Magazinrundschau - Archiv

Al Ahram Weekly

202 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 21

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - Al Ahram Weekly

Nehad Selaiha hält ein wunderbar unwirsches und klarsichtiges Plädoyer für die Autonomie des überlieferten Werkes gegenüber den akademischen Vorschriften der professionellen Deutungshüter - Autoren eingeschlossen. Es geht um Brecht, dessen "Mutter Courage" gerade in Kairo von dem jungen Regisseur Amr Qabil inszeniert wurde. Mit Dalal Abdel-Aziz, einer äußerst populären, jungen und schönen Schauspielerin in der Hauptrolle. Ist das "brechtisch", fragten sich die Kritiker? "Wen kümmert es", fragt Selaiha zurück. "Pflichtbewusst, beinahe frömmlerisch kommen sie mit ihrer Verfremdung daher, fahren imaginäre Regeln auf, für die Brecht leider keine Vergleichstabellen mitgeliefert hat, und überwachen eifrig ihre Einhaltung, um Regisseure und Schauspieler des Verstoßes dagegen überführen zu können", ärgert sich die Kritikerin. Dabei unterlag schon Brecht selbst mit seinen Intentionen dem Publikum - die ersten Aufführungen des Stücks wurden gefeiert, Mutter Courage als rührende Heldin vom Publikum ins Herz geschlossen. Brecht schäumte vor Wut, erzählt Selaiha. "Dennoch bewahrte er die Integrität des Textes und ließ uns den Blick auf Anna, die ihren Wagen am Ende solo und still über die Bühne zieht."

Amina Elbendary hat sich Ridley Scotts Kreuzzug-Epos "Königreich der Himmel" angeschaut und ist enttäuscht, wenn auch aus anderen Gründen als erwartet: Der Film sei sich der Implikationen seiner Geschichte - und seiner Schreibung von Geschichte - zu bewusst, um eine platte historische Variante des "Kampfes der Kulturen" abzuliefern, sei aber zugleich, und zwar gerade in seinem Bemühen um verschiedene Perspektiven und um eine Revision der christlichen Heldensaga, schlaff, inkonsequent - und, ja, stereotyp

Weitere Artikel: Anouar Abdel-Malek sagt eine weltpolitische Renaissance der Staaten Südamerikas voraus. Jason Erb und Noha Bakr erklären, warum der angebliche "Kampf der Kulturen" in Wirklichkeit ein "Kampf der Fundamentalismen" ist: "Koexistenz und Kooperation zwischen Zivilisationen sind nicht nur möglich, sie sind auch der historische Normalfall." Und Nevine El-Aref hat dank der parallel von einem ägyptischen, einem amerikanischen und einem französischen Forschungsteams gefertigten Computerscans gesehen, wie Tutanchamon wirklich aussah. (Oder nicht? Die FAZ meinte jedenfalls am vergangenen Freitag, die französische Büste sehe aus wie "die junge Josephine Baker", die amerikanische dagegen wie eine Mischung aus Brad Pitt und Will Smith.)

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - Al Ahram Weekly

Stand-Up-Comedy als Möglichkeit subversiver Repräsentation. Laila Saada berichtet, wie insbesondere immer mehr junge arabische Amerikaner diese Kunst nutzen, um Stereotypen arabischer Identität zu bekämpfen: Einer lässt die Blasen des Vorurteils platzen, indem er seine Zuhörer zum Lachen bringt, ein anderer nennt sich in Anlehnung an eine holzschnittartige Wrestling-Figur Iron Sheikh - die Strategie lautet in beiden Fällen Aneignung und Unterwanderung der Vorurteile: "Ahmed Ahmed betritt die Bühne (?), greift sich das Mikro, wirft einen bedrohlichen Blick ins Publikum und starrt schweigend in den Raum. Dunkles Gesicht, stechende Augen, Bart: Er scheint ein allzu vertrautes Stereotyp zu verkörpern. 'Ich bin Araber', sagte er schließlich. 'Ich bin Muslim. Ich stehe auf der FBI-Liste der meistgesuchten Verbrecher.' Er beschreibt, was man durchmachen muss, wenn man heutzutage in die USA ein- und ausreisen will, imitiert verängstigte Passagiere, panische Stewardessen und feindselige Sicherheitsbeamte. 'Es ist keine gute Zeit, um ein Ahmed im Namen zu haben', klagt er. 'Und ich hab gleich zwei ?' Der Saal wird von Lachen erfüllt, die Spannung löst sich."

"Liebe ist leicht, doch Ägypten ist ein Komplex aus vielen Dingen. Es ist hübsch und voller Bitterkeit, es ist heiteren Gemüts und deprimierend. Ich kann die Sonne in ein Wort fassen und 'Kerze' sagen, doch Ägypten kann ich nicht in ein Wort fassen und 'meine Liebe' nennen. Menschen Ägyptens, lasst mich ausreden: Sie fragten mich, ob ich Ägypten liebe. Ich sagte, ich weiß es nicht. Fragt Ägypten - sie hat die Antworten." So endet das Gedicht, mit dem der 28-jährige Lyriker Tamim Al-Barghouthi vor zwei Jahren zum Sprachrohr einer politisch sehr aktiven Generation wurde, vor allem, als er wegen seiner Teilnahme an Protesten gegen den amerikanischen Krieg im Irak verhaftet wurde. Er ist auch, schreibt Amira Howeidy, ein Politologie-Dozent an der Universität und bereits in seinem jungen Alter ein "Meister der arabischen Sprache und Geschichte", der für seine poetischen Innovationen auf uralte Formen zurückgreift. Und offenbar ist er auch jemand, der vor populistischen Statements nicht zurückschreckt: "Der Fall von Bagdad", sagte er Howeidy, "war das größte Unheil in tausend Jahren arabischer Geschichte."

Außerdem: Rania Khallaf sprach mit Mahmoud El-Wardani über dessen neuen Roman "Mousiqa Al-Maul" (Die Musik der Mall), in der das Einkaufszentrum als Austragungsort und Symbol einer ambivalenten Geschichte elementarer Unsicherheit und postmodernen Unbehagens fungiert. Mohamed El-Assyouti bilanziert das 11. Nationale Filmfestival Ägyptens und beklagt die offizielle Filmauswahl. Und Aziza Sami porträtiert den Architekten Mohamed El-Sawi und seine Vision von "spirituellem Bauen".

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Al Ahram Weekly

Iman Hamam beschäftigt sich mit der Entwicklung des libanesischen Films seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges vor dreißig Jahren und registriert eine Hinwendung zum Archivarischen und eine Betonung des Alltäglichen, der subjektiven Geschichten des Krieges, die dem offiziellen Realismus - der Vorstellung der Erklärbarkeit - mit surrealistischen oder multiplen Perspektiven begegnen. Hamam erläutert das am Beispiel von Maroun Baghdadis Film "Little Wars" (1982), der mit dem Motiv der Blindheit spielt und um Figuren kreist, die in ihren Bemühungen, sich dem Krieg zu entziehen, umso tiefer in ihn verwickelt werden: "Angesichts des Surrealistischen der Bilder fragt man sich: Wessen Realismus wird hier präsentiert? So wie (dem erblindeten) Hassan und Sorayas blindem Onkel wird dem Zuschauer eine eigene Perspektive zugestanden. Die Präsenz der Figuren ist absurd, aber nicht weniger absurd sind die Ereignisse um sie herum, von denen sie ihre Blindheit nicht trennen oder fernhalten kann. Ihr Wunsch, 'außen vor' zu bleiben, ist unerfüllbar."

Jill Kamil kündigt die baldige Neueröffnung des Koptischen Museums als hochmoderne Einrichtung der Wissensvermittlung an und ist voller Zuversicht, dass die fehlerhafte zeitliche Kategorisierung koptischer Geschichte und Artefakte - ein Hauptgrund für die relative Obskurität der vormuslimischen, christlichen ägyptischen Kultur - behoben sein wird. Dina Ezzat nimmt den Weltbuchtag der UNESCO zum Anlass, ägyptische Leser und Verleger danach zu fragen, was gut ist und was besser sein könnte auf dem Buchmarkt. Reham El-Adawi porträtiert den aufstrebenden jungen Modemacher Abdel-Haq Mohamed.

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - Al Ahram Weekly

Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" ist ins Arabische übersetzt worden. Rania Khallaf hat sich von Samir Grais erzählen lassen, was das Schwierigste an dieser Aufgabe war - abgesehen davon, dass er nur drei Monate Zeit hatte: "Das größte Problem war die Art, wie Jelinek Alltagssprache manipuliert; es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, dieses Spiel mit Worten in einer anderen Sprache wiederzugeben ... Die nächste große Schwierigkeit waren Sarkasmus und Ironie - wie transportiert man Sarkasmus, der in jeder Sprache anderen Mechanismen gehorcht. Oder ihre ironischen Zitate klassischer deutscher Literatur, die genauso kontextgebunden sind - so wie ein bekanntes Goethe-Wort in einer stark sexuell aufgeladenen Situation eine spezielle Färbung erhält." Für Grais gibt es vor allem zwei Gründe, warum so wenig aus dem Deutschen übersetzt wird: kein Geld (auch die "Klavierspielerin" konnte nur mit Hilfe von Litrix übersetzt werden), und als wichtigstes die Tatsache, dass "deutsche Autoren seit dem Zweiten Weltkrieg die Tendenz haben, sich vor allem mit Krieg und Nazischuld zu beschäftigen - Dinge, die wenig Relevanz für arabische Leser haben".

Zwei Porträts: Aziza Sami stellt den Soziologen Ali Fahmi vor, der nie dem internationalen akademischen Jet-Set angehören wollte, noch nicht einmal einen ordentlichen Doktortitel hat, den dialektischen Materialismus verteidigt, die Islamisten verachtet - und ein "fast unheimliches Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen" hat. Jill Kamil erweist dem Ikonenmaler Isaac Fanoun, der die uralte koptische Tradition ins zwanzigste Jahrhundert überführte, ihre Ehrerbietung und charakterisiert die Essenz seiner Kunst: "Die heiligen Figuren in Farouns Ikonen (...) sind ohne Persönlichkeit, Emotion oder Charakter. Sie sind abgetrennt von menschlichem Gefühl, von Leidenschaft. Das Gesicht von Jesus Christus in den Stationen der Passionsgeschichte - ob er unter der Last des Kreuzes auf die Knie fällt, einen Hügel erklimmt, oder daran genagelt ist - ist frei von Schmerz."

Weitere Artikel: Immanuel Wallerstein nimmt den Rummel um den neuen Papst zum Anlass für einen Rückblick auf 2000 Jahre Christentum; wie, fragt er, hat die Kirche eine so lange Zeit überlebt? David Tresilian berichtet von der großen Pariser Satre-Retrospektive aus Anlass des hundertsten Geburtstages des Philosophen. Gamal Nkrumah hat beim Treffen der New Partnership for African Development (NEPAD) neue Konzepte für das ökonomische Überleben des Kontinents gehört.

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Al Ahram Weekly

Als "Experimentalist, Kommunist, Pan-Arabist und als Verräter" und einiges mehr ist der libanesische Komponist und Sänger Marcel Khalifa beschrieben worden - und in Verruf geraten; Serene Assir porträtiert ihn als großen Humanisten, der als Musiker zugleich immer auch Bürger ist, und vor allem: als eine Stimme der Freiheit, ganz gleich, ob es um Individuen oder Nationen, um Sex oder Musik geht. In den Worten von Khalifa, der unter anderem Texte von Mahmoud Darwish vertont hat und auf Grund einer Verurteilung wegen Blasphemie im Pariser Exil lebt: "Lieder verleihen Worten die Kraft zu tanzen, und sie geben uns die Möglichkeit der Befreiung von traditionellen Ausdrucksformen."

Dena Rashed hat sich mit den Kandidatinnen für die Wahl zur Miss Ägypten unterhalten, um herauszufinden, ob sie wirklich schön und dumm sind - oder schön und schlau. Eine, so ihre überraschte Feststellung, ist sogar Studentin an einer orthodox-islamischen Universität. Rania Khallaf hat Eden Lipson, seit mehr als zwanzig Jahren Kinderbuchredakteurin bei der New York Times, über den Mangel an kritischer Betrachtung von Literatur für Kinder in den Zeitungen, über den Zusammenhang zur indirekten Macht der Anzeigenkunden und über kulturelle Bilder in Kinderbüchern sprechen hören. Und Nehad Selaiha würdigt die lange Laufbahn von Samiha Ayyoub, der Grande Dame der ägyptischen Bühne.
Stichwörter: Blasphemie, Humanisten

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Al Ahram Weekly

Vor einigen Tagen starb einer der besten und bekanntesten - vor allem aber: der populärsten, volksnahesten - ägyptischen Schauspieler: Ahmed Zaki. Er war kein Schönling, schreibt Youssef Rakha. "Eher ein intuitives Genie. Und seine soziokulturelle Identität, ebenso wie seine dunkle Haut, seine zerwühlten Haare, seine negroiden Lippen und seine großen, intim-melancholischen Augen machten ihn zu einer stehenden Formel für den unwiderruflich zerbrochenen arabischen Traum von Freiheit und Gerechtigkeit: mal gewieft und mal würdevoll, machtvoll und starr vor Angst, charmant und einschüchternd, aber immer attraktiv, heroisch, frustriert - ein Abbild sowohl der erhabenen als auch der alltäglichen Träume einfacher Menschen." Schade nur, fährt er fort, dass genau diese Menschen um die Möglichkeit gebracht wurden, von Zaki Abschied zu nehmen - dank der Sicherheitskräfte und der politischen Verunsicherung der Regierung. In einem weiteren Text vergleicht Hani Mustafa Zaki in seiner Wirkung auf das ägyptische Kino mit Sidney Poitier, der Hollywood eroberte. Und Mohammed El-Assyouti lässt seine Filme Revue passieren, um einmal mehr Zakis unvergleichliche Fähigkeit zur chamäleonartigen Anverwandlung an seine Rollen zu preisen.

Mehr Film: Imam Hamam war bei einer mehrtägigen Veranstaltung, auf der Filme der beiden libanesischen Filmemacher Akram Zaatari und Mohamed Soueid gezeigt und Fragen des experimentellen Kinos in der Gegenwart diskutiert wurden: Muss nicht-kommerzielles Kino unzugänglich und akademisch sein? Was ist der Unterschied zwischen unabhängigem und experimentellem Kino? Wie sieht subversive Ästhetik aus?

8.000 Fahrzeuge, die 5 Millionen Fahrgäste befördern - das ist die stolze tägliche Bilanz der Kairoer Busunternehmen. Weniger eindrucksvoll sind die anderen Details, die Mustafa El-Menshawy aus dem pittoresk- furchterregenden Nahverkehrsdschungel der ägyptischen Hauptstadt liefert: hohe Preise, massenhaft Unfälle, verschmutzte Luft und Korruption in den Chefetagen. An den Straßenecken Leute, die seit zwei Stunden auf ihre Verbindung warten. Auf dem Fahrersitz unfreiwillige Deeskalierungsexperten, in ihrem Rücken wütende Menschen, die spät dran sind.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Al Ahram Weekly

Injy El-Kashef hat Rachid Taha getroffen, Musiker, internationaler Star und "ein Mann mit einem beinahe clownshaften Sinn für Humor". Taha ist bekannt für seine künstlerischen Grenzüberschreitungen: "Eine Vorliebe für musikalische Experimente und ein tief verwurzeltes Gefühl kultureller Dualität führten Rachid Taha vom Rock’n’Roll zum Punk zum Techno und wieder zurück, wobei er immer auf die Assistenz arabischer Musiker gebaut hat, die seine westlichen Rhythmen mit der Klarheit der östlichen Melodien anreichern." Und wo ist der Musiker selber zu Hause? "Ich bin jeden Tag Franzose und immer Algerier", antwortet Taha - und lächelt.

Nehad Selaiha ist ziemlich begeistert - und mitgenommen - aus der Kairoer Aufführung der "Family Stories" der jungen Dramatikerin Biljana Srbljanovic gekommen: klaustrophobische Sitzordnung, quietschbuntes Bühnenbild, düsterer Humor a la Ionesco, Brecht'sche Entfremdung, und alles im Dienste einer brachial-satirischen Vorführung von elterlichen Sünden und kindlichen Bosheiten. Sie fühlte sich daran erinnert, schwanger zu sein und jenes "bösartige, unerklärliche und hartnäckige Gefühl der Schuld zu spüren, dass Elternschaft mit sich bringt."

Weitere Artikel: Yasmine Fathi zeigt, was einem Gebäude so alles passieren kann, wenn es der Schauplatz und der Titelgeber eines Bestseller-Romanes ist - zum Beispiel Alaa El-Aswanis "The Yaqoubin Building". Fatemah Farag freut sich über das von Deborah Manley und Sahar Abdel-Hakim herausgegebene Buch "Traveling through Egypt: From 450 BC to the Twentieth Century", das man ruhig auch gegenwärtig bei einer Reise durch Ägypten mit sich führen könne - als Reisebegleiter voller Geschichten und Perspektiven. Geneive Abdo und Steven Simon schildern die isolierte gesellschaftliche Stellung von amerikanischen Muslimen: Fast die Hälfte der US-Amerikaner spricht sich dafür aus, ihre Bürgerrechte einzuschränken.

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Al Ahram Weekly

Abdel-Wahab M. Elmessiri hat "köstliche Stunden" damit verbracht, ägyptische Videoclips anzusehen, um das Genre historisch und ästhetisch zu bewerten und vor den Auswirkungen der Popkultur auf die arabische Identität zu warnen. Ein paar seiner Thesenbegriffe: die Normalisierung des "Abnormalen", der "Tod der Subtilität", die Reduzierung der formalen Audrucksformen. Auch das Geheimnis des Erfolges von Videoclips hat er gelöst - es ist der Horizontaltanz: "Wir alle sind mit Tanzdarbietungen vertraut; wir kennen sie aus Filmen, Fünf-Sterne-Hotels und Nachtklubs. Aber da waren sie immer vertikal. Beim horizontalen Tanz liegt die Künstlerin auf dem Boden, anstatt zu stehen, was ihre Bewegungen berauschend und verführerisch werden lässt. Der Zuschauer kann sich nur noch hingeben." Und obgleich Elmessiri sich, wie er schreibt, dem Anblick der spärlich bekleideten Körper recht gern hingibt, betrachtet er die Popularität von Videos als erschreckendes Zeichen von Postmoderne, Globalisierung, Konsumerismus und Wertewandel: An die Stelle des Connaisseurs rückt der "lustfixiert-konsumeristische Mann", und der mag es eben - genau wie die multinationalen Konzerne, denen Kunden lieber sind als Individuen - horizontal.

Weitere Artikel: Amr Hussein stellt Sahara vor, die einzige Rai-Band in Ägyptens Musikszene. Serene Assir schreibt über die Ärmsten der ägyptischen Gesellschaft: "In Äypten gibt es traditionell wenig, was schlimmer ist als das Schicksal einer alleinstehenden Frau - außer das einer alleinstehenden Mutter." Und Injy El-Kashef berichtet über ein besonderes Theaterstück. Es heißt "Memoirs of a Martyr" und "ist inspiriert von der Geschichte des palästinensischen Kindermärtyrers Mohamed Al-Dorra - erschossen vor fünf Jahren von einem israelischen Soldaten". Das besondere daran ist natürlich nicht der Inhalt, sondern die Tatsache, dass es für das Internet geschrieben und nur dort aufgeführt wurde. Ist es dann überhaupt Theater, fragt sich El-Kashef?

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Al Ahram Weekly

Als "wertlos" bezeichnete der ägyptische Schriftsteller Sonallah Ibrahim den Preis, den ihm die Offiziellen der zweiten Arab Novel Conference im Jahre 2003 verleihen wollten - und lehnte die Entgegennahme der Auszeichnung nebst Preisgeld ab. Die kürzlich in Kairo ausgetragene dritte Auflage ging halbwegs glatt über die Bühne, wie Mona Anis berichtet, vor allem weil sich zur Sicherheit alle Teilnehmer hatten verpflichten müssen, eine eventuelle Auszeichnung anzunehmen. Die Vergabe des Preises an den sudanesischen Altmeister Tayyeb Salih war wohl als Mittel zur Rehabilitierung der Veranstaltung gedacht, allerdings bemerkt Anis, nutzte Salih seine Dankesrede, um dem Publikum ein "recht persönlich zusammengestelltes Mahl aus säkularen, oppositionellen Sichtweisen zu kredenzen".

Einer der Kritiker der Konferenz war der Schriftsteller Gamal El-Ghitani, der 1970 mit "Seini Barakat" den ersten arabischen Roman verfasste, der ins Englische übersetzt wurde. Gamal Nkrumah portätiert den Giganten: "El-Gitani besitzt die markanten, grob geschnittenen Gesichtzüge der Oberägypter. Er ist ein dunkelhäutiger, bebrillter Mann mit schütterem grauem Haar und einem atemberaubenden Blick. Als er über seine Faszination für die antiken Ägypter und den Einfluss ihrer bemerkenswerten Zivilisation auf seine Arbeit spricht, sieht er auf verblüffende Weise wie einer von ihnen aus."

Dazu kommt ein kleiner Themenschwerpunkt zum Internationalen Frauentag in der vergangenen Woche. Fatma Khafagy warnt vor politischen Bemühungen aus einer exklusiv feministischen Perspektive: "Das wirkliche Hindernis für Demokratie in arabischen Ländern", schreibt sie, "ist nicht die Diskriminierung von Frauen, sondern die Tatsache, das die gesamte Bevölkerung lediglich über eingeschränkte politische Rechte verfügt." Und Dena Rashed war auf einer Diskussionsveranstaltung, bei der die Frage, ob das Problem der Machtlosigkeit von Frauen der islamischen Gesetzgebung per se oder lediglicher ihrer Auslegung geschuldet sei, zu "erhitzten, ja kampflustigen Wortgefechten" führte.

Außerdem: Der DAAD-Chef Christian Bode, Schirmherr der privat finanzierten Deutschen Universität in Kairo, spricht mit Rania Gaafar über akademische Standorte, wirtschaftlichen Nutzen, Elitenförderung und darüber, wie es um Humboldts Ideale in Ägypten bestellt ist. Und Lubna Abdel-Aziz befindet, dass Terry Georges Film "Hotel Rwanda" in diesem Jahr eher einen Oscar verdient gehabt hätte als jeder andere Film.

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - Al Ahram Weekly

Amina Elbendary wandert recht skeptisch durch die Türkei-Ausstellung in der Londoner Royal Academy of Arts. Überall entdeckt sie aktuelle Referenzen. "Ein ironischer Ton sorgt dafür, dass die türkische Verbindung mit dem Islam nicht überbetont wird, keine einfache Aufgabe angesichts dessen, was da erhalten ist. Dass Türken nicht immer Muslime waren, bildet den Unterton dieser Ausstellung. Es reflektiert die Obsession des modernen innertürkischen Diskurses, die Türkei vom Islam zu distanzieren."

Außerdem: Nehad Selaiha lässt sich von Osama Anwar Okashas neuem Stück "Qamar Arba'tashar" (Vollmond) auf eine Mondreise mitnehmen. Froh ist sie über die Wahl der Spielstätte Al Hanager, bekannt für ihre "experimentierfreudige, aufgeklärte und aufgeschlossene Klientel". Nevine El-Aref fährt zu den Ausgrabungen bei Saqqara und lernt, dass der König vier heilige Boote hatte. Zwei Sonnenschiffe, ein Beerdigungsschiff und eines für den Gott Hathor.
Stichwörter: Royal Academy of Arts