore O. (Filmdienst), die Ausstellung "Ausgeblendet / Eingeblendet" über jüdische Filmgeschichte in der Bundesrepublik im Jüdischen Museum in Frankfurt (Filmdienst), die kenianische Serie "Country Queen" (FAZ), Reinhild Dettmer-Finkes Psychiatrie-Doku "Irre oder Der Hahn ist tot" (taz) und Volker Koepps Dokumentarfilm "Gehen und Bleiben" über den Schriftsteller Uwe Johnson (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2023 - Film

Die Feuilletons trauern um Jane Birkin. Frankreich hatte die Britin begeistert als eine der ihren adoptiert: Paul Quinio würdigt sie in Liberation als Freigeist. Mit ihren Filmen und Platten hat sie "wie kaum eine andere die englischen Sechziger- und die französischen Siebzigerjahre geprägt", schreibt David Steinitz in der SZ. Birkin begann im britischen Kino, reüssierte aber im französischen Kino: "Das europäische Kino war in den Sechziger- und Siebzigerjahren deutlich durchlässiger als heute, Regisseure, Autoren und Schauspieler wechselten die Länder und Sprachen mit einem lockeren Selbstverständnis." Ihr Image als Sexsymbol und Anhängsel von Serge Gainsbourg tut Birkin unrecht, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Sie war nicht so sehr Muse als vielmehr Kollaborateurin, wie sich in den Filmen feststellen lässt, die sie mit Agnes Varda drehte: "'Jane B. par Agnès V.' ist nur nominell ein filmisches Porträt über Birkin, die Schauspielerin ist genauso Autorin wie die Regisseurin zur Darstellerin ihrer eigenen Hommage wird. Bei ihrer Vertrauten Varda darf sie sich die Rollen, die sie schon immer einmal spielen wollte, aussuchen - von Tarzans Jane bis zu Joan d'Arc. Birkin, gerade 40 geworden, legt ihre Wünsche und Unsicherheit in diesem Film offen, beschützt und geführt von Varda. Zwei Frauen, die das französische Kino, aber auch das Bild von Frauen jede auf ihre Weise geprägt haben." Auch Andreas Kilb hebt in der FAZ ihre Kollaborationen im französischen Autorenkino hervor: "Einer der wenigen Regisseure in ihrer Wahlheimat Frankreich, der ihr Talent zu Zwischentönen der Trauer wie des Überschwangs erkannte, war Jacques Rivette. Die Schauspielerin Emily in 'Theater der Liebe', die am Widerspruch zwischen Kunst und Leben zerbricht, und die Gefährtin des Malers Frenhofer alias Michel Piccoli in Rivettes 'Die schöne Querulantin' gehören zu ihren besten Figuren."

Auf Birkins größten musikalischen Hit, "Je t'aime (moi non plus)" mit Serge Gainsbourg, kommen die meisten Nachrufe eher etwas verlegen am Rande zu sprechen. Eine sexuell lasziv klingende Frau scheint auch heute noch zu überfordern, in den Sechzigern war sie erst recht ein Skandal. Dabei handelt es sich bei dem Stück um einen "signifikanten Moment der Kulturgeschichte", erinnert Samir H. Köck in der Presse. "Die Heftigkeit des Birkinschen Stöhnens empörte nicht nur Papst Paul VI., sondern vor allem auch die Sendeverantwortlichen vieler Radios. Dabei wurde das Lied von Freund und Feind missverstanden. Es war nicht als Hymne zur sexuellen Befreiung gedacht, sondern thematisierte die Unfähigkeit zur körperlichen Liebe. 'L'amour physique est sans issue', hieß es darin." Weitere Nachrufe in taz und NZZ, ZeitOnline bringt eine Bilderstrecke. Birkin selbst habe über den Erfolg ihres bekanntesten Songs in späteren Jahren im übrigen wohl sehr geseufzt, schreibt Mara Delius in der Welt: "Vor Jahren beklagte sie in einem Interview, dass vollkommen klar sei, welcher Song zu ihren Ehren gespielt werden würde, wenn sie tot sei." Wir erinnern an sie mit dem großartigen Konzeptalbum "Histoire de Melody Nelson" von 1971:



Außerdem: Daniel Kothenschulte gibt in der FR eine Wasserstandsmeldung vom Doppel-Streik in Hollywood. Marion Löhndorf berichtet in der NZZ vom Prozess gegen Kevin Spacey. Elke Wittich stöbert für die Jungle World in alten Filmzeitschriften, was im Jahr 1913 die Filmbranche bewegt hat. Besprochen wird Claire Denis' "Mit Liebe und Entschlossenheit" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2023 - Film

Für Außenstehende mag es absurd wirken, dass die 160.000 Mitglieder der US-Schauspielgewerkschaft in den Streik treten (unser erstes Resümee). Sind da in Hollywood nicht alle Multimillionäre? Denkste, schreiben Jürgen Schmieder und David Steinitz in der SZ: "Die US-Filmindustrie besteht natürlich nicht nur aus dieser kleinen Zahl prominenter Besserverdiener. Sondern auch aus Tausenden weniger bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich mühsam und oft unter prekären Umständen von Job zu Job hangeln." Hanns-Georg Rodek liefert dazu Zahlen in der Welt: "Der Mindestlohn liegt für Schauspieler bei 1056 Dollar pro Tag. Das Double für einen Star bringt am Abend 214 Dollar nach Hause, Hintergrundakteure (ohne Dialog) 182 Dollar. Von den 160.000 Mitgliedern der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA fallen mehr als 90 Prozent in diese Tag-für-Tag-Kategorie. Es ist durchaus üblich, dass zwischen ihrer letzten und ihrer nächsten Rolle Wochen oder sogar Monate liegen. Der durchschnittliche Jahresverdienst solcher Schauspieler liegt laut Gewerkschaftsangaben bei 26.276 Dollar."

Wie konnte es eigentlich bis zu dieser historischen Streik-Konstellation kommen? Einen Grund nennt Claudius Seidl in der FAZ: "Es geht um das Geld, das die Studios nicht zu haben behaupten, was daher kommt, dass sie sich mit ihren gigantischen Investitionen in eigene Streamingplattformen so heftig verspekuliert haben, dass jetzt an Gagen, Gehältern und Tantiemen so hart gespart worden ist, dass die Streikbereitschaft kaum noch zu bändigen war." Außerdem erklären Bert Rebhandl (Standard) und Jan Bolliger (TA) die Auswirkungen des Streiks.

Gibt es zu viel Online-Hype um "Barbie" und "Oppenheimer", die kommenden Donnerstag starten? Iwo, findet Rüdiger Suchsland auf Artechock, solche Hypes bräuchte es ganz im Gegenteil sogar viel, viel häufiger: "Hype und Kult und Subjektivismus und irrationale Begeisterung und Vorfreude wie als Kind auf Weihnachten - das ist Kino wirklich." Und tatsächlich, "es ist der Sommer der popkulturellen Riesenspektakel, der Gemeinschaftsbegeisterung von einem Ausmaß, wie man es lange nicht erlebt hat", schreibt Julia Lorenz auf ZeitOnline: "Lange hat sich Popkultur, zumindest im sogenannten Westen, nicht mehr so nach Naturgewalt angefühlt" und "allein das Reden darüber ist ein Motor für viel Kreativität." Dieser "Doppelstart könnte der lauteste Knall des Sommers werden, bizarrerweise zeitgleich zum streikbedingten Shutdown in Hollywood. Ein mächtiger, pinkfarbener Atompilz am Himmel." In der SZ porträtiert David Steinitz außerdem die Regisseurin und Schauspielerin Greta Gerwig: "Sie gehört seit Jahren zu den wichtigsten Independent-Filmemacherinnen Amerikas" und hat nun mit "Barbie" den Sprung ins Blockbuster-Segment geschafft.

Außerdem: Mandoline Rutkowksi berichtet in der Welt aus London von der Gerichtsverhandlung gegen Kevin Spacey. Michèle Binswanger amüsiert sich im Tagesanzeiger über einen prächtigen Bock, den die deutschen Netflix-Übersetzer in den Untertiteln der Tennisdoku "Break Point" geschossen haben: Erfolgssportlerin Serena Williams wird da rustikal zur Ziege erklärt, in beeindruckender Unkenntnis dessen, dass der englische Slangbegriff GOAT ein Akronym für "Greatest of All Time" ist. Besprochen werden die Ausstellung "Ausgeblendet - Eingeblendet. Eine jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik" im Jüdischen Museum in Frankfurt (FR) und die Reality-Serie "The Stallone Family" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2023 - Film

Alle Reels stehen still, wenn Dein starker Arm es will: Erstmals seit 63 Jahren streiken in Hollywood wieder zwei zentrale Gewerke. Der Drehbuchstreik hält weiter an, nun hat aber auch die Gewerkschaft der Schauspieler nach ergebnislosen Verhandlungen mit den Studios einen Streik ausgerufen. 160.000 Gewerkschaftsmitglieder legen laut Hollywood Reporter die Arbeit nieder: Damit kommt die US-Filmindustrie de facto zum Stillstand, auch auf promoträchtigen Premieren zeigen sich die Schauspieler nicht (weshalb etwa die "Oppenheimer"-Premiere in London um eine Stunde nach vorne verlegt wurde, um nicht nackt dazustehen, meldet die Welt). "Wir sind die Opfer hier", rief Gewerkschaftspräsidentin Fran Drescher in ihrer wütenden Rede, "eine habgierige Instanz schikaniert uns. ... Dies ist ein Moment der Geschichte, ein Moment der Wahrheit. Wenn wir uns jetzt nicht gerade machen, werden wir alle in Zukunft gehörige Probleme bekommen. Uns allen droht die Gefahr, von Maschinen ersetzt zu werden." ZeitOnline hat via dpa eine informative FAQ erstellt, um was es bei dem Streik genau geht: Wie die Drehbuchautoren leiden auch die Schauspieler an sinkenden Budgets und Honoraren trotz höherer Produktionvolumen und dem Wegfall von Tantiemen durch Wiederholungen, die es im Streaming de facto nicht mehr gibt (mehr dazu hier). "Zudem hatte SAG-AFTRA mitgeteilt, dass es eine 'reale und unmittelbare Bedrohung' darstelle, wie animierte KI-Charaktere die Schauspielerei von Mitgliedern täuschend echt nachbilden könnten."

Aktuelle Produktionen sind damit einem erheblichem Stresstest ausgesetzt, schreibt Hanns-Georg Rodek auf Welt+: Manche Produktionen konnten rechtzeitig abgeschlossen werden, "weniger Glück haben die dritte Staffel von 'White Lotus' oder der Serien-Ableger von Ridley Scotts 'Alien', die zwar in Thailand drehen, aber mit SAG-AFTRA-Schauspielern in führenden Rollen besetzt sind: Verschiebt man die Produktion in der Hoffnung auf einen kurzen Streik oder besetzt man um? Natürlich könnte man australische oder britische Darsteller nehmen, aber für deren weitere Karriere in Hollywood-Filmen wäre eine Art inoffizielles Streikbrechen gar nicht zuträglich. Auch das von US-Stars abhängige Festival in Venedig (Beginn: 30. August) könnte stark leiden. ... Mit einem kurzen Streik sollte nicht gerechnet werden, dafür sind die Streitpunkte zu komplex."

Zurück nach Berlin: Mit einer gewissen (und ja auch durchaus berechtigten) Häme nimmt Rüdiger Suchsland auf Artechock zur Kenntnis, dass die Berlinale nun durch schieren Druck von oben dazu gezwungen ist, Suchslands seit Jahren am Festival geäußerte Kritik in die Praxis umzusetzen (mehr dazu hier und dort). Ihre Chance, diesen Umbau selber zu gestalten, habe die 2019 neu eingerichtete Festivalleitung nicht ǵenutzt. Suchsland bekräftigt daher weitere Forderungen: "Man muss die Berlinale einmal völlig auf Null stellen und neu starten." Das "bedeutet auch: Die Berlinale braucht einen neuen Standort. Auch hier sind ein klarer Schritt und viel Mut nötig. Wenn die Berlinale sich wirklich neu erfinden will, muss sie das auch formal, ästhetisch, also räumlich signalisieren. Darum sollte sie auf das Messegelände im Westen ziehen! Die Berlinale könnte im leerstehenden ICC eine neue herausragende Heimat finden, die auch einen Neuanfang symbolisiert."

Weitere Artikel: Das Team von critic.de - darunter auch die Perlentaucher-Autoren Lukas Foerster, Andrey Arnold, Michael Kienzl und Robert Wagner - erzählt von seinen Fundstücken beim italienischen Festival Il Cinema Ritrovato, das sich ganz auf die Bergung filmhistorischer Schätze spezialisiert hat. Von "Barbenheimer" zu "Oppenbarbie" und zurück: Andreas Scheiner macht sich in der NZZ ernsthaft Sorgen, dass die für nächste Woche angesetzten Blockbuster "Barbie" und "Oppenheimer" vom aktuellen Hype darum eher Schaden nehmen. Fritz Göttler fragt sich in der SZ, ob es von Orson Welles' seinerzeit vom Studio stark gekürzten Film "Magnificent Ambersons" noch eine Originalversion gibt. In der Jungle World erinnert Dierk Saathoff an die Serie "Orange Is the New Black", mit der Netflix vor zehn Jahren auf sich aufmerksam macht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2023 - Film

Nur noch 200 Filme bei der Berlinale, zwei Sektionen eingestellt (unser erstes Resümee): Es ist "eine kulturpolitische Blamage", was das Bundeskulturministerium dem Festival mit seinem auferlegten Sparzwang da eingebrockt hat, kommentiert Bert Rebhandl im Tip Berlin. "Berlin ist im Februar durch die Berlinale mehr Weltstadt als sonst. Jeder dieser Filme, die nicht gezeigt werden, ist auch ein Verlust an Horizont für eine Stadt, die nach der letzten Wahl ohnehin einen großen Schritt Richtung Kleingeistigkeit gemacht hat." Auch das Ende der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" hat Folgen: So "fehlt gerade den Debütierenden ein Forum, und das internationale Publikum, die angereisten Kritiker und Produzenten, werden weniger mitbekommen. Deutschland wird sich ein bisschen aus den Vernetzungen der Filmbranche herausnehmen."

Tobias Kniebe und Susan Vahabzadeh von der SZ finden den Wegfall der "Perspektive" halb so wild, denn laut Ankündigung sollen deutsche Beiträge nun vermehrt über die anderen Sektionen verteilt werden. "Es werden am Ende ein paar Filme weniger sein", aber "so kann jeder einzelne Film, der ausgewählt wird, mehr Rampenlicht für sich beanspruchen. Ein stärkerer kuratorischer Fokus im gesamten Programm ist überhaupt eine wünschenswerte Entwicklung." Andreas Kilb findet es in der FAZ ebenfalls vernünftig, dass die im letzten Vierteljahrhundert völlig aus dem Leim gegangene Berlinale sich nun wieder besser definieren will. "Diese Verschlankung könnte das künstlerische Profil der Filmfestspiele schärfen. ... Allerdings wundert man sich, dass Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die als politisch Verantwortliche über den Bundeszuschuss für die Berlinale entscheidet, offenbar nicht den Hauch einer eigenen Idee für die Zukunft des Festivals hat."

Weitere Artikel: Andrey Arnold porträtiert in der Presse die Schauspielerin Thea Ehre, die mit ihrer Rolle in Christoph Hochhäuslers "Bis ans Ende der Nacht" gerade ihren Durchbruch hatte. Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Regisseurin Lola Quiveron über deren Film (in der Welt, im Standard und bei uns im Perlentaucher besprochenen) "Rodeo" (mehr dazu hier). Besprochen werden Claire Denis' "Mit Liebe und Entschlossenheit" (FR, taz, Tsp) und "Mission Impossible 7" mit Tom Cruise (Perlentaucher, FR). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2023 - Film

Unter Dieter Kosslick zeigte die Berlinale in den letzten Jahren weit über 300 Filme - nun soll das Programm auf 200 gedeckelt werden. Das teilte die Festivalleitung gestern mit. Alle Sektionen werden schmaler - mit Ausnahme des Wettbewerbs (der unter Carlo Chatrian allerdings eh schon an Umfang verloren hat). Daneben werden die Sektionen "Perspektive Deutsches Kino" und Berlinale Series komplett abgeschafft, ihre inhaltlichen Schwerpunkte sollen in die übrigen Sektionen eingehen. "Das ist eine heftige Maßnahme", kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. Die Festivalleitung verbreitet Sonnenschein-Optimismus, das Kulturstaatsministerium zeigt sich über die Kürzungen hoch erfreut, legt aber keine Eile an den Tag, eine Nachfolge für die ausscheidende Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek zu finden oder Carlo Chatrians Vertrag zu verlängern. "So fahrlässig ist noch kein:e Amtsvorgänger:in Roths mit dem größten deutschen Kulturevent umgegangen. ... Dann schrumpft halt mal. Es klingt fast zynisch, bedenkt man, wie leidenschaftlich Claudia Roth bei den Berlinale-Eröffnungen für das Kino, das Festival und die Sache des Films geworben hatte. Die Politik lässt die Berlinale im Regen stehen."

Kino-Wucht: Lola Quivorons "Rodeo"

Lola Quivorons Debütspielfilm "Rodeo" spielt im Motorrad-Milieu der Banlieues. Die jugendliche Hauptdarstellerin Julie Ledru entspringt selbst diesem Milieu und ist eine echte Entdeckung, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel: "Man versteht augenblicklich, was die Regisseurin an Ledru, deren finstere Miene beim Röhren der Motoren, im bläulichen Qualm der Abgase, zu leuchten beginnt, begeistert hat. Es ist eine eigene Welt, die Kameramann Raphaël Vandenbussche nicht mit dem sozialrealistischen Gestus der Dardenne-Brüder einfängt; eher schon mit der adrenalinbrausenden Energie der 'Fast and Furious'-Filme." Zwar habe der Film hier und da seine Schwächen: "Die Übergänge von Realismus und Metaphysik sind eigentlich nur plausibel - dann allerdings mit einer Wucht, wie man sie im Kino selten erlebt! -, wenn Quivorons Film sich dem Rausch der Geschwindigkeit, dem Metall der Karosserien und dem Fetisch der Pferdestärken hingibt."

Außerdem: Marius Nobach schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Schauspieler Alan Arkin. Besprochen werden Christopher McQuarries neuer "Mission Impossible"-Film mit Tom Cruise (Tsp, FAS, mehr dazu bereits hier) und die auf Netflix gezeigte Krimiserie "Florida Man" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2023 - Film

Husch, husch, weg war er: PR-trächtige fünf Sekunden in "Mission Impossible 7"

Der neue "Mission Impossible"-Blockbuster mit Tom Cruise kommt in die Kinos und der Star rennt mal wieder um sein Leben, um das Kino zu retten, schreibt Michael Meyns in der taz und bleibt aber skeptisch: "Kann man dieses Ego-Spektakel mit gutem Gewissen noch als Film bezeichnen?" Im Zentrum der Filmreihe stehen immer die Stunts und vor allem das PR-Versprechen, dass Cruise seine Stunts komplett selber durchführt. "Cruise springt mit einem Motorrad von der Klippe! Seit einem halben Jahr kann man sich das Video von diesem Stunt im Internet anschauen, kann hören, wie Regisseur Christopher McQuarrie bedeutungsschwer behauptet, dies sei der größte Stunt der Filmgeschichte. ... Im Film selbst verpufft diese Szene, dauert kaum fünf Sekunden." So "fühlt sich das siebte 'Mission: Impossible'-Abenteuer oft wie eine Selbstparodie an, die bekannte Muster, Versatzstücke und Handlungselemente variiert".

Jan Küveler von der Welt staunt derweil über die prognostischen Fähigkeiten der Drehbuchautoren Erik Jendresen und Christopher McQuarrie: "Wie sehr das Skript die Kriege und Debatten der Gegenwart voraussieht, ist von einem Wahnwitz, der mit den Stunts des Hauptdarstellers locker mithalten kann. Eine Hauptrolle spielen erstens die Russen und zweitens eine künstliche Intelligenz. Verrückt, bedenkt man, dass selbst die Dreharbeiten schon vor drei Jahren stattgefunden haben." In der SZ streckt David Steinitz angesichts einer Handlung, die "komplett gaga" ist, die Waffen: "Man muss sich diesem Hollywoodunsinn einfach lustvoll ergeben, dann hat man sehr unterhaltsame 163 Minuten vor sich."

Außerdem: Michael Ranze resümiert im Filmdienst das Filmfestival von Karlovy Vary. Hollywood wird wohl demnächst Sommerferien wider Willen machen, meldet Claudius Seidl in der FAZ: Während der Drehbuchstreik derzeit noch anhält, drohen nun auch die Schauspieler mit Streik.

Besprochen werden Lola Quivorons Banlieue-Film "Rodeo" (Standard, Welt), die in der ZDF-Mediathek nur nachts gezeigte Serie "It's a Sin" über die schwule Szene der Achtziger in London ("nicht hoch genug zu preisen", jubelt Jan Feddersen in der taz)  und die ARD-Doku "Generation Crash - Wir Ost-Millenials" über die von Gewalt geprägten Neunziger in Ostdeutschland (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2023 - Film

Die Berlinale wird den Gürtel enger schnallen müssen, heißt es aus gut unterrichteten Kreisen: Gerüchten zufolge könnten die Sektionen "Perspektive Deutsches Kino", "Berlinale Series" und die "Berlinale Classics" inklusive der Hommage demnächst wegfallen. Das Festival selbst bestätigt nichts konkret, aber durchaus "die Notwendigkeit, ressourcenschonende Maßnahmen zu ergreifen" und das Programm mengenmäßig zu straffen, wie Christiane Peitz im Tagesspiegel bereits am Samstag (aber zu spät für unsere Kulturrundschau) die Festivalleitung zitierte. Inhaltlich würden die angezählten Sektionen wohl in anderen Sektionen aufgehen, spekuliert Peitz. "So oder so, der Tanker Berlinale schlingert in unruhigem Fahrwasser. Viele bewährte Festivalkinos haben in den letzten Jahren geschlossen oder fielen wegen Umbaus weg. Der Potsdamer Platz ist jetzt nur noch Zentrum für die Fachbesucher, die Zukunft des Berlinale-Palasts ist ungewiss, und die Publikumskinos sind über die ganze Stadt verteilt. Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek hatte außerdem Ende März bekannt gegeben, dass sie ihren Vertrag über 2024 hinaus nicht verlängert." Auch "über die Vertragsverlängerung von Carlo Chatrian ist noch nicht entschieden."

Außerdem: Esther Buss führt im Filmdienst durch die Filme des italienischen Autorenfilmers Pietro Marcello, dessen "Die Purpursegel" (unsere Kritik) aktuell in den Kinos läuft. In der FAZ freut sich Nina Rehfeld, dass Disney in den kommenden Wochen auf seinem Streamingdienst zahlreiche Cartoons aus der Frühgeschichte des Konzerns in teils restaurierten Ausgaben zugänglich macht.

Besprochen werden Philippe Weibels "The Art of Love" (Filmdienst), Matt Walshs auf Twitter veröffentlichter Interviewfilm "What Is a Woman?" (NZZ) und die Paramount-Serie "The Ex-Wife" (FAZ),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2023 - Film

Am 20. Juli ist das "epischste Blockbuster-Battle der jüngeren Kinogeschichte" zu erleben, prophezeien Cornelius Pollmer und David Steinitz in der SZ: Dann starten zeitgleich Greta Gerwigs Plastikspielzeug-Sause "Barbie" (Warner) und Christopher Nolans Atombomben-Biopic "Oppenheimer" (Universal), weshalb im Netz unter den Stichwörtern "Barbenheimer" und "Oppenbarbie" bereits ganze Meme-Kriege entbrannt sind. Eigentlich ja ein Unding, Hollywood terminiert seine Produktionsboliden üblicherweise penibel aneinander vorbei. Geht es um eine Fehde hinter den Kulissen? Nolan dreht seit vielen Jahren eigentlich für Warner, die aber "während der Pandemie als eines der ersten und dann eifrigsten Studios große Blockbuster einfach beim hauseigenen Streamingdienst HBO Max online stellten, anstatt zu warten, bis die Kinos wieder aufmachen. Für den fanatischen Kinofetischisten Christopher Nolan ein Affront. Er sagte damals dem Hollywood Reporter: 'Einige der größten Filmemacher und wichtigsten Filmstars sind gestern mit dem Gefühl ins Bett gegangen, für das beste aller Filmstudios zu arbeiten. Nur um heute aufzuwachen und festzustellen, dass sie leider für den schlechtesten Streamingdienst tätig sind.'... Dass sein Ex-Arbeitgeber Warner 'Barbie' jetzt einfach auf denselben Starttag programmiert hat, könnte durchaus eine kleine Retourkutsche sein. Rache ist rosa." Hier ein Mash-Up-Trailer:



Außerdem: Pascal Blum plaudert im Tages-Anzeiger mit Actionregisseur John McTiernan. Besprochen werden die Serie "Then You Run" (FAZ) und Laura Baumeisters nicaraguanisches Sozialdrama "La hija de todas las rabias", das allerdings nur in der Schweiz startet (NZZ).