Das jüdische und antisemitismuskritische Institut für Neue Soziale Praktik veranstaltet seit Dienstag den Kongress "Reclaim Kunstfreiheit. Antisemitismuskritik, Kunst und Kultur", berichtet Erica Zingher in der taz - ursprünglich als Reaktion auf die antisemitischen Vorfälle auf der Documenta fifteen geplant, gibt es jetzt noch aktuellere Bezüge: "Wie spricht man in diesen Tagen, in denen das wohl größte Pogrom gegen Juden seit der Shoa passiert, über Antisemitismus in Deutschland? Konkret im Kunst- und Kulturbetrieb? Ist das überhaupt möglich? Angebracht?" Die Bedeutung, die der Kongress hat, betont auch das Institut: "Es sind nicht zuletzt Menschen aus dem Kunst- und Kulturbetrieb, die aktuell die Morde an jüdischen Zivilisten als 'Freiheitskampf' oder legitimen 'Widerstand' feiern. Dass in Berlin-Neukölln Demonstranten die Terrorakte der Hamas bejubelten, 'Viva, viva, Palästina!' gerufen wurde, gefiel Reza Afisina und Iswanto Hartono, Ruangrupa-Mitglieder und ehemalige Documenta-Kuratoren" und noch einer Reihe anderer Künstler, die Zingher aufzählt. "Menschen wie die eben aufgezählten werden in Deutschland gefeiert; sie werden mit Preisen und Förderungen ausgezeichnet, erhalten Lehraufträge. Das überrascht nicht. Antisemitische Kritik an Israel gehört in der Szene zum guten Ton."
Der jüdische Medienkünstler und Kunstprofessor Michael Bielicky geißelt zornig im NZZ-Gespräch mit Andreas Scheiner die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, die eine "woke", BDS-nahe Gegenwartskunst propagiere: "Ich bin extrem kritisch gegenüber dem Gestus der heutigen zeitgenössischen Kunst. Die Künstler denken oft, sie hätten nur Bedeutung, wenn ihre Kunst per se politisch sei. Das heißt, viele machen jetzt eine bewusste postkoloniale oder auch genderkritische Kunst. Und sie machen das auch, weil sie dafür Fördergelder bekommen, Unterstützung von den Museen. Es ist ein Missbrauch der Kunst. Ich kenne wirklich viele, die mitmachen, um weiterzukommen. Die sollten gar keine Kunst machen. Das sind kulturelle Umweltverschmutzer. Es kommt mir teilweise vor wie eine ideologische Gleichschaltung, wie Kunst im Kommunismus."
Kati Heck: Jungs III - Goldene Hand, 2022. Foto: Tim van Laere Gallery. Wer Antworten auf die Frage sucht, warum Otto Dix im NS in die innere Emigration gegangen ist, wird sie in den Hamburger Deichtorhallen wohl eher nicht finden, konstatiert Till Briegleb in der SZ zur Ausstellung "Dix und die Gegenwart". Auch die "positive Würdigung" von Dix' frühen Motiven findet Briegleb eher fragwürdig: "Alpenglühen wird zur Metapher für Krieg, Gewitterstimmung für das Unheil des Faschismus, ein verschneiter jüdischer Friedhof bringe 'den im Dritten Reich herrschenden Vernichtungswillen zum Ausdruck.' Vielleicht stimmen diese Interpretationen sogar, aber sie werden nirgends mit Selbstzeugnissen von Otto Dix in Verbindung gebracht, der bis zu seinem Tod 1969 ja durchaus freigiebig unangepasste Kommentare zur eigenen Biografie lieferte. Auch werden bei dieser Gelegenheit weder die Konflikte seines Opportunismus beleuchtet, noch im Archivstudium herausgearbeitet, welche Beziehungen und persönlichen Motive Dix das Überleben im NS-Staat ermöglicht haben." Wie das Schaffen Dix' aber mit Kunstwerken und Performances etwa von Marina Abramovic, Yael Batana und Paula Rego konstratiert wird, sagt ihm durchaus zu, so "ist dieses generationenüberspannende Kunstgespräch darüber, wie man den Krieg und seine Vorzeichen in einer eskalierenden Gesellschaft darstellt, leider hochaktuell."
Roman Pyatkovka: Witches' Sabbath, 1988. Rechte: Roman Pyatkovka. "Fahren Sie nach Wolfsburg!", ruft der völlig hingerissene Lennart Laberenz im monopol ob der beeindruckenden Ausstellung "Ukrainian Dreamers. Charkiwer Schule der Fotografie" im Kunstmuseum Wolfsburg. Die Sammlung gehört Sergiy Lebedynskyy, der sie nach Kriegsausbruch nach Deutschland gebracht hat - zum Glück, findet Laberenz: "Bedrückende Bilder, die uns zurück zum Anfang führen, zu den furchtbaren Umständen des Krieges und der glücklichen Fügung, dass die Bilder deshalb nun in Deutschland ausgestellt werden. In ihrer Mitte steht ein Mann, der in der Hängung auf eine Art fortlaufende Kaskade von Zerstörung und Gewalt und auf dazwischengedrängten Alltag blickt. Die Abzüge sind auf sowjetisches Fotopapier gedruckt, dessen Alter die Fehlfunktionen unberechenbar mitliefert. Der Mann schaut also auf den alles entbeinenden Krieg in der Stadt. Man kann ihn auch allein betrachten, er steht da, nur mit einer Trainingshose bekleidet. Der ganze Körper Ohnmacht, Entsetzen, Fassungslosigkeit."
Weiteres: Die SZ unterhält sich mit Marat Guelman, einem russischen Propagandisten, der jetzt in Berlin mit Kunst handelt. Die Print-Welt erscheint heute als von Anselm Kiefer gestaltete Künstlerausgabe, mehr dazu hier. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Paradise. Performance. Replica. Slovenian Photographic Art" im Fotografie Forum Frankfurt und die VR-Ausstellung "Unleashed Utopias" im Haus am Lützowplatz (tsp).
Orhan Pamuk: "Eva und der Garten". Das Museum der Unschuld. Bild: Emre Dorter Im Jahr 2008 erschien Orhan Pamuks Roman "Das Museum der Unschuld" hierzulande, vier Jahre später eröffnete Pamuk das Istanbuler Museum of Innocence, in dem er die 83 Kapitel des Romans in Objekten nachstellte. Unter dem Titel "Der Trost der Dinge" präsentieren nun die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 41 von Pamuk eigens dafür nachgebaute Kabinette. Taz-Kritiker Ingo Ahrend ist hingerissen, nicht nur wenn er über die 4.213 Zigarettenstummel, die Pamuks Figur Füsun einst rauchte, stolpert. "Pamuks Museum ist das spannende Projekt einer Übersetzung des Textuellen ins Bildliche. Und das Prinzip der Dioramen, mit dem er das 'Museum der Unschuld' gestaltete, hat Pamuk auch für seinen Dialog mit den 'Alten Meistern' der Dresdner Sammlungen angewandt. In 19 neuen Kabinetten hat der Autor einzelne Bilder, die ihn inspirierten, mit Versatzstücken aus der islamischen Bildwelt kombiniert. Das Ganze ist eine Liebeserklärung an den Dadaismus und den Surrealismus geworden. Die Kabinette ähneln Traumlandschaften, Nonsenscollagen oder den mittelalterlichen Wunderkammern."
SZ-Kritiker Till Briegleb lernt eine Menge über "manipulative Farbgestaltung" in der großen Kapwani Kiwanga-Retrospektive "The Length of the Horizon" im Kunstmuseum Wolfsburg. Ein bestimmtes Blau lässt die Venen verschwinden, ein Effekt, der dazu genutzt wird, Drogensüchtige aus Nischen zu vertreiben. Das Baker-Miller-Pink wiederum hat als Wandfarbe in amerikanischen Gefängnissen angeblich dazu geführt, dass aggressive "Macho-Männer" friedlicher werden, erklärt Briegleb. Kiwangas Arbeiten zeugen von "feinem Gespür für ungleiche Machtverhältnisse in Geschichte und Gegenwart". Sie bearbeitet "so komplexe Themengebiete wie den Sklavenhandel, die globale Ökonomie, staatliche Repräsentation oder Symbole der Abschottung. Dabei ist sie immer auf der Suche nach Methoden, wie brutale Konflikte als Kunstwerke symbolisiert werden können, ohne explizit zu schocken. Etwa mit Blumenarrangements, die sie nach historischen Fotos von Reden zur Unabhängigkeit afrikanischer Länder komponiert - und dann in den Ausstellungen verwelken lässt wie die demokratischen Hoffnungen der Sechziger, die sich in den seltensten Fällen erfüllten."
Außerdem: Auch das Kölner Museum Ludwig widmet seine aktuelle Retrospektive einer türkischen Künstlerin, der hierzulande wenig bekannten Bildhauerin Füsun Onur. Einige von Onurs Arbeiten mussten rekonstruiert werden, da die Künstlerin manche Arbeit im Laufe der Jahre im Bosporus verschwinden ließ, weiß FAZ-Kritiker Georg Imdahl.
Im Tagesspiegelrekonstruiert Katrin Sohns den jüngsten Vorfall um Kuratoren der documenta 15, die auch ein Jahr nach ihrer Austragung für Schlagzeilen sorgt. Am Montag war bekannt geworden, dass Reza Afisina und Iswanto Hartono, beide Teil des indonesischen Kuratorenteams, ein Video geliket hatten, das feiernde Hamasfans auf der Berliner Sonnenanllee zeigt. "Wie die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) berichtet, wurde Jonas Dörge vom Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus auf die Likes aufmerksam und informierte den Hamburger Antisemitismusbeauftragten Stefan Hensel. Dieser zeigte sich im Gespräch mit dem NDR geschockt, dass die beiden Videos geliked haben, in denen auf deutschen Straßen Süßigkeiten ausgegeben worden sind, um Terroristen der Hamas zu feiern, die israelische Zivilisten abgeschlachtet haben. Für ihn zeige dies, dass der Kulturbetrieb, aber auch insbesondere die Hochschule für bildende Künste und ihr Präsident, Martin Köttering, nicht verstanden haben, wie Antisemitismus wirke." Auch der weitere Verlauf der Geschichte kommt einem aus dem letzten Jahr bekannt vor: "Inzwischen haben sich Afisina und Hartono öffentlich geäußert und ihre likes zurückgenommen. Wie die HNA berichtet, seien sie der Annahme gewesen, mit ihren Likes auf ein Video von einer Demo in Neukölln Ende September reagiert zu haben. Dies sei ein Fehler gewesen, so Afisina und Hartono. Sie distanzierten sich zudem von jeder Form der Gewalt."
Emilie Charmy's painting of the writer Colette, c1920. Photograph: A Ricci/Galerie Bernard Bouche Amy Fleming stellt im Guardian die Gruppe Aware (Archives of Women Artists, Research and Exhibitions) vor, die den Beitrag von Frauen zur Kunstgeschichte (wieder) sichtbar machen möchte. Unter anderem ist es der Gruppe gelungen, auf der Londoner Kunstmesse "Frieze Masters" eine neue Sektion namens "Modern Women" zu etablieren, die sich Künstlerinnen widmet, die zwischen 1880 und 1980 aktiv waren. Ein Abschnitt der Ausstellung widmet sich der weiblichen Wiederaneignung des Aktbilds: "'Nach dem Ersten Weltkrieg gab es viele Künstlerinnen in Paris, London und Berlin, die nackte Porträtbilder komplett anders malten', so Kuratorin und Aware-Chefin Camille Morineau. Viele waren lesbisch oder bisexuell, 'und sie objektifizierten den weiblichen Körper nicht'. Zum Beispiel ein träumerisches Porträt der auf dem Bauch liegenden Schriftstellerin Colette, wie eine Katze, die ihre Belohnung erhalten hat. Gemalt hat es Émilie Charmy - 'vermutlich Colettes Liebhaberin' -, die Teil der Fauvisten um Matisse war. Morineau beschreibt Charmy's Aktbilder als "sehr freizügig, mit masturbierenden Frauen - ein erotischer lesbischer Blick."
Weiteres: Für den Tagesspiegelunterhalten sich Katrin Sohns und Birgit Rieger mit Emma Enderby, die ab Mai 2024 das Berliner KW Institute for Contemporary Art leiten wird. Besprochen werden eine Hiroshi-Sugimoto-Schau in der Londoner Hayward Gallery (Guardian) und die Ausstellung "Nicole Eisenman: What Happened" in der Londoner Whitechapel Gallery (Guardian).
Auf der einen Seite Posts oder Likes solcher Posts von in Deutschland tätigen Künstlern und Kuratoren (darunter Emily Jacir, Jumana Manna, Edwin Nasr und die Ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina und Iswanto Hartono - alle bestens vernetzt in der deutschen Kunstszene), die die Anschläge auf Israel feiern, auf der anderen Seite "ohrenbetäubendes Schweigen" in den deutschen Galerien und Kunstinstitutionen: In der Welt ist Boris Pofalla fassungslos: "Die Kunstwelt, das zeigte sich schon in der trotzigapologetischen Reaktion auf die Documenta fifteen, hat sich in den letzten zehn Jahren noch jedem antiisraelischen Klischee bereitwillig geöffnet, sie hat Antisemiten in ihre Institutionen gelassen und Propaganda für bedeutsam ausgegeben. Sie hat der Menschenverachtung Freiräume gewährt und für all das hat sie Fördergelder und Respekt eingefordert. Nicht zuletzt europäische Ausstellungshäuser haben so massiv zur Legitimierung von Israelhass beigetragen. Die israelische Kunstkritikerin Hili Perlson spricht in diesem Zusammenhang von einer 'langsamen Dehumanisierung' ihrer Landsleute."
"Toi Moko" - so nennt man die mit Tätowierungen verzierten Köpfe der Maori, für die europäische und amerikanische Sammler einst viel Geld zahlten. Für die taz hat Urs Wälterlein mit Te Herekiekie, Chef der Gruppe für die Repatriierung von Kulturgütern am neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa in Wellington, über das Ritual und die Versuche der Rückführung der Artefakte gesprochen: "Nach dem Ende einer Schlacht gehörte es vielerorts zur Tradition, den Besiegten den Kopf abzuschneiden." Die Häupter wurden "geräuchert und in der Sonne getrocknet und als Kriegstrophäen zur Schau gestellt - 'als Zeichen des Spottes'. Aber auch die Köpfe wichtiger Familienangehöriger seien auf diese Art konserviert worden. Der mit Haut überzogene Schädel wies noch die Tätowierung auf, die eine Identifizierung als Individuum ermöglichte. Damit konnte ein Verstorbener Mitglied seiner Gemeinschaft bleiben. (...) Die Köpfe hatten aber auch eine andere Funktion: Sie waren Handelsobjekte. Nicht nur im Austausch zwischen verschiedenen Māori-Stämmen. 'Genauso wie Kulturgüter wie Schnitzereien aus Jade oder Holz oder fein geflochtene Gewänder und Netze waren sie eine heiß begehrte Sammlerware für Europäer und Nordamerikaner'".
Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der rumänischen Künstlerin Larisa Sitar im Berliner Kunstverein OST (FR).
Niko Pirosmani: "Eisenbahnzug in Kachetien". Georgisches Nationalmuseum Tbilissi @ Infinitart Foundation
Nur wenig weiß man über den Maler Niko Pirosmani, selbst in seinem Heimatland Georgien, erzählt Tilman Spreckelsen in der FAZ. Aber das Interesse an seiner Kunst wurde seit seinem Tod 1918 immer größer, jetzt zeigt die Fondation Beyeler eine Werkschau Pirosmanis und Spreckelsen erkennt ein "Maximum an künstlerischer Originalität" in den Bildern dieses Außenseiters, der in Armut lebte und starb und sein Handwerk als Schildermaler für Wirtshäuser erlernte: "Auch die Jahre zwischen 1890 und 1893, die er als Bremser für die Transkaukasische Eisenbahn verbrachte und zwischen dem Schwarzen Meer und Baku hin und her fuhr, hatten Einfluss auf sein Werk, am deutlichsten vielleicht in einem hier leider nicht gezeigten Bild der Bahnhofsgegend von Batumi. Dafür ist der prächtige 'Eisenbahnzug in Kachetien' zu sehen, eine Lokomotive mit vier Waggons, leuchtende Fenster, Silhouetten der Reisenden, im Hintergrund der Vordergrund und vorne überdimensionierte Weinschläuche, Fässer und Amphoren in einer sonst fast leergeräumten flächigen Ebene - selbst die Schienen hinter dem letzten Wagen sind vom Untergrund verschluckt, während der Lokschornstein Feuer und Rauch in den Himmel spuckt. Wie oft im Werk Pirosmanis sind die Protagonisten ganz Bewegung, was hinter ihnen liegt, ist nicht mehr von Bedeutung."
Weitere Artikel: Lutz Mauersberger begibt sich für die Berliner Zeitung auf Spurensuche nach der jüdischen Malerin Eugenie Fuchs, die im KZ Auschwitz ermordet wurde. Und Ulrich Seidler stellt die Fotografen Sven Johne und Falk Haberkorn vor, die in kommunalen Archiven nach Spuren des Industriecrashs nach dem Ende der DDR gesucht und keine gefunden haben.
Besprochen werden Julian Röders Fotoprojekt "Berlin nach 89" (BlZ) sowie die Ausstellungen "Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992" in der Bonner Kunsthalle (Zeit online, FR, SZ), "Digital Dada" sowie "Staub & Pioniere" im Kunstverein Wolfsburg (taz), "Ocular Witness - Schweinebewusstsein" im Sprengel-Museum Hannover (SZ), die letzte Ausstellung von Barbara Müller-Kageler in der Galerie Knauber (Tsp) und "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Künstlerische Zeugnisse von Krieg und Repression" im Brücke-Museum und Schinkel-Pavillon in Berlin (die zur Überraschung von SZ-Kritiker Kito Nedo den Ukrainekrieg ausblendet).
Boris Pofalla trifft für die Welt die britische Künstlerin Sarah Lucas kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Tate Britain zum Frühstück mit Spaghetti Bolognese und Spiegeleier auf Schinken mit Fritten. "Sarah Lucas' Ansatz ist ein britisch-trockener Arbeiterklassenfeminismus, der nicht nach Hörsaal, sondern nach Bier und Zigaretten riecht und zu lässig ist, um seine Referenzen auszustellen - die es allerdings sehr wohl gibt. Andrea DworkinsBücher, erzählt sie, haben die Kunststudentin politisiert. Die amerikanische radikale Feministin schrieb gegen Pornografie im Besonderen und Männer im Allgemeinen an. Ihr Furor geht Lucas ab, ihre Kunst ist ambivalenter und definiert Sexualität nicht als per se negativ. ... In der Tate hat Lucas Dutzende sogenannte Bunnies versammelt, langbeinige Wesen mit spinderdürren Beinen und schlaffen Brüsten (manchmal gleich Dutzende auf einmal). Die Bunnies sind ihr Markenzeichen, sie bestanden ursprünglich aus mit Textil gefüllten Netzstrümpfen und Unterwäsche. Die neueren sind bunter und im Material dauerhafter, schlingen ihre langen Extremitäten aber weiterhin um Stuhlbeine, wirken mal eingesunken und mal lasziv, mal erschöpft und dann wieder aufgekratzt. Jedes Bunny ist anders, das versteht man erst in der Ansammlung so richtig."
Weitere Artikel: In der NZZstellt Philipp Meier das Künstlerpaar Silvia Gertsch und Xerxes Ach vor. In monopol berichtet K. Erik Franzen über ein Gespräch des Kurators Hans Ulrich Obrist mit Katharina Grosse im Münchner Haus der Kunst. Taliban gibt es nicht nur in der muslimischen Welt, das steht fest: Ein amerikanischer Tourist hat zwei antike römische Skulpturen im Israel Museum in Jerusalem zerschmettert, meldetHyperallergic: "Der Mann bezeichnete die Skulpturen als 'götzendienerisch und im Widerspruch zur Thora', erklärte die israelische Polizei."
Besprochen wird die Schau "Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992" in der Bundeskunsthalle Bonn (taz), Marion Kollbachs Film über den Maler Philip Guston (monopol), Joachim Bosses Performance "Diktat" im Napoleon Komplex, Berlin (monopol) und eine kapitalismuskritische Ausstellung des Künstlerduos Famed im Chemnitzer Museum Gunzenhauser (monopol).
Willi Sitte: Pferd mit Schlange, 1957. Bild: Galerie Schwind. "Die Göttin der Gerechtigkeit ist eine alte, abgekämpfte Lady, mit Falten der Desillusion und Enttäuschung in den Mundwinkeln. Und manchmal hat sie Sehstörungen und trägt Scheuklappen. Aber sie ist auch langmütig. Und zäh. Darum verschafft sie jetzt endlich der Kunst aus DDR-Zeit und vielen seit 33 Jahren entstandenen Werken der jüngeren Ost-Generation gebührenden Respekt und fälligen Erfolg", freut sich Ingeborg Ruthe in der FR über die Versteigerung von DDR-Kunst im Kunstauktionshaus Leipzig, die morgen beginnt. Ein lange schwelender Streit um vermeintliche "Minderwertigkeit" und "ideologische Kontamination" scheint langsam beigelegt zu werden, freut sich die Kritikerin besonders im Fall Willi Sitte. "Die Ostdeutsche Galerie Regensburg stellt ab 7. Oktober ein Hauptwerk des als 'Staatsmaler' umstrittenen Sitte, einst Präsident des DDR-Künstlerverbandes, in den Fokus: sein an Picassos 'Guernica' geschultes 'Stürzendes Pferd mit Schlange' von 1957, eine Studie für das Gemälde 'Lidice' in Erinnerung an das SS-Massaker 1942 in der tschechischen Gemeinde. Wegen dessen kubistischer Stilistik jedoch wurde der Antifaschist und Kommunist Sitte von stalinistischen Kulturwächtern scharf als 'Formalist' gemaßregelt, der im 'westlichen' Stil dem 'Sozialistischen Realismus' sträflich zuwider malen würde. Ein Fakt, der beim Sitte-Bashing geflissentlich übersehen wurde. ... Sitte glaubte an den Sozialismus und hat sich tragisch geirrt, aber er nahm sich kein Sowjet-Pathos zum Vorbild, sondern Sinnlichkeitsmaler wie Lovis Corinth und Lucian Freud."
Eric Keller: Kulturhaus 6, 2023. Bild: Galerie Poll. Auch in der Kunst von Eric Keller spielt die DDR eine wichtige Rolle, weiß Ingeborg Ruthe, die, diesmal für die Berliner Zeitung, dessen Ausstellung "Ginstergrund" in der Galerie Poll besucht hat: "Leicht surreal wirken die wie eingefrorenen Szenen. Sie lassen fast an Film-Stills denken, die keine lineare Handlung erzählen, nur enigmatische Mitteilungen. Ganz vage bloß angedeutet sind Dinge, Naturerscheinungen, Figuren in den aus dünner Öl-Lasur auf Holztafeln gesetzten Schichten. Ins diesige Grau scheinen jedoch alle Farben dieser Welt eingesickert zu sein." Ein anregendes Rätsel: "Als die DDR unterging, war Eric Keller vier Jahre alt. Nun, nach mehr als 30 Jahren, malte er die Überbleibsel, die Relikte; taucht sie als Fragen, auf die es keine Antworten gibt, in die Farben des Ungefähren, Ungewissen."
Weitere Artikel: Peter Ackermann streift für die NZZ auf den Spuren Renoirs über die Insel Guernsey. Die FAZ hält es für unwahrscheinlich, dass Banksy sich im Laufe eines Prozesses um Urheberrechtsfragen enttarnen muss.
Besprochen werden die Tove-Jansson-Retrospektive in den "Houses of Tove Jansson" in Paris (Tsp) und die Ausstellung "In anderen Räumen. Environments von Künstlerinnen 1956-1976" im Münchner Haus der Kunst (FAZ).
Brancusi, Ausstellungsansicht. Bild: Nationalmuseum in Temeswar
Wie sehr Constantin Brancusis Skulpturen von rumänischer Folklore, Traditionen und den Märchen des Landes geprägt waren, erkennt FAZ-Kritiker Stefan Trinks in der Ausstellung "Rumänische Ursprünge und universelle Perspektiven" im Nationalmuseum der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Temeswar: "Neben dem Kuss treiben Brancuşi Vögel als ikonische Form gewordene Bewegung am längsten um - über zwei Jahrzehnte. Die majestätische 'Maïastra' reckt ihren Kopf gen Himmel und plustert ihren Bronzeleib auf, in dem sich der gesamte Saal und die Betrachter spiegeln. Nicht nur der hohe Steinsockel - wie immer von Brancuşi selbst gefertigt und als ebenso wichtiger Teil der Skulptur empfunden - spielt mit seinen Voluten auf ein rumänisches Kapitell der Romanik an. Auch die 'Maïastra' ist eine Prinzessin der Märchenwelt Rumäniens und erinnert zugleich an die vergoldeten Wetterhähne mittelalterlicher Kirchtürme, die am Ostermorgen als Erste die Auferstehungsbotschaft in die Welt krähen."
Bild: Alfred Stevens: Le Bain. Musée d'Orsay. Foto: RMN-Grand Palais / Tony Querrec. Wo, wenn nicht in der Schweiz, der Uhrennation schlechthin, sollte eine Ausstellung über Zeit stattfinden? Das Kunsthaus Zürich widmet sich dem Thema nun in sechs Kapiteln "Von Dürer bis Bonvicini", aber in der SZ ist Kito Nedo nicht ganz überzeugt vom Konzept: So richtig zusammen gehen Kunst und Uhrmacherei in der Ausstellung nicht, meint er. Ein paar Entdeckungen macht er dennoch: "Zu den Paradestücken der Schau gehören eine Reihe von Datumsbildern aus der 'Today-Serie', die der in New York lebende japanische Konzeptkünstler On Kawara Mitte der Sechziger zu malen begann und knapp fünf Jahrzehnte lang fortführte. On Kawara produzierte in seinem Atelier und auf Reisen in einer akribisch festgelegten mehrstündigen Prozedur fast jeden Tag mindestens eine kleinformatige monochrome Leinwand, auf die er das Entstehungsdatum in weißer Farbe mittig setzte. Wurde er nicht bis Mitternacht mit einem Bild fertig, vernichtete er es."
Außerdem: Für die NZZtrifft sich Andreas Schreiner mit dem Anwalt Randol Schönberg, der einst die Herausgabe von Klimt-Gemälden aus Österreich einklagte, mit "Fioretta" aktuell eine Dokumentation über Ahnenforschung gedreht hat und im Kunsthaus Zürich einen Vortrag halten wollte. Das Kunsthaus lehnte ab, man sei zu "beschäftigt". Schönberg glaubt: "Allein durch das Wort Restitution ist man so verängstigt - man will nicht einmal eine gute Geschichte über das Kunsthaus hören."
Weitere Artikel: Sophie Jung berichtet in der taz vom Avantgardekunstfestival steirischer herbst in Graz. Hannes Hintermeier stellt in der FAZ die Pläne für das Salzkammergut vor, das 2024 Europäische Kulturhauptstadt sein wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Gertie Fröhlich - Schattenpionierin" im Wiener MAK (Zeit Online), die Ausstellung "Tizian 1508. Die Anfänge einer glanzvollen Laufbahn" in der Accademia in Venedig (Tagesspiegel), eine Philip-Guston-Schau in der Londoner Tate Modern (Guardian) und die Ausstellung "House of Kal" am neuen Standort der NGBK in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße 11/13 (taz).
Charlotte Jansen unterhält sich für den Guardian mit der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, deren Ausstellung mit dem sprechenden Titel "The Fury" kommenden Samstag in der Goodman Gallery in London eröffnet. "Es ist ein scharfer Angriff auf die iranische Regierung, ein durchdringender Protest dagegen, dass der Körper der Frauen als Schlachtfeld für nationale Politik und persönliche Wünsche benutzt wird", schreibt Jansen. "Wenn Neshat spricht, ist ihr Ton sanft, aber ihre Worte sind entschlossen. 'In einem Land, das Frauen unterdrückt und zum Schweigen bringt, haben Frauen so viel Macht. Ihre Körper sind wie Messer! Man kann die Energie der Frauen nicht unterdrücken. Wir stehen im Zentrum des politischen Diskurses.'" Und das zeigt auch der 15-minütige Film, der im Zentrum der Ausstellung steht, so Jansen, "eine stark stilisierte Fiktion, die wieder in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Im Mittelpunkt steht eine weibliche Protagonistin, gespielt von der iranisch-amerikanischen Schauspielerin Sheila Vand, die in dem Oscar-prämierten Film 'Argo' mitspielte. Diese Frau wurde inhaftiert und vergewaltigt - und kämpft nun mit den Auswirkungen ihrer Erlebnisse." Die Musik ist eine Version des Liebeslieds "Holm" (Traum), eigentlich aus einem Film von 1968, "es wurde jedoch zur Hymne der Freiheitsbewegung Woman Life Freedom, nachdem die 16-jährige Demonstrantin Nika Shakarami bei den letztjährigen Protesten in Teheran brutal ermordet worden war".
Hier der Trailer:
Besprochen werden eine Ausstellung zu Deutschlands erster Kunsthändlerin, "Grete Ring. Kunsthändlerin der Moderne", in der Liebermann-Villa in Berlin (Tsp) und eine Ausstellung der Künstler, die auf der Shortlist für den Prix Pictet Human standen, im V&A in London (Guardian).
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