Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

584 Presseschau-Absätze - Seite 42 von 59

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - London Review of Books

Eine ganze Reihe von Büchern zum Umgang mit dem Internet, zur Entstehung und Nutzung sozialer Netzwerke und anverwandter Themen hat Stephen Burt gelesen. Besonders interessant scheint ihm eine Untersuchung von Craig Watkins, der zum Ergebnis kommt, dass sich das Sozialverhalten auch bei intensiver Netznutzung eigentlich wenig ändert - und zwar trotz der immer stärker abnehmenden Bedeutung von Vermittlerinstanzen: "Kein Wunder, dass dieses Verschwinden der Mittler (im Englischen: 'disintermediation') solche moralische Panik ausgelöst hat: Die Veränderungen, die es Disney und anderen Konzernen so sehr erschweren, zu kontrollieren, was wir sehen und hören, sind dieselben, die es für uns so viel schwerer machen, noch zu bestimmen, was unsere Kinder sehen und hören. Eine Heranwachsende in Tasmanien kann heute die Gedichte von Lorine Niedecker, die Musik der Fat Tulips und die Manifeste der Klimaaktivisten entdecken - und in sozialen Netzwerken Gleichgesinnte finden; sie kann zugleich auf den erschreckenden 'pro-ana'-(Anorexie)-Seiten Ermutigung finden, wenn sie sich zu Tode hungern will. Sie kann sich so selbst neu definieren, wenn sie mag, als Lyrikleserin, als Klimaaktivistin, als Anorektikerin. Und doch ist es (so jedenfalls die Ergebnisse von Watkins) viel wahrscheinlicher, dass sie sich ganz genauso definiert, wie sie es auch ohne Internet getan hätte - durch Klassenzugehörigkeit, ihren schon vorher existierenden Geschmack und durch ihre Schulfreunde." Aber kommt's hier auf die Mehrheit an?

Weitere Artikel: Der Historiker Keith Thomas schreibt zettelkastengelehrt über die Geschichte des Exzerpierens und Verzettelns und warum im Computerzeitalter keine Karteikarte auf der anderen bleibt. Sehr enttäuscht zeigt sich Andrew O'Hagan von der von Steven Spielberg und Tom Hanks produzierten HBO-Kriegsfilmserie "The Pacific".

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - London Review of Books

In einem sehr persönlichen Artikel erinnert sich der große linke Historiker Eric Hobsbawm an die Zeit in den späten Fünfzigern, in der er unter dem Pseudonym Francis Newton einer der ersten britischen Jazzkritiker war: "Was hat es mir bedeutet, Francis Newton zu sein? Die Attraktion bestand weniger in der Gelegenheit, Jazz-Konzerte und die plötzlich zahlreich auf meinem Schreibtisch landenden Platten zu besprechen; auch nicht so sehr darin, diese außerordentliche Musik in ihrem Zusammenhang mit der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu beschreiben. Nein, für mich war das Wichtige die Chance, die Musiker und ihre Welt zu verstehen, also kurz gesagt: 'die Jazz-Szene'. Ich lebte am Rand des West End und meine Lehrtätigkeit am Birkbeck College ließ mir die meiste Zeit meines Tages zur freien Verfügung, so dass ich meinen Beruf mit den Nacht- und Spätaufstehgewohnheiten der Szene gut vereinbaren konnte."

Weitere Artikel: In einer großen Reportage schildert Adam Shatz den maroden Zustand des Mubarak-Regimes - und er erklärt auch, dass angesichts der US-Furcht vor einer islamistischen Revolution wenig Hoffnung auf Demokratisierung oder einen Wahlsieg für den Aspiranten Mohammed el-Baradei besteht. David Runciman fragt sich, ob der Wahlausgang das Ende der großbritannischen Union bedeuten könnte. Christopher Tayler bespricht Chris Morris' zurückgenommene Filmkomödie "Four Lions", in deren Zentrum nicht gerade professionell auftretende islamistische Terroristen stehen (hier der Trailer).

Magazinrundschau vom 11.05.2010 - London Review of Books

In einem wunderbar subtilen Stück philologischer Gelehrsamkeit geht Altmeister Frank Kermode (Jahrgang 1919) dem "Schauder" - gemeint ist ein Schauder des Angerührtseins - bei T.S. Eliot nach. Den fand der britische Dichter Dante wie bei Baudelaire: "Eliot bestand streng darauf, dass Gedichte stets als Ganzes behandelt werden müssen: 'Dantes Gedicht ist ein Ganzes ... man muss zuletzt alles verstehen, um irgendetwas zu verstehen.' Das ist eine Doktrin, die er von Baudelaire gelernt haben könnte, der sie auf 'Die Blumen des Bösen' anwendete: 'Je repete qu'un livre doit etre juge dans son ensemble.' ... Die Absätze, die Eliot in seiner Deutung jedoch auswählt, die Zeilen, die den Schauder auslösen, werden offenkundig herausgelöst und ihre Auswahl ist durch ihren Beitrag zu einer Erfahrung religiöser Verzweiflung gerechtfertigt, aber auch durch ihre technische Raffinesse, die im je besonderen Fall studiert werden muss und durch den leisen Schauder der Entdeckung, den sie beim Leser auslöst, belohnt werden kann."

Jeremy Harding schildert in einem umfassenden, fast schon buchartigen Essay die Anfälligkeit der britischen sowie der weltweiten Nahrungsmittelversorgung, aber auch die massiven Probleme, die die aktuellen Produktions- und Konsumgewohnheiten hervorbringen. Darunter die Ausbeutung, auf der sie beruhen: "Dann ist da die Situation der 1,1 Milliarden Agrararbeiter: Mehr als die Hälfte von ihnen besitzen weder Land noch Maschinen und leben in einem Zustand der Semi-Sklaverei. Inzwischen werden die Arbeitsbedingungen dieser neuen globalen Unterschicht auch als ökonomisches Problem erkannt: Die weltweite Nahrungsmittelproduktion nimmt ab, weil die unhaltbaren Zustände die Arbeitskraft schwächen und immer mehr Menschen in die Städte treiben."

Weitere Artikel: In einer recht scharfen Abrechnung beschreibt David Bromwich, wie sich Barack Obama, der als Gegner des Establishments antrat, längst zu dessen bestem Mann entwickelt hat. In einer gründlichen und sehr US-kritischen Analyse erklärt Gareth Pierce, warum die USA noch immer bei weitem nicht Rechtsstaat genug sind, um eine Auslieferung von Terroristen dorthin zu rechtfertigen. Peter Campbell bespricht die Ron-Arad-Ausstellung im Barbican und Jenny Diskis liest ein Buch, in dem die rechte Kolumnistin Melanie Phillips alles, was ihr liberal und links vorkommt, als Macht des Irrationalen und Bösen verdamm.

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - London Review of Books

Der Schriftsteller Benjamin Kunkel nutzt das Erscheinen eines neuen dicken Buchs - "Valences of the Dialectic" (Valenzen des Dialektischen) - mit Essays von Fredric Jameson dazu, den marxistischen Denker als Autor und Theoretiker einmal sehr grundsätzlich zu würdigen: "Die Vorrangstellung, die sich Fredric Jameson unter den englischsprachigen Kritikern seiner Generation erworben hat, wird man kaum bezweifeln können. Nicht zuletzt verdankt sie sich seinem majestätischen Stil, zu dem als herausragendes Merkmal gehört, dass ein Konvoy langer Sätze, die mit Nebensätzen befrachtet und ausbalanciert werden, immer wieder vor Anker geht, um einen griffigen Slogan zu entladen. 'Immer historisieren!' war einer von ihnen... Im vergangenen Vierteljahrundert war Jameson zugleich der zeitgemäßeste und der unzeitgemäßeste aller amerikanischen Kritiker und Autoren. Nicht nur entwickelte er früher als die meisten seiner Kollegen in den Geisteswissenschaften Interessen an Film, Science Fiction und dem Werk Walter Benjamins, er war auch ein Pionier jener Erweiterung des Feldes (James promovierte 1959 in Yale in französischer Literatur) in Richtung Allzwecktheorie, die die Diskussion von allem Möglichen im selben Atemzug zur bewährten akademischen Praxis gemacht hat."

Weitere Artikel: Neue Bücher über die - derzeit ja noch nicht endgültig vollzogene - Wiederkehr der Konservativen in Großbritannien hat der Philosoph John Gray gelesen. Jonathan Raban ereifert sich über ein für seine Begriffe sehr unoriginelles konservatives Pamphlet von Phillip Blond mit dem provokativen Titel "Red Tory" (Rote Tories). Der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisiert in einer lesenswerten, aber für den ökonomietheoretisch unbeschlagenen Leser auch nicht ganz anstrengungsfreien Rezension Robert Skidelskys Buch "Keynes: The Return of the Master". Jenny Disky beschäftigt sich in ihrer Tagebuch-Kolumne mit allem, was krabbelt und fleucht.

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - London Review of Books

Der irische Schriftsteller Colm Toibin schreibt über den Renaissancemaler Lorenzo Lotto, den er spürbar außerordentlich schätzt. Er konzentriert sich dabei auf das Gemälde "Giovanni Agostino della Torre und Sein Sohn, Niccolo". Sehen kann man es hier. Toibins intensive und genaue Deutung des Gemäldes rückt das Bildnis spekulativ in die Nähe der unmittelbar bevorstehenden Reformation - ist aber auch voller sehr schöner Einzelbeobachtungen und Thesen: "Ich weigere mich, die Fliege, die auf dem Halstuch des Vaters gelandet ist, als Symbol von irgendetwas zu sehen. Das ist eine Fliege und sie ist mit großer Feinheit gemalt. Sie ist da, sich ausruhend vom Flug. Sie ist ein Witz - wie die Eidechsen, Eichhörnchen und Katzen als Amüsements zur Ablenkung des Auges auf anderen Lotto-Gemälden erscheinen. Sie gibt dem Gemälde eine andere Art Leben, ebenso wie die Tinte, die um das Tintenfass kleckst, genauso die Art, wie die Bücher gestapelt sind und die Art, wie die Papiere auf dem Schreibtisch liegen. Möglicherweise braucht das Gemälde all das wegen der Bewegungslosigkeit der Zentralfigur. Die Fliege stört den Eindruck, dies Porträt stelle keinen in der Zeit Lebenden dar, den Eindruck, dass der Vater, anstatt von diesem Gemälde im Leben erfasst zu sein, von ihm in ein Reich anderer Art verbracht worden sei."

Magazinrundschau vom 23.02.2010 - London Review of Books

Wieder einmal ein Text aus der Rubrik "Gegenstände, die spannender sind, als wir dachten": Richard Hamblyn bespricht ein Buch von Richard Shelton über den Lachs, in dem man unter anderem dies lernt: "Die Mythopoeten der Indianer, der nordischen und keltischen Völker kennen die Figur des weisen oder edlen Lachses in einer Vielzahl früher Mythen und Legenden, etwa der walisischen Questenerzählung über Culhwch und Olwen aus dem sechsten Jahrhundert, gesammelt in 'The Mabinogion', in der ein vom Meer gegerbter, im Fluss Severn geborener Lach als die älteste und weiseste Kreatur auf Erden veehrt wird; oder die Ossianische Legende vom Lachs der Weisheit, dessen Haut aus Versehen Fionn mac Cumhaill verspeiste, der dadurch zum Orakel für das gesamte Wissen der Welt wurde. Der Lachs - sein englischer Name 'salmon' kommt, vermutet man, vom lateinischen salire, 'springen' - war immer ein Fisch der besonderen Art, ausgezeichnet durch seine ungewöhnliche Fähigkeit, zwischen den sonst getrennten Welten von Salz- und Frischwasser zu wandern."

Weitere Artikel: Will Self staunt über die verblüffend erfolgreiche britische Radio-4-Kultur-Diskussionssendung "In Our Time", deren Erfolgsgeheimnis der allem Elitären abholde Moderator und "Über-Dilettant" Melvyn Bragg ist. Keith Gessen liest ein Buch über die politischen Prozesse in Russland gegen Michail Chodorkowksi & Co. Jenny Diski schüttelt den Kopf über Antonia Frasers extrem leichtgewichtige Tagebucherinnerungen an ihre Leben mit Harold Pinter. Peter Campbell besucht eine Ausstellungen mit Fotografien von William Eggleston in der Victoria-Miro-Galerie in London. Michael Wood genießt eine komplette Ozu-Retrospektive im Britischen Film Institut am Südufer der Themse.

Magazinrundschau vom 09.02.2010 - London Review of Books

Der brillante Autor Tom McCarthy ("8 1/2 Millionen") analysiert und feiert anlässlich des Erscheinens zweier Romane in Großbritannien den Belgier Jean-Philippe Toussaint, der ihm fraglos ein Vorbild ist. Toussaint, dem das Label nouveau nouveau roman angeheftet wurde, hat, so McCarthy, einen Humor, der Alain Robbe-Grillet oder Claude Simon abgeht: "In einer wundervollen Sequenz in 'Camera' inszeniert Toussaint eine Dialogszene in einem Restaurant. Er platziert eine Schale mit Oliven auf dem Tisch (wie ein naturalistischer Schriftsteller es tun würde, der den Hintergrund mit Wahrhaftigkeit ausstatten wollte), unterdrückt die Dialoge vollkommen und beschreibt allein die Bewegung der Hände, wie sie in die Schale greifen, der Bogen, den die Frucht von der Hand zum Mund beschreibt, die Ergonomie des Kern-Transports vom Mund zur Tischdecke und, am verblüffendsten, die regelmäßigen Spuren, die die Rückseite der Gabelzinken quer über die Haut der einzelnen Olive zieht, mit der der Erzähler spielt, bevor er sie aufspießt. Wir wollen nicht Plot, Tiefe oder Inhalt: wir wollen Winkel, Bögen und Abstände; wir wollen Muster. Struktur ist Inhalt, Geometrie ist alles."

Weitere Artikel: Das Schwinden des französischen, das Wachsen nicht zuletzt des chinesischen Einflusses in den ehemaligen französischen Kolonien in Afrika schildert Stephen Smith. Toril Moi nutzt eine neue englischsprachige Ausgabe von Simone de Beauvoirs Klassiker "Das zweite Geschlecht" zur Relektüre - findet allerdings die Übersetzung nur sehr schwer verdaulich. August Kleinzahler berichtet, wie es sich anfühlt, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, nach 42 Jahren zu verkaufen. Inigo Thomas hat William Langewiesches Buch über die Landung von Flug 1549 auf dem Hudson gelesen und Barry Schwabsky besucht Christian Boltanskis Installation "Personnes" im Grand Palais in Paris.

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - London Review of Books

Die Schriftstellerin Anne Enright versucht sich an einem Psychogramm von Iris Robinson, der Politikerin, die Nordirland (und möglicherweise auch ihren Ehemann, den Premierminister) erst mit ihren Äußerungen zur Homosexualität ("eine Schande") und dann mit ihrer Affäre mit einem 19jährigen - sowie den diesem dabei gewährten Vergünstigungen - verstörte: "Wie weit darf es eine Frau nach oben schaffen? Ist es verrückt für eine Frau, die in Sozialwohnungen aufwuchs, ihre neue Villa mit handgemalten Wandfresken zu schmücken und jeden einzelnen Raum thematisch unterschiedlich zu dekorieren (orientalisch, schottisch, italienisch)? Ist es ein wenig gaga, im Arbeitszimmer einen handgemeißelten, drei Meter hohen, drei Tonnen schweren Kamin zu haben, entworfen und eingerichtet ganz nach den eigenen Vorstellungen? Ist es plemplem, wenn man sich eine Tapete kauft mit der handgedruckten Aufschrift 'Non magni pendis quia contigit' ('Man weiß das leicht Erworbene nicht zu schätzen.') - oder ist das alles einfach nur kontraproduktiv, weil es so klar zeigt, dass man die Schule schon mit sechzehn verlassen hat?"

Weitere Artikel: Daniel Soar denkt über den geheimdienstlichen Datenbank-Fehler nach, der dazu führte, dass der Unterhosenbomber Umar Farouk Abdul Mutallab an Bord eines Flugzeugs gelangte. Michael Hofmann nutzt die Lektüre der Übersetzung von Stefan Zweigs "Die Welt von gestern" für ein Porträt des Autors. Perry Anderson liest neue Bücher über den aktuellen Stand von Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Gleich über zwei neue Bücher zur Jahrhunderflut in Paris im Jahr 1910 schreibt Jeremy Harding. In Maßen beeindruckt zeigt sich Michael Wood von James Camerons Fantasyfilm "Avatar".

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - London Review of Books

In Großbritannien erscheint die englische Übersetzung von Orhan Pamuks jüngstem Roman "Das Museum der Unschuld" (hier die Stimmen zur sehr viel früher erschienenen deutschen Übersetzung). Adam Shatz nimmt das zum Anlass für ein Review-typisches Großporträt von Autor und Gesamtwerk. Obwohl Shatz nur an der Instrumentalisierung des Dichters für weltanschauliche Toleranz-Zwecke ausdrücklich Kritik übt, bleibt eine gewisse Distanz zu Pamuk doch durchweg unübersehbar. Auch in dieser Passage zu Pamuks Herkunft: "In der Türkei hat man Pamuk auch seinen Oberschicht-Hintergrund zum Vorwurf gemacht, wo er als jemand betrachtet wird, der 'nicht genug geschwitzt' hat. Pamuk ist in einem wohlhabenden Viertel in Istanbul aufgewachsen, hat eine amerikanische Elite-Privatschule besucht und ist der erste türkische Romancier, der nie einen Brotjob ausüben musste. Aber der Reichtum seiner Familie hat möglicherweise dem Image des Sprösslings im Ausland geholfen, dank des Alte-Welt-Stammbaums: die Pamuks haben ein Vermögen mit dem Eisenbahnbau in den letzten Tagen des Ottomanischen Reiches gemacht und das meiste davon durch schlechte Investitionen nach dessen Zusammenbruch wieder verloren; das verbliebene Geld hat eine Aura verblassten Glanzes, ganz wie die Stadt, die der Gegenstand seines Erinnerungsbuch und der Schauplatz der meisten seiner Romane ist."

Weitere Artikel: Steven Shapin resümiert das Darwin-Jahr und rückt dabei ein paar Dinge zurecht. Anne Enright porträtiert Irland in der Rezession. John Lanchester erweist sich in seinem Kommentar zum Verkauf der britischen Schoko-Legende Cadbury als intimer Kenner der Schokoriegel-Szene.

Magazinrundschau vom 15.12.2009 - London Review of Books

Taylor Branch hat fast ein Jahrzehnt lang immer wieder Gespräche mit dem Präsidenten (dann Ex-Präsidenten) Bill Clinton geführt. Die Transkripte sind noch unter Verschluss, aus seinen eigenen Aufzeichnungen rekonstruiert Branch in seinem nun erschienenen 700-Seiten-Buch "The Clinton Tapes" jetzt die Begegnungen. Für den Rezensenten David Runciman ergibt sich daraus das faszinierende und nicht unbedingt schmeichelhafte Bild eines informationssüchtigen und in vieler Hinsicht - nicht einmal primär sexuell - promisken Mannes mit gelegentlich obsessiven Zügen: "Er liebt es, wenn Leute ihm ihre Lebensgeschichten erzählen, und liebt es ebenso, über ihre tieferen Gefühle zu spekulieren, wie ihr demografisches Profil zu analysieren. Er möchte wissen, wie du tickst, egal wer du bist und woher du kommst. Warum trinkt Boris Jelzin so viel? (Bei einem denkwürdigen Besuch im Weißen Haus endet Jelzin in Unterhosen auf der Pennsylvania Avenue und versucht ein Taxi herauszuwinken, das ihn in eine Pizzeria fahren soll.) Clinton überlegt, Jelzin zu einem vertraulichen, ja vielleicht sogar therapeutischen Gespräch zu sich zu rufen. Man gewinnt den Eindruck, dass er nichts lieber täte, als Jelzins Kindheit zu durchforsten, Ursachen zu finden, und die Geschichten über die Trunksüchtigen in Arkansas zu erzählen, darunter sein eigener Stiefvater."