Magazinrundschau - Archiv

epd Film

6 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 25.02.2020 - epd Film

Georg Seeßlen umkreist in einem Essay die sich wandelnde Figur des Helden in der Actionkomödie der 80er- und frühen 90er-Jahre: "Zunächst schienen die coolen und ein bisschen komischen Männerkörper - hier ein Hang zum dekorativen Verschmuddeln, dort hingegen ein dandyhaftes Overdressing, hier Vernachlässigung als Folge biografischer Misserfolge, dort bürgerliche Überkontrolle - vor allem Krisenerscheinungen in Genres zu sein, die gerade (im Wortsinn) ihr Pulver weitgehend verschossen hatten. ... Eine maßvolle Modernisierung schien anzustehen, einschließlich einer maßvollen Modernisierung des männlichen Heldenbildes. Zu diesem gehörte vordem neben der übermäßigen Stärke und der Unerschütterlichkeit des Wissens, zu den Guten zu gehören, auch die Bereitschaft zum Selbstopfer, doch "dem widersprachen die komödiantischen Actionfilme: Die Helden werden lädiert, zwischen Slapstick und Leinwand-Sadismus, aber sie werden nicht geopfert. ... Die Sache hat freilich einen Haken: Nicht nur die Helden gewinnen an Leichtigkeit, sondern auch das, was sie tun. Insbesondere in den Cop-Movies verloren damit die Kollateralschäden etwas von ihren Schrecken. Mit dem Opfer verliert der postheroische Protagonist etwas von seiner Verantwortlichkeit."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - epd Film

Natürlich hat auch Georg Seeßlen den neuen, den Haupterzählstrang der "Star Wars"-Saga fürs Erste angeblich abschließenden Teil der Geschichte rund um den "Krieg der Sterne" noch nicht gesehen. Das hindert ihn aber nicht, in einem Essay über die mittlerweile drei Trilogien umfassende Space Opera auf Grundsätzliches zu sprechen zu kommen: Bildeten die ursprünglichen drei Filme aus den 70er- und 80er-Jahren noch "eine neue Form des Kinos", bei der man "dem Auseinanderfallen des Kino-Epos in seine Bestandteile" zusehen konnte, und bildete die zweite Trilogie um 2000 noch eine Konsolidierung altmodischen Blockbustererzählens, so treffen die neuen Filme aus den letzten Jahren auf die veränderten Rahmenbedingungen eines Blockbuster-Kinos, für die das Franchise einst selbst die Voraussetzungen geschafft hatte. Die Blockbuster seit dem Siegeszug der Marvel-Filme um 2010 "hatten etwas erreicht, was 'Star Wars' mit seinem archetypischen Erzählen nicht gelingen konnte: eine neue Subjektivität. Hier war es immer um die großen Unterscheidungen gegangen, gut und böse, hell und dunkel, richtig und falsch. Längst aber ging es darum, dass diese Unterscheidungen so einfach nicht mehr zu treffen sind, auch im Kino nicht, auch für Kinder nicht. Und selbst bei der Metatraumfabrik Disney nicht mehr, die 'Star Wars' in ihren gewaltigen Korpus an Bildwelten einverleibte. Worum es bei der dritten Trilogie also ging, war, wieder offenere und dynamischere Charaktere zu schaffen (wozu sich die Rebellion mit nicht ganz festgelegtem Ausgang und verschiedenen Figuren dazwischen durchaus anbot), zweitens wieder zu einem mehr subjekt- und emotionsbezogenen Erzählen zu gelangen und drittens neue Spannungsmomente zu erzeugen, die aus der Überkonstruktion des Handlungsbogens hinausführten. ... Aus einer geschlossenen soll eine offene Erzählung werden. Ein ständig sich selbst erneuerndes Bild- und Handlungssystem, das sich den wandelnden Märkten anpasst. Und so wurde aus der dritten Trilogie, bei aller notwendigen Kontinuität, auch ein exakter Gegenentwurf zur zweiten: Auf ein System, das semantisch zu versteinern drohte, folgt eines, das nach allen Seiten nach Anschlussmöglichkeiten sucht."

Magazinrundschau vom 09.10.2018 - epd Film

Der Western war nicht nur beim Filmfestival in Venedig wieder auffällig präsent, auch zahlreiche DVD-Labels arbeiten dessen Geschichte derzeit auf - insbesondere, was den nicht-kanonisierten Western der 50er und 60er betrifft, erklärt der Filmkritiker Hans Schifferle, der zehn Filme vorstellt, die ihm bei der Wiederbegegnung mit dem Genre und dessen Geschichte besonders aufgefallen sind. "Es versetzt in Erstaunen, dass man selbst als Cinephiler beim Betrachten dieser vielen wieder zugänglichen Filme erkennen muss, dass der gute alte amerikanische Western tatsächlich ein terrain vague ist, eine geradezu unbekannte filmische Gattung", die sich allein mit dem Studium des Kanons noch nicht erschlossen hat. "Man kann jetzt den Humus eines Genres entdecken, der die Meisterwerke erst ermöglicht hat, einen vielschichtigen Kosmos aus vitalen kleinen Filmen und größeren Produktionen, die von der Filmgeschichte verschluckt wurden. Ein neues Bild von einem traditionellen Genre entsteht dabei. ... Viele der Filmemacher haben ihr Handwerk noch beim Stummfilm gelernt und arbeiteten in den 50ern mit jungen Schauspielern und neuen Produktionsmethoden, die vom Fernsehen kamen. Aus dieser Kombination resultieren eine lustvolle, ökonomische Erzählweise und eine besondere visuelle Qualität. Seriell produziert, sind die kleinen Western stets in sich geschlossen. Manchmal gleichen sie Gedichten, manchmal Romanheften, manchmal Rock-ʼnʼ-Roll-Songs. Manchmal ist gar ein Hauch von Shakespeare zu spüren in diesem großen Kino der kleinen Form. So stark kodiert wie das Tanztheater oder die Oper, verhandeln sie moralische und philosophische Fragen auch über Amerika hinaus, immer historisch und aktuell zugleich. Die 50er Jahre in den USA, gerade auch die biedere Eisenhower-Ära, erscheinen im Spiegel dieser Western oft als eine unter der Technicolor-Oberfläche zerrissene Dekade."

Insbesondere Allan Dwans "Am Tode vorbei" (Woman They Almost Lynched, 1953) mit Joan Leslie, Audrey Totter und Nina Varela legt uns Schifferle ans Herz: "Ein unglaublicher Frauenwestern!" Hier die Originalversion und hier der schön knarzige deutsche Kinotrailer:

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Magazinrundschau vom 12.06.2018 - epd Film

Für epdFilm umkreist Georg Seeßlen das Thema "Political Correctness im Kino" (beziehungsweise im Diskurs über das Kino) und fügt Thema einige wichtige Ambivalenzen und Schattierungen hinzu: Seeßlen ist gleichermaßen Fürsprecher wie Kritiker gesellschaftlich-achtsamer Rhetorik und Gesten. Unter anderem kommt er auch auf den Jubel zu sprechen, der allenthalben ausbricht, wenn sich ein Blockbuster gesellschaftlich geläutert zeigt: "Ein bloßes Umschreiben von Heldenrollen funktioniert nicht. Aus den 'Ghost Busters' Frauen zu machen, zeugte hauptsächlich davon, dass der Witz der ursprünglichen Geschichten nicht verstanden werden konnte. Umgekehrt kann ein 'Ocean's'-Film mit weiblicher Besetzung eine gute Idee sein, weil es eine ganz eigene Geschichte zu erzählen gibt. Weibliche (Super-)Helden sind okay, wenn sie wie 'Wonder Woman' ihre eigene Geschichte haben, einen weiblichen James Bond aber braucht man so dringend wie eine männliche Version von 'Buffy the Vampire Slayer' ... Hollywood ist nicht politisch korrekt, Hollywood ist marktorientiert. Wenn der Markt nicht mehr von weißen heterosexuellen angelsächsischen Männern dominiert wird, dann ändern sich auch die Inhalte. Die Frage ist nur, tun sie es allein auf der Besetzungsoberfläche (ein chauvinistischer Held ist ein chauvinistischer Held, egal welche Hautfarbe und welches Geschlecht er oder sie hat), oder tun sie es in einer emanzipatorischen Form, also im Hinblick auf eine je eigene Geschichte. Disney will mit den neuen 'Star Wars'-Filmen nicht die Welt besser machen, Disney will Actionfiguren auch an Mädchen und an dunkelhäutige Kids verkaufen. Auf der anderen Seite geht der Wandel in den Disney-Filmen tief genug, um wirkliche Veränderungen der Heldenrollen zu gewähren. Nur mit PC hat das alles eher wenig zu tun, it's the economy, stupid."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - epd Film

Anlässlich des baldigen Kinostarts von "Black Panther" denkt Georg Seeßlen in einem Essay über die Figur des schwarzen Superhelden im Kontext afroamerikanischer und postkolonialer Erfahrungen  nach und wie sich in dieser besonderen Konstellation schwarzer Identität ein "afroamerikanischer Mythos" bestimmen lässt: Dieser ist von zwei Träumen bestimmt, "die sich gegenseitig ausschließen", doch stehen sie trotz ihres historisch eigenen Charakters "für das Empfinden aller Migranten, oder nahezu aller Menschen auf dieser Erde: Ist es möglich, in ein Reich, eine Sprache, eine Kultur des Ursprungs zurückzufinden, oder ein solches Reich, eine solche Heimat, eine Sprache, eine Kultur zu errichten, als utopischen Entwurf vielleicht? Oder ist es möglich, sich endgültig und richtig zu integrieren, vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden, in die man einst als Sklave verschlagen wurde? ... Die Zerrissenheit zwischen beiden 'Lösungen' von vertrauter Fremdheit spiegelt jeder afroamerikanische Held. Denn nur in der Rückschau, in der Rückkehr zu den ursprünglichen Gesten der Revolte wie in Tarantinos 'Django Unchained' ist 'Befreiung' bereits als Lösung zu sehen."

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - epd Film

In einem großen Essay umkreist Georg Seeßlen das politische Kino der letzten rund 20 Jahre, also etwa seit den ersten Verzeichnungen des neoliberalen Umbaus der globalen Gesellschaft bis zu heutigen Filmen über subalterne Lebensformen oder deren Perspektiven. Am Ende landet er bei einem dokumentarischen Kino, dessen Ingredienzien vom Kritiker gemessen und auf Reinheit geprüft werden können. Fiktion hat da keinen Platz mehr: "Was das politische Kino der zehner Jahre ausmacht, ist neben der Suche nach neuen Ausdrucksweisen und Produktionsformen auch eine Neubestimmung von dem, was man filmischen Realismus nennen mag. Denn es gilt, eine Verbindung zu schaffen zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen, eine Solidarisierung, die die Differenzen nicht leugnet. Jeder Film muss einen eigenen Weg finden, diesen Widerspruch zwischen dem Objekt und dem Objektiv zu überwinden. Jacques Audiards 'Dheepan' (2015) dreht sozusagen die Vermittlungsperspektive um, wenn er seine Geschichte aus dem Banlieue-Viertel Le Pré-Saint-Gervais mit den Augen von Flüchtlingen aus Sri Lanka sieht und in ihrer Logik zu entwickeln versucht. Das politische Kino der Zukunft wird nicht zuletzt daran arbeiten, die Zentralperspektive weißer, männlicher europäisch-amerikanischer Bildermacher zu überwinden."