Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 33 von 43

Magazinrundschau vom 26.04.2004 - Economist

George Bush hat in der Harvard Business School wahrscheinlich vor allem im Kurs für Marken-Management aufgepasst, vermutet der Economist. "Im Jahr 2000 wählte er sich als Markenname 'der mitfühlende Konservative' - und hielt sich stur daran. Dieses Jahr blieb er genauso unnachgiebig bei dem Markennamen 'Kriegspräsident'." Einer erfolgreichen Vermarktung bei den Wählern komme derzeit jedoch einiges dazwischen, nicht zuletzt die Untersuchungskommission zum 11. September. "Diese Kommission wäre nie zustande gekommen, ohne das Lobbying einer Gruppe von Elfter-September-Witwen - und insbesondere eines Witwen-Quartetts, das als die Jersey Girls bekannt ist. Diese Witwen werden dem Kriegspräsidenten wahrscheinlich für den Rest der politischen Saison ein Dorn im Auge sein. Sie haben bereits ein Mordsspektakel gemacht, als die Republikaner sich dazu entschlossen, Bilder von den in Flaggen gehüllten Überresten der Opfer des 11. Septembers in einem Wahlwerbespot zu nutzen. Und sie könnten noch viel ungemütlicher werden, sollten Bushs Leute versuchen, während ihres Parteitages den Ground Zero zu instrumentalisieren. Einige Republikaner sorgen sich in der Tat, dass Karl Roves 'Geniestreich', den republikanischen Parteitag in New York abzuhalten, in die Geschichte eingehen könnte als ein krasser Versuch, eine nationale Tragödie für Parteizwecke auszunutzen."

In weiteren Artikeln kann man nachlesen, dass es richtig ist, in den EU-Staaten Volksabstimmungen über die europäische Verfassung durchzuführen, gerade weil so viel auf dem Spiel steht, ob die Zukunft der Marktwirtschaft in der Erfindung oder in der Innovation liegt, ob Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger entgegen seinem Wahlversprechen nicht doch die Steuern erhöhen muss, dass die Gandhi-Dynastie ernstzunehmenden politischen Nachwuchs bekommen hat (Rahul und Priyanka Gandhi), warum Silvio Berlusconi vielleicht doch nicht so innbrünstig für die Genesung des Lega-Nord-Führers Umberto Bossi betet, und warum es laut Einschätzung des Copenhagen Consensus Projekts wirtschaftlich sinnvoll ist, in von Bürgerkriegen heimgesuchten Ländern militärisch einzugreifen.

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - Economist

Entweder sie sind blind oder arrogant, meint der Economist, jedenfalls scheinen die allmächtigen Werbefirmen noch nicht erkannt zu haben, welche Bedrohung von den sogenannte "persönlichen Videorecordern" (PVR) für sie ausgeht. Denn diese neue Generation von Geräten erlaubt den Fernsehzuschauern, die gewünschten Serien zur gewünschten Zeit zu sehen, und dabei die Werbeblöcke schnell zu überspringen. "Bislang würden nur wenige Medien- und Werbe-Chefs öffentlich zugeben, dass ein großes Problem auf sie zukommt. Wie auch Irwin Gottlieb, Chef-Manager von Group M (?) einräumt, sind die Werbe-Flucht-Statistiken der PVR-Nutzer alarmierend. Gleichzeitig ist er der Meinung, dass die Masse der Zuschauer sich auch weiterhin eher zurücklehnen und passiv das konsumieren wird, was ihnen vorgesetzt wird, so wie sie es jetzt tun. Eigentlich überspringen die Zuschauer ja schon immer die Werbung - indem sie den Raum verlassen, den Sender wechseln oder ähnliches. Persönliche Videorecorder werden die Werbe-Flucht nur offensichtlicher und messbarer machen - wirklich ändern wird sich wenig. Eine weitere, verzweifelte Hoffnung mancher Werbefirmen ist, dass die Zuschauer der Werbung sogar beim Vorspulen ausgesetzt sein werden, weil sie hinsehen müssen, um den Moment abzupassen, an dem sie 'play' drücken."

Wer braucht noch Mel Gibson, wenn es "Left Behind" gibt? Der Economist stellt die christlich-apokalyptische Bestseller-Serie vor, die im amerikanischen Süden Furore macht. Deren Thema hört sich für den Economist stark nach christlicher Horrorfantasie an: "die Welt nach dem Raub (für die Nicht-Gottgefälligen: der Moment, in dem Gott die Gottgefälligen zu sich nimmt und den Rest von uns dem Satan überlässt)".

Weitere Artikel: Indien braucht eine AIDS-Politik, doch dazu müsste man natürlich über Sex reden, meint der Economist und wundert sich, wie prüde das Land des Kamasutra eigentlich ist. Ansonsten findet der Economist die Parlamentswahlen in Indien vergleichsweise unaufgeregt. "Wir haben es euch ja gesagt", lautet der Tenor aus der arabischen Welt angesichts der schiitischen Aufstände im Irak. Der Economist liefert daraufhin ein Panorama der Interessen und Befürchtungen im Nahen Osten. Und schließlich lernt der Economist bei dem Harvard-Professor Howard Gardner, wie man Menschen dazu bringt, ihre Meinung zu ändern.

Nur im Print zu lesen: Was Wal-Mart zum erfolgreichen Konzernriesen macht.

Magazinrundschau vom 13.04.2004 - Economist

Der Economist nimmt das Osterfest zum Anlass, um sich über das in Mode gekommene Schlagwort "jüdisch-christlich" und "die Hassliebe zwischen Juden und Christen" klarzuwerden. Dabei kommt ein wirklich interessantes Panorama zustande, zwischen Säkularismus, Orthodoxie und internationaler Politik. Und bei allen Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Missverständnissen hat der Economist schließlich doch einen grundsätzlichen Berührungspunkt gefunden, aus dem ein fruchtbarer Dialog erwachsen könnte: "In den mystischen Traditionen sowohl des Christentums als auch des Judentums (aber auch des Islam) wird sehr viel über das Prinzip des 'gebrochenen Herzens' nachgedacht. Dies ist aber nicht im gewöhnlichen Sinn von Traurigkeit und Verzweiflung gemeint. Es handelt sich um einen spirituellen Zustand, in dem die harte Schale der Arroganz und Egozentrik, das sich um das menschliche Herz gelegt hat, auf irgendeine Art zerschmilzt, damit das Licht der göttlichen Liebe hineinströmen kann."

Passend dazu verdeutlicht das kleine Porträt einer russischen Familie, wie eng der atheistische Kommunismus Judentum und Christentum miteinander verschlungen hat.

In weiteren Artikeln ist zu lesen, dass der Bush-Regierung verstärkt vorgeworfen wird, erheblichen Einfluss auf die Welt der wissenschaftlichen Forschung zu nehmen, warum der im Irak andauernde Konflikt kein zweites Vietnam ist, wie es zum 100. Geburtstag der Entente Cordiale um die europäischen Freundschaften steht (mittelprächtig), welche neuen Töne aus den Reihen der Hamas zu vernehmen sind, und dass die ultimative Biografie des Kult-Kinderbuchautors und Wortschöpfers Theodor Seuss Geisel noch aussteht (Philip Nels Buch "Dr. Seuss: American Icon" ist dem Economist zwar genehm, aber eigentlich zu unkritisch). Angesichts der Debatte um die freie Wahl der Krankenversicherung und der Schulen hat der Economist eine Umfrage in Auftrag gegeben, die erforschen soll, was die Briten bevorzugen: Wenige Wahlmöglichkeiten zu haben oder viele. Fazit der Umfrage: Wenn sie die Wahl hätten, hätten sie lieber weniger Wahlmöglichkeiten.

Magazinrundschau vom 05.04.2004 - Economist

Der Economist scheint sich nach der Lektüre von Richard Clarkes Enthüllungsbuch "Against all Enemies" (Auszug) radikal von George Bush und seinen Mannen entliebt zu haben. Erstens aufgrund der "persönlichen", hinterhältigen und niveaulosen Reaktionen von Seiten der Bush-Administration, die Clarkes Attacke hervorgerufen hat. Und zweitens aufgrund des unangenehmen Musters, das aus Clarkes Schilderungen hervorgehe: "Keine Entschuldigungen, keine Erklärungen - niemals." Und auch keinerlei Umdenken vor dem Hintergrund veränderter Situationen. Weder außenpolitisch noch innenpolitisch "hat die Regierung jemals eine ernste Diskussion darüber geführt, wie sich veränderte Bedingungen auf die ursprünglichen Entscheidungen niederschlagen könnten. Im Gegenteil - sie hat Einwände einfach weggefegt und ihre Position wiederholt."

Weitere Artikel: Auf der Suche nach dem geeigneten US-Präsidenten besieht sich der Economist John Kerrys Wirtschaftsprogramm - und findet es sehr französisch: "kompliziert und dirigistisch". Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kommentiert wird das scheinbare Ausbleiben der diesjährigen Aufmärsche zum 1. Mai, denn mit dem In-Sich-Zusammensinken des linken Bundes verliert der Economist ein erquickliches Feindbild. Doch es gibt auch eine ungetrübt frohe Botschaft, nämlich dass Großbritanniens muslimische Führer jetzt mit der Regierung im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zusammenarbeiten. Und noch eine frohe Botschaft: Es scheint, als seien die Bürger der arabischen Welt es zunehmend leid, "die königlichen Hände ihrer Führer zu küssen". Bitter bemerkt der Economist, dass mit Alistair Cooke, der mit seiner Radiosendung "Letter from America" die "special relationship" zwischen Briten und US-Amerikanern geradezu verkörperte, wohl auch die "special relationship" gestorben ist. Schließlich veröffentlicht der Economist Amazons weltweite Bestseller-Liste. Auf Platz eins: "Harii Pottaa to Fushichoo no kishidan".

Leider nur in der Printausgabe zu lesen ist der Aufmacher, in dem der Economist "bessere Wege" aufzeigt, "George Bush anzugreifen".
Stichwörter: Amazon, Bush, George, 1. Mai

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - Economist

Blut, Kreuz, Leid. Aber nicht auf der Leinwand, sondern im New Yorker Metropolitan Museum of Art, das eine Ausstellung byzantinischer Kultobjekte und Ikonen präsentiert. Eine gewisse Ähnlichkeit zum Film "The Passion" will der Economist nicht leugnen, doch die byzantinischen Ikonenmaler waren nicht nur "die Mel Gibsons ihrer Zeit", die den Schmerz Jesu fassbar machen wollen. Sie waren auch "mehr". Denn "der byzantinische Christ hört nie auf, viele verschiedene Dinge auf einmal zu sein: göttlich und menschlich, gedemütigt und siegreich, verwundet und heilend. Selbst in den dunkelsten Momenten der Passionsgeschichte ist die Dämmerung immer gegenwärtig. Selbst wenn Christus am geringsten und erniedrigsten ist, hört er doch niemals auf, das Fleisch gewordene Wort Gottes zu sein." Die Ikonen waren für die Maler "Fenster zum Himmel, durch die der Betrachter in eine höhere Wirklichkeit eingehen kann". Das mache den Unterschied zu Mel Gibson aus.

Wurde die terroristische Bedrohung durch Al-Qaida im Vorfeld des 11. Septembers von der US-Regierung trotz vielfältiger Indizien nicht ernst genug genommen? Die vom Kongress mit der Untersuchung des Attentats auf das World Trade Center beauftragte Kommission hat am 23. März einen vorläufigen Bericht vorgelegt, in dem sie laut Economist sowohl die Clinton- als auch die Bush-Administration für ihre Versäumnisse kritisiert. Doch die Wirkung dieser Rüge, so der Economist weiter, könnte noch übertroffen werden von dem gleichzeitig erschienenen Enthüllungsbuch ("Against all Enemies", Auszug) des Beraters für Terrorbekämpfung beider Administrationen, Richard Clarke. "Clarke behauptet, er habe die Bush-Administration innerhalb einer Woche nach deren Amtsantritt ersucht, die Bedrohung durch Al-Qaida auf höchster Ebene zu diskutieren. Doch zu einem solchen Treffen kam es erst neun Monate später - nur eine Woche vor den Attentaten - und zu spät um noch irgendetwas zu bewirken." Bei seiner Zeugenaussage vor der Kommission sei Clarke sogar noch weiter gegangen und habe sich bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt: "Eure Regierung hat Euch im Stich gelassen? Ich habe Euch im Stich gelassen."

Weitere Artikel: Zehn Jahre nach dem Genozid in Ruanda fragt der Economist, welche Lehren daraus gezogen wurden und welche noch nicht. Außerdem berichtet der Economist über den Einsatz privater britischer Sicherheits-Firmen im Irak. Den Erfolg der Linken bei den französischen Regionalwahlen wertet der Economist als wütende Quittung der Wähler, und nicht als Ergebnis einer wiedererstarkten Linken. Der Economist gratuliert dem CERN zum Fünfzigsten und erklärt den Forschungshorizont des Partikelbeschleunigers, der dort bald zum Einsatz kommen soll. Schließlich liest man im Nachruf auf Scheich Ahmed Yassin, den ermordeten Führer der Hamas (hier zu deren Charta), dass dessen Nachfolger vermutlich noch radikaler sein werden, als er es war.

Nur in der Printausgabe zu lesen: die Besprechung des neuen Films der Coen-Brüder.

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - Economist

Nicht die Demokratie hat in Spanien die Wahl gewonnen, sondern der Terrorismus, meint der Economist und fragt sich zum einen, wie Spaniens politische Situation in Zukunft aussehen wird, und zum anderen, was das für die Situation im Mittleren Osten bedeutet. Die Entscheidung von Spaniens neuem Premier Jose Luis Rodriguez Zapatero, die im Irak stationierten Truppen wie versprochen zurückzuziehen, findet der Economist jedenfalls heikel, wenn nicht gefährlich. Denn es ist schick zu behaupten, dass die Situation im Irak "eine größere Kooperation auf multilateraler Basis fordert, als die Bush-Regierung es in den letzten drei Jahren hat leisten können, sowie mehr Bemühungen in Richtung der 'sanften' Macht von Überzeugung und Einflussnahme. Das stimmt, aber auch militärische Stärke, verstärkte Geheimdienst-Aktivität und intensivierte Sicherheitsstrategie sind gefordert. Es bleibt keine Zeit für Schwäche und Appeasement. Das ist die letztendliche Lektion von Madrid."

Weitere Artikel: Die USA revidiert ihre weltweite Präsenzstrategie, und die heißt laut Economist ab jetzt: Nicht irgendwo festsitzen, sondern schneller da sein können, wo es brennt. Hierzulande - in Europa - gilt die von den kolumbianischen FARC-Rebellen gefangengehaltene Ingrid Betancourt als Symbol für den demokratischen Freiheitskampf. In Kolumbien selbst, so der Economist, ist sie nichts weiter als eine kleine, gescheiterte und uneinsichtige Politikerin. Schon einmal hat China versucht mit Drohgebärden auf eine Wahl in Taiwan Einfluss zu nehmen. Diesmal, meint der Economist, geht die chinesische Regierung subtiler vor und zitiert taiwanesische Dichter, die sich nach dem chinesischen Mutterland sehnen: "Erst wenn das Blut des Sohnes zu seinem Geburtsort zurückfließt, wird es zur Ruhe kommen." Außerdem bringt der Economist einen Nachruf auf Daniel Boorstin, "großer Amateur" und Chef der Library of Congress. Und endlich, meint der Economist, gibt es einmal ein ausgewogenes und pragmatisches Buch über Umweltschutz: James Gustave Speths "Red Sky at Morning".

Magazinrundschau vom 15.03.2004 - Economist

Dies ist kein Rennen wie jedes andere - das steht für den Economist fest. Denn die Konkurrenten des von der DARPA (America's Defence Advanced Research Projects, eine der innovativsten Regierungsabteilungen) organisierten Rennens sind Roboter: "DARPA nennt das Rennen 'Grand Challenge' (bedeutende Herausforderung). Doch was macht das Rennen so bedeutend und zu solch einer Herausforderung? Das Fehlen von Menschen. Keine einzige Person darf am Steuer (oder an einer Fernsteuerung) der wetteifernden Vorrichtungen sitzen. Jede Maschine muss das Ziel ohne Hilfe erreichen, innerhalb von zehn Stunden, oder bei dem Versuch, es zu erreichen, sterben." (Einen Artikel über dieses Rennen gab es kürzlich auch in der NZZ: hier) Der Artikel im Economist ist Teil eines Specials über neue Technologien.

Weitere Artikel: Skandalös nennt der Economist im Aufmacher die globale Ungleichheit. Ökonomischen Ungerechtigkeit sei allerdings nicht daran schuld. Gefallen haben ihm zwei Bücher über C.G. Jung, die sehr verschiedene Perspektiven bieten: Während sich Deirdre Bair in "Jung: A Biography" mit den dunklen Punkten seiner Biografie beschäftigt, stellt Sonu Shamdasani in "Jung and the Making of Modern Psychology" Schriften aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen zu einer Art intellektuellem Panorama des Schweizer Psychologen zusammen.

Und Neues aus der Forschung: Der Economist berichtet von neuen Studien, die der weiblichen Langlebigkeit eine neue, generationenübergreifende Interpretation geben (je länger eine Frau lebt, desto mehr Enkelkinder kommen zur Welt). Schließlich wird der kürzlich verstorbenen Lady Virginia Twisleton-Wykeham-Fiennes, der Ehefrau des rastlosen Forschungsreisenden Sir Ranulph Fiennes, gehuldigt, ohne deren unglaubliches Organisationstalent wohl keine einzige Expedition je das Licht der Welt erblickt hätte.

Magazinrundschau vom 08.03.2004 - Economist

Ist Gott Chemie? Nun, genau so wollen die Gehirnforscher der Universität Montreal ihre derzeitige Versuchsreihe nicht verstanden wissen (wohl auch wegen der zu erwartenden Proteststürme). Es geht ihnen vielmehr darum, so der Economist, den Wirkungszusammenhang zwischen chemischen Stoffen - etwa Meskalin - und Spiritualitätserfahrungen zu erforschen: "Im ersten Experiment erfassen Dr. Beauregard und sein Doktorant Vincent Paquette anhand von Elektroden die elektrische Aktivität in den Gehirnen von sieben Karmelitischen Nonnen. Ihr Ziel ist es, die Gehirnprozesse zu identifizieren, die der 'Unio Mystica' - dem christlichen Begriff für die mystische Einheit mit Gott - zugrundeliegen. (...) Am Ende jeder Sitzung bittet Dr. Beauregard die Nonnen einen Fragebogen auszufüllen, in dem sie nicht nur das Gefühl der Liebe und der Nähe zu Gott einschätzen sollen, sondern auch Zeit- und Raumverzerrungen. 'Je intensiver die Erfahrung, desto größer die zeitlich-räumliche Desorganisation', sagt er. Typischerweise verlangsamt sich die Zeit, und das Selbst scheint in einer größeren Einheit aufzugehen, die die Nonnen als Gott beschreiben."

Weitere Artikel: Samuel Huntington scheint seinen nächsten Kulturclash gefunden zu haben: in der letzten Foreign Review beschrieb er die apokalyptische Vision, dass die Latino-Immigranten Amerika spalten. Der Economist findet das ein bisschen einspurig gedacht. BBC-Legende Alistair Cooke, der seit 1946 2.869 Mal mit seiner "Letter from America" auf Sendung ging, hört mit 95 auf. Und der Economist begrüßt Bruce Caldwells Einführung in Friedrich von Hayeks ökonomisches Gedankengebäude ("Hayek's Challenge").

Zu gegebenem Anlass, der Aufmacher (leider nicht online) und ein Special Report über Haiti mit Artikeln über Haiti nach Aristide, die Bedeutung des Aufstands für die amerikanischen Wahlen, und die Verbesserung der franko-amerikanischen Beziehungen.

Außerdem lesen wir, warum der Economist John Kerry als Linkspopulisten einschätzt, wie der Jahresbericht des Paten lauten könnte ("Signori, Signore, ich freue mich, Ihnen berichten zu können, dass Ihre - das heißt unsere - Organisation ein Jahr der Wachstums hinter sich hat"), was der Galapagos-Insel-Effekt ist und warum Japans Justizreform ihn wahrscheinlich verstärken wird, und was mit der "Haarlosigkeit" schwarzer Löcher gemeint ist.

Und last but not least, ein Mode-Dossier, das mit den landläufigen Vorurteilen aufräumen will. Etwa mit diesem: "Keine Frau, die bei gesundem Menschenverstand ist, wird sich in einem Aufzug auf die Straße begeben, als sei sie gerade aus einem altägyptischen Grab gestiegen.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - Economist

Die Bombe ist geplatzt: Der Streit um die Homosexuellen-Ehe wird eindeutig Wahlkampfthema der nächsten Präsidentschaftswahl in den USA. Und der Economist gibt sich angriffslustig in einem flammenden Plädoyer für die Homosexuellen-Ehe: Erstens spreche das Prinzip der Gleichheit unmissverständlich dafür, zweitens sei es historisch gesehen Humbug zu behaupten, es dürfe diese Ehe nicht geben, weil es sie noch nie gegeben habe. Und drittens sei es absurd, Homosexuellen das Eingehen eines Bundes zu verbieten, mit dem sich zwei Menschen - rechtlich, sozial und persönlich - verbindlich zueinander bekennen. "Glaubt man George Bush, so würde die Ehe zwischen Homosexuellen eine wichtige soziale Institution schädigen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Homosexuelle wollen genau deswegen heiraten, weil ihnen die Ehe wichtig erscheint: Sie wollen deren Symbolik, das Gefühl einer größeren Verplichtung und Verbindlichkeit, und soziale Anerkennung." Homosexuellen die Ehe zu verwehren - "das würde eine Schädigung dieser Institution bedeuten".

In einem weiteren Artikel zum selben Thema vermutet der Economist, dass George Bush die Homosexuellen-Ehe zum Wahlkampthema macht, "um die Demokraten zu teilen und die Republikaner zu einen". Damit blühe ihm aber eine unangenehmere Verfassungsdebatte, als ihm lieb sein werde.

Außerdem lesen wir, dass es illusorisch ist zu glauben, das Zusammenleben in kulturell homogenen Gemeinschaften sei harmonisch - denn wie schon Walter Bagehot sagte: "Geht es um Tyrannen, geht es meistens um Nero oder Tiberius; der wirkliche Tyrann aber ist der Nachbar, mit dem du Tür an Tür lebst" - , wie schwierig es um die Zukunft des NPT (Internationaler Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen) steht, inwiefern der zähe Den Haager Prozess gegen Slobodan Milosevic internationale Gerichtshöfe in Frage stellt, und schließlich, dass es im Renaissance-Maler Giorgione einen mysteriösen Modernisten zu entdecken gibt.

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - Economist

Der Economist berichtet über eine äußerst interessante Langzeitstudie, die Aufschluss über das menschliche Sprachvermögen geben könnte. Über 30 Jahre hinweg beobachtete Ann Sengha, wie sich die Zeichensprache Nicaraguan Sign Language (NSL), die in den Siebzigern an einer Schule für Gehörlose entstand, weiterentwickelt und verändert hat. Bei einem Experiment mit "Sprechern" verschiedener Generationen wurde ermittelt, inwieweit und inwiefern sich NSL im Laufe der Zeit ausdifferenziert hat. Die Testpersonen wurden gebeten, Bildbeschreibungen von verschiedenen Bildern zu liefern, die sich lediglich in der Anordnung (etwa links oder rechts) der abgebildeten Objekte unterschieden, woraufhin die übrigen Personen entscheiden sollten, welches Bild jeweils gemeint war. "Die älteren Personen, die die frühe Form von NSL gelernt hatten, waren weder in der Lage, deutlich zu machen, welches Bild gemeint war, noch die Signale ihrer jüngeren Partner zu verstehen. Und ihre jüngeren Partner vermochten auch nicht, ihnen die Zeichen für links und rechts beizubringen."

"Kleinwüchsige Terroristen als Gartenzwerge verkleidet!" - Der Economist würdigt Eddie Clontz, den kürzlich verstorbenen und langjährigen Chefredakteur des Boulevardblatts Weekly World News, als Meister der Groteske, bei dem man nie wusste, ob er nicht einfach nur das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machte: "Unter dem Pseudonym 'Ed Anger' schrieb er in der News eine so vitriolhaltige und rechts-gesinnte Kolumne, dass sie möglicherweise aus der linken Ecke kam. Anger hasste Ausländer, Yoga, Wale, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Ananas auf der Pizza; er mochte Prügel, den elektrischen Stuhl und Bier. Nein, hätte Eddie Clontz gesagt, er habe keine Ahnung, wer dieser Anger sei. Aber er sei 'ihm ungefähr so nah wie jedes menschliche Wesen'."

Angesichts der zu erwartenden Kontroverse um Mel Gibsons Passionsfilm (der diese Woche in den amerikanischen Kinos anläuft), gibt der Economist zu bedenken, dass bislang nur die kontroversen Jesus-Filme gute Jesus-Filme waren.

Außerdem lesen wir, wie ganz normale Israelis und Palästinenser ihre Lage einschätzen, wie man "Sushi bar" auf Lateinisch sagt ("taberna Iaponica pulpamentorum incoctorum marinorum" - dies und viel mehr findet man in Henry Beards unendlich unterhaltsamem "X-Treme Latin: Unleash Your Inner Gladiator"), warum sich die Londoner Polizei lieber nicht ihre Methoden von den New Yorker Kollegen abgucken sollte, dass es mit der europäischen Duldsamkeit gegenüber Russland ein Ende hat. Der Aufmacher analysiert den Streit um die Verlegung amerikanischer Arbeitsplätze nach Indien.