Alphi-11, 2022.Oil, acrylic spray and silkscreen ink on canvas.Signed and dated verso. 280 x 200 cm. 110.2 x 78.7 inches. B-LYENIRCE-.23-0008. Foto: Galerie Capitain Petzel.
Die Arbeiten eines Multitalents schaut sich Jens Müller für den Tagesspiegel in der Galerie Capitain Petzel in Berlin an. Die Künstlerin Leyla Yenirce kann eigentlich alles: Filme machen, Musicals schreiben und eben Kunst, meint der Kritiker. Und so beschränke sie sich auch auf der Leinwand nicht auf eine Technik: "Sie kombiniert Ölfarbe und gesprühte Acrylfarbe mit Siebdruck, der immer wieder ein dem Internet entnommenes Motiv zeigt: eine Gruppe mit Kalaschnikows bewaffneter Frauen einer sogenannten Frauenverteidigungseinheit der kurdisch-syrischen Miliz YPG. Auch die Konstruktionszeichnung für so ein Sturmgewehr findet sich auf einem der Bilder." Ein zeitgeschichtlicher Bezug auf Leyla Yenirces kurdisch-jesidische Herkunft, kombiniert mit wild aufgetragenen Farbschichten "aufeinander, übereinander, sich in mehreren Schichten überlagernd, überflutend. In Grün und in Grau und in Blau, aber auch in Rosa und in Rot" - interessant, meint der Kritiker, die dringende Frage "nach der Politisierung der Künstlerin" kann ihm diese Ausstellung allerdings nicht beantworten.
Damit Erben von NS-Raubkunst es in Zukunft leichter haben, gestohlene Werke von Museen zurückzuerhalten, plant Kulturstaatsministerin Claudia Roth Reformen, berichtet Klaus Hillenbrand in der taz. Bisher müssen für eine Untersuchung durch die Historische Kommission beide Seiten dem Verfahren zustimmen, was beispielsweise im Falle des Picasso-Gemäldes "Madame Soler", im Moment im Besitz der Staatsgemäldesammlung Bayern, nicht der Fall. Das soll sich ändern - es ist aber kompliziert, meint Hillenbrand: "Unter die geplanten Reformen fällt, dass vom Bund geförderte Sammlungen schon ab Januar 2024 der Regelung unterliegen, einer Untersuchung auf NS-Raubkunst durch die Historische Kommission zustimmen zu müssen. 'Ich fürchte, dass Bayern dann keine Förderanträge mehr stellt', meinte dazu Gilbert Lupfer vom Deutschen Zentrum Kulturverluste, das Provenienzforschungen fördert. Die Regelung liefe dann ins Leere."
Besprochen werden die Ausstellung "Kafka: 1924." im Museum Villa Stuck (tsp) und die Ausstellung "Spirit and Invention: Drawings by the Tiepolo" in der Morgan Library & Museum in New York (FAZ), die Ausstellung "Chagall, Matisse, Miró. Made in Paris." im Museum Folkwang in Essen (FAZ).
Seine Begegnung mit sechsunddreißig "urigen Gesellen" beschreibt Kritiker Stefan Trinks in Bilder und Zeiten der FAZ. Die trifft er auf den Fotos von Ingar Krauss, "Chronist des ostdeutschen Oderbruchs", der gerne diejenigen ins Licht rücken möchte, die sonst eher abseits stehen. Nicht nur "menschlichen Wildgewächsen" blickt der Fotograf dabei ganz genau ins Gesicht, nein, auch die Flora dieses Landstrichs hat seine Aufmerksamkeit verdient: Er porträtiert "daher die eigenwilligen Physiognomien der Rüben, denn während ihr Primärerzeugnis Zucker in immer gleicher Kristallform homogenisiert ist und in Sekundenschnelle im Mahlstrom des Weihnachtsplätzchenteigs aufgeht, verleiht er den Pflanzen Individualität, indem er sie durch seine 'Close-ups' auf das Wesentliche ihrer Erscheinungsform reduziert - bei natürlichem Licht, vor nicht ablenkendem dunklen Hintergrund, fotografiert in kontrastreichem Schwarz-Weiß. Diese Nobilitierung durch eine aufwendige und sorgfältige 'Porträtgalerie' für eine sonst kaum beachtete Pflanze - im Lateinischen heißt die gemeine Rübe nur 'Beta Vulgaris' - erinnert an die Typologien der neusachlichen Fotografie der Zwanzigerjahre, etwa bei August Sander."
Welt-Kritiker Marcus Woeller lässt sich vom prachtvollen Anblick der Bernstein-Artefakte verführen, die die Galerie Kugel in Paris in der Ausstellung "Amber" zeigt. Viele von diesen Stücken aus dem Kunsthandwerk hat man zuvor noch nie gesehen, so Moeller. Nach Ovids "Metamorphosen" entstand der Bernstein durch die bitteren Tränen der Heliaden, erinnert Woeller. Göttlich ist auf jeden Fall, was man so alles aus ihm gemacht hat: "Eine aufgeklappte Schatulle zieht die Blicke der Besucher besonders in ihren Bann. So strahlend muss man sich das Bernsteinzimmer vorstellen, im kleinen Maßstab. Der 26 mal 39 Zentimeter messende Kasten ist komplett aus zugeschnittenen Bernsteinen zusammengesetzt. Die Wände zieren Spiralsäulen, barocke Kartuschen und Elfenbeinreliefs, der Deckel beinhaltet ein zweites Kästchen auf dem Figurengruppen sitzen. Die Schatulle wird dem Danziger Meister Michel Redlin zugeschrieben und auf das Jahr 1680 datiert."
Besrochen wird die Ausstellung "Karin Kneffel. Face of A Woman, Head of A Child" im Museum Kurhaus Kleve (FAZ).
Maria Lassnig: Illusion von der versäumten Mutterschaft, 1998. Bild: Roland Krauss/Maria Lassnig Foundation. Dass es für Frauen in der Kunst nicht unbedingt leicht ist, kann FAZ-Kritikerin Katinka Fischer eindrucksvoll in der Kunsthalle Mannheim sehen, die mit der Schau "Hoover Hager Lassnig" Werke von drei stilistisch sehr unterschiedlichen, aber thematisch verwandten Künstlerinnen zeigt. Maria Lassnig hat sich noch mit fast 80 Jahren mit dem Thema Mutterschaft auseinandergesetzt: "Der vermeintliche Säugling ist allerdings ein kleines Männchen, das Anzug trägt, Geheimratsecken hat und in Wahrheit einen einstigen Liebhaber der Malerin darstellt. In dem anderen Werk erscheint sie als hockende grüne Gestalt mit gnomenhaft verzerrten Gesichtszügen, und man weiß nicht, ob das abstrakte Objekt, das zwischen ihren Schenkeln schwebt, aus ihr herauskommt oder dorthin zurückwill. Mit einem Neugeborenen hat es jedenfalls nur die blassrosa Farbe gemein. Beide Male drückt die Darstellung des eigenen Ichs auch die Trauer der Braut und Mutter aus, die die international erfolgreiche Künstlerin nie gewesen ist." Die Werke von Maria Lassnig, Nan Hoover und Anneliese Hager aber "verbindet mehr als nur biografische Analogien. Das eigene Ich ist bei ihnen weder Studienobjekt noch Denkmal, sondern Symbol für einen harten, am Ende aber erfolgreich ausgefochtenen Kampf."
Harald Schulz, Mistral, 1998
Den Mistral-Wind an der Côte d'Azur konnte Harald Schulz als DDR-Künstler erst nach der Wende kennenlernen, trotzdem wirkt sein gleichnamiges Bild, das in der Ausstellung "Brennen musst du, wenn du atmen willst" in der Galerie Art Cru hängt, auf Ingeborg Ruthe (FR) "so, als käme dieser unbändig tosende Wind ganz tief aus ihm selber, als habe er all die Landschaften, wechselnden Wetterlagen in sich. Als wäre er mit seinen Farbtöpfen im Sturzflug auf die Leinwände aufgetroffen und hätte dann mit Pinseln, Spachteln und beiden Händen in einem dionysischen und zugleich existenziellen körperlichen Akt alle Lust und allen Schmerz des Daseins, alle Schönheit, aber auch Vergänglichkeit des Irdischen auf die Bildgründe gepackt." Schulz war während seines Studiums an der Kunsthochschule Weißensee "der einzige Student der Institution, der ein Studium in Abstrakter Malerei absolvieren durfte. Obwohl er damit überhaupt nicht den ideologischen Erwartungen der Kulturpolitik der Honecker-Ära entsprach", erzählt Ruthe noch.
Katharina Grosse, "Warum drei Töne kein Dreieck bilden", 2023, Albertina Wien. Foto: Sandro E.E. Zanzinger
Katharina Grosse erobert sich ihre Ausstellungsräume mit ihren raumgreifenden Farbinstallationen, so auch bei ihrer Ausstellung "Warum drei Töne kein Dreieck bilden" in der Wiener Albertina, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der komplett weiße Raum - der dunkle Boden wurde eigens mit weißer Kunststofffolie bedeckt - flimmert in Gelb, Rot, Grün, Violett, das in weiten Bahnen mit der an einem verlängerten Arm befestigten Spritzpistole auf riesige Leinwände gesprayt wurde. Die farbigen Streifen setzen sich über den Bildrand hinaus auf einer ebenfalls weißen Folie fort, die an den Wänden den Untergrund bildet. Keine Grenze nirgends." Eigentlich toll, findet Kuhn, sie wird aber den galligen Geschmack davon nicht los, dass Grosse den viel diskutierten offenen Brief unterschrieben hat, "der am 19. Oktober in Artforum und auf der Plattform e-flux 'die Befreiung Palästinas' forderte, aber keine Worte für die Opfer der Hamas fand." So bleibt für die Kritikerin nicht nur Farbspektakel, sondern auch "eine sehr konkrete Turbulenz, welche gerade die gesamte Kunstwelt erfasst und ihre eigentlich durch Freiheit und Toleranz charakterisierten Räume zunehmend verkleinert".
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Unextractable" in der Kunsthalle Mainz, die sich afrikanischer Kunst widmet, die als Reaktion auf den Kolonialismus entstanden ist (FAZ), die Schau "Un naranja que se oscurece" von Manuel Romero in der Galerie Filiale (FAZ) und die Kunst-und-Dinner-Experience "The Glow" von Stephan Hentschel und Ralf Schmerberg in der Berliner Mahalla (Berliner Zeitung).
Am heutigen Donnerstag lädt das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Berlin zum 25-jährigen Jubiläum der Washingtoner Erklärung ein, aber noch immer hängt in deutschen Museen und in privaten Villen Raubgut, konstatiert Tobias Timm, der in der Zeit nicht viel Grund zum Feiern sieht. Denn "die Washingtoner Erklärung war rechtlich nie bindend. Private Sammler müssen Naziraubkunst in Deutschland wegen der hier geltenden Verjährungsfristen nicht herausgeben. Selbst dann nicht, wenn ihre Eltern oder Großeltern beim Kunstkauf bewusst die Not jüdischer Menschen ausgenutzt haben. In Deutschland sollte eine 'Handreichung' der Bundesregierung dafür sorgen, dass sich zumindest die öffentlichen Museen an die Washingtoner Vereinbarung halten. Doch weigern sich manche große Museen - wie etwa die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Fall des Picasso-Gemäldes Madame Soler - noch immer, zumindest die Beratende Kommission NS-Raubgut anzurufen. Diese Kommission gibt in strittigen Fällen eine Empfehlung ab, auch die ist bisher allerdings rechtlich nicht bindend. Und nur wenn beide Seiten, Anspruchsteller und Museen, zustimmen, darf die Kommission überhaupt beraten. In den vergangenen 20 Jahren hat sie gerade einmal 23 Fälle entscheiden können." "Dürftig" nennt auch Nicola Kuhn im Tagesspiegel das Ergebnis der letzten 25 Jahre.
Statt Fakten Bekenntnisse, statt politischer Perspektiven persönliche Verantwortung - nie war der Kulturkampf im progressiven Lager größer als mit Blick auf den Nahostkonflikt, meint Hanno Rauterberg angesichts aberkannter Preise oder abgesagter Ausstellungen in der Zeit: "Insbesondere im kulturellen Milieu, das jetzt die Nahost-Debatten in offenen Briefen vorantreibt, gibt es eine erkennbare Neigung, das eigene Leben als permanente Gewissensprüfung zu verstehen: Die MeToo-, die Gender-, die Rassismus-, auch die Klimadiskussionen, sie alle tendieren dazu, das Private zu politisieren." Dabei braucht es "die Kultur als Freiraum, für das Unentschiedene und auch fürs Unentscheidbare. Museen, Theater, Bibliotheken müssen auch scharfe Gegensätze ertragen, im Rahmen einer allein juristisch, nicht staatlich eingegrenzten Meinungs- und Kunstfreiheit. Wenn aber ein Metadiskurs wie der über den Nahostkonflikt primär von einem Drang zur Ambiguitätsreduktion getrieben wird, lässt das für alle anderen Fragen, auch für die ästhetischen Diskurse, nichts Gutes hoffen."
Außerdem: In der Berliner Zeitungfragt Ingeborg Ruthe, weshalb Turner-Preisträger Jesse Darling zwar eine palästinensische Flagge hervorzog, aber kein einziges Wort über die Verbrechen der Hamas-Terroristen gegen Israel und die eigene Bevölkerung verlor: "Warum nur ist auch derart engagierte Kunst auf einem Auge blind?" In der FAZ kommentiert Eva Lapido: "Die Tatsache, dass Jesse Darling nicht allen als Favorit galt und dass die Times seine Installation als mit Abstand schwächsten Beitrag 'ohne visuelle Wirkung' bezeichnet hat, hilft dem Ruf des Preises gewiss nicht." Für den Guardian hat Charlotte Higgins mit Darling gesprochen. Auf Hyperallergicporträtiert Mekka Boyle den in Jerusalem lebenden 76-jährigen palästinensischen Künstler Sliman Mansour, der die Geschichte der Palästinenser in Gemälden und Skulpturen festhält.
Teresa Feodorowna Ries: "Hexe bei der Walpurgisnacht", 1895. Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum Olga Kronsteiner und Katharina Rustler rekonstruieren im Standard den Lebensweg der Künstlerin Teresa Feodorowna Ries, deren Statue "Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht" demnächst im Wien-Museum ausgestellt wird. Ihr "jedwedem Klischee von lieblicher Weiblichkeit" trotzendes Werk brachte ihr nicht nur Bewunderung ein: "Eine Künstlerin, die in der 'männlichen' Disziplin ihr Talent unter Beweis stellte, galt manchen, aber bei weitem nicht allen Zeitgenossen als Affront. 'Als ich am Firnistage in die Ausstellungshalle kam, wurde ich gleich beim Eingang von Kollegen stürmisch begrüßt', erinnerte sie sich in ihrer 1928 publizierten Autobiografie. 'Irgendjemand nannte dabei laut meinen Namen, und im selben Moment erscholl von der Stiege, die in den Saal hinaufführte, eine donnernde Stimme: 'Das ist die Ries?! Man sollte ihr den Eintritt verbieten. Wie kann sie sich unterstehen, aus einem edlen Marmor eine so scheußliche Fratze zu machen?!''"
Der in Berlin lebende britische Künstler Jesse Darling wurde mit dem Turner-Preis ausgezeichnet, meldet Lanre Bakare im Guardian: Nach der Preisverleihung "zog Darling eine palästinensische Flagge aus seiner Tasche. Als wir ihn später fragten, warum, erklärte er: 'Weil dort ein Genozid geschieht und ich wollte dazu etwas in der BBC sagen.'"
Weitere Artikel: Rose-Maria Gropp bespricht in der FAZUwe Flecklers Roman "Im Schatten der Blauen Pferde", der sich um das berühmte verschollene Gemälde Franz Marcs ("Turm der blauen Pferde") annimmt. In England heißt, weil sonst die Etikette verletzt wäre, die Queen's Gallery nun King's Gallery, weiß unter anderem Monopol. Der Kunstsammler Rafael Jablonka hat die in seinem Besitz befindlichen Werke aus der Wiener Albertina abgezogen, berichtet der Standard. Caspar David Friedrichs Skizzenbuch wurde in die offizielle Liste der national wertvollen Kulturgüter aufgenommen und kann deshalb nicht außerhalb Deutschlands verkauft werden, meldet Annegret Erhard in der Welt. Emil Noldes Gemälde "Palmen" wird versteigert, weiß Marcus Woeller, ebenfalls in der Welt.
Die Fotografin Eva Häberle hat für die taz den Bildgenerator"Midjourney" geprüft, das "derzeit führende Programm für Kreative" und staunt über die fantastischen Ergebnisse. Vor allem beim Suchbegriff "Frau": Angezeigt werden schöne junge Frauen mit ausdruckslosen Gesichtern, aber langen Haaren, die im luftleeren Raum schweben. Und: "Ist unsere Realität bereits männlich und weiß dominiert, so ist die der KI noch weißer, noch männlicher. Eine Studie von Bloomberg zum Generator 'Stable Diffusion' vom Juni 2023 zeigt Folgendes: Frauen haben kaum lukrative Jobs oder bekleiden Machtpositionen. Im Test wurden beim Begriff 'judge' 3 Prozent Frauen generiert, während in der echten Welt 34 Prozent der US-Richter Frauen sind. 'Doctors' in den USA sind zu 40 Prozent weiblich, in der Welt von 'Stable Diffusion' sind es aber nur 7 Prozent. Hier waren Frauen insgesamt nicht nur in gut bezahlten Berufen unterrepräsentiert, sondern auch in schlecht bezahlten Berufen überrepräsentiert. Ergebnis: Als schwarze Frau brät man Burger oder macht sauber. Praktisch keine Rolle spielen Frauen ab Mitte 40. Während Männer bis zum Greisenalter dargestellt werden, ist die Frau so gut wie immer unter 35. 'Fuckable' nennt man das."
Weiteres: Der Tagesspiegel meldet mit dpa, das am 9. Februar 2024 der Bau des neuen Museums "berlin modern" neben der Neuen Nationalgalerie beginnen soll. Britische Museen reagieren auf den Thronwechsel und ändern ihre Namen von "Queens-" in "Kings Gallery", kann man ebenfalls dort lesen.
Besprochen werden die Ausstellung "Nicht müde werden. Felix Nussbaum und künstlerischer Widerstand heute" im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück (FAZ), Edite Grinbergas Soloschau "Am weißen Steg" in der Galerie Friedmann-Hahn in Berlin (tsp).
Roger de La Fresnaye, The Conquest of the Air (La Conquête de l'Air), 1913. Oil on canvas, 235.9 x 195.6 cm, Museum of Modern Art, New York.NZZ-Kritikerin Uta Appel Tallone entdeckt im Museo d'Arte in Mendrisio die Kunst eines "singulären Exoten": während Picasso und Konsorten in Paris das Bohème-Leben zelebrierten, trat der "Salonkubist" Roger de la Fresnaye als nobler Dandy "mit akkurat gefaltetem Einstecktuch, einem Stock mit Elfenbeinknauf und seinem in melancholischem Gestus zurückgekämmten silbergrauen Haar auf", weiß die Kritikerin zu berichten. Fresnaye gehörte damals zu den bekanntesten Malern, heute kennt ihn kaum jemand mehr, bedauert Appel Tallone und begeistert sich um so mehr für diesen Künstler, der eine ganz eigene Weise fand, sich mit dem Kubismus auseinderzusetzen: "Nicht die Aufgabe der Perspektive, die Vielansichtigkeit oder das Auseinanderbrechen der Formen interessierten den Künstler primär. Er war auf der Suche nach Ausgewogenheit in der Komposition, nach Delikatesse in der Farbgebung, nach Harmonie im Ganzen. Der Kunsthistoriker Federico De Melis verweist in seinem Katalog-Essay auf das dekorative Element in den Werken La Fresnayes. So ordnen sich im Stillleben 'Diabolo' (1913) die auf ihre geometrischen Formen reduzierten Gegenstände - Papierrolle und Bögen, eine runde schwarze Platte, ein brauner Winkelmesser, ein schwarz-weisser Diabolo (Jonglierelement) - zu einer ausgewogenen und dennoch spannungsvollen Komposition."
Weiteres: Jörg Häntzschel resümiert in der SZ die Schwierigkeiten, denen Erben bei der Rückforderung von NS-Raubkunst in Deutschland begegnen: "Deutschland macht es den Nachfahren der beraubten Sammler so schwer wie nur irgend möglich, die Kunst, die ihren Familien gehörte, zurückzubekommen. Nach allem Unheil, das Deutschland ihnen angetan hat, demütigt es sie erneut, indem es sie zu Bittstellern macht und ihnen jahrelange juristische Kämpfe auferlegt."
Besprochen werden die Ausstellungen "El espejo perdido: Judíos y Conversos en la España Medieval" im Prado in Madrid (FAZ), "Discover Liotard & the Lavergne Family Breakfast" in der National Gallery, London (FAZ) und "Reincarnation of Shadows" von Thao Nguyen Phan im HangarBicocca in Mailand (Tsp).
FAZ-Kritiker Stefan Trinks steht im Frankfurter Städel staunend vor "zwanzig gewaltigen, bis zwei mal drei Meter messenden Aquarellen ..., überzogen von Pflanzengeflechten, die es so in der Natur gar nicht gibt. Sie hängen auf dunklem Aubergine, der Farbe einer Pflanze, als wüchsen sie aus der Wand". Gemalt hat diese Bilder der rumänisch-deutsche Künstler Miron Schmückle. Wer hätte gedacht, dass Pflanzen solche kosmischen Verführer sind? "Tatsächlich finden sich in den lianenhaften Gespinsten Adern, lungenförmige oder gehirnartige Partien, immer wieder auch Organe oder skelettartige Formationen, die stets saftig, glatt und fleischig sind und zusammen mit ihrer leuchtenden Farbigkeit die verlockende Anziehungskraft der Begattungsikonografie ins scheinbar harmlose Pflanzenreich verlegen, weshalb das Billy-Idol-Zitat 'Flesh for Fantasy' als Titel zutrifft. Das Reich der Flora aber ist seit Darwins Forschungen nicht eins des Überlebens der Robustesten, sondern der Schönsten und Bestangepassten, eins von Anziehung und Bezirzung, weshalb die neue Serie 'Cosmic Attractors' heißt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Julian Weber unterhält sich für die taz mit Marie Arleth Skov, die ein Buch über Punk in der bildenden Kunst geschrieben hat. Sie ist überzeugt, dass eine Punk-Haltung wie sie etwa der Künstler Asger Jorn verkörperte, gerade heute wieder wichtig sein könnte: "Die Idee, eine Überraschung zu kreieren, indem man etwas Disruptives unternimmt, um den Morast des Alltags aufzuwirbeln und die Langeweile aufzuwerfen, ist archetypisch punk. ... Punk ist meist links, aber nicht auf Parteilinie, es hat libertäre Seiten. Wenn man sich an diese Wurzeln erinnert, minimieren sich Falschauslegungen. Es ist eine Bewegung von unten, gegen Macht, gegen Bigotterie, gegen Kapitalismus, gegen Protz, und trotzdem kann es Glam sein. Das ergibt nach wie vor Sinn und bleibt wichtig. So wichtig wie seit 1977 nicht mehr."
Weitere Artikel: Wer sich für die Ausstellung von John Akomfrah in der Schirn begeistert, kann gleich weiter nach Plymouth fahren, wo Akomfrah in "The Box" eine zweite Ausstellung hat, meldet Adrian Searle im Guardian. Boris Pofalla trifft sich für die Welt mit dem Maler Bernhard Martin in Zeitz (Sachsen-Anhalt) um über dessen Kunstwerk "Holobionten" zu sprechen. In der FAZ schreibt Freddy Langer zum Tod des Fotografen Elliott Erwitt, in der SZ schreibt Marc Hoch. Im Interview mit der SZ bekennt der Museumsmann Eike Schmidt, dass er sich durchaus vorstellen könne, Bürgermeister von Florenz zu werden - wenn er nicht als Museumsdirektor nach Neapel berufen wird. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) stellt Andreas Platthaus die Kunstvermittlerin Galka Scheyer vor, deren Biografie der Theatermacher Gilbert Holzgang gerade veröffentlicht hat.
Alex Rühle ist in der SZ froh, dass dem Werk Lotte Lasersteins die Ausstellung "A Divided Life" im Moderna Museet Stockholm gewidmet wird, wurde die Künstlerin als Jüdin doch doppelt vertrieben, aus Deutschland und aus der Kunstgeschichte. "Lasersteins Bilder aus den Weimarer Jahren sind durchpulst von einer enormen Kraft des Neuen, des weltstädtischen Aufbruchs. Insbesondere ihre Frauenbilder zeigen ein radikal gewandeltes Rollenverständnis, sei es in den großformatigen, androgynen Akten, die damals viel Aufsehen erregten, oder in Alltagsszenen wie der 'Tennisspielerin' oder 'Im Gasthaus', in denen Frauen so selbstbewusst wie selbstverständlich eigenes Terrain besetzen. Man würde sich nicht wundern, inmitten dieser Frauen Charlotte Ritter aus 'Babylon Berlin' zu entdecken." Die Emigration frisst eine Schneise in das Werk Lasersteins: Ihre "Mutter starb im KZ Ravensbrück, die Schwester überlebte in einem Versteck, aber hat sich nie mehr davon erholt. Laserstein selbst konnte sich mit Fleiß und Pragmatismus ein neues Leben aufbauen - allerdings zu einem hohen Preis: Um finanziell zu überleben, wurde sie zur Porträtmalerin der besseren Stände. Industrielle ließen den Nachwuchs porträtieren, das Resultat sind Bilder, die dem elterlichen Narzissmus schmeicheln, Stupsnäschen, Rehauge, niedlicher Fratz." Nicht nur deshalb eine so wichtige und lohnenswerte Ausstellung, weil sie den einschneidenden Schrecken der NS-Zeit für ein künstlerisches Leben so deutlich macht, so Rühle.
Von Franz Kafka inspirierte Kunst kann die ob der beklemmenden und wortwörtlich kafkaesken Exponate begeisterteFAZ-Kritikerin Brita Sachs in der Ausstellung "Kafka: 1924" in der Münchner Villa Stuck kennenlernen: "Sozusagen gnadenlos führt die Schau mit Tötungsapparaten in medias res, mit der grausigen Hinrichtungsmaschine aus der Erzählung 'In der Strafkolonie', die dem Verurteilten das übertretene Gebot mit einer Unzahl spitzer Nadeln immer tiefer bis zum Exitus in den nackten Körper schreibt. Der monströse Apparat, den die Kuratorenlegende Harald Szeemann nach Kafkas penibler Beschreibung 1975 für seine Ausstellung 'Junggesellenmaschinen' nachbauen ließ, steht jetzt in der Stuck-Villa und gleich nebenan die 'Killing Machine' von Janet Cardiff & George Bures Miller. Auf Knopfdruck beginnen Roboterarme zu schriller Musik und Discokugelblitzen ihren mörderischen Nadeltanz um einen Zahnarztstuhl mit Armfesseln." Sie fragt sich: "Ob er sich in allen Beiträgen dieser Schau wiedererkannt hätte? In Andreas Gurskys Fotografie 'Passkontrolle' jedenfalls, sie zeigt zwei bis auf die Gesichter der Beamten deckungsgleiche, abweisend wirkende Schalter, könnte er ein perfektes Label für bürokratische Absurditäten und Zwänge finden, die ihm, dem Versicherungsangestellten, bestens vertraut waren."
Weiteres: Der Fotograf Elliott Erwitt ist im Alter von 95 Jahren gestorben, meldetZeitOnline. Endlich gibt es ein Werkverzeichnis des jüdischen Malers Ludwig Meidner, besorgt vom Jüdischen Museum, das seinen Nachlass verwaltet, freut sich die FAZ.
Katarina Janeckova Walshe, Givers, 2022, Acryl auf Leinwand, 182 x 279 cm. Courtesy Dittrich & Schlechtriem, Berlin Was ist eigentlich eine gute Mutter - beziehungsweise eine schlechte? Das fragt sich taz-Kritikerin Sophie Jung bei ihrem Rundgang durch die Ausstellung "The Bad mother" im Haus am Lützow-Platz in Berlin. Elf Künstlerinnen haben sich hier "schonungslos" mit dem Thema auseinandergesetzt, so Jung, und eröffnen eine ganz neue, auch schmerzhafte Perspektive auf Mutterschaft: "In dem Stop-Motion-Video des Duos Nathalie Djurberg & Hans Berg wird die Mutter nur noch zum biologischen Wirt. Sie, als Knetfigur mit Kugelbrüsten und wulstigen Lippen vom Duo typisch überzeichnet, liegt nackt auf dem Bett, während sich ihre drei Kinder peu à peu und offenbar unter geburtsartigen Schmerzen durch ihre Vagina in das Körperinnere zurückarbeiten. Irgendwann steht die schmerzzerrissene Mutterfigur auf, nunmehr als krakenhafter Zombie, aus dessen Bauch und Beinen die Extremitäten des eigenen Nachwuchses wuchern."
SZ-Kritiker Marc Beise steht staunend im Gewölbekeller der Grabkapellen der Medici in Florenz. Zum ersten Mal wurde Michelangelos stanza segreta geöffnet, eine Geheimkammer, in der man 1975 Kohlezeichnungen entdeckte, die vom Meister selbst stammen sollen, wie der Kritiker berichtet. 1530, als die Medici aus Florenz vertrieben wurden, habe sich Michelangelo hier zwei Monate versteckt gehalten, heißt es. So ganz sicher weiß man das nicht, aber das ist auch nicht so wichtig, meint Beise, denn beeindruckend ist der Raum allemal: "Die sich teils überlagernden Zeichnungen haben erkennbar Bezüge zur Arbeit des Meisters, sind offenkundig Skizzen bereits fertiger und künftiger Werke. Man erkennt Figuren aus der Medici-Sakristei gleich oben oder Fresken der Sixtinischen Kapelle im Vatikan."
Weiteres: Der Schauspieler MatthiasBrandtschreibt auf Zeit Online einen sehr persönlichen Nachruf auf den Kanzlerfotografen Konrad R. Müller, der auch seinen Vater Willy Brandt porträtiert hat. Trotz Krieg und Zensur gibt es in Moskau gerade einige große Kunstausstellungen zu sehen, berichtet Kerstin Holm berichtet in der FAZ. Aber die Museen müssen sich vorsehen: "Schwer hat es die zeitgenössische Kunst. Die Tretjakow-Galerie habe mehrere fest mit ihr verabredete Ausstellungen abgesagt, ereifert sich eine gut vernetzte Galeristin, die ich besuche." Das Museum für Zeitgenössisches zeigt fast gar keine Ausstellungen mehr, so Holm, aus Angst vor Denunziation.
Besprochen wird die Ausstellung "A space of Empathy" mit Werken von John Akomfrah in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (taz) und die Ausstellung "Renaissance im Norden. Holbein, Burgkmair und die Zeit der Fugger" im Städel Museum Frankfurt (NZZ).
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