Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

442 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 45

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - Guardian

Malcolm und Simone Collins sind Pronatalisten - sie haben sich angesichts sinkender Geburtenraten zum Ziel gesetzt, so viele Kinder wie möglich zu bekommen, um die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren, erzählt Jenny Kleeman, die die Familie für den Guardian besucht hat. Kritiker werfen ihnen Rassimus vor, nicht zuletzt, weil sie immer wieder ultrarechten Nationalisten eine Bühne bieten, die die Theorie vom 'Großen Austausch' propagieren, Malcolm wiegelt ab und betont, nur höhere Geburtenraten könnten auf lange Sicht Diversität sicherstellen. Die eigenen Kinder sollen dann aber trotzdem ganz besonderen Standards genügen: "Sie haben die Genome ihrer eingefrorenen Embryonen testen lassen und wählen anhand von darauf basierenden Vorhersagen zu Intelligenz und zukünftiger Gesundheit aus, welche sie implantieren lassen. Sie wollen nicht nur eine große Familie, sie wollen eine optimale. Präimplantationsdiagnostik ist in den USA unreguliert. (…) 'Natürlich haben wir nach dem IQ geschaut', so Malcolm. Sie haben die Embryonen aussortiert, die hohe Risikofaktoren für Krebs hatten und für das, was Simone 'Mental-Health-Zeugs' nennt, 'für das es keine guten Behandlungsmöglichkeiten gibt', inklusive Schizophrenie, Alzheimer, Depressionen, Angststörungen. Sie haben nicht nach Autismus screenen lassen, das ist für sie Teil der Identität einer Person. Sie haben noch 34 Embryos übrig, die, die sie nicht selbst brauchen, geben sie weiter, ein lesbisches Paar in Kalifornien hat bereits drei bekommen. 'Menschen selektieren bei ihrer Partnerwahl ständig, wenn sie bestimmte Merkmale bevorzugen', sagt Simone unbekümmert. Aber das hier geht weit über die normale Wahl eines Partners oder auch von Samen- und Eizellenspendern hinaus: Sie führen ein genetisches Screening an ihren Nachkommen durch und versuchen sicherzustellen, dass diese über die nächsten Generation entscheidenden Einfluss über die menschliche Evolution haben werden. Was unterscheidet das von Eugenik? 'Es ist etwas ganz anderes', meint Malcolm, der sich über die Frage freut. Eugenik sei staatliche geförderte selektive Fortpflanzung, um die Dominanz bestimmter Gene sicherzustellen, argumentiert er. Was seine Frau und er tun, sei Polygenik, die Nutzung von Technologien, um Eltern die Wahl darüber zu ermöglichen, welche Eigenschaften ihnen wichtig sind."

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - Guardian

In einer Reportage gibt Carey Baraka uns einen kleinen Einblick in das Leben der jungen Reichen und Schönen Kenias. Ihre Eltern sind wohlhabend genug, sie auf amerikanische oder europäische Universitäten zu schicken. Einige kehren danach zurück, wissen dort aber oft nicht so recht, was mit sich anfangen, wie ein mitfühlender Baraka schreibt: "So viele von ihnen hatten davon geträumt, ihre Communities mitzugestalten oder Künstler zu sein. Sie hatten für ihre College-Zeitschriften geschrieben, Galerieausstellungen organisiert, Theaterstücke aufgeführt - aber jetzt, zurück in Kenia, sehen sie sich außerstande, die Menschen zu werden, die sie sein wollten. Sie spüren den Druck des Abschlusses, einen Druck, der, wie Audrey und Bilha mir erzählten, bedeutet, dass sie einen hochrangigen Job finden mussten, der dem hochrangigen Abschluss entspricht. Manchmal reicht das immer noch nicht aus. Sie sehen sich ehemalige Klassenkameraden an, die in New York im Finanzwesen oder in Unternehmensberatungen arbeiten, und haben das Gefühl, dass sie zurückgelassen wurden und den Rückstand nie aufholen werden." Andere bleiben gleich fort, wie Nyangie, die in den USA im Finanzwesen arbeitet: "Ich fragte Nyangie, ob sie in Erwägung ziehen würde, zurück nach Kenia zu gehen. 'Nur wenn ich viel Geld verdienen würde', sagte sie. Auf jeden Fall wollte ihre Mutter nicht, dass sie zurückzieht. Sie wollte, dass Nyangie und ihre älteren Brüder sich irgendwo anders ein Leben aufbauen. Für Nyangie wurde dies dadurch erleichtert, dass sie die Art und Weise hasste, wie Kenia regiert wurde. Aber sie hasst die USA noch mehr, sagte sie. Ich fragte mich, wie wahr das ist. Sie hat sich entschieden, dort zu bleiben, und es kommt mir so vor, als ob sie versuchen würde, beides zu haben. Sie hasse die Waffen, betont sie, und den Raubtierkapitalismus. 'Wenigstens respektiert der Kapitalismus in Kenia die Heiligkeit des Dezembers. Nach dem Jamhuri-Tag geht nichts mehr', sagt sie in Anspielung auf Kenias Unabhängigkeitstag, den 12. Dezember. 'Wenn man es bis zum Jamhuri-Tag nicht geschafft hat, war es unwichtig.' (Als ich sie einige Monate später zu ihrem erklärten Hass auf die USA befragte, sagte sie: 'Solange ich noch jung bin, bin ich bereit, mit dem Raubtierkapitalismus zurechtzukommen, wenn ich dadurch die Zukunft erreiche, die ich mir wünsche, aber die Rückkehr ist definitiv das Endziel.'"

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - Guardian

John Whitfield weiß faszinierendes - und erschreckendes - aus der Welt der Ameisen zu berichten. Genauer gesagt geht es um eine Reihe von ursprünglich in Südamerika heimische Ameisenarten, die die Fähigkeit besitzen, Superkolonien zu bilden, also homogene Populationen, die sich teilweise über Tausende von Kilometern erstrecken. Und ausgerechnet diese aggressiven, potentiell ganze Ökosysteme destabilisierenden Insekten sind weltweit auf dem Vormarsch: "In den letzten 150 Jahren hat sich die Argentinische Ameise praktisch überall verbreitet, wo es heiße, trockene Sommer und kühle, feuchte Winter gibt. Eine einzige Superkolonie, die vermutlich von kaum mehr als einem halben Dutzend Ameisenköniginnen abstammt, beherrscht eine über 6000 Kilometer lange Küstenlinie in Südeuropa. Eine andere hat sich über fast die gesamte Länge Kaliforniens ausgebreitet. Die Art ist in Südafrika, Australien, Neuseeland und Japan angekommen, sie hat sogar die Osterinseln im Pazifik und St. Helena im Atlantik erreicht. Die Ameisentreue überspannt Ozeane: Arbeiterameisen aus unterschiedlichen Kontinenten, die in mehreren Millionen Nestern leben und mehrere Trillionen Individuen umfassen, akzeptieren sich gegenseitig so selbstverständlich, als wären sie im selben Nest geboren. Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch! Wobei, nicht ganz." Denn tatsächlich brechen gelegentliche Ameisenweltkriege aus, die alle menschlichen Konflikte in den Schatten stellen. Zum Beispiel in Kalifornien: "Ein Team von Wissenschaftlern, das diese Grenze ein halbes Jahr lang, zwischen April und September 2004, beobachtete, schätzt, dass an einem Grenzabschnitt, der ein paar Zentimeter breit und ein paar Meilen lang ist, 15 Millionen Ameisen starben."

Magazinrundschau vom 12.03.2024 - Guardian

Peter Pomerantsev fragt sich im Guardian, wie demokratische Kräfte autokratischer Propaganda entgegenarbeiten können. Zu diesem Zweck wendet er sich dem britischen Journalisten Sefton Delmer zu, der im Zweiten Weltkrieg eine Reihe von Versuchen unternahm, deutsche Soldaten gegen ihre Führung aufzubringen; nicht durch klassische, die Wahrheit predigende "Gegenaufklärung", sondern indem er versuchte, an ihre eigenen Interessen zu appellieren. Besonders fasziniert zeigt sich Pomerantsev von Delmers Soldatensender Calais, der einen paradoxen, aber möglicherweise gerade deshalb effektiven Adressierungsmodus wählte: "Hier war eine Sendung, die eine Nazisendung zu sein behauptete, die aber wusste, dass ihr Publikum wusste, dass sie keine war; und deren Publikum dennoch einschaltete, weil es die emotionale und physische Sicherheit benötigtete, die darin bestand, so zu tun, als sei es doch ein Naziprogramm. Wenn das Prinzip der Goebbels'schen Propaganda darin bestand, die Zuhörer zu betäuben, sie in der lauten, wütenden Menge aufgehen zu lassen, dann schuf Delmer als Alternative eine Sendung, die sie dazu aufforderte, eine Serie von autonomen, bewussten Schritten zu machen, sie aktiv werden zu lassen. Andere mediale Aktivitäten Delmers, wie etwa Flugblätter, die erklärten, wie man Krankheiten vortäuschte, um von der Front abberufen zu werden, zielten ebenfalls darauf ab, dass Menschen selbst die Kontrolle übernehmen und aktiver wurden. (...) Was also können wir von Delmers sonderbaren, widersprüchlichen Aktvitäten lernen? Diktatoren und Propagandisten in Demokratien nutzen Hass versprühende Trollfarmen und verschwörungsselige Fernsehsender; sie zielen auf die tiefsten Verletzungen ihres Publikums ab und fördern Grausamkeit. Wenn wir damit konkurrieren wollen, müssen wir eine neue Generation demokratischer Medien erschaffen, die mit demselben Fokus, aber mit anderen Werten arbeitet."

Magazinrundschau vom 27.02.2024 - Guardian

Jacob Mikanowski berichtet über neue, naturwissenschaftlich grundierte Methoden in der Geschichtswissenschaft und die Veränderungen und auch Kontroversen, die sie in der Disziplin auslösen. Sicher ist jedenfalls: Wir können heute viel mehr über die Vergangenheit herausfinden als früher. "Heute lesen Historiker Manuskripte nicht nur; sie testen die Seiten selbst und extrahieren das Genom der Kuh- und Schafherden, deren Felle dazu benutzt wurden, das Pergament herzustellen. Kleinste Proteinspuren, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden, können dazu benutzt werden, Fetzen organischer Materie zu identifizieren - Biberpelze in Vikingergräbern zum Beispiel - und ihren Herkunftsort zu ermitteln. Die Studie antiker Proteine ist inzwischen eine eigene Disziplin mit dem Namen Paläoproteomik. Andere forensische Techniken öffnen weitere vormals verschlossene Fenster in die Vergangenheit. Die Analyse stabiler Isotope, die in menschlichen Knochen und Tierzähnen gespeichert sind, hat es Wissenschaftlern ermöglicht, den Weg eines einzelnen Mädchens von Deutschland nach Dänemark zu verfolgen; den Export von Pavianen vom Horn von Afrika nach Ägypten nachzuvollziehen; und die jährliche Reise eines wollenen Mammut aus Indiana durch den mittleren Westen nachzuzeichnen. Sequenzierung alter DNA, die auf mittelalterlichen Schachfiguren gefunden wurde, wurde bis in afrikanische Savannen zurückverfolgt. Alte Hühnerknochen wurden dazu benutzt, die Verbreitung polynesischer Völker im Pazifikraum zu kartieren."

Außerdem: Mark Townsend berichtet in einer Reportage für den Observer vom Niedergang der Demokratie im Senegal und in Afrika überhaupt.

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Guardian

Yohann Koshy blickt auf die Unruhen zurück, die Leicester im September 2022 erschütterten, als sich Hindus und (zumeist indischstämmige) Muslime zwei Tage lang Straßenschlachten lieferten. Er zeichnet die Rolle von Hindunationalisten und muslimischen Influencern in dem Konflikt nach und geht auch auf die Vorgeschichte ein. Leicester galt lange als eine Musterstadt des Multikulturalismus, in der das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft vergleichsweise friedlich gelang. Dennoch wurden möglicherweise schon vor Jahrzehnten entscheidende Fehler begangen: "Nach den Ausschreitungen im Jahr 1981 - innerstädtische Revolten gegen Arbeitslosigkeit und Polizeigewalt - stellten die Zentralregierung und lokale Behörden Gelder für Gruppierungen von ethnischen Minderheiten zur Verfügung; bezahlt wurden davon Gehälter, Community-Outreach-Personal und religiöse Feierlichkeiten. Manche glauben, dass dies eine zwar nicht perfekte, aber wertvolle Reaktion auf den damaligen Rassismus war. Andere argumentieren, dass dadurch die antirassistische Bewegung geschwächt wurde. Die innerstädtischen Gelder in Leicester, schreibt etwa der Politikwissenschaftler Gurharpal Singh, 'wurden zur Grundlage von Patron-Klienten-Beziehungen zwischen den lokalen Autoritäten und den ethnischen Gruppen der Gegend'. Dieses Arrangement löste die Einheit auf, die zwischen den einzelnen Minderheiten bestanden hatte, sagt Priya Thamotheram, der ein Community Center in Leicester betreibt: 'Jetzt geht es nicht mehr darum, was wir gemeinsam haben, was uns vereint, sondern eher darum, was an uns besonders ist, sodass wir uns auch melden können und an Gelder gelangen'."

Magazinrundschau vom 23.01.2024 - Guardian

Ghaith Abdul-Ahad beschäftigt sich mit Geschichte und Gegenwart des palästinensischen Flüchtlingscamps Shatila in Beirut. 1949 als Provisorium angelegt, hat es sich über die Jahrzehnte zu einer Stadt in der Stadt mit gut 14000 Einwohnern entwickelt. Möglicherweise leben aber auch doppelt so viele Menschen hier. Die Zustände sind schrecklich, Armut und Drogen prägen den Alltag. "Die Wunden vergangener Kriege sind an jeder Straßenecke sichtbar - von einarmigen ehemaligen Kämpfern, die Tomaten verkaufen bis zu Gebäudefassaden, die von schwerem Beschuss durchlöchert sind. Diese Wunden sind nie verheilt und auch die Traumata der Bewohner wurden nie anerkannt, sondern von Generation zu Generation weitergegeben - mehr Gräueltaten, mehr Unterdrückung, neue Bilder von 'Märtyrern', die zu den älteren gestellt wurden. Diese neuen Märtyrer sind Männer einer jüngeren Generation, getötet wurden sie nicht im Flüchtlingslager oder in den Kriegen im Libanon, sondern in der West Bank, in Gaza und in Israel. Neben einem Graffiti, das die letzten Worte des 18-jährigen Ibrahim al-Nabulsi, einem Kämpfer, der in Nablus durch einen israelischen Luftangriff getötet wurde, festhält - 'Niemand soll seine Waffe niederlegen' -, haben einige Schulkinder ihre Schultaschen niedergelegt, und sich in Reih und Glied aufgestellt. Einer von ihnen trägt Armeestiefel, die ihm zu groß sind, sowie Khakihosen, sein Gesicht ist in eine Kufiya gehüllt. Er gibt einen Befehl, und marschiert mit seiner Truppe von Jungen in einer Gasse auf und ab."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - Guardian

Bella Bathurst besucht gemeinsam mit Heather Wildham eine Reihe britischer Bauernfamilien. Wildham arbeitet als Beraterin und versucht gemeinsam mit den Betroffenen verfahrene Situationen im Landwirtschaftsbetrieben wieder einzurenken. Viele Bauern denken derzeit darüber nach, ihren Hof zu verkaufen, insbesondere die Suche nach Nachfolgern gestaltet sich oft als schwierig. Insgesamt jedoch ist das Bild vielschichtig: "20-25 Prozent aller Verkäufe britischer Höfe werden von der Savills-Agentur abgewickelt. Die Firma und auch ihre Kontrahenten beharren darauf, dass sich weder die Anzahl der Höfe auf dem Markt, noch die Gesamtfläche an Agrarland, die zum Verkauf angeboten wird, signifikant verändert haben. Die einzige Veränderung, so Savills, besteht darin, wer die Käufer sind. Früher wurde mindestens jeder zweite Hof von Bauer zu Bauer verkauft. Heute jedoch werden Bauern, die einst Interesse gezeigt haben würden, in einigen Regionen von Leuten 'von außen' um ein Vielfaches überboten. Die Höfe nahe der Schottischen Grenze, die derzeit auf dem Markt sind, werden vermutlich von Firmen und Investoren gekauft werden, die Land erwerben, um es zwecks Karbonhandel mit Bäumen zu bepflanzen, von Hobbybauern, die ihr Geld anderswo verdient haben und sich nun selbst verwicklichen wollen, von Privatleuten, die das wilde Moor lieben, von Spekulanten, die auf Baugenehmigungen für Wohnhäuser oder Windturbinen hoffen. Wenn große Gebiete auf den Markt kommen, schlagen oft Leute zu, die Land als eine Art Geldanlage verstehen: Forstbetriebe, Baubranche, Sportveranstalter, Käufer, die dem Land nie näher kommen werden als mittels eines mit einer Drohne aufgenommenen Verkaufsvideos. Kaum jemand von diesen Leuten wird das Land landwirtschaftlich nutzen. Wenn überhaupt, werden sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit andere Leute anstellen, um die Arbeit zu verrichten."
Stichwörter: Landwirtschaft

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - Guardian

Meredith Shaw übersetzt Auszüge aus dem Memoiren des Schriftstellers Kim Ju-sŏng, der in Japan aufgewachsen war, 1976 mit 16 Jahren als ethnischer Koreaner nach Nordkorea zog und sich 28 Jahre später nach Südkorea absetzte. Unter anderem schreibt Kim über den nordkoreanischen Schriftstellerverband, der, anders als der Rest des Landes, in beschränktem Umfang Zugang zu ausländischer Literatur hat. Es geht jedoch auch um die politischen Mechanismen, die die Herrscherfamilie an der Macht halten. Kim schreibt über einen "carrot-and-stick approach". Die "sticks" des repressiven Regimes sind kaum zu übersehen: "Aber was ist mit den Karotten? Als Führer des Landes reisen die Kims immer wieder durch ihr Land, um 'Anleitung vor Ort' zu geben. Während diesen Touren werden Menschen, die den Führern begegnen, in zwei Kategorien eingeteilt: Zeugen und Gesprächspartner. Ein Zeuge ist jemand, der einen Führer von nahem sehen konnte, oder in einem Gruppenfoto mit ihm zu sehen ist. Einige dieser Zeugen haben die Ehre, Gesprächspartner werden zu dürfen - also zu Menschen zu werden, die tatsächlich Worte mit einem Führer wechseln. In anderen Worten der Status eines Individuums hängt davon ab, ob man tatsächlich 'mit Gott gesprochen' hat. ... Ich habe von Fabriken gehört, in denen die Arbeiter in einen Lagerraum gesperrt wurden, wenn einer der Kims unerwartet vorbeikam. Es ist also nicht so, dass einfach jeder Zeuge werden kann. Diejenigen, die es tun, werden unterschiedlich belohnt, aber ein Erinnerungsfoto mit dem Führer ist Standard. Dieses Foto dient als 'Lizenz' des Interviewten; es wird wunderschön gerahmt und wie ein Familienerbstück in der Wohnung aufgehängt. Wenn Sie ein solches Porträt erwerben, kümmert sich die örtliche Partei von diesem Moment an besonders um Ihre Familie. Das kann eine schnellere Beförderung bedeuten, ein größeres Haus oder die Erlaubnis, die Kinder auf bessere Schulen zu schicken. Für die Gesprächspartner sind die Belohnungen noch um einiges größer. Das hängt vom Inhalt des Gesprächs ab, aber zu den größten Belohnungen, von denen ich gehört habe, gehörten die Erlaubnis, nach Pjöngjang zu ziehen, eine Luxuswohnung und ein Mercedes-Benz."

Die weibliche "Stärke" im Cary-Yale-Visconti-Spiel
Jonathan Jones rekonstruiert die Geschichte der Tarot-Karten. Ursprünglich hatten diese, lernen wir, keinerlei Verbindung zu esoterischem Gedankengut. Tatsächlich handelte es sich anfangs um ein durch und durch weltliches Kartenspiel, das in der frühen Neuzeit an Fürstenhöfen gespielt wurde. Das älteste teilweise erhaltene Kartendeck, das als Cary-Yale-Visconti-Deck bekannt ist, zeichnet sich außerdem "durch kraftvolle Darstellungen von Frauen aus. Unter den dargestellten Figuren fondet sich eine mit eine schwerttragende Ritterin, die in goldenem Kleid auf dem Pferd sitzt, ihre Waffe in die Luft hält und von einer Pagin begleitet wird. Tatsächlich enthalten Karten aller vier Farben Darstellungen starker Frauen. Das ist typisch für die höfische Kultur im Italien der Renaissance, die den Hofdichter Ariosto auch dazu inspirierte, eine Ritterin, Bradamante, in sein episches Gedicht 'Orlando Furiosa' zu integrieren - Jahrhunderte vor 'Game of Thrones'. Solche ritterliche Ikonografie verweist auf die Wurzeln des Tarot, eines Spiels, das von Hofleuten zwischen Turnieren und Schönheitswettbewerben gespielt wurde. Am Hof nahmen Männer und Frauen gemeinsam an allen möglichen Aktivitäten teil. Frauen, die mit Tarotkarten spielten, wollten vermutlich sich selbst repräsentiert sehen. In einer anderen Karte des Decks kontrolliert eine Frau, die Stärke symbolisiert, problemlos einen Löwen, indem sie sein Maul mit ihren Händen geöffnet hält."

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - Guardian

Die Niederlande hat ein Stickstoffproblem und in der Folge, wie Paul Tullis berichtet, auch ein Bauernproblem. Der hohe Bedarf an fossilen Brennstoffen, aber auch die Methoden der modernen Landwirtschaft, insbesondere der Viehzucht, haben zu einem Anstieg der instabilen Stickstoffverbindungen Ammoniak und Stickstoffdioxid geführt, wodurch die natürlichen Lebensgrundslagen der Menschheit massiv gefährdet sind. Natürlich nicht nur in den Niederlanden, aber dort hat ein Gesetz der Regierung des inzwischen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Mark Rutte, das auf den staatlichen Aufkauf und die anschließende Abwicklung von Viehzuchtbetrieben zielt, eine breite gesellschaftliche Krise ausgelöst. Begonnen hat alles mit Protesten wütender Bauern, aber das vermeintliche Randthema - auch in den Niederlanden ist nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt - zieht längst größere Kreise: "Rechtsextreme Gruppierungen nutzen das Chaos, um ihre eigenen Agenden durchzusetzen, und zwei rechtsgerichtete Parteien, die populistische BoerBurgerBewegin (BBB) und die zentristische Nieuw Sociaal Contract (NSC) haben hohe Umfragewerte in ländlichen Regionen. Die politische Unzufriedenheit, die durch die Stickstoff-Frage ausgelöst wurde, könnte die Parlamentswahlen, die am 22. November stattfinden, entscheiden. Die Stickstoff-Krise ist eine Geschichte über die politischen Konsequenzen die entstehen, wenn ein Problem aus Angst vor einer wichtigen Interessengruppe zuerst ignoriert wird; und wenn die Pläne, die durchgeführt werden, wenn das Ignorieren nicht länger funktioniert, schlecht ausgeführt werden. Andere Länder sollten davon Notiz nehmen. In Frankreich, Italien, Deutschland und Belgien gibt es ebenfalls bedrohte Gegenden, in denen intensive Viehzucht betrieben wird, und falls es nicht zu einer Gesetzesänderung auf Europäischer Ebene kommt, muss auch in diesen Ländern die Politik irgendwann das Problem der Stickstoffemissionen angehen. Zudem zeigt die Stickstoff-Krise, dass die Politik sich in ein Dilemma hineinmanövriert, wenn es ihr nicht gelingt, politische Lösungen für drängende Umweltprobleme zu finden: Sie muss dabei zusehen, wie die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden, während gleichzeitig politische Unruhen wachsen."

Warum, wundert sich der Ethnologe Andrew Kipnis, ist der Geisterglaube in China in Städten weit verbreitet und nimmt dort gar oft intensivere Formen an als auf dem Land? "Vier Faktoren scheinen wichtig: Die Trennung von Leben und Tod in Städten, der Aufsteig einer Gesellschafts- und Wirtschaftsform der 'Fremden', die simultane Idealisierung und Verkleinerung von Familien sowie die anwachsende Zahl verlassener und verfallender Gebäude. Es ist wichtig, zu betonen, dass all diese Faktoren Produkte der Urbanisierung selbst sind. Urbanisierung bringt Geister hervor. Es gibt noch einen fünften Punkt, der sich von den ersten vier unterscheidet und doch wichtig ist für den Spuk, der im modernen China umgeht: politische Repression." Über diesen fünften Punkt schreibt Kipnis: "Abriss- und Neubauprojekte gehören zu jenen Ereignissen, die zu Protesten gegen die Regierung führen könnten; und die Regierung sieht es als ihre Aufgabe, alle Formen des Protests zu unterdrücken. Die Kommunistische Partei Chinas meint, ihr eigener Geist müsse ewig leben; alle anderen Geister sind gespenstische Feinde, Fremde, die verbannt werden müssen. Aus dieser Perspektive wird klar, warum die Geister aus der Vergangenheit der Partei - dem Großen Sprung nach vorn, der Kulturrevolution, des Tiananmen-Massakers - nie wieder benannt werden dürfen. Ich glaube jedoch, dass der totalitäre Impus der Partei, alle Geister, die nicht der Partei dienen, zu verbannen, nur dazu dienen wird, den Geisterglauben des urbanen Chinas zu stärken. Wir müssen lernen, mit unseren Geistern zu leben, anstatt sie zu unterdrücken."