Magazinrundschau - Archiv

The Economist

428 Presseschau-Absätze - Seite 34 von 43

Magazinrundschau vom 16.02.2004 - Economist

Öffentliche Untersuchungen breiten sich in Großbritannien derzeit aus wie eine Epidemie, meint der Economist. Jetzt soll es sogar das geben, was Literaturwissenschaftler eine Meta-Untersuchung nennen würden: eine Untersuchungskommission über Zweck und Procedere der Untersuchungskommissionen. Denn, so populär Kommissionen wie die jüngste Hutton-Inquiry sein mögen, es werden auch kritische Stimmen laut, gerade unter den Parlamentsabgeordneten, deren Untersuchungen im Vergleich eher "billig" aussehen. "Wie Andrew Mackinlay bemerkte, ist es sonderbar, dass Lord Huttons Kommission, die über weniger legale Macht verfügt als seine eigene (doch er konnte bei seiner Anhörung nichts aus dem Waffenexperten David Kelly herausbringen), zu viel mehr Dokumenten Zugang hatte. Er wird bald herausfinden, warum. Im Frühjahr wird die Untersuchungskommission über Untersuchungskommissionen Lord Hutton in den Zeugenstand rufen."

Schön zu lesen ist auch der Nachruf auf die neuseeländische Schriftstellerin Janet Frame, die mehrfach in die geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde und es nur ihrem Schreiben zu verdanken hat, dass sie nicht in ein ruhiges Wesen "mit weiten, tintendunklen Pupillen" verwandelt wurde.

Francis Wheens Buch der modernen Desillusionen ("How Mumbo-Jumbo Conquered the World") lobt der Economist als unterhaltsames Panorama des weltweiten Unsinns, wenn auch das Buch manchmal unsinniger sei als der Unsinn, den es beschreibe.

Außerdem erfahren wir, warum bei aller Hoffnungslosigkeit eine Lösung der Kaschmir-Frage nicht mehr unmöglich erscheint, wie sich die amerikanische Gesellschaft auf die Heimkehr der im Irak stationierten Soldaten vorbereitet (unter anderem mit Seminaren für Heimkehrer-Ehefrauen), was es mit der feindlichen Übernahme von Disney auf sich hat, und wie die neue Konsumgeneration der golden boys und golden girls in China aussieht (verwöhnte und betuchte Einzelkinder).

Und zuletzt: Pünktlich zum Valentinstag fragt sich der Economist, ob die Liebe nicht doch reduzierbar ist auf Chemie. Shakespeares Reaktion auf solch zynische Behautpung lesen Sie hier: Er hat eins seiner berühmtesten Sonette umgeschrieben (wie es vorher aussah, kann man hier nachlesen).

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Economist

Der Ausgang der Hutton-Kommission gibt dem Economist die Gelegenheit, der gescholtenen BBC den Gnadenstoß zu geben. Andrew Gilligans Bericht liege durchaus nicht unterhalb, sondern innerhalb des üblichen BBC-Niveaus: "Traurig, traurig, aber dieser Bericht ist typisch für einen Großteil des modernen britischen Journalismus: Die angeblichen Neuigkeiten werden so verdreht oder verfälscht, dass sie mit dem, was nach Meinung des Journalisten die eigentliche Wahrheit ist, übereinstimmen."

Hier sind sie, die Namen der russischen Präsidentschaftskandidaten: Volodya, Vova, Vovka, Vovochka, Vovik, Vovchik, Vladimir Vladimirovich, und VVP. "Wie sie ihn auch nennen, es gibt kein Zweifel, wer gemeint ist. Wladimir Putins Name ist der einzige, den es sich am Wahltag zu kennen lohnt."

Weitere Artikel: Im Gezerre um die unsichtbaren Massenvernichtungswaffen besteht der Economist auf einen feinen Unterschied: George Bush und Tony Blair haben übertrieben - nicht gelogen. In den Augen des Economist hat John Kerry nicht nur ein Mount-Rushmore-Profil, sondern auch politische Substanz. Die britische Hochschulreform findet der Economist lobenswert: Jetzt haben die Universitäten wenigstens eine Zukunft, die sie planen können. Bill Gates wird gleich mehrmals geschlagen: zum Ritter von Queen Elizabeth, aber vielleicht auch beim IT-Monopoly.

Außerdem zu lesen: Ein Nachruf auf den "unverhofften Überlebenden" einer pseudomedizinischen Studie, jetzt aber wohl doch toten Ernest Hendon und die Besprechung von John McWhorters Studie "Doing Our Own Thing", die sich - ohne Pedanterie - mit der zunehmenden Degeneration des Englischen beschäftigt.

Nur in der Printausgabe zu lesen: Im Aufmacher wird gefragt, ob John Kerry der Mann ist, der George Bush schlagen kann.

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - Economist

Mit den Fragen, die immerzu an sie gestellt wurden, und den Antworten, die sie darauf zu geben pflegte, verabschiedet sich der Economist von Kiharu Nakamura, der letzten großen Geisha (mehr hier und hier). Wie schon ihr japanischer Name besage, sei die Geisha eine "künstlerische Unterhalterin". Und was ist mit Sex? "Miss Nakamura erwog das Wort mit Vorsicht. Vielleicht, sagte sie, meine der Fragesteller die Oiran? Wie auch die Geisha, sei die Oiran eine kultivierte Frau, jedoch sei sie bereit, gegen ein hohes Entgeld die Nacht mit einem Mann zu verbringen. Im Westen neige man dazu, diese beiden Berufe zu verwechseln. Was nicht heißen solle, dass eine Geisha nie Sex habe." Doch eine Geisha wisse "mit Männern umzugehen". Wie sehr sie auch vor ihren Freunden damit prahlten, richtige Kerle zu sein, Miss Nakamura wusste es besser. Doch würde sie das Geheimnis natürlich nie preisgeben." Noch Fragen? "Die nächste Frage bitte, aber wenn es geht, nicht über Sex."

Soviel Mühe er sich auch gibt, nicht allzu parteiisch zu wirken, der Economist schwärmt vom amerikanischen Hochschulsystem und pflichtet somit den britischen Überlegungen bei, die Studiengebühren gebührend zu erhöhen. Für das reform-scheue Kontinentaleuropa hingegen hat der Economist schon mal ein Wappen entworfen, mit der etwas müden Devise: "Sehr wenig leisten, mit nicht sehr viel."

Ein Blick ins Allerheiligste des geistigen Lebens nährt den Themsen-Blues. Das ehemalige Forscher-El-Dorado Oxford und Cambridge lebe heute nur noch von seinen historischen Reserven: Die erlesenen Tropfen des Weinkellers werden zu Durchschnittskost serviert. (Womöglich werden erhöhte Studiengebühren hier bald für Abhilfe sorgen!)

Außerdem erfahren wir, was George Bushs state-of-the-union-Rede über die allgemeine Wahlkampfsituation aussagt, was auf der Agenda des polnischen Präsidenten Leszek Miller steht (einiges), wie schlecht es um den New Yorker Broadway steht (ziemlich schlecht), dass es in Uganda eine selbsternannte jüdische Gemeinschaft gibt, und was soziale Firmenverantwortung bedeutet. Schließlich widmet sich der Economist im Dossier dem Phänomen Risiko.

Leider nur im Print zu lesen: der Aufmacher über die Iowa-Wahl, Japans Presse und "Vlad, den Webmeister" (gemeint ist wohl niemand anderes als Wladimir Putin).
Stichwörter: Broadway, Uganda

Magazinrundschau vom 19.01.2004 - Economist

Wovor ekeln wir uns, und warum? Wissenschaftler, so der Economist, haben ein Internet-Experiment gestartet (hier), das unser Ekel-Profil ermitteln soll, und in dem unter anderem gefragt wird, mit wem unter den vorgeschlagenen Menschen man eher die Zahnbürste teilen würde. Das Ergebnis ist nicht nur eindeutig (Ekel ist eine krankheits-abwehrende Reaktion), sondern auch überraschend (Jüngere Menschen sind leichter zu ekeln als ältere, und Frauen leichter als Männer). Der "ältere, im grünen Vorort-Städtchen Tunbridge Wells lebende Oberst" als Inbegriff des vor Ekel die Nase rümpfenden Menschen ist damit, so der Economist, wohl endgültig widerlegt.

Laut Economist ergeben neue Studien, dass in Großbritannien akademische Bildung keineswegs sozialen Aufstieg bedeutet. Denn Erfolg sei letztlich eine Stilfrage: "Unförmige Anoraks sind eher hinderlich, egal wie beeindruckend die akademischen Qualifikationen ausfallen." Und Stil lerne man schließlich im sozialen Umfeld.

Weitere Artikel: In einem umfassenden Artikel beschäftigt sich der Economist mit den politischen Entwicklungen im Iran, wo der Kampf zwischen beherzten Halbreformern und dem klerikalen Rat der Wächter zunehmend eskaliert. Die Lösung zu Afrikas Misere liegt nicht bei den Mächten der westlichen Welt, so der Economist, sondern bei Afrika selbst, in der schrittweisen Entmachtung seiner selbstherrlichen Diktatoren. Es nützt nichts, meint der Economist, die bevorstehende Entwicklung verhindern zu wollen: im Zuge der EU-Erweiterung werden sie unweigerlich kommen - die Horden aus dem Osten. Für den Demokraten Howard Dean könnte der US-Bundesstaat Iowa und sein skurriles caucuses-Wahlsystem zum politischen Prüfstein werden. Leben und Sterben für Ideen: Die von der Cambridge University Press herausgebrachte Geschichte der politischen Ideen ("The Cambridge History of Twentieth-Century Political Thought") hat, nach Ansicht des Economist, das Zeug zum Standardwerk.

Außerdem zu lesen: ein Nachruf auf Michael Straight - einen Spion, der sich nie eingestehen konnte, einer gewesen zu sein - , warum Roboter die Wissenschaftler der Zukunft sind, und weshalb die Amerikaner auf den Mond zurückwollen (woraufhin der Economist vorschlägt, den Mond zu privatisieren).

Leider nur in der Printausgabe zu lesen sind: George Bushs Raumfahrt-Visionen (im Aufmacher), und was Prozac mit Freud zu tun hat.

Magazinrundschau vom 12.01.2004 - Economist

Zwanzig Jahre Riau Indonesisch gelernt und immer noch keinen Plan? Das könnte daran liegen, dass Sie zum Beispiel Nomen und Verben suchen, wo es gar keine gibt. Tatsache ist, so der Economist, dass verschiedene Sprachen mit verschiedenen Arten zu denken verbunden sind, und daher auch grammatikalisch anders organisiert sind. Das Magazin zitiert hier Forschungen von David Gil vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsanthropologie in Leipzig. Ein Experiment gibt Aufschluss: "Den Testpersonen werden drei Bilder gezeigt: eins von einem Mann, der kurz davor ist, einen Ball wegzuschießen, eins von demselben Mann, der gerade einen Ball weggeschossen hat, und ein drittes von einem anderen Mann, der kurz davor ist, einen Ball wegzuschießen. Sie werden dann gefragt, welche der drei Bilder sich am ähnlichsten sind. Indonesier wählen im Allgemeinen die ersten beiden Bilder, die den gleichen Mann abbilden, während englische Sprecher dazu neigen, die beiden Bilder zu wählen, die den Ball kurz vor dem Wegschießen gemeinsam haben - die Betonung liegt hier eher auf der zeitlichen als auf der räumlichen Beziehung zwischen den hauptsächlichen Gegenständen im Bild."

Aufschlussreich könnte in dieser Hinsicht auch das mysteriöseste Buch der Welt sein, doch es will sein Geheimnis einfach nicht preisgeben, seufzt der Economist und berichtet über das Buch, das im 16. Jahrhundert dem böhmischen König Rudolph II. gehörte und neben wunderlichen Abbildungen 234 Seiten "schön geformten, aber vollkommen unverständlichen Text" enthält. Bislang hat es allen Entschlüsselungsversuchen standgehalten, doch ein neues Verfahren scheint vielversprechend zu sein. Aber vielleicht gilt ja auch hier: Nicht in Verb in Nomen denken.

In weiteren Artikeln erfahren wir, warum Osama Bin Laden allen Grund zur Freude hat (weil Al-Qaida mit einem "Krieg gegen den Terrorismus" nicht beizukommen ist), welches Profil der optimale Selbstmordattentäter hat (jung, männlich, ledig, religiös und arbeitslos), und schließlich, dass David Frums und Richard Perles neo-konservatives Buch über eine neue Weltordnung ("An End to Evil") zeigt, dass George Bush doch intelligenter ist als seine Berater.

Nur in der Printausgabe zu lesen: Trouble an deutschen Hochschulen und Arnold Schwarzenegger überrascht Kalifornien.

Magazinrundschau vom 05.01.2004 - Economist

Um die deutsch-polnischen Beziehungen steht es momentan nicht gerade zum Besten, und der Economist kann auch nachvollziehen, dass man vom polnischen Auftreten genervt ist. Aber die Deutschen sind einfach nicht ehrlich, glaubt er und zitiert Bismarck: "Das Wort Europa habe ich immer aus dem Mund jener Politiker gehört, die etwas von anderen Mächten forderten, was sie nicht wagten, in ihrem eigenen Namen zu fordern."

Im Rezensionsteil geht der Economist mit den Büchern der Bush-Hasser ins Gericht, die fatalerweise unter Humormangel leiden. Die wohltuende Ausnahme bilde da der herrlich unverschämte Al Franken ("Lies and the Lying Liars Who Tell Them"), der konservative Verfechter der abstinenten Erziehung um einen Beitrag zu einer Anthologie für Jugendliche bittet: "Haben Sie keine Scheu, einen Moment zu teilen, in dem sie versucht waren, Sex zu haben, aber in der Lage waren, ihre Nöte durch Willenskraft und Charakterstärke zu überwinden".

Weitere Artikel: Wer sind die Vorfahren des europäischen Einheitsgedanken: Römer, Karl der Große, Napoleon, oder gar Hitler? Der Economist hat sich unter europäischen Historikern umgehört. Sehr hübsch auch ein Artikel über antiquierte Verbrechen: Bankraub ist längst passe, und die Räuber von heute sind auf Drogen. Da können die Großen von damals nur den Kopf schütteln: "Standards are down."

Außerdem zu lesen: Warum sich die USA zwar auf einen üblen Wahlkampf gefasst machen müssen, dies aber der Welt nur zugute kommen kann, ob Howard Dean bei den Demokraten - und natürlich auch gegen George Bush - das Rennen macht, und schließlich warum eBay-Managerin Meg Whitman auch weiterhin die Flohmarkt-Königin bleiben wird.

Nur im Print zu lesen: Die Deutsche Bank sucht einen Herkules. Chinesische Hochglanzmagazine.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - Economist

Auch beim Economist ist Bescherung, und wie das an Weihnachten so üblich ist, herrscht unterm Tannenbaum buntgemischte Vielfalt.

Das sahnigste Bonbon ist eindeutig das Porträt des französischen Humors, oder besser gesagt das Naserümpfen über das, was bei den Fröschen als Humor durchgeht, wie etwa folgender imaginärer Dialog zwischen Präsident und Berater: "'Ich habe eine Lösung gefunden! Ich bringe den Richter um und dann habe ich endlich Ruhe.' 'Aber Monsieur le president, sie werden einen anderen Richter finden.' 'Verdammt, daran hab' ich nicht gedacht. Tja, dann bringe ich eben alle französischen Richter um, den ganzen Berufsstand. Zeit habe ich genug. Ein Richter ist nämlich wie ein Baum, es braucht 30 Jahre, damit ein neuer wächst. Bis sie neue Richter gezüchtet haben, bin ich so alt wie Pinochet und komme wegen schlechter Gesundheit davon.'" Die britische Diagnose lautet hier: "Grob, aber logisch." Der englische Humor sei dagegen herrlich unlogisch: "Es gibt drei Arten von Ökonomen, die, die zählen können, und die, die es nicht können." (Lieber ein schlechter Witz als Pommes frites mit Essig!)

Außerdem geht es um die Gottesmutter Maria, die von Christen, Moslems und Juden verehrt wird, um die Gemeinsamkeiten von coffee-shops und Internetcafes, um das lebendige Latein (unter anderem in Mel Gibsons Jesusfilm), um indische Spiritualität ("Arbeiten ist Beten"), um Barbara Smiths Rückblick auf 50 Jahre Mitarbeit beim Economist und um Enthaarung als Beschleunigung der menschlichen Evolution.

Weiter lesen wir, dass die Franzosen die europäische Verfassung auf dem Gewissen haben (wo sich die Briten doch solche Mühe gegeben haben), warum von Tony Blairs politischem Tod nicht die Rede sein kann, und dass Sir Nicholas Hytners Adaption von Philip Pullmans "His Dark Materials" im National Theatre das Glanzlicht des Theaterjahres wird.

Magazinrundschau vom 15.12.2003 - Economist

Wladimir Putin hat allen Grund, mit dem Ausgang der russischen Parlamentswahlen zufrieden zu sein, meint der Economist, schließlich ist die frisch gewählte Duma "der Albtraum eines jeden Demokraten: "drei Parteien, deren einzige Ideologie eine fast sklawische Loyalität zu Präsident Putin und ein mehr oder weniger starker Nationalismus ist, plus eine, die aus dem Abschaum von sieben Jahrzehnten totalitaristischer Machtausübung besteht." Doch vielleicht, überlegt der Economist, ist dies eher der Albtraum von jemandem, der gerne den Anschein erwecken würde, er sei Demokrat. Und in der Tat, Putin wirkt nicht glücklich.

In einem Pressefoto liest der Economist die Zukunft der französischen Schleier-Debatte: "Es war eine sorgsam gearbeitete Mediengelegenheit, zu einer Zeit, in der Frankreich fieberhaft über den Schleier stritt. Letztes Wochenende war Präsident Jacques Chirac in Tunesien, besuchte dort ein französisches Gymnasium und antwortete auf die Fragen der Schulkinder. Das Bild war ausdrucksstark: der Präsident eines weltlichen europäischen Staates, zu Besuch in einem weltlichen muslimischen Staat, umgeben von westlich aussehenden muslimischen Schulmädchen, und nicht ein Schleier in Sicht. So, schien der Präsident zu sagen, gefällt mir der Islam."

Weitere Artikel: Die Welt wird fett, und das ist nicht nur ungesund, sondern auch teuer, berichtet der Economist im Aufmacher, doch es gibt gute und schlechte Gründe der Fettleibigkeit den Kampf anzusagen. Passend dazu gibt es einen Überblick über die weltweite Entwicklung der Essensgewohnheiten. Unter anderem will Emma Duncan wissen, wie das britische Essen zu seinem schlechten Ruf kam, und erinnert sich, wie trostlos britische Supermärkte noch vor zwanzig Jahren aussahen (das Aufregendeste, was man sich unter Gemüse vorstellen konnte, waren Avocados).

Außerdem lesen wir einen Nachruf auf Sadeq Khalkhali, Irans Richter Gnadenlos, der gern Witze über Hinrichtungen machte. Und schließlich: Die eindeutig weltlichen Weihnachtskarten der britischen Regierung haben einen Skandal hervorgerufen, meldet der Economist amüsiert und kann sich eigentlich nur darüber wundern, wo doch so vieles an der weihnachtlichen Tradition heidnisch ist - vom Geschenkerausch ganz zu schweigen.

Magazinrundschau vom 08.12.2003 - Economist

Sie haben eine Schwäche für Kommata? Ein Herz für Semikolons? Sehen Sie sich vor, denn auch in punkto Satzzeichen herrscht neuerdings "zero tolerance", glaubt man dem vorweihnachtlichen Bestseller "Eats, shoots and leaves". Auch der Economist kann sich der Schlagkraft der Beweise nicht entziehen, die keinen Zweifel daran lassen, welch fatale Folgen falsches Kommasetzen haben kann: "Ein Panda kommt in ein Cafe. Er bestellt ein Sandwich, isst es, zieht eine Pistole und schießt. Als er das Lokal verlassen will, fragt ihn der Ober, warum er das getan hat. Der Panda zeigt ihm ein fehlerhaftes Tierhandbuch. Der Ober liest: 'Panda: Großes schwarz-weißes bärartiges, in China angesiedeltes Säugetier. Eats, shoots and leaves.' " So einfach können aus Sprossen und Blättern Kanonen werden. Etwas delikater geht es bei James Thurber zu, den jemand fragte, warum im Satz "After dinner, the men went into the living room" ein Komma sei. "Dieses eine Komma", erklärte Thurber, "war Ross' Art, den Männern Zeit zu lassen, ihre Stühle zurückzuschieben und aufzustehen".

Auch die Briten haben ihr Guantanamo Bay, erklärt der Economist, denn den 22 in Großbritannien unter Terrorismus-Verdacht stehenden Inhaftierten stehen zwar Anwälte zur Verfügung (im Unterschied zum amerikanischen Guantanamo Bay), doch diesen Anwälten wird aus Sicherheitsgründen keine Einsicht in die Beweislage gegen ihre Mandanten gewährt.

Weitere Artikel: Im Aufmacher räumt der Economist mit der Vorstellung auf, der sinkende Dollar-Kurs müsse unweigerlich zu einer weltweiten Wirtschaftskrise führen. Ruhe in Frieden oder lebe in Frieden? Wie Iraks Zukunft aussieht, ist für den Economist Ansichtssache. Außerdem Neues aus der Forschung: Beam me up, Scotty! - Kann man mit Antimaterie Krebs heilen? Und schließlich werden die Bücher des Jahres 2003 präsentiert.

Leider nur im Print zu lesen ist ein Porträt von Donald Rumsfeld, ganz Staatsmann, ganz Dichter.

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - Economist

Diese nervtötenden Polen! Sie wollen einfach nicht den Mund halten!, klagt der Economist in gespielter Entrüstung. Denn es mag ja sein, dass sich die Polen in den Verhandlungen um die europäische Verfassung nicht gerade wie Gentlemen benehmen, wenn sie auf das ersichtlich ungerechte Stimmenverteilungsmodell von Nizza pochen, aber tun das nicht auch Frankreich und Deutschland, wenn sie die Anforderungen des Stabilitätspaktes zum Teufel fahren lassen? "Die Einsicht, dass Polen und die sieben anderen zentraleuropäischen Staaten, die im nächsten Jahr (zusammen mit Malta und Zypern) beitreten, eventuell genauso gültige Auffassungen haben wie die sechs 'Gründerstaaten', scheint deren Vorstellungskraft zu übersteigen." Die Art, wie die Neuankömmlinge abgefertigt würden, findet der Economist schlichtweg ekelhaft. Sie dürfen sich zu Wort melden, wenn es um nichts geht, aber "jetzt wo die Verfassungs-Verhandlungen zur Krise geraten, werden die Polen wieder eingeladen, doch bitte 'den Mund zu halten'. Bis jetzt haben sie diese Einladung abgelehnt. Ach nein, wie schockierend."

Es lebt sich länger in Oxford und Cambridge lautet das Ergebnis einer langjährigen Langlebigkeitsstudie. Wen wundert's: "Du arbeitest an der Sache, die dich am meisten interessiert, größtenteils in deinem eigenen Rhythmus. Die Umgebung ist schön, die Kollegen anregend. Du treibst ein wenig Sport, das Essen ist ausgezeichnet", und das Beste von allem: "ein seit langem verstorbener Philanthrop bezahlt die ganze Rechnung".

Weitere Artikel: Geradezu begeistert zeigt sich der Economist von Lord Conrad Blacks historisch kluger und literarisch präziser Roosevelt-Biografie.
Stichwörter: Nizza, Zypern, Lorde, Malta