Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 36

Magazinrundschau vom 11.10.2016 - HVG

Vor kurzem ist in Ungarn der neue Roman von László Krasznahorkai erschienen ("Báró Wenkheim hazatér" - Baron Wenkheims Heimkehr, Magvető, Budapest 2016. 508 Seiten). Aus diesem Anlass sprach János Szegő mit dem Autor unter anderem über den Begriff der Heimat: "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich seit dem Ende meiner Kindheit überhaupt irgendwo zuhause fühlte. Vielleicht ist das bei der offenen Version des erwachsenen Menschen etwas Natürliches, allerdings gibt viele Glückskinder, bei denen die Fähigkeit, sich zuhause zu fühlen, erhalten bleibt. Ich bin kein Glückskind. Doch ich kann erzählen, was Heimat in ihren Fällen bedeutet oder bedeuten könnte. Mit einer Plattitüde gesagt: eine Illusion. Es ist keine Fähigkeit, sich hier oder dort zuhause zu fühlen. Der Betreffende muss vielmehr gegenüber tausenden von Dingen blind sein und sich von der Kenntnisnahme von tausenden Dingen fernhalten, zum Beispiel wie instabil diese Heimat ist. Die Instabilität ist evident, die Anhänglichkeit dagegen ist bewegend."

Magazinrundschau vom 16.08.2016 - HVG

Am 2. Oktober sollen die Ungarn in einem Referendum über den Beschluss der EU abstimmen, die Flüchtlinge nach Quoten bemessen auf alle EU-Länder zu verteilen. Am besten boykottiert man diese Abstimmung, meint der Philosoph Gáspár Miklós Tamás: "Die Öffentlichkeit akzeptiert fast in ihrer Gänze, dass es unveränderliche kulturelle Eigenschaften gibt, welche zu Attentaten und anderen Gewaltakten führen. Stimmte dieser Gedanke, dann folgten aus den 'europäischen Werten' zwangsläufig das massenhafte Massakrieren und die Versklavung von farbigen Völkern, Völkermord, Vernichtungslager, Atombombe. (...) Mehr als der Boykott kann dieser kaputten Gesellschaft nicht empfohlen werden. Freilich aber auch nicht weniger. Wir können wohl unsere Landsleute darum bitten, dass sie offen ausgesprochenen Bösartigkeiten nicht assistieren sollen."

Magazinrundschau vom 02.08.2016 - HVG

Der Schriftsteller György Dragomán versucht in seiner Trauer um Péter Esterházy zu beschreiben, was dieser für seine, Dragománs Entwicklung als Autor bedeutete: "Ich begann mit Sechzehn darüber nachzudenken, wie ein Schriftsteller ist. Was er macht, wie er existiert, wie er an seinem Schreibtisch sitzt, wie er flucht, wie er sich wohl kämmt, wie er Tee trinkt (...). Wie er schreibt. Die beiden Bücher 'Einführung in die schöne Literatur' und 'Ulysses' waren schwindelerregend und umwirbelnd, die Wörter und die Sätze lasteten schwer. Ich begann zu denken, dass die schöne Literatur nicht schön ist, das Schreiben nicht Schreiben. Das Existierende existiert nicht. Die Schriftsteller schreiben nicht. Es gibt sie nicht. Ihre Texte fressen sie auf, sie arbeiten sich in die Texte hinein, so dass sie selbst zu ihren Texten werden und sie können nicht mehr herauskommen, denn selbst die Begriffe wie Innen und Außen hören auf zu existieren, sie selbst werden die Welt. Sie werden zu allem."

Das ungarische Referendum über die Quotenregelung der EU zur Verteilung von Flüchtlingen wurde für Anfang Oktober angesetzt. Vor kurzem hat die Orban-Regierung ihre Kampagne zur Ablehnung von Flüchtlingsquoten begonnen. Das Ergebnis hat weder für die EU noch für das ungarische Parlament bindende Wirkung, der Ausgang wird jedoch zumindest in Ungarn für Diskussion sorgen. Der Publizist Árpád Tóta W. kritisiert das Referendum im Ganzen: "In der Garküche der Politik wird aus den Zutaten Hass, Aggression und Angst gekocht. Was jetzt kommt, wird abscheulich sein. Je näher der Oktober rückt, desto größer wird der Panik. (...) Bewusst wird eine Nation verzogen, denn es interessiert nicht, was mit ihr in zehn oder zwanzig Jahren sein wird. Wir haben das schon mal ausprobiert, es endete in Trianon. Das Werkzeug der Angst war auch in den Händen von János Kádár: Millionen glaubten eine Weile, dass die verdorbenen Imperialisten Richtung Abgrund rasen, dabei jedoch jederzeit den Atomkrieg auslösen könnten. Auf einmal schwand dann die Angst, der Mensch besuchte den Westen und sah, dass die Imperialisten nicht mit dem Atomkrieg sondern mit Hamburgeressen beschäftigt sind."

Magazinrundschau vom 12.07.2016 - HVG

Szabolcs Hajdus Film "It's not the time of my life" wurde in diesem Jahr mit dem Kristallglobus ausgezeichnet, dem Hauptpreis des 51. Internationalen Filmfestivals von Karlovy Vary (mehr hier und hier). Als Low-Budget-Produktion wurde der Film ohne staatliche Förderung verwirklicht. Hajdu (auch als bester Schauspieler ausgezeichnet) sprach vor der Ehrung mit Rita Böszörményi über das Erleben von Freiheit in osteuropäischen Gesellschaften: "Es ist schwierig ohne Klischees über Dinge wie Freiheit zu sprechen. Dem Zeitgenossen, der als Kind oder Enkel eines repressiven Systems aufwuchs, erscheint sie unnatürlich und fremd. Wenn über einen solchen Menschen plötzlich die Freiheit einbricht, ist seine erste Reaktion - je nach Charakter -, dass er entweder anfängt Befehle zu erteilen oder jemanden sucht, vor dem er sich verbeugen kann. So erging es der ungarischen Gesellschaft während der Wende und so ist es bis zum heutigen Tage. Die ehemaligen osteuropäischen Länder sind in einem infantilen Stadium gefangen, das Erwachsenwerden ist ins Stocken geraten oder ganz zum Erliegen gekommen. Erst wenn ein Mensch fähig ist, seine Freiheit zu leben, ist er erwachsen."

Magazinrundschau vom 28.06.2016 - HVG

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás kritisiert kurz vor dem britischen Brexit-Referendum die gegenwärtigen Statuten der EU, plädiert allerdings nicht für Austritt, sondern für eine vertiefte Integration: "Freilich gibt es Argumente für und gegen die heutige EU - und es ist richtig, dass das Aufrechterhalten der EU in ihrer heutigen Form eher den Interessen des Großbürgertums der Kernstaaten und der Londoner City entspricht. Bis zur etwaigen Aufstellung einer verantwortlichen europäischen Regierung, die eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik erarbeitet, welche von den europäischen Völkern (inklusive der ost- und südeuropäischen Völker) durch ein wahres europäisches Parlament beeinflusst werden kann, wird sich die Situation nicht ändern. (...) Europafeindlichkeit ist keineswegs Antikapitalismus, sondern das Einfordern des Rechts auf einen antisozialen Staat (sowohl in Mittel-Ost-Europa, als auch in "Little England")."

Magazinrundschau vom 07.06.2016 - HVG

Bei einer Wahlkampfveranstaltung vor einigen Wochen bezeichnete der ehemalige US-Präsident Bill Clinton Ungarn und Polen als zwei Länder, die genug von der Demokratie hätten und eine autokratische Führung à la Putin bevorzugten (mehr dazu im Handelsblatt). Diese Aussage löste in Ungarn zumal auf der Regierungsseite eine Welle der Entrüstung aus, wobei hinter den Aussagen des Ex-Präsidenten der ungarischstämmige Geschäftsmann George Soros vermutet und mit dem Begriff "Schattenmacht" bezeichnet wurde. Schon klar, spottet der Philosoph Gáspár Miklós Tamás: Dahinter könne ja nur eine jüdische Weltverschwörung stecken! "Ein betagter, israelitischer Mäzen namens György Soros bringt teuflischerweise alle Großmächte, die meisten Mittelmächte und die Mainstream-Medien weltweit dazu, dasselbe über Orbáns System zu sagen, was dieser selbst darüber sagt. Horror! Die 'globale Schattenmacht' betreibt den Kapitalismus, den Sozialismus, den Liberalismus, den Anarchosyndikalismus, den Feminismus, den Marxismus, den Vegetarismus, die subjektive Lyrik, die Buchverlage, die Mikrophysik, das bedingungslose Grundeinkommen, das Küssen, die Erkenntnistheorie, den Poker und das Bridge, die Rosé-Schorle und all die weiteren satanischen Praktiken. Darüber hinaus wollen die Juden Europa mit ihren altbekannten Unterstützern überfluten: den Muslimen."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - HVG

Im Interview mit András Lindner sprechen die Dirigenten Ádám und Iván Fischer über die Bedeutung des Regietheaters für die zeitgenössische Oper. Für Ádám Fischer ist eine Balance zwischen Musik und Inszenierung entscheidend: "Wirkliches Theater entsteht dann, wenn die Musik nicht überproportional gut ist. Wenn die Sänger und der Dirigent alles übertrumpfen, bleibt das Theatererlebnis der Produktion wohl auf der Strecke. Bei modernen Inszenierungen wäre es entscheidend, dass die Vorstellung zur Musik heranwächst." Und Iván Fischer betrachtet alternative Bühnen zumindest temporär als Chance: "Die wertvollsten Produktionen entstehen gegenwärtig in den Konzertsälen und alternativen Spielstätten. Doch diese Orte sind nicht in der Lage als Rettungsring für die Oper zu dienen. Mit der Zeit müsste der Reformprozess die klassische Oper erreichen ... denn das Stammpublikum wird immer älter."

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - HVG

Der vor kurzem erschienene Roman von Attila Bartis (A vége - Das Ende, Magvető, Budapest, 2015) steht mit neun weiteren Nominierungen auf der Shortlist für den unabhängigen, renommierten Aegon-Literturpreis von 2016. In einem ausführlichen Interview mit Zsuzsa Mátraházi sprach der Schriftsteller und Fotograf u.a. über die Agententätigkeit seines Vaters Ferenc Bartis vor und nach der Übersiedlung der Familie von Rumänien nach Ungarn (1984) und über das europäische Selbstverständnis angesichts der Flüchtlingskrise: "Wer sich vormacht, dass der Mensch doch in anderen Gegenden der Erde mit offenen Armen empfangen wird, der soll einmal versuchen, sich außerhalb des weißen Kulturkreises anzupassen. (...) Es ist ein westliches Hirngespinst, dass Unterschiede nicht bemerkt werden dürfen. Nicht die Unterschiede sind das Problem, sondern die darauf gegebenen Antworten. Sie hängen davon ab, ob das Anderssein des Anderen meine Identität, meine Kultur, meine ethnische, wirtschaftliche und körperliche Sicherheit bedroht. Damit kann man auf unterstem Niveau manipulieren, zweifellos in beide Richtungen. Es kann ebenso Angst erzeugt werden, wie ihre begründete Existenz negiert werden kann. (...) Trotz unserer demokratischen Sonntagsreden, halten wir uns immer noch für den Mittelpunkt der Welt, wie zuvor unsere kolonialisierenden Vorfahren. Wir haben nicht Mal mehr die Chance zu verstehen, dass ein Verständnis über das Verhältnis zum Individuum, zu der Gemeinschaft, zu der Welt oder zum Wissen von unserem abweichen kann."

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - HVG

Der junge Schriftsteller Péter Geröcs erhielt für seinen Roman "Győztesek köztársasága" (Republik der Sieger) einen wichtigen unabhängigen Literaturpreis. Zsuzsa Mátraházi sprach mit dem Autor über die Intellektuellen in Ungarn, das zentrale Thema seines Romans. "Mich beschäftigt, wie solche Persönlichkeiten trotz oppositioneller Haltung selbst unter Einfluss geraten. (...) Die letzten zwanzig Jahre habe ich in intellektuellen Kreisen verbracht. Da habe ich viel Betrug und Selbstbetrug mitbekommen. Ein gebildeter und ausgebildeter Mensch hat wesentlich mehr Möglichkeiten, sich selbst zu betrügen, aber auch andere zu manipulieren."

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - HVG

Vergangene Woche verkündete der Staatspräsident Rumäniens Klaus Johannis, dass die staatliche Auszeichnung "Stern Rumäniens", verliehen an den ehemaligen Priester und heutigen EP-Abgeordneten László Tőkés für seine Taten bei der Wende im Dezember 1989 wegen "rumänienfeindlicher Äußerungen" entzogen wird. Der Philosoph Miklós Gáspár Tamás sieht darin ein weiteres Beispiel für eine ost-europäische Tendenz, die Geschichte von 1989 neu zu schreiben: "László Tőkés ist der Held des Widerstandes gegen die Ceauşescu-Diktatur, das kann niemand von ihm nehmen. Seine Verdienste können nicht verjähren, nicht vergehen. Er ist eine historische Gestalt. (...) Die Rücknahme seiner Auszeichnung - wie die Kampagne gegen Lech Wałęsa - zielt auf die symbolische Auslöschung von 1989, ist ein Versuch die historische Erinnerung zu revidieren. Das Rückprojezieren der universellen und tiefen Enttäuschung nach der Systemwende auf das Ereignis selbst - sowie die heutigen Äußerungen Tőkés' auf seine einstige historische Tat - ist manipulativ und lügnerisch. (...) Die Helden des Widerstandes bleiben Helden, auch wenn sie in der Zeit seit 1989 bestätigt haben, dass auch sie sterbliche Menschen sind. Dass, was sich im Dezember 1989 in Temeswar ereignete, war eine gemeinsame Tat von Rumänen und Ungarn. Ihre Motivation: Freiheitsbegehren. Das dauerte zwar nur für einen kurzen historischen Augenblick, doch ist bis heute gültig."