Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 31

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - Eurozine

Agata Araszkiewicz und Agata Czarnacka blicken in einem aus Esprit übernommen Text auf die Situation der Frauen in Polen, die sich nicht erst unter der nationalkonservativen PiS-Regierung gravierend verschlechtert hat: "Tatsächlich sind die politischen Auseinandersetzungen um Frauenrechte das wichtigste Merkmal der polnischen Transformation. Die Transformation - in Bezug auf individuelle Rechte und bürgerliche Freiheiten, vor allem über den eigenen Körper - basierte in der Hauptsache auf zwei Entscheidungen: Die Religion in die Schule zurückzubringen und Abtreibungen zu verbieten, die in den 42 Jahren der Volksrepublik von 1947 bis 1989 voll zugänglich war. Die Frauenrechte auf dem Altar eines Nichtangriffspakts mit der Kirche zu opfern, die ein wichtiger sozialer Akteur im Kampf für Demokratie unter dem Kommunismus war, wurde zu einem Wesenszug der polnischen Modernisierung. Wie schon die Kulturtheoretiker Jan Sowa und Przemysław Czapliński schrieben, wird die Modernisierung häufig als infrastrukturelle oder technologische Verbesserung verstanden, ohne von einem fortschrittlichen Verständnis der Menschenrechte begleitet zu sein (vor allem nicht der Rechte von Frauen und Minderheiten). Die Freiheit des Einzelnen verkümmert - moralisch und exitenziell."

Außerdem: Man könnte zwar glatt glauben, dass viele Russen, Ungarn und Polen gerade ganz verrückt nach Abschottung in jeder Richtung sind, doch Julia Sonnevend meint, dass jedem Osteuropäer eine Art postsowjetische Angst vor Grenzen und Autoritäten in die DNS geschrieben sei.

Magazinrundschau vom 26.02.2019 - Eurozine

In einem aus der albanischen Zeitschrift Symbol übernommenen Interview mit Ag Apolloni spricht der spanische Schriftsteller Javier Cercas über seine Romane ohne Fiktion, die Dämonen der Geschichte und wie die spanische Literatur eine lateinamerikanische wurde: "Spanien hat keine substanzielle Romantradition - verglichen mit der englischen oder der französischen -, wir haben Cervantes, der nahezu ein Wunder war, nicht nur weil er den modernen Roman mehr oder weniger aus dem Nichts schuf, sondern auch weil er ihn praktisch ausschöpfte, wir finden im 'Don Quixote' in embryonischer Form alle oder fast alle zukunftigen Möglichkeiten der Gattung ... Zum Glück ist meine Tradition nicht Spanien, sondern, neben dem Universalen natürlich, das Spanische. Das heißt, dass der Argentinier Borges zu meiner Tradition gehört, der Mexikaner Rulfo und der Kolumbianer Garcia Márquez, denn sie alle schreiben in meiner Sprache. Ich halte mich für daher für ziemlich privilegiert, die narrative Tradition des Spanischen ist durch die lateinamerikanischen Erzähler im zwanzigsten Jahrhundert unermesslich bereichert worden. Tatsächlich haben ja erst diese großen Schriftsteller - angefangen bei Borges, der für mich der größte überhaupt ist - das spanische Erzählen so herausragend gemacht haben wie es zuvor nur unter Cervantes war." Cercas sagt auch, dass die "Garantie für das Überleben des Romans in seiner eigenen Natur liegt, einer Natur, die endlos frei, formbar, anpassungsfähig ist, was bedeutet, dass sich der Roman kontinuierlich verändern kann, während er gleichzeitig von anderen Formen genährt wird. In der Tat kann man die Geschichte des Romans so lesen: Mit Balzac assimilierte er die Geschichte, mit Flaubert die Poesie, mit den großen deutschen Schriftstellern der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts den Essay, und in letzter Zeit scheint es, als wolle er den Journalismus assimilieren, usw. Das ist der Roman: ein allesfressendes, mutierendes Monster, das sich verändert, wenn es andere Genres assimiliert, und seine eigenen Grenzen erweitert. Man sagte mir, meine Romane hätten etwas von Chroniken, von Philosophie, von Geschichte, von Biographie, von Autobiographie, und das ist alles wahr, aber es liegt eben daran, dass der Roman von sich aus das Miteinander der Genres zulässt, die sich dann gegenseitig nähren."

Magazinrundschau vom 19.02.2019 - Eurozine

Eurozine bringt eine geraffte Version der Democracy Lecture, die Richard Sennett für die Blätter für deutsche und internationale Politik gehalten hat. Sennetts Vortrag war ein großes Plädoyer für die offene Stadt und gegen geschlossene Systeme, für Komplexität und gegen Klarheit, für Inklusion und gegen Schönheit. Vor allem huldigt er einer Stadt, in der Menschen anders sein können, nicht im "netten liberalen Sinne" anders, sondern richtig, verstörend anders: "Das Geschlossene zeigt sich heute vor allem darin, dass Menschen nicht mehr glauben, mit Komplexität klarzukommen, mit Unterschieden, mit Menschen, die man nicht mag, und Situationen, die man nicht kennt. Diese Unfähigkeit, mit Abweichungen klarzukommen kommt einer kapitalistischen Ökonomie zugute, die davon profitiert, dass die Leute nur noch wollen, was bequem und gewohnt ist. Ich will gar nicht über Facebook sprechen, aber es ist offensichtlich, dass Facebook ein System der Geschlossenheit ist, mit seiner davon profitierenden Vampir-Technologie. Städte können für Menschen eine Schule sein, sich kompetenter zu fühlen. Gerade wegen ihrer Komplexität ermöglichen Städte den Menschen, die in ihnen leben, sich kompetenter zu fühlen, klarzukommen, nicht gleich die Fassung zu verlieren, wenn man einen Schwarzen, einen Flüchtling auf der Straße sieht. Ein Großteil unserer politischen Probleme resultiert aus diesem Zusammenwirken von einem ersehnten Rückzug und einer Ökonomie, die aus der Personalisierung Kapital schlägt, aus der Bequemlichkeit, aus der leichten Bedienbarkeit. Nutzerfreundlichkeit ist eine schreckliche, wirklich schreckliche Idee. Nutzerfreundlichkeit bedeutet, dass man keine Stimulation bekommt. Eine Stadt sollte nicht benutzerfreundlich sein. Sie sollte in Ort sein, an dem man lernt, mit schwierigen Situationen und mit anderen Menschen umzugehen - das macht sie offen."

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - Eurozine

Open Democray setzt seine Recherchen in Sachen Brexit-Finanzierung fort. Einer der wichtigsten Geldgeber von Nigel Farrages Leave.EU-Kampagne war Arron Banks, der mit seinen Geldern in den britischen Steueroasen großes Interesse daran hat, der ach so regelungswütigen EU zu entkommen. Aber auch die Vote.Leave-Kampagne der Regierung hatte recht undurchsichtige Geldquellen, wie Adam Ramsay berichtet. Einer führt über die nordirische DUP und den recht schillernden Vizevorsitzenden der schottischen Konservativen, Richard Cook: "Wir fanden heraus, dass Richard Cook 2013 eine Firma mit Nawwaf bin Abdulaziz al Saud gegründet hatte, dem früheren Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes, und einem Mann namens Peter Haestrup, der zugab, 1995 Hunderte von Kalaschnikows an Hindu-Terroristen nach Westbengalen geliefert zu haben - auch wenn er auf Verbindungen zum Geheimdienst hindeutet und meinem Kollegen Peter Geoghegan gegenüber erklärte, dass er 'diesmal auf der richtigen Seite' stehe. Wir wissen, dass Cook, während er angeblich im Recycling-Geschäft war, von den britischen Behörden die illegale Verschiebung von 250 Tonnen alter Autoreifen vorgeworfen wurde, die mit falschen Papieren versehen und einfach in Indien abgeladen worden waren. Wir wissen, dass er vor einem kalifornischen Gericht stand, weil er wegen offener Rechnungen in Höhe von 1,5 Millionen Dollar gegenüber einer internationalen Transportfirma vor Gericht stand. Wir wissen, dass eine seiner Firmen, die Konkurs ging und den britischen Steuerbehörden 150.000 Pfund schuldig blieb, auf einer Bank in Kambodscha fünf Millionen in Gold hortet. Und da die BBC unsere Recherchen aufgegriffen hat, wissen wir jetzt auch, dass die Hunderte Tonnen ukrainischer Eisenbahnschienen nie existiert haben, die er zusammen mit einem überführten deutschen Betrüger recycelt haben will. Die Wahlkommission sollte eigentlich wissen, woher das Bargeld der DUP kommt und behauptet, dies auch zu tun, aber nicht preisgeben zu dürfen. Doch jüngste Dokumente lassen daran Zweifel aufkommen. Ihre Nachforschungen scheinen sich darauf beschränkt zu haben, Richard Cook zu fragen, woher er das Geld hat und ihm seine Antworten zu glauben."

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - Eurozine

Andrej Soldatow ist ein investigativer russischer Journalist, Mitbegründer des Blogs Agentura.ru, das sich mit russischen Geheimdiensten befasst. Er erzählt in einem Originalbeitrag für Eurozine die Geschichte des Internets in Russland seit den frühen Neunzigern, die auch eine Geschichte des Missbrauchs des Internets ist. Seine These ist, dass das frühe Internet bessere Empfehlungsmechanismen über Vertrauen hatte, während es im Zeitalter der sozialen Medien nur noch über die Menge der "Shares" läuft. Auch der Privilegierung seriöser Medien, die Facebook gegen Fake News einzusetzen behauptet, traut er nicht: "Das Konzept des öffentlichen Vertrauens ist so stark beschädigt, dass solche Versuche auch nichts mehr verändern. Wer würde denn heute Facebook noch glauben, dass es hinreichend ehrlich, intelligent und transparent ist, um Medien richtig zu hierarchisieren? Und warum sollte man die Entscheidung über die Hierarchisierung Facebook überlassen? Noch wichtiger ist aber die Feststellung, dass diese Methode keine Antwort auf die Frage bietet, was zu tun ist, wenn Millionen Menschen Fake News oder Beleidigungen weiterleiten. Die Vox Populi kann nicht ignoriert oder verboten werden, auch nicht ihr hässlicher Teil. Und in der schönen neuen Welt kann sie auch rein technisch nicht aus dem Internet entfernt werden."

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - Eurozine

Der in Prag lehrende Politologe Mark Galeotti untersucht (ursprünglich für die bulgarische Zeitschrift Critique & Humanism) die Art der russischen Einflussnahme, die alle westlichen Länder in den letzten Jahren heimgesucht hat und macht - auch unter Zitierung russischer Militärzeitschriften - klar, dass die Russen diese Einflussnahme als "Krieg" verstehen. Es kommt in Putins Doktrin auf die politische Wirkungen an, nicht auf die Mittel, so Galeotti. Aber er weiß auch eine Abwehr: "In vielerlei Hinsicht ist die beste Abschreckung gegen die Form des 'politischen Krieges' nicht so sehr eine direkte Reaktion - obwohl sie zweifellos ihren Platz haben kann -, sondern die Schaffung eines ausreichenden gesellschaftlichen Widerstands, so dass die Subversion wahrscheinlich scheitern wird. Der Kreml ist pragmatisch, und er wird keine politischen und wirtschaftlichen Ressourcen für unrealistische Operationen verschwenden, die zu peinlichem Scheitern verurteilt sind. Wenn das Schlachtfeld also im Bereich des guten Funktionierens von Regierung und Gesellschaft, der Governance, liegt, dann werden sich die Waffen und Maßnahmen erheblich von üblicher Kriegsführung unterscheiden: Entscheidend sind effektive Abwehrdienste, angemessene Aufsicht über den Geldfluss und ernsthafte Kontrolle der Korruption im eigenen Land, Medienbewusstsein für eine neue Generation von Bürgern, um sie weniger anfällig für Manipulationen aus welcher Quelle auch immer zu machen, und vor allem Bemühungen, die Wirksamkeit und damit Legitimität bestehender politischer Strukturen zu erhöhen."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Eurozine

Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, großer Fan politischer Leidenschaften, erklärt in Critique and Humanism, warum sie mehr Populismus in der Politik will, mehr Affekte und echte Gegnerschaft: "In progressiver Form stellt der Populismus nicht eine Perversion der Demokratie dar, sondern das beste Mittel zu ihrer Verteidigung. Das größte Hindernis für eine populistische Politik ist jedoch, dass die meisten linken Parteien nicht verstehen, welche Rolle allgemeine Affekte für politische Identitäten spielen und welche Bedeutung Leidenschaften haben, um sie in eine demokratische Richtung zu bewegen. Sie stehen unter dem Einfluss der dominierenden Strömung in der politischen Theorie, derzufolge Leidenschaften aus demokratischer Politik herausgehalten werden und Politik sich auf rationale Argumente und wohlüberlegte Prozeduren beschränken sollte. Vor allem hieraus entspringt die Feindschaft der Liberaldemokraten gegenüber dem Populismus, aber darum sind sie auch unfähig, auf den Rechtspopulismus zu reagieren. Dessen Bewegungen wissen, dass Politik immer in verschiedene Lager trennt und dass sie die Schaffung eines Wir/Sie-Gegenübers braucht. Sie wissen, dass man die Affekte mobilisieren muss, um kollektive politische Identitäten zu konstruieren."

Weiteres: In New Eastern Europe wirft Agnieszka Pikulicka-Wilczewska einen Blick auf das Bitocoin-Geschäft in Russland.
Stichwörter: Populismus, Rechtspopulismus

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - Eurozine

Eurozine übernimmt aus Osteuropa einen Artikel, in dem die Soziologin Marta Bucholc und der Jurist Maciej Komornik noch einmal Punkt für Punkt die polnische Justizreform diskutieren, die Argumente der polnischen Regierung berücksichtigen und mit anderen Ländern vergleichen. Und obwohl sie zugeben, dass die polnische Justiz zu Recht als dysfunktional eingestuft wird, ziehen sie am Ende ein erwartungsgemäß verheerendes Fazit: "Die PiS sieht im Pluralismus ein Problem. Wo immer möglich, zielt sie darauf, Diversität auszulöschen. Pluralismus in Poland war der Verfassung von 1997 eingeschrieben, die ihren Ursprung nach auf den Geist des Rundes Tischs von 1989 zurückgeht. Anders als Fidesz in Ungarn hat die PiS die Verfassung nicht durch eine andere ersetzt. Aber sie versucht, sie als 'reinen, erstarrten Postkommunismus' zu diskreditieren und am Ende aufzuheben. Die PiS will mit der Justizreform die letzten Überreste von Postkommunismus tilgen. Sie ist ein Schlüsselelement in der Ideologie des 'Wandel zum Besseren', bei dem es vor allem darum geht, den Staat von seinen angeblichen Feinden zu säubern, Schlüsselpositionen im Staatsapparat mit den eigenen Leuten zu besetzen und den institutionellen Pluralismus auszuradieren, der einer Gewaltenteilung innewohnt."

Osteuropa selbst bringt in seinem Sonderheft zu Georgien einen sehr instruktiven Artikel des Philosophen Giga Zedania über Georgien als autokratische Demokratie, die Konkurrenz zweier Eliten und die Gleichzeitigkeit von Moderne und mittelterlichen Traditionen.

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Eurozine

Slowenien rangiert in Fragen der Geschlechtergleichstellung weltweit auf Platz sieben, hinter den skandinavischen Staaten und Kanada. Die Feministin, Psychologin und langjährige Parlamentsabgeordnete, Metka Mencin Čeplak sieht darin durchaus ein Erbe staatlicher sozialistischer Frauenpolitik, wie sie im Interview mit der Zeitschrift Dialogi erklärt, das bei Eurozine auf Englisch erscheint. Heute fürchtet sie eine Retraditionalisierung der Rollenbilder und den Verlust von egalitären Triebkräften im Feminismus: "Ich bin heute viel skeptischer als früher, was die Institutionalisierung von Frauenpolitik angeht. Ich glaube zwar immer noch, dass es für Regierungen und öffentliche Einrichtungen essentiell ist, sich von Zielen und Regeln der Gleichstellung leiten zu lassen. Aber zugleich wird mir auch immer klarer, dass die Institutionalisierung zugleich Anfang und Ende einer Gleichstellungspolitik ist, wenn wir nicht wachsam bleiben und aufpassen, dass unsere Forderungen heruntergeschraubt werden. Und ich glaube, dass wir zurückfallen, wenn wir übersehen, wie schädlich sich der Kapitalismus auswirkt. Ich bin heute viel skeptischer gegenüber dem liberalen Feminismus, mit seinem Fokus auf das zahlenmäßige Verhältnis von Männern und Frauen in privilegierten Positionen, während er zugleich Klasse und andere Achsen von Ungleichheit und Unterwerfung übersieht."

Nicolas Léger liest in einem aus Esprit übernommenen Text Michel Houellebecq und Virginie Despentes parallel und erkennt in ihnen die großen Chronisten des modernen inegalitären Frankreichs: "Obwohl Houellebecqs kalter analytischer Stil des Überdrusses als das genaue Gegenteil von Despentes schwungvoller, wild musikalischer Prosa erscheint, arbeiten beide an derselben Aufgabe: Sie bieten in ihren Panoramen luzide Fresken einer Desillusionierung, die in den achtziger Jahren aufkam. Beide Autoren füllen ihre Sprache mit dem Atem und der Atemlosigkeit einer Generation, die immer schon wusste, dass sie verloren war. Das Individuum mag König sein, doch es ist eine König ohne Kleider, Herrscher über eine emotionale und existenzielle Wüste: allein und in betäubendem Komfort sterbend, außer wenn er zerschlagen und ausgeschlossen wird. Ratlos taumelt das Individuum durch die inegalitäre Welt, seiner eigenen Ohnmacht bewusst, oder schlimmer noch: ohne jedes Interesse, sich gegen die hegemoniale Ordnung und den permanenten Zustand sozialer Gewalt aufzulehnen."

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - Eurozine

Auf den Seiten von Eurozine verrät der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch etwas über das europäische Element in den Künsten in Weißrussland, das unter der Oberfläche des überkommenen sowjetischen Konservatismus rumort, Vorbote einer neuen weißrussischen Kultur, die bald schon international auftrumpfen wird, meint er: "Es mag paradox klingen, aber aufgrund meiner Beobachtung der gegenwärtigen Wirklichkeit, wage ich zu behaupten, dass das sowjetische Projekt in der weißrussischen Kultur die kommenden 20 Jahre nicht überleben wird. Dass heute in Weißrussland Künstler arbeiten, die die europäische Linie in der weißrussischen Kultur repräsentieren, ist das Ergebnis einer Desintegration früherer Mechanismen. Ein ähnlicher Prozess ist dafür verantwortlich, dass die Arbeit des sowjetischen und kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow in andere Sprachen übersetzt wurde: Er war Teil des Sowjet-Kultur-Projekts, für das er eintrat. Das Gleiche gilt für Wassil Bykau, Uladzimir Karatkewitsch und weitere. Auf eine Art ist der wohlverdiente Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch das Resultat ihrer Beziehung zu sowjetischen Umständen und dem System. Bisher spricht die neue Generation von Schriftstellern durch ihre Kunst über Themen, die für Europäer noch fremd klingen. Doch die jüngste Geschichte der Ukrainischen Literatur mit Namen wie Juri Andruchowytsch und Serhij Zhadan hat bewiesen, dass der Zugang zu einem breiteren europäischen Publikum auch Autoren möglich ist, die nicht notwendigerweise in der späten Sowjetzeit geschrieben haben. Daher möchte ich mit einer optimistischen Prognose schließen: Es ist gut möglich, dass es tolle in Weißrussland geborene Künstler gibt, deren Schicksal es nicht sein wird, auswandern zu müssen."