Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2023 - Kunst

Max Oppenheimer: Die Philharmoniker. Artothek des Bundes, Dauerleihgabe im Belvedere, Wien.
Max Oppenheimer war ein Künstler, "der seine Homosexualität genauso wenig verbirgt wie seinen Hass auf die Lordsiegelbewahrer akademischer Malerei", stellt Paul Jandl für die NZZ in der Ausstellung "Expressionist der ersten Stunde" im Wiener Leopold-Museum fest. Sein Lebensweg führt ihn von Stadt zu Stadt: Er "ist 1916 Mitbegründer des Zürcher Cabaret Voltaire. Das Berlin der zwanziger Jahre genießt der Maler als Stadt der lockeren Sitten und des erhöhten Tempos. In Oppenheimers dynamischen und krachend farbigen Bildern sind die Fahrer eines Sechstagerennens porträtiert. Schachspieler wirken in der kybernetischen Kunst von Oppenheimer genauso beschleunigt wie das Gesicht Thomas Manns." Im New Yorker Exil ist auch er von der Geschwindigkeit der Stadt überwältigt: "Fast zwei Jahrzehnte im New Yorker Exil verbrachte der Maler vor einem Bild, das sein letztes großes werden sollte. (…) Eine Apotheose der Kunst und wahrscheinlich auch der österreichischen Heimat. 'Die Philharmoniker', so heißt das Gemälde, werden von Gustav Mahler dirigiert. Das Licht, in dem das Orchester sitzt, scheint schon aus dem Jenseits zu kommen."

Rosanna Grafs Installationen "Ordinary Women - Carrier Bags of Friction" im Kunsthaus Hamburg nimmt Neele Fromm in der taz voll und ganz mit in die Ab- und Beweggründe weiblicher Wut. Die Künstlerin "ist eine Figur der liberalen Selbstoptimierung in einer Welt, in der weibliche Wut keine Berechtigung hat und bereinigt werden muss. Du bist wütend, weil dein Partner keinerlei Care-Arbeit auf sich nimmt? Schreibe es in dein Achtsamkeitsjournal. Du würdest am liebsten toben und schreien, weil du schon wieder sexuelle Belästigung erfahren hast? Probier doch mal Meditation aus. (…) Die Künstlerin lässt ihre Figuren aus Literatur und vergangener Berichterstattung zitieren, so auch aus Fragmenten der pseudo-wissenschaftlichen Gesichtsanalyse Vera Brühnes, die in einem Indizienprozess 1962 wegen Mordes verurteilt und später begnadigt wurde. Schuldig machte sie vor Gericht auch ihr vorspringender Haaransatz, damals ein Zeichen für 'männliche Aktivität und Geltungssucht.'"

Weiteres: Anne Waak trifft die kenianische Künstlerin Chelenge van Rampelberg für monopol zum Interview über die Entstehungsbedingungen ihrer Kunst. Der überwiegend staatlich-autoritär finanzierten Kunstszene Aserbaidschans widmet sich Kerstin Holm in der FAZ recht unkritisch.

Besprochen werden: Die Mitgliederausstellung "Klima, Nahrung, Natur" im Museum für Photographie Braunschweig (taz) und die Ausstellung "Meisterblätter expressionistischer Graphik" im Aschaffenburger Kirchnerhaus Museum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.12.2023 - Kunst

Bild: !Mediengruppe Bitnik und Sven König, Download Finished. The Art of Filesharing, 2006, Copyleft: !Mediengruppe Bitnik & Sven König

"Glitches" sind Computerspielefehler, aber sie kommen auch in der Kunst vor - mal als Missgeschick, mal als bewusst produzierte Störung. Den Reiz jener Störungen erkannten schon Fotografen wie Germaine Krull oder Evelyn Richter, erinnert Jörg Häntzschel, der für die SZ die Ausstellung "Glitch" in der Münchner Pinakothek der Moderne besucht hat: "Heute, wo auch achtlos geknipste Bilder makellos sind, wo sie das Original teils sogar an Perfektion übertreffen und aus pickligen Teenie-Gesichtern Algorithmus-konforme Schönheiten machen, wo also das Medium keine Fehler produziert, sondern die Fehler der Wirklichkeit ausbügelt, muss man sich als Glitch-Künstler schon etwas einfallen lassen. Die einen werden in den abgelegeneren Provinzen des Digitalen fündig, dort, wo es noch krude und vorläufig zugeht: Mame-Diarra Niang etwa hat sich während des Lockdowns durch die Straßen Südafrikas auf Google Street View geklickt und Screenshots der von den vorbeifahrenden Kameras zu bunten Geistern verzerrten Anwohner vor ihren Häusern gesammelt. Mehr Surrealismus braucht man nicht."

"Die ganze japanische Kunst in nuce" findet Stefan Trinks (FAZ) im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst, das in der Ausstellung "Meister & Mythen" sechzig der schönsten Netsuke aus der Sammlung Karl-Ludwig Kley zeigt. "Von den drei berühmtesten Netsuke-Schnitzern der Edo-Zeit, die von 1603 bis 1868 reicht und die längste Friedensphase der japanischen Geschichte und damit eine der Prosperität darstellt, gibt es gleich mehrere Werke. Von jedem der drei wird in einer eigenen Vitrine in der Mitte des Raums eine Spitzenarbeit gezeigt. Bereits der Erste namens Yoshinaga stammt aus der ehrwürdigen Kaiserstadt Kyōto. Sein Stil ist expressiv und eigen, seine Arbeiten weisen markante Charakteristika wie die mit wenigen Strichen tief eingeschnittenen Augenbrauen auf, die weniger als einen Millimeter breit sind. Sein 'Schlangenmensch' von Yoshinaga etwa legt derart gekonnt sein linear dürres Beinchen hinter den Kopf und seine Finger hakenförmig in die gebogene Zehen des Fußes, dass sich der denkbar größte Kontrast zum kugeligen Bauch in der Leibesmitte des Kontorsionisten mit seinem ornamentierten Nabel ergibt."

Bild: Laia Abril, Illegal Instrument Kit, On Abortion, 2016 © Laia Abril

Pro Jahr sterben etwa 47.000 Frauen, weil sie keinen Zugang zu legaler Abtreibung haben, erfährt Caroline Schluge (Standard) in der so erschütternden wie einfühlsamen Fotoausstellung "On Abortion" im Foto Arsenal Wien, das das Langzeitprojekt der katalanischen Künstlerin Laia Abril zeigt: "Mittels Bildgeschichten porträtiert Abril Personen, die heimlich einen Abbruch vorgenommen haben, zeigt Fahndungsfotos von Ärzten und Hebammen und Plakate von Pro-Life-Kampagnen aus den USA. Am stärksten wird die Schau aber immer dann, wenn sie von Einzelschicksalen Abstand nimmt und Stillleben zeigt: Bilder einer Badewanne, gefüllt mit brühend heißem Wasser, giftiger Pflanzen oder eines Kleiderbügels aus Draht gehen unter die Haut, ohne zu verstören."

Außerdem: Der von Lucas Cranach d. Ä. entworfene und von Michael Triegel bearbeitete Altar ist nach einem "lächerlichen Streit" nicht nur zurück im Naumburger Dom, sondern wurde auch als "Religious Heritage Innovator of the Year 2023" ausgezeichnet, freut sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Ebenfalls in der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 89 Jahren verstorbenen italienischen Pionier der Arte Povera Giovanni Anselmo.

Besprochen werden die Ausstellung "v01ces - Die menschliche Stimme im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" in der Berliner Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten (taz) und die Ausstellung "Holbein at the Tudor Court" in der The Queen's Gallery im Buckingham Palace (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2023 - Kunst

Arnold Böcklin, Schloss am Meer (Mord im Schloss), 1859Foto: Museum Folkwang Essen - ARTOTHEK


In Linz war während der Zeit des Nationalsozialismus ein "Führermuseum" geplant. Die Deutsche Niederlage setzte den Plänen ein Ende. Das Linzer Lentos Kunstmuseum arbeitet nun in der Schau "Reise der Bilder" die dunklen Aspekte der lokalen Kunstgeschichte auf. Hans-Joachim Müller ist in der Welt beeindruckt von der Akribie, mit der man nun öffentlich Rechenschaft darüber gibt, wie die geraubte Kunst ins Haus gekommen ist. Dabei führen alle, fast alle Wege zu Wolfgang Gurlitt, jenem Kunsthändler, den Kokoschka einst 'Zauberprinz' genannt haben soll. Wobei nicht geklärt ist, ob es als Ehrentitel gemeint war oder zur Kennzeichnung eines windigen Charakters. Jedenfalls wird nach dem Besuch der Ausstellung und mehr noch nach der Lektüre der vorzüglichen Begleitmonografie nicht mehr viel Märchenstimmung übrig geblieben sein. (...) Dass Wolfgang Gurlitt als "Vierteljude" galt, behinderte den Fortgang seiner Kunsthändlerkarriere nicht sonderlich. Er konnte reisen, kaufen, verkaufen und genoss das Wohlwollen der faschistischen Nomenklatura. Wie er es schaffte, sich immer wieder aus allen Lebensfallen zu befreien und unverdrossen auf Erfolgskurs zu bleiben, gehört zu den unverratenen Familiengeheimnissen."

Weitere Artikel: Die Besucherzahlen deutscher Museen nähern sich wieder den Vor-Covid-Margen, berichtet unter anderem Monopol. Unabhängig davon leiden freilich insbesondere die Berliner Museen unter akuter Finanznot, weiß Tobias Timm auf Zeit Online. Drei Empfehlungen macht eine Unternehmensberatung der Documenta, um eine Wiederholung des letztjährigen Antisemitismusskandals zu verhindern, meldet die FAZ. Olga Kronsteiger moniert im Standard die nach wie vor mangelhafte Aufarbeitung der NS-Geschichte der Wiener Horten Collection. Für Monopol unterhält sich Sebastian Frenzel mit Carolyn Christov-Bakargiev, der Leiterin der Documenta 13.

Besprochen werden die Ausstellungen Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle ("Wie traurig, wie schön. Das ist der paradoxe Kern der Caspar David Friedrich'schen Kunst- und Lebensauffassung: Die unsterbliche Kunst erkundet, was die Vergänglichkeit ist. Ihr entkommt keiner, im besten Fall geht man zu zweit in die Natur oder vor die Ruine, die an die Natur zurückfällt", schreibt Boris Pofalla in der Welt), "Mythos und Massaker. Ernst Wilhelm Nay und André Masson" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (FAZ), "Thomas Huber. Lago Maggiore" im Lugano Arte e Cultura (NZZ), "Heilige Frauen in der Orthodoxen Kunst" im Ikonenmuseum Recklinghausen (FAZ), Sophia Domagałas Ausstellung "LIBERTÉ (être belle)" im Berliner Mountains (taz Berlin), die Gruppenausstellung "One and More Chairs" in den Berliner Mehdi Chouakri Wilhelm Hallen (Welt), die Dauerausstellung "Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft. Sammlung der Nationalgalerie 1945-2000" in der Neuen Nationalgalerie Berlin (FR), Sandra Mujingas Installation "Fleeting Home" im Museum für bildenden Künste Leipzig (taz), Andreas Greiners KI-Installation "Game of Life" in der Berliner Galerie Dittrich & Schlechtriem (Monopol) und in einer Doppelbesprechung zwei Ausstellungen im Kunstverein Braunschweig: "Anna Ehrenstein: Imagined Inevitabilities" und "Dennis Siering: Unnatural Territories" (taz Nord)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2023 - Kunst

Philip Guston: Legend 1977. Museum of Fine Arts, Houston. Houston, USA. ©The Estate of Philip Guston, Courtesy Hauser und Wirth.

"Wie viel Eigenes steckt im anderen, auch und gerade im ultimativ Bösen?" Diese Frage zieht sich durch das Werk des Künstlers Philip Guston, wie Katharina J. Cichosch in der taz festhält. Die Londoner Tate Modern hat dem amerikanischen Maler eine umfassende Retrospektive gewidmet. Mit seiner Auslotung des Bösen eckte Guston immer wieder an, erinnert Cichosch - mehrmals musste die Ausstellung verschoben werden, weil New Yorker Galeristen ihrem Publikum seine Ku-Klux-Clan-Figuren nicht zumuten wollten. Er habe sich "schwarzes Trauma angeeignet", lautete der Vorwurf, wie Cichosch wiedergibt, dabei wurde übersehen, dass Guston als Jude selbst zum Feinbild der "White Supremacists" gehörte. Anfang der fünfziger Jahre wendet sich Guston der Abstraktion zu, kann die Kritikerin in der Ausstellung beobachten, aber "wenige Jahre später sind die Kapuzenmänner wieder da. Die Hoods, die schon Jahrzehnte zuvor immer wieder schemenhaft gespenstisch sich ins Bild geschlichen hatten, erscheinen nun so brachial-banal, wie Guston fortan seine kompletten Motive ausarbeitet. Oft in der Lieblingsfarbe Pastramirot bis Fleischrosa."

Besprochen werden außerdem die Fotografie-Ausstellung "Carrie Mae Weems - The Evidence of Things Not Seen" im Kunstmuseum Basel (NZZ) und die Ausstellung "Venezia 500. Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei" in der Alten Pinakothek München (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2023 - Kunst

Einen regelrechten Besucheransturm erlebt die Frankfurter Schirn-Kunsthalle seit der Eröffnung der Lyonel Feiniger-Retrospektive in ihren Räumen: Was macht eigentlich die Faszination für diesen Künstler aus, fragt Hans-Joachim Müller in der Welt. Neben der "eminenten Sinnlichkeit" der Werke, sieht Müller auch eine "technische Seite", die ihn zuweilen durch die völlige Abwesenheit starker Emotionen auch ein wenig irritiert: "Soll man es also visionär nennen, wie Feininger den Seheindruck prismatisch zerlegt? Alles gewinnt so den Charakter von Erscheinungen. Kleine Figurenschemen vor übermächtig aufragenden Gebäudeteilen, aufblitzenden Lichtkeilen und delikat modulierten Farben - das hat auch was von der stillen Anmut, mit der bei Caspar David Friedrich staunende Menschen vor dem Schauspiel der auf- oder untergehenden Sonne stehen. Eine spirituelle Botschaft wird daraus nicht. Feininger ist für den elegischen Ton zuständig, für leise Modulationen, für die lyrischen Abstände zwischen Maler und gesehener Welt."

Weiteres: Die Akademie der Künste hat auf ihrer Website ein Statement mit dem Titel "Zur Verteidigung der Kunstfreiheit" veröffentlicht, das auch von Direktorin Jeanine Meerapfel unterzeichnet wurde, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Man sehe durch aktuelle Entwicklung die Unabhängigkeit der Kunst bedroht, es gelte "die Kunst- und Meinungsfreiheit als durch die deutsche Verfassung geschützte höchste Rechtsgüter in der Demokratie zu verteidigen".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2023 - Kunst

Leonardo da Vinci, Adorazione dei Magi, ca. 1482. Uffizien


FAZ-Kritikerin Karen Krüger lässt sich in den Uffizien vom scheidenden Direktor Eike Schmidt dessen Lieblingsbilder zeigen. Leonardos frisch renovierte "Anbetung der Heiligen Drei Könige" gehört dazu: "Man wird sofort in die in Braun- und Blautöne gehaltene Szenerie hineingezogen: Die Heiligen Drei Könige bringen dem Jesuskind Geschenke dar - und um sie herum sind gut achtzig Figuren mit unterschiedlichen Posen und emotionalen Ausdrücken sowie Dutzende Tiere versammelt. 'Je nach eigener Gemütslage findet hier jeder Betrachter ein Gegenüber', sagt Schmidt, und seine Hand fährt über das Gemälde wie die Hand des Wettermanns über die Wetterkarte. 'Beispielsweise der Kahlköpfige dort mit den aufgerissenen, verschatteten Augen; oder hier, das Pferd, das den Kopf zurückwirft und wie in Zeitlupe in drei verschiedenen Bewegungen gezeigt wird - eigentlich sogar in vier, aber die vierte sieht man nur in der Infrarotreflektographie gut.' Er redet nun immer schneller. 'Eine weitere Figur, die ich auch immer wieder mit großer Freude betrachte, ist dieser Junge. Er zieht sich mit beiden Armen hoch, um besser sehen zu können. Ich stelle mir gern vor, wie er die Szene beobachtet. Ich denke, Leonardo verkörperte mit ihm den Wunsch vieler Menschen, mehr zu verstehen.'"

Besprochen werden die große Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (taz, Welt), Henrik Martin Dahlsbakkens Biopic "Munch" zusammen mit der Ausstellung "Munch. Lebenslandschaft" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ) und die Ausstellung "Holbein und die Renaissance im Norden" im Frankfurter Städelmuseum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2023 - Kunst

Yoichi Okamoto: Kriegsheimkehrer. Bildrechte: ÖNB.


Der "unlängst restaurierte Prunksaal der Nationalbibliothek" Wiens ist nicht der richtige Ort für die Fotografien des Amerikaners Yoichi Okamoto, die hier unter dem Titel "Bild Macht Politik. Yoichi Okamoto - Ikone der Nachkriegsfotografie" ausgestellt sind, ärgert sich Hannes Hintermeier in der FAZ. Der opulente Saal überstrahle fast die Auswahl aus dem aus 22.000 Negativen bestehenden Nachlass, den die ÖNB 2019 vom Sohn des Fotografen übernommen hat. Wer dann aber doch genau hinsieht, kann das Nachkriegswien aus der Perspektive eines asiatisch-amerikanischen Soldaten kennenlernen: Immer sei ihm die Fotografie "schöpferisches Mittel zur Verständigung, die eine Verpflichtung zur Wahrheit in sich trägt. Ein Berufsethos, das in fake-geplagten Zeiten tröstlich wirkt."

Für monopol ärgert sich Saskia Trebitz darüber, dass Künstler wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Georg Baselitz so eine unglaubliche Marktdominanz halten, aber sie weiß auch, dass diese Entwicklung nicht nur die bildende Kunst betrifft: "Wenn Kunst den Weg in den Mainstream findet, sind es meist die großen Namen, die seit Jahrzehnten etabliert sind (nicht ganz zufällig standen dieses Jahr die Beatles wieder auf Platz eins der Charts). Und das Phänomen verstärkt sich selbst: Nach der Pandemie müssen Kulturhäuser ihr Programm auch wieder anhand von Publikumszahlen rechtfertigen, also wird mehr von dem eingeplant, was Erfolg verspricht. Und da sich in der Nahost-Debatte die ideologischen Fallstricke politisch aufgeladener Kunst zeigen (und viele Museen darauf eher hilflos reagieren), besteht durchaus die Gefahr, dass man sich noch mehr auf das Erprobte, vermeintlich Ungefährliche konzentriert, um Kontroversen zu vermeiden." Ihr Appell: "Es ist unerlässlich, dass die Institutionen mutig bleiben und sich einem zu befürchtenden konservativen backlash entgegenstellen."

Die Schau "Sand. Ressource, Leben, Sehnsucht" im Bad Homburger Museum Sinclair zeigt Sylvia Staude in der FR dieses beeindruckende Material aus nächster Nähe: "Durch eine Lupe kann die Besucherin ein einzelnes Sandkorn betrachten, in der Tat würde man es, hätte es die vielfache Größe, einfach für ein Steinchen halten. Es folgt eine ganze Wand mit Sand in Glas(!)röhrchen, es handelt sich um 1680 Sedimentproben aus den Sandsammlungen des Museums Wiesbaden und der Stadt Aulendorf. Nicht nur ist die Körnchengröße unterschiedlich, vor allem die Farbnuancen bezaubern."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Flooding" des Ukrainers Nikita Kadan in der Einundneunzig Galerie in Frankfurt, die damit ihre Eröffnung feiert (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2023 - Kunst

Kehinde Wiley: The Prelude (Ibrahima Ndiaye und El Hadji Malick Gueye), 2021. Rennie Collection, Vancouver. Courtesy of the artist und Stephen Friedman Gallery, London © Kehinde Wiley

Das große Caspar-David-Friedrich-Jahr hat noch gar nicht begonnen, aber schon dieses Jahr waren die Buchveröffentlichungen zahlreich, etwa Florian Illies' "Zauber der Stille". Auch die Hamburger Kunsthalle beschließt das Jahr mit einem Knall - in der Ausstellung "Kunst für eine neue Zeit" zeigt sie über 60 Gemälde und 100 Zeichnungen Friedrichs - und stellt sie zeitgenössischen Künstlern gegenüber. In der SZ ist Till Briegleb hingerissen, deutet die Ausstellung Friedrich doch weniger religiös, sondern "sucht vielmehr, Friedrichs passive Betrachter in ihrer städtischen Kleidung als Beginn einer fundamentalen Ablösung zu verstehen. Natur wird in der Morgendämmerung des industriellen Zeitalters bei Friedrich zum Objekt. Die süßliche Einheit von Mensch und Natur, die Friedrichs Vorgänger mit ihren arkadischen Schäferidyllen malten, weicht bei ihm dem Gefühl, dass Natur ein Rohstoff ist für den touristischen Erholungswunsch des Städters." Daran schließen die rund 20 zeitgenössischen KünstlerInnen an, indem sie "die Entfremdung des Menschen zu seinem biologischen Kontext" thematisieren. "Swaantje Güntzel, die das 'Eismeer' voller Plastikmüll darstellt. Oder Kehinde Wileys Kitschmonumenten, für die er schwarze modische Jugendliche in riesig vergrößerte Versionen der Kreidefelsen und des Nebelmeers setzt, wird der menschliche Abstand zum idealisierten Naturzustand in verschärften Konturen gezeigt."

Bild: Verena Dengler: Sponsors. 2001-2014. MAK GK 666. Bild: Georg Mayer

Schlicht "phänomenal" nennt Katharina Rustler (Standard) die Ausstellung "Hard/Soft" im Wiener Museum für Angewandte Kunst, die sich Textil und Keramik in der zeitgenössischen Kunst widmet und mit historischen Werken kontrastiert: Zahlreiche Werke beschäftigen sich "mit dem Körperlichen und beziehen sich auf die oft als weiblich konnotierten Techniken des Webens und Töpferns. Mit ihren archaisch anmutenden Keramikvasen, die mit Brüsten bestückt sind, greift die polnische Künstlerin Agnieszka Brzeżańska genau das auf und setzt sich mit matriarchalen Ritualen auseinander. Besonders beeindruckend sind die monumentalen Arbeiten, die von der Höhe der Mak-Ausstellungshalle profitieren - wie jene meterlangen hängenden Figuren aus schwarzem Stoff von Magdalena Abakanowicz oder die aus Dämmmaterial bestehenden XXL-Skulpturen von Klára Hosnedlová."

Im FR-Gespräch erzählt Eva Raabe, scheidende Direktorin des Weltkulturen Museums in Frankfurt, wie sich das Museum weiter dekolonisieren wird: "Ich glaube, ganz egal, wer meine Nachfolge antritt, wird weiterführen, dass wir bei jedem Projekt die indigenen Nachfahren der Urheberkultur kontaktieren. Dass wir weiterhin sehr stark mit indigenen Künstlern zusammenarbeiten. Rückgabe wird auch ein großes Thema sein. Wir haben eine Kamerun-Sammlung von über 2.000 Objekten und ein großer Teil davon stammt aus militärischem kolonialem Kontext. Es werden auch indigene Gruppen mit uns Kontakt aufnehmen, weil sie von der Sammlung wissen und sie sehen möchten. Es gibt Objekte, die gibt es nur noch in Europa und nicht in den Museen der Ursprungsländer."

Außerdem: Berlins Staatliche Museen erhöhen die Preise um 2 Euro, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Hermann Parzinger betont in einer Mitteilung dazu, wie erfreulich es sei, dass die Museen inzwischen wieder an das Vor-Corona-Niveau anknüpfen können und 2023 bislang knapp vier Millionen Besucher:innen aus der ganzen Welt verzeichnen." Der Streit um den Nachlass von Franz West ist endgültig beendet, meldet Olga Kronsteiner im Standard: "Zuständig für den Nachlass ist die von West gegründete Stiftung. Die Kinder klagen jetzt auf den Pflichtteil, der Anspruch ist womöglich verjährt."

Besprochen wird die Anne-Witt-Ausstellung "Workers Forum" im Kunstverein Wolfsburg (taz), die Ausstellung "kontrastreich" mir Arbeiten des Berliner Zeichners Danja Akulin in der Galerie Poll (Blz) und Charlotte Mullins "Die Geschichte der Kunst. Neu erzählt" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2023 - Kunst

Ernst Wilhelm Nay, Der Besuch, Detail, 1945 © Privatbesitz, © Foto: Ernst Wilhelm Nay Stiftung, Köln 


Die Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg widmet den avantgardistischen Malern Ernst Wilhelm Nay und André Masson eine Doppelausstellung unter dem Titel "Mythos und Massaker". Beide waren Protagonisten der von Hitlerdeutschland verteufelten künstlerischen Moderne des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die direkte Gegenüberstellung offenbart jedoch auch Unterschiede, erläutert Ingeborg Ruthe in der FR: "Es ist die Stimmung, die bei aller Verwandtschaft von Masson und Nay den Unterschied macht. In 'Massacre' gingen die schlimmen Erinnerungen des Malers an die am eigenen Körper erlebten Gräuel des Ersten Weltkrieges (er wurde als Soldat schwer verletzt) ein. Er drückte das aus in spitzigen Gestaltzeichen, die aufeinander einstechen und in gewaltsamer Gier nacheinander greifen. Der vom deutschen Expressionismus geprägte Nay, der den Wehrdienst an der Ost-, später an der Westfront des Zweiten Weltkrieges heil überstanden hatte, schuf eine eher harmonische mythologische Gegenwelt zur Katastrophe. In seinem 'Tanz der Fischerinnen' (1950) scheinen Gewalt, Tod, Trauer, Zerstörung und Angst verjagt. Die Szene wird zur zukunftsfrohen Synthese von schablonenhaft organischen, fast floralen Formen. Dieses neu beginnende 'Wachstum' drängt förmlich wie eine mitreißende Melodie über den Bildrand hinaus, als handele es sich um den uferlosen Fluss des Lebens."

Das Neuköllner Kulturzentrum Oyoun, das insbesondere nach dem 7. Oktober in die Kritik geraten war, da es radikalen antizionistischen Stimmen wie der "Revolutionären Linken" oder, bereits im Mai 2022, "Palästina spricht" ein Forum geboten hatte, wehrt sich gegen das vom Berliner Senat beschlossene Auslaufen einer Projektförderung, das einer Schließung gleichkommt (unser Resümee). Helfen wird das kaum, vermutet Sebastian Leber, der im Tagesspiegel über die seit langem grassierende israelfeindliche Stimmung im Haus berichtet. Insbesondere die Geschäftsführerin Louna Sbou schuf, zitiert Leber seine Quellen, eine "Atmosphäre der Angst". Vor ihrer Zeit bei Oyoun war Sbou Kuratorin des Café Be'kech im Wedding, wo sie mit ihrer Position in Sachen Israel auch nicht hinter dem Berg hielt. "Bereits zu dieser Zeit wies Louna Sbou ihre Mitarbeiter an, israelische Lebensmittel konsequent zu boykottieren. Ihre Begründung: Weil das Café 'Unterdrückung, strukturellen Rassismus und jede Form von Diskriminierung' ablehne, kaufe oder unterstütze man keine Produkte des 'Apartheidstaats Israel'. Sbou untersagte ihren Mitarbeitern sogar, das Wort 'israelisch' zur Beschreibung von Speisen zu verwenden. Als eine Mitarbeiterin 'Israeli stuffed tomatoes' auf die Menütafel schrieb, wies Louna Sbou sie zurecht und erklärte, dies solle nicht wieder vorkommen. Man muss sich dies vor Augen halten: In einem Café, das offiziell alle Formen von Diskriminierung bekämpft, darf nicht einmal das Wort 'Israelisch' auf einer Speisekarte stehen."

Rita Keegan: Red Me, 1986, UK Government Art Collection; Artwork © Rita Keegan; © Image: Crown Copyright, UK Government Art Collection


Viel verschenktes Potential sieht Welt-Kritikerin Charlotte Szász in der Ausstellung "Women in Revolt" in der Londoner Tate Britain, die sich feministischer Kunst der Siebziger Jahre widmet. Sie zeigt "zum ersten Mal die Do-it-Yourself-Kunst und gesellschaftskritische Ästhetik von britischen Künstlerinnen" dieser Zeit. Starke Werke sieht die Kritikerin hier auf jeden Fall, beispielsweise von Nancy Willlis, die die Themen Behinderung und Feminismus verknüpft: Wegen ihrer Muskeldystrophie brach Willis auf ärztlichen Rat eine Schwangerschaft ab und ließ sich sterilisieren. Doch die Diagnose, sie habe eine geringere Lebenserwartung, stellt sich als falsch heraus, "weswegen sie ihr Leben lang das verlorene Kind betrauerte und ein Gemälde anfertigte, das die Erfahrung verarbeitet: Es heißt 'Selfportrait With a Lost Baby' und zeigt das Kind im Kleinkindalter." Leider, ärgert sich Szász, lädt die Kuration der Ausstellung weder zur Identifikation noch zum Nachdenken ein: die provokante Seite der Werke geht hinter Glas verloren, die Beschreibungen beschäftigen sich kaum mit der Kunst selbst, sondern vorwiegend mit dem Lebensweg ihrer Schöpferinnen.

Weitere Artikel: In Monopol denkt Maja Goertz über Glitzerkunst nach. Ebenfalls in Monopol zeichnet Lisa-Marie Berndt nach, wie der amerikanische Künstler Alex Israel in einer Videoinstallation eine KI zum Kurator kürt.

Besprochen werden die Ausstellung "Leidenschaftlich figurativ - die Sammlung Fritz P. Mayer" in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg (FAZ), die Schau "Rodrigo Hernández: stars around this beautiful moon hide back their luminous form" im Berliner Chert-Lüdde (taz) und Frank Maier-Solgks Buch "Green Fields" über Skulpturen im öffentlichen Raum.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2023 - Kunst

Rudolf Levy, Blick auf die Bucht von Rapallo. 1933. Privatsammlung. Foto: Electa Archiv/Serge Alain Domingie.

Ganz warm wird FAZ-Kritiker Stefan Trinks in der Ausstellung "Magier der Farben" in der Pfalzgalerie Kaiserslautern, so sehr "glühen" die Farben auf den Bildern des jüdisch-deutschen Künstlers Rudolf Levy. Man würde kaum auf die Idee kommen, dass sich hinter dieser Pracht eine düstere Geschichte verbirgt, so Trinks. Levy wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, nachdem er sich im Exil in Florenz für einige Zeit versteckt gehalten hatte, weiß Trinks. Doch die Dunkelheit hat es nicht in seine Bilder geschafft, erkennt er: "Ein 1933 entstandenes, freudvoll farbiges Bild könnte noch die Unvorhersehbarkeit des ganzen Grauens für sich reklamieren, doch halten Levys Bilder an ihrer französisch-italienischen, sprich mediterranen Palette zehn Exiljahre lang fest. Noch sein 'Atelierstillleben vor geöffneter Balkontür im Florentiner Palazzo Guadagni' von 1943 öffnet den Blick aus seinem Mal-Versteck aus leuchtend grünen Balkontürläden auf eine himmelblaue Unbegrenztheit, während ein kobaltblauer Tisch mit oranger Decke und gelbgrünen Zitronen im Rot eines Matisse-Teppichs buchstäblich schwebt, indem die Verbindung der Tischbeine zur Platte durch je einen frechen roten Pinselstrich gekappt ist."

Tazler Jochen Becker sieht bei Bologna zwei Ausstellungen, die ganz unterschiedliche Ideen von Fotografie zeigen und einen "gewissen Vorgeschmack darauf geben könnten, was einmal im geplanten Deutschen Fotoinstitut" in Düsseldorf gezeigt werden wird. In "Visual Spaces of Today" im MAST wird in einer großen Werkschau Andreas Gursky ausgestellt, die Collezione Maramotti zeigt Giulia Andreani: "Die opulenten Tafelbilder von Andreas Gursky erinnern an die Maschinen-Nähe des Fotografischen, die Grauzonen von Giulia Andreani hingegen zeigen, wie verstreut Bildquellen sein können."

Besprochen werden die Ausstellung "Sieh Dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit" im Kunstmuseum Stuttgart (tsp) und die Ausstellung "101 Nudes" von Jimmy de Sana in der Galerie Meyer Riegger in Berlin (tsp).