Magazinrundschau

Sprengen sich zwei Termiten in die Luft

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.10.2021. The Atlantic beobachtet, wie der Hedgefonds Alden Global Capital ungeniert Lokalzeitungen aussaugt. So mutig kann ungarisches Theater sein, staunt HVG über die neue Inszenierung von Béla Pintér. In Eurozine erklärt Myroslaw Marynowytsch den Unterschied zwischen russischen und ukrainischen Dissidenten. In der NYRB zeichnet Alma Guillermoprieto ein vernichtendes Porträt von Nicaraguas Daniel Ortega. Die London Review lernt, warum die Regierung im Libanon Auswanderer liebt. Der New Yorker bewundert Ohrwürmer mit zwei Penissen.

The Atlantic (USA), 01.11.2021

McKay Coppins ist dem dubiosen Hedgefonds Alden Global Capital auf der Spur, der vergangenen Mai unter adnerem die altehrwürdige Chicago Tribune kaufte, ein Viertel der Nachrichtenredaktion feuerte und das Blatt regelrecht ruinierte. Welche Strategie steckt dahinter? "Was Lokalzeitungen heute bedroht, ist nicht nur die Digitalisierung oder abstrakte Marktkräfte. Sie werden von Investoren attackiert, die herausgefunden haben, dass man reich wird, indem man lokale Nachrichtenblätter ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Das Modell ist einfach: Personal entlassen, Immobilien verkaufen, Abo-Preise hochtreiben und so viel Geld wie möglich aus dem Unternehmen ziehen, bis die Leser schließlich die Abos kündigen und das Blatt am Ende ist oder nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Männer, die dieses Modell entwickelt haben, sind Randall Smith und Heath Freeman, Mitbegründer von Alden Global Capital. Seit sie vor einem Jahrzehnt ihre ersten Zeitungen gekauft haben, war kein anderer Investor weniger daran interessiert so zu tun, als würde er sich um die langfristige Gesundheit seiner Publikationen scheren. Forscher der University of North Carolina fanden heraus, dass Zeitungen im Besitz von Alden ihr Personal doppelt so stark reduziert haben wie die Konkurrenz. Nicht zufällig ist die Auflage auch schneller zurückgegangen, so Ken Doctor, Analyst der Nachrichtenbranche, der die Daten einiger der Zeitungen überprüft hat. Diese Zeitungen müssen nicht zu nachhaltigen Unternehmen werden, damit Smith und Freeman Geld machen. Mit aggressiven Kostensenkungen kann Alden seine Zeitungen jahrelang mit Gewinn betreiben und gleichzeitig ein immer schlechteres Produkt anbieten, gleichgültig gegenüber empörten Abonnenten. 'Das ist die Gemeinheit und die Eleganz des kapitalistischen Marktes, die da in die Presselandschaft gelangt', sagt Doctor. Bisher hat Alden seine Strategie hauptsächlich auf Wochenzeitungen beschränkt, aber Doctor gleubt, es sei nur eine Frage der Zeit ist, bis die Reihe an die Tageszeitungen kommt."
Archiv: The Atlantic

HVG (Ungarn), 26.10.2021

Der Kritiker und Kulturjournalist Bálint Kovács ist hin und weg von "Marshal Fifty-Six", der neuen Inszenierung des Autors und Regisseurs Béla Pintér: Denn "Pintér zeigt endlich, dass es möglich ist, über das Ungarn des Jahres 2021 im Theater konkret, gültig und prägnant zu sprechen, ohne zum sechshundertfünfundfünfzigsten Mal 'Richard III.', 'Cabaret' und andere Klassiker hervorzuholen und darin ein paar ironische Anspielungen auf das aktuelle System zu verbergen, wie es - mit Ausnahme einiger weniger Ausnahmekünstler - der kleine Teil des ungarischen Theaters tut, der sich überhaupt für das interessiert, was ihn hier und jetzt umgibt. Pintér beweist auch, dass eine Aufführung über die aktuellsten Themen des öffentlichen Lebens nicht automatisch zu einem politischen Kabarett werden muss." Und er ist sehr hart zu den Goldjungs von Orbáns System der "nationalen Kooperation" (NER), "in einer Art und Weise, die in diesem Land, das stark durch Selbstzensur belastet ist, nicht üblich ist. Die meisten würden sich das nicht mal in einer Vorlesung oder einem Interview trauen. Ob das alles mutig von Pintér ist, ob jemand, der so offen seine Meinung vertritt, wirklich den Kopf hinhält, oder ob im Gegenteil eine ständige Selbstzensur im heutigen Ungarn unnötig ist, sei dahingestellt, aber es sagt auf jeden Fall viel über den gegenwärtigen Zustand der öffentlichen Angelegenheiten in Ungarn aus, dass die erste Option überhaupt in Erwägung gezogen wird - denn natürlich wird sie das."
Archiv: HVG