Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2023 - Film

Auf den 3D-Effekt des chinesischen Animationsfilmblockbusters "Deep Sea" muss das deutsche Publikum zwar verzichten. Aber die fantasiereiche Odyssee ist dennoch ein Knaller, verspricht Tagesspiegel-Kritikerin Claudia Reinhard: Sie hatte nach dem Film geradezu das Gefühl, es "müsste einem die Farbe aus den Ohren herauslaufen. Für ihre Unterwasserwelt haben Regisseur Tian Xiaopeng und sein über tausendköpfiges Team 3D-Animation mit traditioneller chinesischer Xieyi-Tuschmalerei verknüpft, bei der mit schneller Pinselführung, das Wesen eines Gegenstands abgebildet werden soll. Das Ergebnis ist eine Welt, in der Formen und Farben in einem ebenso ständigen Strom bewegen wie die Emotionen der Helden, die sie durchschreiten. In weiten Teilen präsentiert sich 'Deep Sea', der in China zu den erfolgreichen Filmen des Jahres gehört und in Deutschland bei der Berlinale Premiere hatte, als Hayao Miyazakis 'Chihiros Reise ins Zauberland' auf LSD." Der Trailer vermittelt einen Eindruck:



Weitere Artikel: Heide Rampetzreiter staunt in der Presse über das Comeback, das dem Schauspieler Josh Hartnett mit "Oppenheimer" gelungen ist. Die Krimi-Autorin Rita Falk ärgert sich über die erfolgreichen Verfilmungen ihrer Eberhofer-Krimis, meldet David Steinitz in der SZ. Rüdiger Suchsland (hier) und Lilith Stangenberg (dort) schreiben auf Artechock zum Tod von William Friedkin (hier weitere Nachrufe).

Besprochen werden Regina Schillings im ZDF gezeigter Essayfilm "Diese Sendung ist kein Spiel" (Welt, mehr dazu hier), Celine Songs Romanze "Past Lives" über eine Kindheitsliebe, die sich nach Jahren wieder aktualisiert (Standard, Filmdienst), Asli Özges "Black Box" (FAZ), Robert Rodriguez' Thriller "Hypnotic" (Standard), Neill Blomkamps Videospielverfilmung "Gran Turismo" (FR), die Wiederaufführung von Sabus "Dangan Runner" aus den Neunzigern (Filmdienst), die in der ARD-Mediathek gezeigte MeToo-Serie "37 Sekunden" (Welt) und die Netflix-Serie "Painkiller" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2023 - Film

Sie nannten ihn "Ganoven-Ede": True-Crime-Pionier Eduard Zimmermann (ZDF)

Vor wenigen Jahren traf Regina Schilling mit ihrem Essayfilm "Kulenkampfs Schuhe" über die Vermischung von Mentalitäts- und TV-Geschichte einen Nerv und sorgte für viel Gesprächsstoff. Jetzt zeigt das ZDF ihren neuen Essayfilm, "Diese Sendung ist kein Spiel" über Eduard Zimmermanns True-Crime-Klassiker "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Erneut geht es um Mentalitätsgeschichte, wie sie sich in der Fernsehstube formierte, schreibt Thomas Groh im Perlentaucher, aber weniger "um die oft kritisierten ethischen Implikationen der Sendung (Ist der Nachbar zuletzt nicht vielleicht doch auffallend häufig abends aus dem Haus gegangen? Ist die Frau aus dem vierten Stock nicht doch auffallend häufig mit unterschiedlichen Männern im Treppenhaus anzutreffen?), sondern um eine neue Kultur der Angst, die mit 'Aktenzeichen XY… ungelöst' in den Stuben Einzug hielt. Plötzlich lebte man nicht mehr in einer trotz gängiger Alltagsprobleme mehr oder weniger kommod eingerichteten Welt ('Haben wir denn noch was zum Anstoßen zuhause?' - 'Eine Flasche Eierlikör müsste noch da sein', heißt es an einer Stelle im Film, ein Zitatschnippsel aus einem 'XY'-Einspieler), sondern in einer Welt, in der an jeder Ecke nicht nur das Verbrechen, sondern gleich das anonyme Böse lauerte: Raub, Gewalt und Mord im Sumpf zwielichtiger Milieus, die sich allerorten unter dem dünnen Firniss kleinbürgerlicher Idyllen zu bilden schienen. Einschalten wird zur Bürgerpflicht wie heutzutage das Teilen greller Schlagzeilen in AfD-lastigen Facebook-Blasen."

Die Sendereihe war im Grunde eine einzige Disziplinierung von Frauen, sich abends besser nicht in Kneipen begeben, sondern Herd und Kinder hüten sollten, beobachtet NZZ-Kritiker Marcel Gyr anhand von Schillings Film: "Auffallend oft brachte 'Ganoven-Ede', wie er alsbald genannt wurde, ein Verbrechen in Zusammenhang mit dem Ausbruch aus dem geordneten bürgerlichen Leben: eine unzufriedene Hausfrau, die ohne Wissen ihres Mannes in den Ausgang geht, oder eine junge Frau, die spätabends per Anhalter nach Hause will, anstatt auf den letzten Bus zu warten. ... In den Gewaltverbrechen, die das Team von Eduard Zimmermann auswählte, war der Täter demgegenüber stets ein unbekannter Fremder. Das Sittlichkeitsverbrechen - das Wort Vergewaltigung gab es in der Sendung lange Zeit nicht - geschah häufig in einem abgelegenen Wald. Dem stellt die Filmemacherin die Kriminalstatistik entgegen, die besagt, dass sich bei der deutlichen Mehrheit von Sexualdelikten das Opfer und der Täter schon zuvor gekannt haben." Im Tagesspiegel bespricht Kurt Sagatz den Film. WDR und Dlf Kultur haben mit der Filmemacherin gesprochen.

Weitere Artikel: FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht beim Festival in Locarno neue, düstere Filme von Katharina Huber, Lav Diaz und Radu Jude. Dietrich Leder schreibt im Filmdienst über den Kameramann Hoyte van Hoytema, mit dem Christopher Nolan ("Oppenheimer") bevorzugt zusammenarbeitet. Nadine A. Brügger staunt in der NZZ über den aktuellen Überflug von "Barbie"-Regisseurin Greta Gerwig, die aus dem No-Budget-Kino kam und deren aktueller Film nun schon über eine Milliarde Dollar eingespielt hat.

Besprochen werden Celine Songs Liebesfilm "Past Lives", der bei der Berlinale für viel Aufmerksamkeit sorgte (Zeit, Presse), Tian Xiaopengs chinesischer Animationsfilm "Deep Sea" (taz, FR, FAZ), Aslı Özges Nachbarschafts-Paranoiafilm "Black Box" (taz, Tsp, Welt) Robert Rodriguez' Thriller "Hypnotic" mit Ben Affleck (FAZ) und Ed Herzogs neuer Eberhofer-Krimi "Rehragout-Rendezvous" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2023 - Film

Die Feuilletons reichen ihre Nachrufe auf William Friedkin nach (unser erstes Resümee gestern). Seine Klassiker "'The French Connection' und 'Der Exorzist' brachten einen rauen Realismus in das amerikanische Genrekino", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Nicht zufällig gehören sie zu den Filmen der Siebziger, die hervorragend gealtert sind. ... Sein ganzes Kino war perforiert von einem schonungslosen Existenzialismus." Passend dazu sieht FAZ-Kritiker Claudius Seidl, wenn er sich an Friedkins Filme erinnert, vor dem geistigen Auge zuerst "grobe, brutale, gewissermaßen männliche Männer; dann die Waffen, die diese Männer in den Händen halten und abfeuern, wenn es nötig ist; und dann die Autos, in denen diese Männer sitzen, fahren, alle Regeln ignorieren, und von denen, wenn die Filme zu Ende gehen, nicht viel mehr bleiben wird als von den Egos dieser Männer: ramponierte Formen, Wracks, der reine Schrott." Doch Friedkins Filme "waren, bei aller Freude am Lärm, an dem Tempo, den Karambolagen immer auch moralische Etüden darüber, dass die Guten und die Bösen, je schneller die Fahrt wird, desto schwerer zu unterscheiden sind." Weitere Nachrufe schreiben Hanns-Georg Rodek (Welt), Daniel Kothenschulte (FR) und Tim Caspar Boehme (taz). Dieser Videoessay lehrt uns, was man von "French Connection" über das Filmemachen lernen kann:



Außerdem: Marko Martin reist für die taz ins wüste Hinterland des spanischen Navarra, wo noch haufenweise alte Filmkulissen zu sehen sind - obwohl das Gebiet eigentlich ein Bioreservat ist. David Steinitz schreibt in der SZ zum Tod der Schauspielerin und Regisseurin Margit Saad. Besprochen werden die Paramount-Serie "Ghosts of Beirut" (FAZ), Neill Bloomkamps Computerspielverfilmung "Gran Turismo" (Tsp, SZ), der neue Eberhoferkrimi "Rehragout-Rendezvous" (Standard) und die Doku "Cat Daddies - Freunde für sieben Leben" (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2023 - Film

William Friedkin, 2017 (Bild: GuillemMedina, CC BY-SA 4.0)

Der große William Friedkin ist gestorben - tragischerweise nur wenige Tage vor der Premiere in Venedig seines nunmehr letzten Films, seinem ersten seit über zehn Jahren. Für die meisten Redaktionen kam die Meldung gestern Abend zu spät, aber David Steinitz legt in der SZ einen ersten Nachruf vor und zeichnet Friedkin als zähen Hund, der sich als Junge in einem Armenviertel von Chicago durchschlug, sich ins Kino rettete und sich das fürs Filmemachen nötige Handwerk in der harten Schule des Fernsehens drauf schaffte, bevor er mit Scorsese, Lucas, Bogdanovich und anderen "New Hollywood" aus der Taufe hof. Er "war einer der ersten der neuen Regiegeneration, der großen Erfolg hatte. 1971 drehte er 'French Connection'" und "krempelte das biedere Genre des Cop-Films gründlich um. Gut und Böse sind nicht mehr klar zu unterscheiden in diesem Film, die Action ist hart, ohne heroisch zu sein, und es herrscht ein kalter, desillusionierter Zynismus. Die Zuschauer liebten diese neue Härte (und vor allem die irre Verfolgungsjagd), der Film war ein großer kommerzieller Erfolg und gewann insgesamt fünf Oscars. Friedkin bekam den Oscar als bester Regisseur. ... Ein Grund zum Feiern? Nicht für Friedkin. Er hatte Angst, dass es von nun an nur noch bergab gehen könne: 'Am Tag nach der Oscarverleihung bin ich das erste und einzige Mal zum Psychiater gegangen.'" Weitere Nachrufe schreiben die Branchenblätter Variety und Hollywood Reporter. Der Guardian hat eine große Bildergalerie zusammengestellt. Wer heute ganz viel Zeit hat, kann sich bei der Director's Guild of America ein über neun Stunden dauerndes Gespräch mit Friedkin über Leben und Werk ansehen.

Zeit für eine Zwischenbilanz beim Filmfestival in Locarno: Andreas Scheiner ärgert sich in der NZZ, dass neben Cannes auch Locarno Ken Loach, dessen neuer Film heute Abend im Tessin gezeigt wird, weiterhin hofiert: Nicht nur ist Loach glühender BDS-Anhänger und Israelkritiker, sondern seine Filme auch einfach wenig avanciert: "Filmhandwerklich, von der Kamera- über die Schauspielführung, war und ist Loach schwach." Außerdem findet Scheiner, dass Locarno seinen Wettbewerb nicht so verschämt ins Kino abschieben sollte, während auf der großen Piazza Grande unter freiem Himmel vor allem kuliinarische Kost gezeigt wird. Standard-Kritiker Marian Wilhelm freut sich über Voodoo Jürgens' "kurzen, aber freizügigen Auftritt" in Sofia Exarchous "Animal" mit der "phänomenalen Hauptdarstellerin Dimitra Vlagopoulou. Ihre Karaoke-Performance zu 'Yes Sir, I Can Boogie' hat das Zeug zum schönsten traurigen All-inclusive-Musikmoment seit 'Aftersun' und 'Rimini'." Im Filmdienst wirft Irene Genhart Schlaglichter aufs Locarno-Programm, wo "oft feinste Cineasten-Kost" läuft, darunter neue Filme von Radu Jude und Lav Diaz.

Im Filmdienst porträtiert Ralph Eue den Selfmade-Filmemacher Sobo Swobodnik, der als Ein-Mann-Filmstudio mit niedrigen Budgets und sehr viel Unabhängigkeit Film an Film an Film reiht: "Überhaupt bekennt Swobodnik selbstbewusst sein Fremdeln mit Traditionen, Schulen oder Stilen, 'weil sie in der Regel apodiktisch und dogmatisch sind und der Freiheit die Butter vom Brot nehmen. Für mich gibt es nur zwei, sagen wir mal Referenzen, die für mein Filmemachen eine Rolle spielen. Die eine geht auf Adorno zurück: 'Wertfreie Ästhetik ist Nonsens, Form ist sedimentierter Inhalt.' Die andere orientiert sich an einem Satz von Jean-Luc Godard (der Gottvater!) und heißt: 'Kino ist ein Kinderspiel, das nur der spielen kann, der an keine Regeln glaubt.' Bei jedem Film, den ich mache, inhaliere ich diese beiden Sätze bis zum Abwinken, schmeiße sie dann über den Haufen und fange an.'"

Besprochen werden die (hier und dort) vom ZDF gezeigten, auf Romanen von Sally Rooney basierenden Serien "Conversations with Friends" und "Normal People" (taz), die auf Netflix gezeigte Blaxploitation-Hommage "They Cloned Tyrone" mit John Beyoga, Jamie Foxx und Teyonah Parris (FR) und die Netflix-Serie "Heartstoppers" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2023 - Film

Bemerkenswert offen spricht die 2024 scheidende Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek in Deadline über die finanziellen Probleme ihres Festivalls: etwa vier Millionen fehlen der Berlinale an Mitteln, 2025 kommen noch drei weitere obendrauf - vor allem aufgrund steigender Personal- und Grundkosten. "Ich verhandle gerade mit der Bundesregierung. Zugleich stellen wir unsere Strukturen neu auf, um die bestmöglichen Synergien von innen heraus zu erzielen. ... Und wir sprechen mit der Stadt Berlin, ob sie ein Budget hat. Derzeit leistet sie keinerlei finanzielle Unterstützung. ... Eine Bank in Berlin hat 2019 errechnet, dass die Berlinale um die 100 Millionen in die Stadt bringt, während unser Budget bei 32 Millionen liegt. Der Senat scheint aber nicht willens zu sein, dieses Argument zu begreifen, oder vielleicht glaubt er, dass der Bund zugänglicher sein sollte. Es ist ein Kampf zwischen diesen beiden Seiten. Bis 2002 war die Stadt Eigentümerin der Berlinale. Damals war die Stadt sehr arm und überließ das Festival für einen Euro an den Bund."

67 statt 68: TV-Sheriff Eduard Zimmermann (Bild: ZDF/Renate Schäfer)

Mit dem Essayfilm "Kulenkampffs Schuhe" sorgte Regina Schilling vor einigen Jahren für viel Aufsehen und Austausch. Mit "Diese Sendung ist kein Spiel" zeigt das ZDF kommenden Donnerstag eine Art Nachfolger: Diesmal geht es um Eduard Zimmermanns Klassiker "Aktenzeichen XY", erklärt Bert Rebhandl, online nachgereicht in der FAS. Die Sendereihe begann etwa zeitgleich mit den Studentenprotesten in Deutschland, Schilling "lässt aber deutlich werden, dass sich im Publikum von 'Aktenzeichen XY . . . ungelöst' schon früh die Gegenbewegungen zu den Liberalisierungen formierten, von denen Deutschland heute umfassend geprägt ist. Oder dass Zimmermann mit seiner Pädagogik der Angst diesen Bewegungen monatlich neue Motive suggerierte. ... Auch Alice Schwarzer legte sich mit Zimmermann an, aus dem guten Grund, dass seinen Moderationen ein konservatives Familienbild zugrunde lag. Frauen, die allein ausgingen, waren grundsätzlich in Gefahr, Prostitution hingegen wurde beschwiegen, als dürfte es sie nicht geben. In den Anhalterinnen, die womöglich nach Mitternacht von einer Disco nach Hause zu trampen versuchten (oder gar von Zuhause einfach mal in die große, weite Welt), fand 'Aktenzeichen XY . . . ungelöst' eine Schlüsselfigur."

Weitere Artikel: Beim Filmfestival in Locarno hat sich der US-Produzent Ted Hope auf die Seite des Hollywood-Streiks gestellt, meldet Pascal Blum im Tages-Anzeiger. Tilmann Schumacher resümiert auf critic.de das Frankfurter Festival Terza Visione, das sich auf italienisches Genrekino spezialisiert hat (unser Resümee). Die Allianz Cinéconomie will den Filmstandort Schweiz stärken, meldet Gerhard Lob in der NZZ.

Besprochen werden Ben Wheatleys Horrorfilm "Meg 2" (Filmdienst), die ARD-Serie "37 Sekunden" (Zeit) und die Paramount-Serie "Slip" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2023 - Film

Andreas Scheiner spricht in der NZZ anlässlich des Filmfestivals in Locarno mit dem rumänischen Autorenfilmer Radu Jude über die Lage in dessen Heimat, die er in jeder Hinsicht als desolat bezeichnet: "Romania is fucked", heißt es in Judes neuem Film an einer Stelle. "Die Hoffnung in all den Jahren nach dem Ende der kommunistischen Diktatur, dass die Einführung der freien Marktwirtschaft automatisch zu Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens führen würde, hat sich als nicht ganz so berechtigt herausgestellt. ... Vieles rührt noch von der kommunistischen Diktatur her und einiges sogar noch von der Diktatur davor. Und dann ist da diese toxische Mischung aus schlechter Politik und Korruption in der Verwaltung. Dazu Auswüchse in der Privatwirtschaft, die nicht gesetzlich im Zaum gehalten wird. Oder selbst wenn es die Gesetze gibt, werden sie nicht angewandt. Es gibt auch kaum noch eine freie Presse."

Außerdem: In den "Barbenheimer"-Diskussionen sollten sich beide Fraktionen die Hand geben, findet Jenni Zylka in der taz: Immerhin seien "beides gute Filme".  Valerie Dirk blickt für den Standard auf die Biopics der kommenden Saison. Kurt Sagatz besucht für den Tagesspiegel die Dreharbeiten der Serie "Public Affairs" - wahrscheinlich die letzte Serie, die Sky in Deutschland produzieren wird. Besprochen werden der neue "Teenage Mutant Ninja Turtels"-Film (FAZ) und die ARD-Serie "37 Sekunden" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2023 - Film

Zeigt die Ängste junger Menschen im Iran: "Critical Zone"

Der Film des iranischen Regisseurs Ali Ahmadzadeh, "Critical Zone", läuft auf dem Filmfestival Locarno - aber in Abwesenheit des Regisseurs, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel: Die online vorliegenden Clips aus dem Film versprechen "einen wilden Ritt durch den Underground von Teheran, ein Roadmovie als Momentaufnahme der Wut und der Ängste junger Menschen im Iran. ... Das iranische Sicherheitsministerium hat den 36-jährigen Ahmadzadeh einbestellt, bereits letztes Jahr wurde er festgenommen und saß einige Tage in Haft. Jetzt wurde sein Visum kassiert und man forderte ihn auf, 'Critical Zone' aus dem Locarno-Programm zurückzuziehen. Der Film, ohne Genehmigung und teils mit versteckter Kamera gedreht, wird trotzdem dort laufen. ... Willkür, Schikanen, Festnahmen, es geht immer weiter. Auch mit Drohungen gegen jüngere Filmkünstler, die weniger Schutz durch internationale Bekanntheit genießen." Auch deshalb empfiehlt Peitz dem Berliner Publikum eine aktuelle Open-Air-Kino-Reihe (PDF) mit Filmen aus dem Iran.

Auf Artechock kommt Rüdiger Suchsland auf ein Standard-Gespräch von vor wenigen Tagen mit Annette Hess zu sprechen, die die "Serienblase" als endgültig geplatzt bezeichnet und auch ansonsten in Sachen gescheiterter Serienboom "kein Blatt vor den Mund nimmt", wie sich Suchsland freut. "Die Lage ist tatsächlich ernst, und der aktuelle Streik der Drehbuchautorinnen und Schauspieler in Hollywood wird alles noch etwas schlimmer machen: Sky streicht seine deutschen Fictionproduktionen, Disney kürzt massiv, Paramount verhandelt mit Banken wegen neuer Kredite. Der vielmilliardenschwere Streamingboom, angeblich das Geschäft der Zukunft, ist erst einmal gestoppt. Alles wird schmaler, kleiner, zugleich teurer. Angebote und Plattformen werden ganz verschwinden. 'Der Markt ist gesättigt' heißt das im Kapitalismusdeutsch. Und wenn die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland nicht nur 'Funk', sondern einen Funken Verstand und Kundenverständnis und kreativen Esprit hätten, und klüger wären, als sie sind, dann würden sie längst nicht nur ihr Programm in sogenannten Mediatheken zum Nachgucken anbieten, sondern ... ihre ganzen Mediatheken zu einer großen öffentlich-rechtlichen Megathek zusammenschmeißen".

Weitere Artikel: In der Türkei gibt es Streit zwischen der Rundfunkaufsichtsbehörde und Disney+, weil der US-Konzern eine Serie über Atatürk nun doch nicht produzieren will, meldet Anna Vollmer in der FAZ. In Japan ärgert man sich über die in Sachen Nuklearexplosion arg unsensible Werbekampagne zum "Barbenheimer"-Phänomen, meldet Nadine A. Brügger in der NZZ. Pascal Blum berichtet im Tages-Anzeiger vom Auftakt des Filmfestivals Locarno. Auf Artechock stimmt Rüdiger Suchsland auf das Festival ein. Johanna Adorján spricht für die SZ mit der Schauspielerin Fanny Ardant, die derzeit in Carine Tardieus "Im Herzen jung" (besprochen bei Artechock und bei uns) zu sehen ist. Dass der neue "Indiana Jones"-Blockbuster gefloppt ist, habe vor allem mit dessen "woke" Agenda zu tun, glaubt Jörg Wimalasena in der Welt: Das Publikum wolle einfach keine starken Frauen neben Indiana Jones - dass zumindest in Teil 1 und Teil 2 der Archäologen-Sause nicht minder starke Frauen an Indys Seite stehen, erwähnt er allerdings nicht.

Besprochen werden Sobo Swobodniks Diskurskomödie "Geschlechterkampf - Das Ende des Patriarchats" (Tsp, Artechock), Laura Moras demnächst auf Netflix gezeigtes, kolumbianisches Drama "The Kings of the World" (NZZ), Valentin Merz' "Nachtkatzen" (es geht um "Sprache als eine erogene Zone", stellt Fritz Göttler in der SZ fest), die zwei auf Romanen von Sally Rooney basierendeen Serien "Normal People" und "Conversations with Friends" (FAZ), ein neuer "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Film ("extrem charmant und solide", freut sich Juliane Liebert in der SZ) und die auf Arte gezeigte Miniserie "Mein Glückstag" aus Peru (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2023 - Film

Das ohnehin schon immer schwach ausgestattete Kuratorium junger deutscher Film, einst wichtiger Antriebsmotor für die Genese des Jungen Deutschen Films und dessen insbesondere internationalen Erfolge, soll nach aktueller Debatten-Großwetterlage um die Reform der Filmfördeung zu einem einem weiteren Dienstleister der Filmwirtschaft werden, befürchtet Lars Henrik Gass im Filmdienst: In allen Forderungen und Vorschlagen schimmert die marktkonforme Angepasstheit durch, mit dem Ziel, jetzt aber endlich den wirtschaftlichen Erfolg herbeizufördern. "Kreativität wird als reine Funktion der 'Wirtschaftskraft des deutschen Films' angesehen - nicht nur im In-, sondern auch im Ausland. Doch der deutsche Film war niemals erfolgreicher im Ausland als zu jener fernen kurzen Zeit, wo weitgehend unreglementiertes Denken und Arbeiten möglich war - und selten erfolgreich, wenn die Förderinstitutionen ihr Geld in Projekte steckten, die als besonders wirtschaftlich galten. ... Die Richtung ist klar: Abkehr vom Autorenfilm, von unbequemer, radikaler, gar unverständlicher Subjektivität. Stattdessen müsse 'unsere Branche' und der deutsche Film 'konkurrenz- und zukunftsfähig' werden: - Rückkehr zum Produzentenkino der 1950er-Jahre, selbstverständlich im Stuhlkreis ('Beteiligung von Talenten an der Entscheidungsfindung') 'unter Einbeziehung von Diversitätsstandards'."

Außerdem: Mit sanftem Unverständnis reagiert Claudia Reinhard im Tagesspiegel-Kommentar auf die vom Verband der deutschen Filmkritik aufgestellte Forderung, die Berlinale möge künstlerische Leitung und Geschäftsführung zugunsten der Kunst wieder in einer Person vereinen. Daniel Kothenschulte sorgt sich in der FR um die Kollateralschäden des Hollywood-Doppelstreiks: die zahlreichen Crew-Techniker hinter den Kulissen, die nun nach und nach aus der Krankenkasse zu fallen drohen, weil sie nicht auf die dafür nötigen Arbeitsstunden mehr kommen.

Der aus "The Wire" bekannte Schauspieler Michael Kostroff räumt derweil im Welt-Gespräch mit der Vorstellung auf, dass in Hollywood ja ohnehin alle Schauspieler Millionäre seien - was lediglich für die A-Liste gelte, aber ganz gewiss nicht für Schauspieler seines Rangs. Andreas Scheiner berichtet in der NZZ vom Auftakt des Filmfestivals Locarno. In der taz fragt sich Arabella Wintermayr, warum die Klimakrise so selten Thema in Serien ist. In Japan gibt es wegen des sensiblen Atombomben-Themas noch keinen "Oppenheimer"-Start und auch wegen "Barbie", der dort Mitte August starten soll, gibt es nun Ärger, berichtet Axel Weidemann in der FAZ: Ein japanischer PR-Account von Warner Brothers hatte ein "Barbenheimer"-Meme mit Atombombenthematik und unsensiblem Wording gepostet. Für die SZ plaudert David Steinitz mit dem Schauspieler Simon Schwarz.

Besprochen werden Carine Tardieus "Im Herzen jung" mit Fanny Ardant (FAZ, FR, Tsp, taz, Standard, unsere Kritik), Kôji Shiraishis fürs Heimkino erschienene BDSM-Doku "Safe Word" (Ekkehard Knörer bezeugt in der taz eine "filmische Lust am Befreien") und die Netflix-Serie "Heartstopper" (Tsp, Presse). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2023 - Film

"The Boy and the Heron": Miyazakis Rückkehr auf die Leinwand

Thomas Hahn hat in Japan für die SZ bereits den neuen Film des japanischen Animationsmeisters Hayao Miyazaki gesehen, der im September das Filmfestival Toronto eröffnen wird Der Filmemacher hatte sich ja eigentlich schon vor Jahren zur Ruhe gesetzt, aber nun mit "The Boy and the Heron" doch noch ein Comeback in Angriff genommen. Erzählt wird "die Geschichte eines Jungen, der im Krieg seine Mutter verliert und vor lauter Sehnsucht nach ihr in ein Fantasy-Abenteuer gerät." Doch dieser Film "ist persönlicher, wechselhafter, in gewisser Weise radikaler" als Miyazakis bisherige Filme: "Raue Wirklichkeit und bunte Fantasie fließen ineinander zu einem herrlichen, albtraumhaften Gemälde, das vielleicht mehr über den Wert von Natur und Frieden erzählt als jeder wütende Protest und jede unmissverständliche Parole. ... Es zeigt sich: Die Fantasie hat Hayao Miyazaki nicht verlassen. Dem begnadeten Geschichtenerzähler geht allenfalls ein bisschen die Logik der Handlung abhanden. Sein Vermächtnis-Film stürmt mit so vielen Eindrücken und großartigen Momenten auf das Publikum ein, dass man anschließend etwas erschöpft und ratlos ist. Aber vielleicht ist genau das die Botschaft eines weisen Mannes von 82 Jahren: dass das Leben zu bunt ist, um verstanden zu werden."

Weitere Artikel: In Australien und Neuseeland stellt Disney in absehbarer Zeit das Geschäft mit physischen Heimkino-Medien ein, berichtet der Standard: Dieses Beispiel werde der Marktentwicklung folgendd wohl auch in anderen Ländern bald Schule machen. Besprochen werden Ferit Karahans "Brother's Keeper" (Georg Seeßlen fühlt sich auf ZeitOnline "direkt an die Welt von Charles Dickens erinnert"), Sobo Swobodniks "Geschlechterkampf" (tazlerin Carolin Weidner beobachtet "eine große Wut in diesen neunzig Minuten"), Andrea Segres "Welcome Venice" ("das Ende dieses schönen Films, in dem es vorher nur selten etwas zu lachen gibt, ist ziemlich lustig", verspricht Lukas Foerster im Perlentaucher), Carine Tardieus "Im Herzen jung" ("Im Abgedroschenen liegt stets ein Moment Wahrheit", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher), ein neuer "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Blockbuster (Standard), die Netflix-Serie "Heartstopper" (Tsp) und die Teenie-Serie "The Summer I Turned Pretty" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2023 - Film

Einen ziemlichen Bock hat die für Amazon produzierte, von Nitesh Tiwari inszenierte Bollywood-Komödie "Bawaal" geschossen, meldet Jannick Müller in der FAZ: Der Film handelt von der Europareise eines jungen Paares und "nutzt unter anderem die KZ-Gedenkstätte Auschwitz als Schauplatz. Hier stellt eine der Hauptfiguren fest: 'Jede Beziehung geht durch ihr eigenes Auschwitz.' Da man nie zufrieden sei mit dem, was man hat, meint die andere: 'Wir sind alle ein bisschen wie Hitler.' Im Trailer werden fiktive Kriegs- und sogar Gaskammerszenen gezeigt. 'Jede Liebesgeschichte hat ihren eigenen Krieg', heißt es dazu. ... Eine Drehgenehmigung für die Gedenkstätte brauchte er nicht, die Szenen wurden wohl digital rekonstruiert."

Außerdem: Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel vom Berliner Auftritt des malischen Filmessayisten Manthia Diawara, der in "AI: African Intelligence" unter Rückgriff auf den Kulturtheoretiker Édouard Glissant künstliche und afrikanische Intelligenz miteinander zu synthetisieren versucht. Die Agenturen melden, dass der junge Schauspieler Angus Cloud (bekannt aus der HBO-Serie "Euphoria") gestorben ist. Besprochen wird ein neuer Blockbuster der "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Reihe (Filmdienst).