
Wie übersetzt man den Begriff der "
désintermédiation"? Geprägt wird er
in einem brillanten Essay von dem Politologen
Rémi Lefebvre, der zeigt, was man gewinnen kann, wenn man mal nicht in erster Linie über die Inhalte und Forderungen, sondern über
die Strukturen neuer politischer Bewegungen nachdenkt, ob populistisch oder nicht. Sein eigentlicher Gegenstand sind die
Gilets jaunes, die er aber im Kontext mit Macrons "
République en marche" sieht: Die beiden sind zwei Seiten einer Medaille, beide stehen eben für diese "désintermédiation", also eine Deinstitutionalisierung, die Entstehung von politischen Bewegungen ohne und
gegen vermittelnde Instanzen, so Lefebvre: Beide "haben Teil an einer 'Demokratie des Volkes' ('démocratie du public'), die sich von vermittelnden Institutionen und traditionellen Eliten befreit. Diese Bewegungen sind keine Produkte organisatorischer Traditionen oder politischer Kulturen oder vorgefundener intellektueller Leitideen, sondern sie sind aus einer bestimmten Konjunktur und Aktualität, einer
Logik der Situation, scheinbar aus dem Nichts entstanden. Mit nur wenigen Monaten Abstand haben sie das ganze politische System untergraben und destabilisiert: von oben, was die Bewegung von Emmanuel Macron angeht, die elitärer ist, von unten, was die Gilets jaunes angeht, die einer populären Basis näherstehen." Lefebvre zeigt in der Folge auf, dass beide Bewegungen auch
große Unterschiede aufweisen (LRM schart sich um eine charismatische Hauptfigur, die Gilets jaunes verweigern sich der Personalisierung), dass sie aber auf
ähnliche Grenzen stoßen: denn beide drohen an der mangelnden Verankerung in vermittelnden Strukturen zu scheitern, gegen die sie anderseits gerade aufgestanden sind.