Magazinrundschau - Archiv

Granta

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Magazinrundschau vom 11.11.2025 - Granta

Grantas neue Ausgabe ist den indischen Sprachen gewidmet. Hintergrund ist, dass indische Autoren nicht mehr auf Englisch schreiben müssen, um in ihrem eigenen Land mit seinen allein 23 Amtsprachen gelesen oder international wahrgenommen zu werden (hier Thomas Meaneys Einführung). Eine sehr gute Entwicklung, findet Salman Rushdie im Interview: "Ich denke, es sind drei Dinge passiert. Erstens ist die Verlagsbranche in Indien mittlerweile viel etablierter. Sie ist größer als je zuvor. Zweitens fängt man an, zu übersetzen. Eines der großen Probleme in Indien war immer die Übersetzung zwischen den indischen Sprachen. Wenn man auf Bengali schrieb, konnte niemand auf Hindi lesen, was auch für Tagore galt. Die vorhandenen Übersetzungen waren oft nicht besonders gut. All das hat sich stark verbessert, sodass die Menschen nicht mehr auf die gleiche Weise auf den Sprachraum beschränkt sind - sie können Grenzen überschreiten, so wie Englisch Grenzen überschreitet. Und drittens hat sich das Schreiben in englischer Sprache in so vielen Formen verbreitet; es sind nicht mehr nur literarische Romane. Jetzt gibt es Trivialliteratur, Liebesromane, erotische Romane, sodass das Spektrum des Verlagswesens viel breiter geworden ist, was gesünder ist. Ich glaube, junge Schriftsteller, die heute in Indien anfangen, empfinden vielleicht nicht mehr das, was ich empfunden habe, nämlich dass ich dort eigentlich nicht anfangen konnte, weil es keine literarische Welt gab. Jetzt gibt es eine literarische Welt."

Einfach ist es allerdings nicht, gibt der Übersetzer Jerry Pinto zu: "In Indien bedeutet Übersetzen, sich dieser verschiedenen Ebenen bewusst zu sein - Religion, Kaste, Klasse, Region, Geschlecht. Es ist ein Land, in dem vier große Religionen entstanden sind, in das das Christentum noch vor Rom gelangte und in dem die drittgrößte muslimische Bevölkerung der Welt lebt. Man beginnt mit einem einzigen Buchstaben - रे - und bewegt sich schließlich durch Kasten, Klassen und Zugehörigkeiten."

Was man allerdings komplett vergessen kann, ist die Reinheit einer Sprache, meint der Autor Aatish Taseer, selbst halb Inder, halb Pakistani. "Hindi und Urdu sind wie zwei fließende, sich wandelnde Schwestern, Yin und Yang, von denen jede einen Teil der anderen in sich trägt. Ihre Syntax und Struktur sind identisch, aber während Urdu seinen Wortschatz aus dem Persischen und Arabischen bezieht, hat sich Hindi im Indien nach der Teilung sanskritisiert", so Taseer, der selbst spät Urdu lernte. "Zafar Moradabadi, mein Dichterlehrer, war ein zierlicher Mann in einem Safari-Anzug, Sonnenbrille und weißer Schirmmütze. Er war voller Trauer über die Spaltung der Sprache in religiöse Lager. Aber trotz all seiner Melancholie lehnte er die Idee ab, Urdu in Devanagari-Schrift zu schreiben - was in Indien seit Jahrzehnten praktiziert wird. 'Eine Schrift', sagte er und reagierte gereizt auf meine Unverschämtheit, 'enthält den Geist einer Sprache.' Obwohl er es nicht gutheißen wollte, dass Urdu in Hindi geschrieben wurde, war er fest davon überzeugt, dass die Seele des Urdu nicht in seiner Reinheit, sondern in seiner Umgangssprache lag. Er erzählte gerne die Geschichte eines englischen Verwaltungsbeamten, der behauptete, das Urdu perfekt zu beherrschen, und sich einem Dichter näherte, um mit seiner Leistung zu prahlen. 'Dann wissen Sie doch sicher, was ein Divot ist?', fragte der Dichter. Der Engländer war verwirrt. Der Dichter wollte ihm klar machen, dass dieses alltägliche englische Wort genauso viel Recht hatte, Teil des Urdu-Wortschatzes zu sein wie großartige Wörter aus dem Persischen und Arabischen. Ich erinnere mich, dass ich einmal den Urdu-Texter Javed Akhtar fragte, ob ich für 'Tod' das Hindi-Wort dehant oder das Urdu-Wort inteqal verwenden sollte. Javed sah mich entsetzt an. 'Du darfst nur das englische Wort death verwenden', sagte er, 'unki death ho gayi - ihr Tod ist eingetreten.' Urdu war die Antwort auf das Rätsel der dreiteiligen Geschichte Indiens - britisch, muslimisch, hinduistisch. Seine Lebendigkeit bezog es aus seiner Fähigkeit, sich an den natürlichen Sprachgebrauch jeder neuen Zeit anzupassen."

Hier das Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe: Noch sind viele Artikel freigeschaltet, das wird sich vermutlich bald ändern.

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - Granta

Granta hat seine neue Ausgabe China und der zeitgenössischen chinesischen Literatur gewidmet. Das positive Bild, das Redakteur Thomas Meaney in seinem Editorial von China zeichnet, passt nicht ganz dazu, wie der Übersetzer und Journalist Wu Qi im Interview über die literarische Kultur und Szene im heutigen China die Situation am Ende resümiert: "Insgesamt ist die literarische Unabhängigkeit immer noch unser ungelöstes Thema." Wu Qi spricht aber auch darüber, dass es einige neue Autoren in China gibt, die aus der Arbeiterklasse  kommen und von ihrem Leben und der Arbeit in den Fabriken erzählen. Einer von ihnen ist der Dichter Xiao Hai, der sechzehn Jahre lang in Fabriken an der Südküste gearbeitet hat: Zum ersten Mal in Shenzen, wo er 2000 als 15-jähriger Junge ankam, um Geld für seine Familie zu verdienen, wie er erzählt. "Mann, war ich glücklich - ich war voller Hoffnung auf mein neues Leben und die immensen Möglichkeiten, die sich mir boten, und ich vergaß völlig, dass ich in einer Fabrik arbeitete und fast jeden Tag Überstunden machen musste. Die Abendbrise trug den Gestank von verbranntem Plastik über das gesamte Fabrikgelände, aber alles, was ich riechen konnte, war Neuheit und Aufregung. So begann ein neues Kapitel in meinem Leben, in dem ich mich von einem fünfzehnjährigen Trottel in einen abgestumpften Mann in den Dreißigern verwandelte, der in Fabriken arbeitete, die mich in jeden Winkel des Landes führten." Nach zwei Monaten - einen Monatslohn behielt die Firma immer als Kaution ein - erhielt Xiao Hai seinen ersten Gehaltsscheck und konnte seine Eltern anrufen. "Ich rief meine Familie immer nach dem Mittagessen an - wenn ich bis zum Ende meiner Abendschicht gewartet hätte, wäre es zu spät gewesen. Diese Mittagspausen waren die zweitschönsten Momente während meiner Zeit in der Fabrik, nur übertroffen von der Auszahlung meines Lohns. Diese langen Gespräche dauerten manchmal mehr als eine halbe Stunde, und ich legte nicht auf, bis es Zeit war, wieder zur Arbeit zu gehen. Ich war immer froh, die Stimmen meiner Eltern zu hören, viel froher als heute, wenn ich mit ihnen spreche. In den letzten Jahren sprechen wir nicht einmal mehr zweimal im Monat miteinander, und ich fürchte mich immer, wenn ihre Nummer auf dem Display meines Telefons erscheint. Wenn ich mit ihnen spreche, werde ich unruhig, weil uns schnell der Gesprächsstoff ausgeht, und sie fragen mich immer, ob ich eine Freundin habe. Die Antwort ist immer nein. Und jedes Mal, wenn sie Und jedes Mal, wenn sie mich fragen, verliere ich ein wenig die Zuversicht, einen zu finden."

Lesen darf man außerdem Erzählungen von Yan Lianke, Mo Yan, Zhang Yueran, Shuang Xuetao und Yu Hua.

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - Granta

Der Autor James Pogue fährt nach Chamy, in die sogenannte "Goldhauptstadt der Sahara". Seit mehr als fünfzehn Jahren war Pogue, der früher als Logistikchef in Mauretanien arbeitete, nicht mehr im Land - doch seit in der Sahara Gold gefunden wurde, hat sich einiges verändert, die Wirtschaft floriert. Das Wüstengold finanziert allerdings auch den Terrorismus in der instabilen Region, erfährt er: "'Das meiste Gold wird tatsächlich geschmuggelt', sagte Vaissal. Man kann sehen, warum - weil die Schmuggler das illegale Gold für mehr als den realen Preis kaufen. Also wollen die Leute es ihnen verkaufen, und diese können das Geld waschen.' Dies entsprach fast genau dem, was ich gerade in einem UN-Bericht darüber gelesen hatte, wie der Goldhandel bewaffnete Gruppen in der Sahelzone finanziert. Die Händler zahlen in der Regel einen Aufschlag von 5 bis 10 Prozent, um Geld zu waschen, und erhalten im Gegenzug einen Vermögenswert, der leicht transportiert und auf den internationalen Märkten gehandelt werden kann." In fünf Jahren hat sich das BIP des Landes verdoppelt, erzählt der Oppositionsabgeordnete Yahya Loud Pogue, aber "die meisten Mauretanier sehen davon nichts. Der größte Teil des Goldes geht jetzt über den illegalen Handel aus dem Land. Sie schicken es nach Mali und es findet seinen Weg mit einem Emirates-Flug nach Dubai. Das nennt man einen 'Goldflug'. Dubais Beamte bestreiten dies, aber das Emirat, das seit langem ein Anlaufpunkt für afrikanische Händler ist, die hier Autoteile oder Elektronik kaufen, wurde von rivalisierenden Raffineriezentren wie der Schweiz beschuldigt, gefälschte Dokumente zu akzeptieren, die die Herkunft des geschmuggelten Goldes verschleiern. Die Raffinerien dort sind von den unreinen Goldblöcken, die aus Bamako kommen, begeistert. 'Die Käufer in Dubai schätzen minderwertige Barren aus afrikanischem Gold', heißt es in einem Bericht, denn 'Edelmetalle wie Silber, Palladium und Platin können zehn Prozent der ursprünglichen Masse eines Barrens ausmachen'…Eine einzige Tonne Gold ist zu heutigen Preisen etwa 67 Millionen Dollar wert. Der Koffertransport stellt also eine enorme Geldsumme dar, insbesondere in diesem Teil der Welt."

Magazinrundschau vom 30.04.2024 - Granta

In der neuen Ausgabe von Granta berichtet James Pogue über die Aktivitäten der russischen Gruppe Wagner in der Zentralafrikanischen Republik, einem Land, das inzwischen weitgehend unter russischem Einfluss steht. Auch dank der gnadenlos brutalen Wagner-Methoden: "Außerdem hat Wagner 5000 lokale Kämpfer rekrutiert. 'Wir nennen sie die schwarzen Russen,' sagt ein Botschaftsangestellter in Bangui, 'sie sind die furchteinflößendsten überhaupt.' Viele Kämpfer der Rebellen sind Muslime, Wagner scheint sich laut der Watchdog-Gruppe The Sentry, bei der Rekrutierung auf die traditionell halbnomadische ethnische Gruppe der Peul zu konzentrieren. Die Wagner-Söldner befehlen den mit ihnen kämpfenden zentralafrikanischen Truppen, Frauen und nicht kampfeswillige Kameraden in Gruppen zu vergewaltigen. 'Sie wälzen alle Schuld auf die Peul ab', berichtet mir Alain Nzilo, der Gründer der Nachrichtenseite Corbeau News Centrafrique (CNC), die in der Zentralafrikanischen Republik seit dem Jahr 2021 verboten ist. 'Da draußen gibt es keine Journalisten, keine Medien', meint er, 'gerade erst in Bocaranga, vor zwei Wochen, haben sie zwei Leute getötet, ein Mädchen vergewaltigt. Im Busch sind Wagner die Könige.'"

Anjan Sundaram bewegt sich durch hochgradig unsicheres Gebiet in den mexikanischen Bergen zwischen Drogenkartellen, lokalen Anti-Kartell-Milizen und einem überforderten Staat. Unter anderem geht es in der durchaus actionreichen Reportage um die Suche nach vermissten Aktivisten. Aber was macht die Kartelle überhaupt so erfolgreich? "Sobald die Kartelle eine Gegend betreten, rekrutieren sie junge Leute und Kinder als Drogendealer. Normalerweise verkaufen sie die Drogen in Liquor Stores. Der Jugend wird Reichtum versprochen, wenn sie sich nur im Kartell nach oben durcharbeiten. Örtliche Lieder verherrlichen die Sicario, beziehungsweise Auftragskiller, und die Anführer der Plazas, der Gegenden, die die Kartelle kontrollieren. Die meisten Rekruten sind unterprivilegierte junge Männer, die in der modernen mexikanischen Gesellschaft nicht viel zu melden haben. Die Kartelle sind eine Chance, in die mexikanische Oberklasse vorzustoßen. Kartelle sehen Schutzgeldringe und Schmuggel als Mittel, um Vermögen von den Reichen zu den Armen zu verlagern. Die Kartelle ermöglichen es ihren Angehörigen, in Mexikos edelsten Restaurants zu speisen, Deals mit führenden Politikern abzuschließen und mit Rockstars sowie Schauspielern zu feiern."

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - Granta

Jürgen Habermas will die Ukraine zwar unterstützen, aber mit dem Ziel, möglichst schnell in Verhandlungen einzutreten. Im Gespräch mit Thomas Meaney, das im Juli geführt wurde, kommt er zurück auf die Debatte, die er in Deutschland ausgelöst hatte - und bleibt bei seiner Position: "Die westlichen Regierungen wollen eine formelle Beteiligung an dem Krieg vermeiden. Was mich jedoch von Anfang an beunruhigt hat, ist die fehlende Perspektive. Sie versichern der Ukraine immer wieder unbegrenzte militärische Unterstützung bis zu dieser Schwelle, ohne jedoch ihre eigenen politischen Ziele zu erklären. Offiziell überlassen sie alles andere der ukrainischen Regierung und ihren Soldaten. Diese fehlende öffentliche Artikulation politischer Ziele ist umso unverständlicher, je mehr der Verlauf des Krieges zeigt, wie sich die geopolitischen Konstellationen zu Ungunsten der im Niedergang befindlichen Supermacht USA und der international handlungsunfähigen EU verändern. Deshalb habe ich im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz in einem weiteren Artikel in der Süddeutschen Zeitung - 'Ein Plädoyer für Verhandlungen' (unser Resümee) - daran erinnert, dass der Westen mit der militärischen Hilfe, die letztlich die Verlängerung des Krieges ermöglicht, eine moralische Mitverantwortung übernommen hat. Ganz abgesehen von der Entschlossenheit der Ukrainer, sich der Invasion zu widersetzen, trägt der Westen mit seiner logistischen Unterstützung und seinen Waffensystemen eine moralische Mitverantwortung für die täglichen Opfer des Krieges - für alle zusätzlichen Toten und Verletzten und alle zusätzlichen Zerstörungen von Krankenhäusern und wichtiger Infrastruktur. Es wäre daher kein Verrat an der Ukraine, sondern eine klare normative Forderung, wenn die Vereinigten Staaten und Europa darauf bestehen würden, alle Möglichkeiten für einen Waffenstillstand und einen gesichtswahrenden Kompromiss für beide Seiten auszuloten."

In dieser Ausgabe, die übrigens Deutschland gewidmet ist, gibt es auch ein sehr sehr langes Gespräch mit Eyal Weizman, Gründer von Forensic Architecture, und die Veranstaltungskuratorin und Aktivistin Emily Dische-Becker, die die Erinnerungskultur in Deutschland kritisieren, weil sie das Judentum "mystifiziere", der rechten Regierung in Israel in die Hände spiele und nicht akzeptiere, dass der Holocaust nur ein Unterfall des Kolonialismus sei. "Es ist nun offensichtlich, dass das Thema Antisemitismus ein Laboratorium für eine umfassendere antidemokratische Politik darstellt und als Präzedenzfall für das Verbot anderer Protestformen dient", ist Dische-Becker überzeugt. "Erst wurden die palästinensischen Demonstrationen aufgelöst, jetzt werden andere Demonstrationen der Linken verhindert. So hat die Regierung beispielsweise begonnen, mit Maßnahmen wie Präventivhaft gegen Umweltaktivisten vorzugehen." Was Dische-Becker allerdings mit keinem Wort erwähnt, ist der Slogan, der jahrelang bei propalästinensischen Demonstrationen gerufen wurde, bis es der trägen deutschen Öffentlichkeit mal auffiel: "Hamas, Hamas, Juden ins Gas."

In einem zweiten, ebenfalls sehr langen Gespräch mit Weizman und Dische-Becker, das nach dem 7. Oktober geführt wurde, bekennt Weizman: "Als Nachkomme einer Familie von Pogrom- und Holocaust-Überlebenden kann ich nicht leugnen, dass die Ermordung von Familien aus nächster Nähe emotional sehr aufwühlend war. Aber das Trauma, das auch ich erlebe, kann die Verantwortung der historischen Analyse nicht ersetzen. Die israelische Gesellschaft scheint im 7. Oktober festzustecken, wie in einer endlosen Gegenwart. ... Das Trauma erzeugt einen metageschichtlichen psychologischen Zustand der permanenten Verfolgung. Das ist sehr gefährlich, vor allem, wenn Israel eine so große Armee hat, mit so viel internationaler Unterstützung und einer Vernichtungsmentalität. Israelische und deutsche Politiker sagen: 'Nie wieder ist jetzt'. Das artet in eine groteske Parodie des historischen Gedächtnisses aus, wenn der israelische Botschafter bei der UNO mit einem Davidstern als Rechtfertigung für die Vernichtung des Gazastreifens dasteht und die völkermörderischen Aussagen der israelischen Regierung und Armee wiederholt. ... Der Tag nach diesem Krieg wird nicht viel anders sein als der Tag davor, solange wir nicht die Frage der Befreiung und Gleichheit der Palästinenser adressieren. Dass Palästinenser Rechte haben über Palästina? Das ist nicht die Frage, sondern das Ziel unseres Kampfes. Eine andere Frage ist: Welche Rechte haben Juden in Palästina?"

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Granta

Arthur Asseraf ist Historiker und Franzose mit marokkanischen Vorfahren. Zwischen beidem tut sich für ihn eine seltsame Verbindung auf, als seine Großmutter und später sein Vater an Demenz erkranken, erzählt er in einem sehr lesenswerten Essay für die Onlineausgabe. Seine marokkanische Großmutter kam ihm schon als Kind vor "wie ein Alien. Damals dachte ich, ich könnte ihre Geschichten nicht verstehen, weil ich zu jung war." Um ihre Geschichten besser zu verstehen, wurde er Historiker und lernte, Geschichte aus der Distanz zu betrachten. Damit stellte sich nicht nur Kontext her, die Distanz half ihm auch zu verstehen und darüber zu sprechen, dass seine Großmutter, Tochter einer jüdischen Familie, eine Rassistin war. "Ihre Familie lebte in Marokko, soweit wir sie zurückverfolgen können. Und als die Franzosen kamen, öffneten sie ihren Mund für den Kolonialismus, aßen ihn, verdauten ihn und machten ihn sich zu eigen. Als sie mir sagte, sie sei nach Frankreich 'zurückgekehrt', als sie 1956 ihre Heimat Marokko verließ, war das keine Lüge: In ihrer Vorstellung hatte sie ihr ganzes Leben in einem imaginären Frankreich gelebt. ... Ich wollte mit dieser Welt nichts zu tun haben. Ich analysierte sie aus der Ferne. Auf Konferenzen stand ich vor Rednerpulten und konnte den Leuten ihre Vergangenheit besser erzählen als sie selbst." Bis er nach einer Panikattacke seiner Großmutter, die glaubte, man wolle ihn in ein Konzentrationslager verschleppen, begriff, dass sie - und später sein Vater - ganz in der Vergangenheit lebte, die plötzlich unmittelbar anschaulich wurde: "Als Historiker wird uns gesagt, dass eine ernsthafte Beschäftigung mit der Vergangenheit bedeutet, sich von der Gegenwart zu entfernen. Wie alle Formen der Isolation von der Welt, vom Mönchstum bis zur Zwangseinweisung, kann dies Trost oder Schmerz bringen. Aber während mein Vater langsam stirbt, fällt es mir immer schwerer, diesem Grundsatz zu folgen. Ich möchte nicht in einer anderen Zeit leben als er. Es gibt mehr als eine Möglichkeit, von der Gegenwart aus in die Vergangenheit zu gelangen. Man kann einen alten Briefumschlag öffnen und spüren, wie die Worte darin über die Lippen kommen; man kann versuchen, das genaue Rezept der Tajine seiner Großmutter wieder aufleben zu lassen, um es im Mund zu spüren. Ich würde gerne glauben, dass die Beobachtung, wie die Menschen, die ich am meisten liebe, den Verstand verlieren, mich zu einem besseren Historiker gemacht hat als meine Diplome und Bücher. Vielleicht müssen die Fähigkeiten, die ich so lange in der Schule gelernt habe, nicht wie Skalpellmesser benutzt werden, um die Geschichten meiner Familie zu sezieren. Vielleicht können sie mir helfen, ihnen näher zu kommen. Vielleicht ist es dieselbe Biegsamkeit des Gehirns, die uns dazu bringt, Geschichte und Demenz zu studieren. Eine familiäre Veranlagung für Zeitreisen."

In der neuen Printausgabe schreiben Tabitha Lasley über Schreiben und Dating, Diana Evans über Tanzen und Schreiben, Maartje Scheltens über Steve Reich und Brian Dillon über legendäre Drummaschinen.

Magazinrundschau vom 16.05.2023 - Granta

Die neue Ausgabe versammelt Geschichten der zwanzig besten jungen britischen Autoren. Sigrid Rausing stellt sie in ihrer Einleitung vor.  Einige sind auch frei geschaltet, darunter Natascha Browns "Universality". Hier der Anfang: Die Geschichte beginnt mit dem jungen Jake, der allein irgendwo in Queensbury vor einem Goldbarren steht. In Wert von einer halben Million Dollar. "Irgendwann in dieser Nacht, oder vielleicht als das Tageslicht am Rande des Horizonts ankam, gelang es Jake, nicht mehr zu schauen, sondern zu denken. Er beschloss zu fliehen. In den Wochen nach Jakes Verschwinden berichteten die Lokalzeitungen von Queensbury und Bradford über die Ereignisse jener Nacht: ein illegaler Rave, die daraus resultierenden drei Krankenhausaufenthalte, erheblicher Sachschaden und eine laufende polizeiliche Untersuchung. Die Geschichte geriet jedoch bald in Vergessenheit, und die nationale Aufmerksamkeit richtete sich auf die Covid-19-Pandemie und die Strategie der Regierung für die schwierigen Wintermonate. Doch die Entschlüsselung der Ereignisse, die zu dieser seltsamen und beunruhigenden Nacht geführt haben, ist der Mühe wert; dahinter verbirgt sich ein modernes Gleichnis, das das ausfransende Gewebe der britischen Gesellschaft offenbart, das durch den unerbittlichen Verschleiß des Spätkapitalismus dünn geworden ist. Der verschwundene Goldbarren ist das Bindeglied zwischen einem amoralischen Banker, einem ikonoklastischen Kolumnisten und einer radikalen anarchistischen Bewegung."
Stichwörter: Rave, Covid-19

Magazinrundschau vom 21.03.2023 - Granta

Der britische Regisseur Richard Eyre denkt, auch mit Blick auf seine eigene Familie, darüber nach, was "normale" Menschen sind. Sein Großvater Charles Royds zum Beispiel war Mitglied der Antarktis-Expedition von Scott 1901-1904. In seinen Tagebüchern "stellt er weder sich selbst noch seine Kollegen als Männer ohne Angst oder ohne Sinn für Gefahr dar. Für ihn liegt das Wunder - wenn es ein Wunder gibt - in ihrer Alltäglichkeit: '-53°C, das nenne ich ziemlich kühl!!! Man kann sich das Lachen nicht verkneifen, wenn man an Halsschmerzen und Erkältung in England denkt und daran, dass man sich nicht traut, seine Nase im Freien zu zeigen... Der Winter kann nicht nur Freude und Behaglichkeit bringen, niemand kann das erwarten, aber mit Hilfe von ein wenig Selbstverleugnung, ein wenig Taktgefühl und einem fröhlichen Gesicht kann man die meiste Monotonie und Unannehmlichkeit überwinden. Wir werden uns wie normale Menschen verhalten.' Ich wundere mich darüber. Ist es Mut? Ist es Stoizismus? Ist es absichtlicher Mangel an Vorstellungskraft?"

Magazinrundschau vom 24.01.2023 - Granta

Die Schriftsteller Pico Iyer, geboren in England als Sohn englischer Eltern, aufgewachsen in Kalifornien, und Caryl Phillips, geboren auf der Karibikinsel St. Kitts, aufgewachsen in England und heute in den USA lebend, unterhalten sich für die Online-Ausgabe von Granta über Migration und Heimat. Interessanterweise spielt Identität in ihrem Gespräch keine Rolle. Das Wort kommt überhaupt nur einmal vor, und dann auch nur als "Klassenidentität". Schmerzhaft war für beide, dass das Aufwachsen im "kolonialen Mutterland" sie von ihren Eltern entfernte: "Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob mir der Preis klar ist, den meine Eltern als Migranten gezahlt haben", sagt Phillips, "und ich glaube nicht, dass sie sich darüber im Klaren sind, wie schwierig es für uns war, in der Ära des 'Paki-bashing' und Enoch Powells aufzuwachsen. Sich über Britannien zu beschweren, hätte bedeutet, eine gewisse Art von Versagen einzugestehen, und wo bliebe dann unsere 'Heimat'? Wir haben uns zwar über Britannien beschwert, aber wir wurden ermutigt, uns auf unsere Schularbeiten zu konzentrieren und 'die Dinge in die Hand zu nehmen'. Unter diesen Umständen tat sich eine riesige Kluft des Verständnisses auf. Ich habe mich nie in Britannien 'eingelebt'. Innerhalb von zehn Jahren nach meinem Abschluss reiste und unterrichtete ich zwei Monate lang in Indien, dann fast ein Jahr lang in Schweden, dann auf St. Kitts und schließlich in den USA, um eine Stelle als Gastautor anzutreten. Welche Tür meine Eltern mir auch immer mit ihrem Akt der Migration geöffnet haben, ich bin hindurchgegangen und dann auf der anderen Seite durch eine andere Tür in die Welt hinaus. Ohne ihren anfänglichen Akt der Migration hätte ich ein solches Leben des Umherziehens und - ich wage es zu sagen - der relativen Freiheit nicht führen können." Auch Iyer ist auf der anderen Seite hinausgegangen: nach Japan, "zu dem ich immer ein mysteriöses Gefühl der Vertrautheit und in diesem Sinne der Zugehörigkeit hatte. Eine lustige Wahl, denn keine Kultur ist weniger inklusiv... Bis heute spreche ich nur begrenzt Japanisch, liebe kein japanisches Essen und habe nicht einen Tag meines Lebens an dem Ort gearbeitet oder studiert, den ich als meine geheime, tiefste Heimat betrachte. Dennoch fühle ich eine Verwandtschaft mit diesem Ort, die ich nie mit Indien, Großbritannien oder Amerika empfinden werde. Und ich kann ihn auch deshalb so gerne als Heimat bezeichnen, weil ich dort immer ein Ausländer sein werde, außerhalb des Systems - was bedeutet, dass ich gerne alle meine Tage dort verbringen würde, aber ich würde niemals Japaner sein wollen. Ich nehme an, das ist eines der merkwürdigen Phänomene bei Menschen wie Sie und ich: Ich habe nie erwartet, eine ganze Kultur zu finden, der ich angehören würde, und fühle mich gerade deshalb im Fremdsein zu Hause."

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - Granta

In Granta erzählt der britische Autor und Kulturwissenschaftler Jason Allen-Paisant, wie er 2018 das Leben in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince erkundete. Eine Stadt, die ihm vertraut schien und dann wieder sehr fremd. Zum Schlüssel wurde ihm der Rhythmus der Stadt, die Bewegungen im Raum, etwa wenn ein Mann mit einer Nähmaschine in einen Minibus steigt: "Dies ist ein anderes Land, und ich war noch nie so beeindruckt von der Choreografie der Bewegung wie in diesem Moment. Es ist alles normal - nichts könnte in diesem Moment und in diesem Raum normaler sein -, der Mann balanciert seine Nähmaschine für ein paar Minuten, bis er sein Ziel erreicht und dem Fahrer zuruft, der ihn aussteigen lässt. Er bezahlt und setzt seinen Weg fort. Ich möchte die Bedeutung dieser Choreografie für mich ausloten, wie sie mich zwingt, den Raum auf andere Weise zu lesen. Manch einer mag von Resilienz sprechen und davon, wie sie den Einsatz des Körpers bedingt, die Art und Weise, wie sich der Körper an den Raum und seine besonderen Zwänge anpasst. Ich kann es nicht genau sagen. Ohne es zu idealisieren, habe ich das Gefühl, dass diese Art des Balancierens es den Menschen ermöglicht, einander auf eine Art und Weise zu sehen, die präsenter und offener ist als die Art und Weise, wie die Menschen in Leeds, wo ich lebe, einander sehen. Das mag daran liegen, dass die Art und Weise, wie unsere Körper den Raum einnehmen, die Art von Selbst bestimmt, die wir sind oder für die wir uns halten: Sich in einer Choreografie zu bewegen bedeutet, sich der Präsenz anderer Körper bewusst zu sein. Die Art und Weise, wie sich der Verkehr in Port-au-Prince bewegt, scheint dies zu verdeutlichen. Es ist ein Fluss, in den man eintritt und aus dem man aussteigt; die Dinge halten nicht an: kein Anhalten, kein Zögern, kein Zweifeln; dafür ist hier kein Platz - es gibt einen Rhythmus, und alle Teilnehmer treten in diesen Rhythmus ein und nehmen sich gegenseitig wahr."