Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2023 - Kunst

Besprochen werden Susanna Fanzuns Filmdoku "I Giacometti" (NZZ), Augmented Reality im Tiergarten (Welt), sowie die Ausstellungen "In anderen Räumen" und "WangShui. Toleranzfenster" im Münchner Haus der Kunst (Tsp), "Bruno Pélassy and the Order of the Starfish" im Berliner Haus am Waldsee (Tsp), "Amedeo Modigliani. Un peintre et son marchand" im Pariser Musée de l'Orangerie (NZZ) und Victor Man im Frankfurter Städel (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2023 - Kunst

Installationsansicht Füsun Onur. Retrospektive Raum mit Muse, 2023 Museum Ludwig, Köln 2023, © Füsun Onur Foto: Saša Fuis

Mit der Retrospektive der Künstlerin Füsun Onur im Museum Ludwig blickt taz-Kritiker Ingo Arend auf die Laufbahn einer unerschrockenen Pionierin der türkischen Avantgarde zurück. Onur verarbeitete in ihrer Kunst alltägliche Dinge und einfache Materialien wie "Plexiglas oder Tüll", so Arend, gleichzeitig war ihre Kunst sehr politisch und traf mehr als einmal ins "sexistische und patriarchale Herz der türkischen Mehrheitsgesellschaft". Für die Ausstellung ganz neu konzipiert hat Onur den "Raum mit Muse", den der Kritiker gespannt betritt: Es eröffnet sich ihm ein "fast leerer, in ein blaues Dämmerlicht getauchter Saal. Nur ein paar hölzerne Schemel der Sorte, auf denen man in Istanbul auf der Straße Tee zu trinken pflegt, stehen darin. Von der Decke baumelt eine aus Draht gebogene Engelsgestalt, von fern sind leise Geigenklänge zu hören. Wer den sphärischen Raum betritt, ist aufgerufen, ihn mit der Fantasie zu füllen, von der Onur behauptet, sie habe 'für mich nie an Glanz verloren. Sie nimmt mich mit auf eine Reise und trägt mich zu einem Ziel. Wo auch immer sie mich hinnimmt, da komme ich an'.

Wo seid ihr
, Leute? Das Deprimierende ist, dass Katya Kazakina diese Frage schon am 12. Oktober in Artnet stellen konnte, und dass sie ihren Artikel am 21. Oktober fast ohne jede Aktualisierung in Tablet übernehmen konnte: Sie schildert für Amerika eine ähnlich dröhnende Stille, wir wir sie in Deutschland von all den angeblich so "weltoffenen" Museen und Kunstinstitutionen vernehmen. Kaum jemand äußert Solidarität mit Israel: Um wieviel empörungsbereiter war man damals, als man sich für BDS einsetzen konnte! (Natürlich, man selbst ist nicht BDS, dafür schickte man die Künstler vor.) Auch in New York und in ganz Amerika, so Kazakina, herrscht Schweigen. Auch große Galerien wie Gagosian, Pace, Hauser & Wirth und die Galerie des Deutschen David Zwirner sowie die Auktionshäuser Christie's, Sotheby's, and Phillips äußerten sich nicht. Könnte es sein, dass es dafür eine einfache Erklärung gibt, nämlich (neben Antisemitismus) schlichte Gier? "Vielleicht haben die Menschen Angst, das Falsche zu sagen und jemanden zu beleidigen. Vielleicht haben die Museen Angst, von ihrem Publikum kritisiert oder gecancelt zu werden. Vielleicht haben Galerien Angst, ihr Geschäft zu verlieren. Mächtige Kunstmäzene wie Sheikha al Mayassa aus Katar, die in den letzten zwanzig Jahren zu den wichtigsten Sammlern gehörte und Vorsitzende der Museen von Katar ist, postete nach dem Massaker in den sozialen Medien Bilder der palästinensischen Flagge, die auf Museumsgebäude in Doha projiziert wurden."

Weiteres: Tilman Baumgärtel stellt in der taz den Grafiker Jesse Simon vor, der besondere Seiten des Berliner Stadtbildes auf seinen Fotos festhält, die in den Bänden "Berlin Typography" und "Plattenbau Berlin", sowie in den sozialen Medien und hier zu sehen sind.

Besprochen werden die Ausstellung "Dieric Bouts - Bildermacher" im Museum Leuven (FAZ), die Ausstellung "From Texture To Temptation" mit Werken von Silke Radenhausen in der Stadtgalerie Kiel (taz) und die Ausstellung "Niko Pirosmani" in der Fondation Beyeler (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2023 - Kunst

Anish Kapoor: Non-Object Black, 2015. mixed media, paint. Courtesy the artist © Anish Kapoor. All rights reserved SIAE, 2023

Unser prekäres Verhältnis zur Realität wird FAZ-Kritikerin Ursula Scheer mit der Schau  des indisch-britischen Bildhauers Anish Kapoor im Palazzo Strozzi in Florenz verdeutlicht. Obwohl die Rezensentin die "Illusionskniffe" von Kapoor schon aus anderen Ausstellungen kennt, ist sie aufs Neue fasziniert. Die Werke aus "Untrue Unreal" "fordern dazu auf, die eigene Position zu wechseln", so Scheer: "Dann zeigt sich ihr Witz in einem Aha-Effekt. Vor den Bildern, die er mit dem vielleicht schwärzesten Schwarz, dem von Kapoor künstlerisch exklusiv genutzten Vantablack, bearbeitet sind, entlarvt ein Blick von der Seite auf sein 'Non-Object Black' (2015), dass es sich nicht um eine schwarze Scheibe handelt, sondern in der Mitte der Malewitsch-Replik eine schwarze Kugel montiert ist wie eine Clownsnase. Tilgt eine Oberfläche jeden Lichtreflex, verschwindet der Gegenstand scheinbar; wirft ein nicht planer, hochglanzpolierter Gegenstand alles Sichtbare zurück, führt es zu optischer Totalverformung."

Auch in der Kunstszene gibt es einiges aufzuarbeiten, meint Eugen El in der Jüdischen Allgemeinen anlässlich des Hamas-Terrors. Ob es dazu kommt, erscheint ihm allerdings fraglich, denn diese Szene ist von antiisraelischen Diskursen beherrscht - andere gibt es dort eigentlich kaum noch, konstatiert er. Wenn, dann gibt es Aufrufe wie im Artforum, unterzeichnet von Künstlern wie Katharina Grosse, die ihre  "Solidarität mit dem palästinensischen Volk" erklären. "Viel folgenreicher ist die schleichende Institutionalisierung des Israelhasses im Kunstbetrieb, die etwa in der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten und von Kader Attia kuratierten 'Berlin Biennale' 2022 ihren von der Öffentlichkeit fast vollständig ignorierten Ausdruck fand." Es gab im Artforum aber auch eine Antwort auf den Aufruf - unterzeichnet von genau, äh, drei Personen.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung berichten Chiara Maria Leister und Franz Becchi, wie der letzte Besuchertag im Pergamonmuseum vor der (sehr) langen Sanierungspause ablief. Die Agenturen melden, dass der Caspar-David-Friedrich Preis 2023 an die Berliner Künstlerin Isabell Alexandra Meldner ging.

Besprochen werden die Ausstellung "Home Street Home" der Fotografin Debora Ruppert im Paul Löbe Haus Berlin (taz) und die Ausstellung "Kapwani Kiwanga. Die Länge des Horizonts" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2023 - Kunst

Aus der Ausstellung "A place of our own". Foto: Iris Hassid.

Ein "Stück Hoffung", findet SZ-Kritikerin Kathrin Cahlweit in der Ausstellung "A place of our own", die das Jüdische Museum Hohenems zeigt. Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist diese aber auch gleichzeitig "schon jetzt ein Relikt": Die israelische Fotografin Iris Hassid hat vier junge Palästinenserinnen aus Tel Aviv durch ihren Alltag begleitet, so Cahlweit, schaut ihnen "beim Erwachsenwerden zu", beim "Feiern, Chillen, Reden, Shoppen. Beim Träumen und Trauern." Ein sehr privater Einblick in ihr Leben und gleichzeitig ein Zeugnis aus "einer Gesellschaft, in der die Entfremdung immer weiter voranschreite", stellt Cahlweit fest. Vor allem eindrucksvoll findet sie die Kommentare der Frauen, die die Bilder ergänzen: "Sie erzählen von Zurückweisung, Hass und Verlorenheit. Und zugleich von einem kämpferischen Selbstbewusstsein. Samar, Majdoleen, Aya und Saja begeben sich inmitten eines überwiegend jüdischen Umfelds nicht in die Isolation, sie wollen Teil einer großen Community sein: als Palästinenserinnen, als Araberinnen, als Israelinnen." Ob eine so vertraute Zusammenarbeit nach den jüngsten Ereignissen noch möglich wäre, weiß die Kritikerin nicht.

Weiteres: FAZ-Kritiker Benjamin Paul sieht sich die Skulpturen der iranisch-deutschen Künstlerin Nairy Baghramian in der Fassade des Metropolitan Museum of Art genau an und versucht, deren "Anti-Ästhetik" zu ergründen. In der FAS lässt sich Susanne Kippenberger von Museumswärter Patrick Bringley durch das Metropolitan Museum führen.

Besprochen wird die Ausstellung "Zoom auf Van Eyck. Meisterwerke im Detail" in der Berliner Gemäldegalerie (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2023 - Kunst

Sarah Alberti (monopol) trifft sich mit der Fotografin Margret Hoppe, um mit ihr über ihre im Entstehen begriffene Serie von Porträts von Alleinerziehenden zu sprechen. Als selbst alleinerziehende Mutter ist es ihr ein Anliegen, das Thema auch künstlerisch dem Schweigen zu entziehen: "In meinem persönlichen Umfeld gibt es viele alleinerziehende Eltern. Auch über den Kindergarten meines Sohnes und andere Eltern habe ich Kontakt zu Alleinerziehenden bekommen, die sich meiner Anfrage gegenüber fast immer sehr offen gezeigt haben. Über das Netzwerk 'Mehr Mütter für die Kunst' habe ich einen Aufruf gestartet. Daraufhin haben sich binnen kürzester Zeit etwa 15 Familien gemeldet. Auch andere haben offensichtlich das Bedürfnis, das Thema öffentlich zu machen und ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Immerhin 18 Prozent der Familien in Deutschland sind alleinerziehend, sprich das Kind oder die Kinder leben nur mit einem Elternteil zusammen. Gemeint sind explizit Familien, bei denen die Kinder von nur einem Elternteil betreut werden und der andere Elternteil - anders als etwa beim Wechselmodell - abwesend ist. Der Titel der Serie ist daher auch 'Mono-Eltern'. Im Griechischen bedeutet 'mono' so viel wie 'allein' oder 'einzig'. Im Französischen sagt man 'monoparental' zu Alleinerziehenden. Und es erinnert an den Klang einer Musikanlage. Eben nur Mono, nicht Stereo."

Besprochen werden: Die Doppelausstellung zu Franziskus von Assisi und Kiki Smith im Diözesanmuseum Freising (SZ) und die Retrospektive mit Gemälden von Nicolas de Stael im Musée d'Art Moderne in Paris (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2023 - Kunst

Ingar Krauss, Ohne Titel. Aus der Serie "Holz", Schwarzwald 2018. © Ingar Krauss


Angeregt flaniert Gunda Bartels für den Tagesspiegel durch die Ausstellung "Grünzeug - Pflanzen in der Fotografie der Gegenwart" in der Berlinischen Galerie, die sechs Künstlern gewidmet ist, die im Bereich Naturfotografie arbeiten. Die Bilder ziehen einen in den Bann, freut sich Bartels, und lustig sind sie oft obendrein. Über Falk Haberkorns Foto 'Schonung #2' schreibt sie zum Beispiel: "Es stammt von 2003 und zeigt eine Kiefernmonokultur in silbrigem Schwarzweiß. Baumplantagen wie diese sind geheimnislos, in ihrer Monotonie ein Symbol der vom Menschen nach Profitkriterien gestalteten Natur. Der dunkle Tann der deutschen Romantik, die den Wald zu einem Topos der Märchen und Mythen adelte, scheint in solchen Schonungen ebenso weit entfernt wie Rotkäppchen und der böse Wolf. Nicht so bei Haberkorn, wo zwischen staksigen Stämmen mit rauer Borke Myriaden aufeinandergetürmter Nadeln auf dem Waldboden ruhen, und sich zwischen den Bäumen ein Pfad auftut, der ins Schwarz des Bildhintergrunds führt. Dieser fotorealistische und trotzdem verrätselte Wald ist eine Lockung und eine Warnung zugleich."

Non-Fungible Tokens, kurz NFTs waren noch vor zwei Jahren der große Hype der Kunstbranche, erinnert uns Caroline Schluge im Standard, manche Digitalkünstler setzten zweistellige Millionensummen mit einzelnen Werken um und auch viele große Kunstinstitutionen sprangen auf den Zug auf. Momentan freilich herrscht Flaute auf dem Markt: "Ende September ging ein Raunen durch die Kunst- und Kryptowelt - eine Studie von Dapp Gambl, einer Gemeinschaft von Blockchain-Experten, sah knapp 95 Prozent der NFT-Sammlungen als wertlos an. In Zahlen bedeutete das: Exakt 69.795 der insgesamt 73.257 Sammlungen, die der Verband analysierte, haben mittlerweile eine Marktkapitalisierung von null Ether beziehungsweise null Euro erreicht. Rund 23 Millionen Menschen bleiben der Studie zufolge auf nunmehr wertlosen Investments sitzen." Die digitalen Klimt-Schnipsel, die das Wiener Belvedere nach wie vor für 1850 Euro (pro Schnipsel) anbietet, sind auf Webbörsen keine 40 Cent mehr wert.

Weitere Artikel: Die Kyiv-Biennale kann aufgrund des russischen Angriffskriegs nicht komplett in der Ukraine stattfinden und reist nun durch mehrere europäischen Städte. Im Standard bespricht Katharina Rustler die Wiener Station der Schau, die im Augarten Contemporary gezeigt wird. Das British Museum hat 350 gestohlene Werke der Schmuck- und Glaskunst wiedererlangt, weiß Zeit Online. Für Monopol unterhält sich Clara Westerndorff mit der Kuratorin Julia Meer über Diversity in der Museumswelt und feministische Kunst.

Besprochen werden die Ausstellung "Grete Ring. Kunsthändlerin der Moderne" in der Berliner Liebermann Villa (taz Berlin) und die der Verbindung von Mode und Kunst gewidmetete Schau "Between Sky and Heart" in den Florenzer Uffizien (Monopol)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2023 - Kunst

Frans Hals, 'Young Man holding a Skull (Vanitas)', 1626-8 © The National Gallery, London

Begeistert durchstreift Stefan Trinks für die FAZ eine dem Porträtmaler Frans Hals gewidmete Ausstellung in der Londoner National Gallery. An den Bilder des "größten und wildesten Porträtmalers" kann er sich nicht satt sehen. Vor allem ein Paar, bei dem der Mann einen Totenschädel in der Hand hält, hat es ihm angetan: "Auf den ersten Blick wirkt das Paar harmlos, stilistisch könnte es auch von anderen Künstlern stammen; selbst der Schädel ist ein gängiges Motiv der Vanitas im Barock und erinnert zusammen mit der Aufschrift auf dem Bild, der Dargestellte sei 60 Jahre alt, während sie erst 32 ist, an Sterblichkeit und Vergänglichkeit allen Irdischen. Dann allerdings blickt man noch einmal auf den Schädel und bemerkt, wie er gleich der Kernszene in Shakespeares Hamlet leicht in der Hand des Mannes rotiert, um uns zu fixieren. Auch das von schräg oben auf seine Hand fallende Licht lässt die Finger glänzen, wobei zwei der Weißhöhungen schon nonchalant als Striche hingehauen sind wie die Karussell fahrenden Rüschen des aus dem Ärmel quellenden Hemds. So furios malt nicht einmal Rembrandt (...)."

Der Goslaer Kaiserring, eine der wichtigsten Preise im Bereich der zeitgenössischen Kunst, geht, wie Dorothea Zwirner in der FAZ berichtet, dieses Jahr an zwei Russen - die beide seit langem in Deutschland leben. Yuri Albert und Vadim Zakharov haben eine gemeinsame Vergangenheit an der Moskauer Kunsthochschule und hatten schon in der Sowjetzeit außerhalb des offiziellen Kunstbetrieb eine eigene künstlerische Praxis etabliert. Eine mit dem Preis verbundene Doppelschau im Goslaer Mönchehaus Museum zeigt jedoch auch die Unterschiede zwischen den beiden. Zhakarov hat sich zum Archivisten seiner selbst wie auch seiner Kollegen entwickelt: "Unter seiner Regie ließ sich 'Die Geschichte der russischen Kunst' (2003) in einer Installation aus fünf begehbaren Aktenordnern zusammenfassen, die genau wie das 'Adorno-Monument' (2003) in Frankfurt und das 'Ideologische Defilee nach Me-Ti, Buch der Wendungen von Bertolt Brecht' (2013) seine bühnenhafte Inszenierungskunst zeigen." Albert hingegen arbeitet spielerisch und selbstreflexiv: "Im ständigen Zwiespalt zwischen 'echter' und moderner Kunst hat er mit seiner 'Elitär-demokratischen Kunst' ein paradoxes Programm entwickelt, in dem er das Problem des Nichtverstehens zeitgenössischer Kunst mit vergleichbaren Spezialschriften wie der Brailleschrift, dem Flaggenalphabet und der Stenographie vor Augen führt. In seiner 'Moskauer Abstimmung' (2009) können die Besucher selbst votieren, ob sie das, was sie gerade sehen, wirklich für Kunst halten."

Weitere Artikel: Der niederländische Kunstdetektiv Arthur Brand hat nach einem Van-Gogh-Gemälde sechs weitere gestohlene Kunstwerke ausfindig gemacht, meldet die FR. Im Standard schreibt Katharina Rustler über den Trend zu Themenausstellungen.

Besprochen werden die Schau "Cindy Sherman - Anti Fashion" in den Hamburger Deichtorhallen (taz) und die Ausstellung "Velvet Terrorism - Pussy Riot's Russia" im Louisiana Museum, Dänermark (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2023 - Kunst

Philip Guston, If this be not I. © The estate of Philip Guston, courtesy Hauser and Wirth.

Im Tagesspiegel-Interview mit Susanne Kippenberger spricht Musa Mayer über ihren Vater, den Maler Philip Guston, dem die Tate Modern zur Zeit eine Retrospektive widmet. Diese Wanderausstellung sollte eigentlich schon 2020 beginnen, wurde jedoch zunächst wegen der Pandemie verschoben, dann aus Sorge um die politische Situation zunächst auf das Jahr 2024. Nach dem George-Floyd-Attentat fürchtete man, das Gustons provokante Kunst, die Rassismus anprangert, in dem sie unter anderem den Ku-Klux-Klan comichaft zeigt, Anstoß erregen könnte. Mayer hielt das für das falsche Signal: "Meine größte Angst war, dass er fortan nur noch bekannt wäre als der Maler der Ku Klux Klan-Männer. Ich wurde damals gefragt, was mein Vater wohl getan hätte. Ich zweifle keinen Moment, dass er sich aus der Ausstellung herausgezogen hätte. Diese Art von Aufmerksamkeit hätte er nicht gewollt. Aber meine Rolle ist eine andere. Das Kontroverse in seiner Arbeit ist etwas, was man nicht fürchten sollte, sondern feiern. Ich war überzeugt, wenn die Bilder richtig gezeigt werden, dass wir diese ganze Debatte hinter uns lassen, das ganze Werk erfassen können." Umso besser, dass die Ausstellung dann doch früher gezeigt wurde, denn "die gesellschaftspolitische Thematik ist heute so relevant wie zur Zeit der Entstehung. Viele Probleme, die meinen Vater beschäftigt haben, sind immer noch nicht gelöst.""

Weiteres: In der FAZ gratuliert Patrick Bahners dem Comic-Künstler Johan de Moor zum Siebzigsten.

Besprochen wird die Ausstellung "Dix und die Gegenwart" in den Deichtorhallen in Hamburg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2023 - Kunst

Bonaventura Berlinghieris Franziskustafel von 1235. Bild: Raffaello Bencini/ArchiviAlinari, Florenz

Schon zu Lebzeiten faszinierte der Heilige Franziskus von Assisi seine Zeitgenossen, und viele hundert Jahre später sind seine Ideen immer noch aktuell, staunt FAZ-Kritiker Stefan Trinks. Genau wie seine Repräsentationen in der Kunst, die das Diözesanmuseum Freising in einer Sonderausstellung zeigt, wie Trinks freudig feststellt: "Ohne Probleme hätte man auch die berühmte Franziskustafel von Bonaventura Berlinghieri an den Anfang der Ausstellung stellen können, die, wenngleich bald 800 Jahre alt, an quasimoderner Pop-Art-Stilistik und inhaltlicher Aktualität nichts missen lässt...Der Heilige steht wie in einem Bild Warhols in der Mitte im so grauen wie rauen Habit als Denkmal seiner selbst. Seine Rechte vollführt einen Grußgestus für alle ihm Gegenübertretenden, zugleich zeigt er damit aber eines der fünf Stigmata vor, die ihm auf der obersten der ihn comicstriphaft links und rechts begleitenden Nebenszenen von einem kreuzförmigen Seraphim beigebracht wurden."

Besprochen werden die Ausstellung "Geburtstagsgäste Monet bis Van Gogh" zum 200-Jährigen Bestehen des Kunstvereins Bremen (taz), die Ausstellung "Luc Tuymans - Edith Clever" an der Akademie der Künste in Berlin (taz) und die Virtual-Reality-Ausstellung "Unleashed Utopias" im Haus am Lützowplatz Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2023 - Kunst

Bild: Rafał Milach. The Archive of Public Protest: "Abtreibung bedeutet Leben" - Protest gegen das vollständige Abtreibungsverbot. © Rafał Milach
Der polnische Künstler Rafal Milach dokumentiert in seinen Fotografien die linke Protestkultur in Polen, seine Arbeiten sind aktuell im Essener Folkwang Museum zu sehen. Im ZeitOnline-Gespräch mit Victor Sattler erklärt er unter anderem, wie wichtig die Protestkultur beispielsweise im Hinblick auf die Abtreibungspolitik der PiS ist ("Mittlerweile befürworten etwa 70 Prozent der polnischen Gesamtbevölkerung einen legalen, sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen", sagt er). Aber: "Die katholische Kirche ist in der jüngeren Geschichte Polens immer extrem mächtig gewesen. Und es war wohl einer der größten Fehler früherer Regierungen, dass sie keine Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt haben. Somit kann die Kirche nach wie vor großen Einfluss auf die Politik ausüben, insbesondere auf die konservativen Parteien. Um ehrlich zu sein: Wir haben ja fast nur konservative Parteien in Polen. Das liegt an unserem postkommunistischen Erbe, das eine angemessene, zeitgemäße Linke unmöglich gemacht hat. Erst nach ein paar Generationen wird eine linke Politik nicht mehr kommunistischer ähneln."

Bild: © Sarah Lucas. "Inferno 2000"
Der Schockeffekt, den Sarah Lucas' im Kontext der "Young British Artists" entstandenen Arbeiten einst auslösten, ist von Nostalgie abgelöst worden, stellt Alexander Menden fest, der für die SZ die Ausstellung "Happy Gas" in der Londoner Tate Britain besucht hat. Und doch sind ihre Arbeiten noch immer "gegenwartsrelevant", versichert Menden: "Was sie vor vollständiger systemischer Vereinnahmung bewahrt, ist die Konsequenz, mit der sie ihre Themen verfolgt hat. Wo riesige Flaschenkürbisse als Männlichkeitssymbole an provokativer Kraft eingebüßt haben mögen, irritiert nun zum Beispiel die Allgegenwart der Zigarette: Als Sockel einer bewusst kitschigen Fantasy-Statue, als Selbstmordrequisit, als Tapetenschmuck in Form eines Paars weiblicher Brüste. Rauchen, schon immer ein wichtiger Bestandteil von Lucas' Kunst, ist heute das Tabu."

Wie Gemälde aus der Neuen Sachlichkeit, dem Surrealismus der Symbolismus erscheinen Ursula Scheer (FAZ) die Werke des rumänischen Künstlers Victor Man. Auch Verweise auf die Vorrenaissance klingen in den Werken an, die nun unter dem Titel "Linien des Lebens" in der Galerie der Alten Meister im Frankfurter Städel ausgestellt sind: "So ergeben sich interessante Blickwechsel zwischen um 1500 von Wolfgang Beuer oder dem Meister der Stalburg-Bildnisse Verewigten und Victor Mans Selbstbildnis 'Self With Father' von 2017, in das sich als geisterhafter Schattenriss das Profil des Künstlers schiebt. Gemeinsam ist den Bildern die unnahbare Ausstrahlung, ein Ernst, den Man zur existenzialistischen Melancholie steigert. Wo in der alten Kunst mittelalterlicher Goldgrund strahlt, setzt Man in seiner seegrün verschatteten, von Ikonen beeinflussten Malerei fast grelle Farbakzente: Im Bild des Vaters ist es eine fluoreszierend wirkende blaue Linie am Haaransatz; in anderen Arbeiten leuchten Haut oder Stoff unwirklich gelb auf, glühen Haare in Rot oder durchbohrt der Schimmer weißer Perlen das Dunkel." "Alles wirkt unheimlich stimmig, kostbar, seltsam und schräg", schreibt Boris Pofalla in der Welt: "Aber fordert diese Kunst einen wirklich heraus? Geht sie Risiken ein? Keins der Gemälde tritt in den Dialog mit der Gegenwartskunst ein, oder überhaupt mit der Gegenwart. Das unterscheidet ihn von den zitierten Meistern."

Außerdem: Auf den Bilder und Zeiten Seiten der FAZ unternimmt Bernd Eilert einen Streifzug durch die letzten Bilder großer Maler. In der NZZ porträtiert Philipp Meier die Künstlerin Zilla Leutenegger, die heute die NZZ als Kunstausgabe gestaltet hat. Ebenda spricht Birgit Schmid mit Leutenegger unter anderem über die Frage, ob zu viele Leute Kunst studieren.

Besprochen werden die Ausstellung "Ukrainian Dreamers. Charkiwer Schule der Fotografie" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz).