Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 17

Magazinrundschau vom 22.07.2014 - New Republic

Der Nahost-Konflikt hat inzwischen eine derart deprimierende Zwanghaftigkeit entwickelt, dass man eigentlich nichts mehr davon hören möchte. Und doch gibt es immer noch und immer wieder Vermittlungsversuche. Ben Birnbaum and Amir Tibon erzählen in einem so frustrierenden wie spannend zu lesenden Bericht, wie John Kerrys jüngster Friedensplan scheiterte. An den direkten Verhandlungspartnern, Tzipi Livni und Saeb Erekat, lag es nicht: "Von allen palästinensischen Unterhändlern kam nur wenige besser mit Livni zurecht als der Mann, der ihr jetzt gegenüber saß: Erekat. "Ich zweifele nicht daran, dass Tzipi und Saeb, würde man sie in einem Raum allein lassen, in zwei Wochen einen Friedensvertrag aushandeln würden", sagte ein israelischer Minister. Aber natürlich waren sie nicht allein. Bei jedem Schritt in diesem Prozess würde Erekat von einem ehrgeizigen Fatah-Apparatschik namens Mohammed Shtayyeh begleitet werden und oft auch von Faraj, dem Geheimdienstchef. Livni würde unter den wachsamen Augen von Netanjahus persönlichem Anwalt Itzik Molho verhandeln."

Magazinrundschau vom 16.05.2014 - New Republic

Seit fünfzig Jahren arbeitet David Brion Davis an einer monumentalen Geschichte der Sklaverei in den USA. Nun ist der abschließende dritte Band erschienen, "The Problem of Slavery in the Age of Emancipation" (Auszug), den Steven Hahn sehr ausführlich bespricht: "Statt das Zeitalter der Emanzipation als unvermeidlichen Prozess darzustellen, vermutet Davis sogar eher, dass die haitianische Revolution und die Emanzipationsbewegung in Großbritannien den Widerstand der amerikanischen Sklavenhalter eher noch verhärtete, die das Verbot der Sklaverei als endgültigen Schlag gegen ihre Welt ansahen. Dieser Widerstand hat seinerseits die innenpolitischen Spannungen zur Frage der Zukunft der Sklaverei noch verschärft und veranlasste die Sklavenhalter dazu, größeren Schutz für ihr Eigentum und mehr Rechte zu verlangen. Abolitionisten, die flüchtigen Sklaven halfen und Sklavenfänger austricksten, hatten die Sklavenhalter besonders alarmiert. In der Folge peitschten sie ein Gesetz über flüchtige Sklaven durch den Kongress, das ihre Position stärkte und allen Leuten afrikanischer Herkunft schadete."

In der vorherigen Ausgabe von The New Republic beschreibt Graeme Wood in einer sehr lesenswerten Reportage die Hölle, die heute die Zentralfrikanische Republik darstellt. Hier schlachteten erst Muslime Christen ab und jetzt verfährt die christliche Mehrheit mit den Muslimen auf die gleiche Art. Die Leichen - oder Leichenteile - der einen oder anderen Partei werden auf der Avenue de France abgelegt, damit sie nicht im eigenen Hinterhof anfangen zu stinken und das Rote Kreuz sie einsammeln kann. Zu den Blauhelmen, die inzwischen dort stationiert sind, gehören auch ruandische Soldaten. Ihnen ist der Konflikt vertraut, vielleicht sogar zu vertraut. Ihr Vorgesetzter Oberstleutnant Jean-Paul Karangwa "ist nicht von Natur aus gewalttätig, aber er erzählte mir, ohne eine Spur von Reue, wie seine Leute jemanden niederschossen, von dem sie wussten, dass er ein Killer war. Ein Muslim, der Gefahr lief, gelyncht zu werden, hatte bei einem ruandischen Posten Schutz gesucht. Als die Ruander sich weigerten, ihn der Anti-Balaka auszuliefern, einer christlichen Milizentruppe, kam ein Mitglied der Gruppe mit der Leiche eines anderen Muslims zurück, um den Ruandern zu zeigen, dass ihr Schutz nutzlos war - es gab immer einen anderen Muslim, den sie nicht beschützen konnten. "Er fing an, den toten Mann vor unseren Augen aufzuschlitzen", erinnert sich Karangwa mit einem leichten Schulterzucken. "Also haben wir ihn erschossen."" (Vor wenigen Tagen fiel auch die Kriegsfotografin Camille Lepage dem Terror im Land zum Opfer, mehr in der taz)

Magazinrundschau vom 23.05.2014 - New Republic

Wladimir Putin hat das russische Internet kaputtgemacht, erklärt Anton Nossik, und er weiß, wovon er spricht: "Man kann es sich angesichts seiner heutigen Attacken kaum noch vorstellen, aber im Dezember 1999, drei Tage vor seiner ersten Präsidentschaftswahl, gab Wladimir Putin ein feierliches Versprechen, die Rede- und Handelsfreiheit im Internet zu schützen und zu ehren. Er erkannte die Bedeutung dieser neuen Industrie für die Modernisierung Russlands. Er bat alle Köpfe der entstehenden russischen Internetindustrie zu einem Treffen, auch mich. Damals war ich bekannt als Gründer und Chef führender russischer Websites wie Gazeta.Ru, Lenta.Ru, Vesti.Ru, NTV.Ru. Ich war auch der erste russische Blogger des Planeten." Was danach kommt, bis zur jetzigen Betonierung der Internets, liest sich weniger erbaulich.

Magazinrundschau vom 02.05.2014 - New Republic

Gerade sind Vladimir Nabokovs Vorlesungen über russische Literatur auf Deutsch erschienen. Als Ergänzung empfehlen wir in The New Republic diese Originalvorlesung von Nabokov vom 4. August 1941 über die schlimmsten Sünden, die man beim Übersetzen russischer Erzählungen begehen kann. Hier der Anfang: "Three grades of evil can be discerned in the queer world of verbal transmigration. The first, and lesser one, comprises obvious errors due to ignorance or misguided knowledge. This is mere human frailty and thus excusable. The next step to Hell is taken by the translator who intentionally skips words or passages that he does not bother to understand or that might seem obscure or obscene to vaguely imagined readers; he accepts the blank look that his dictionary gives him without any qualms; or subjects scholarship to primness: he is as ready to know less than the author as he is to think he knows better. The third, and worst, degree of turpitude is reached when a masterpiece is planished and patted into such a shape, vilely beautified in such a fashion as to conform to the notions and prejudices of a given public. This is a crime, to be punished by the stocks as plagiarists were in the shoebuckle days."

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - New Republic

Noam Scheiber schickt eine herzergreifende, hüstel, Reportage über Ungerechtigkeiten unter den Onepercentern in Silicon Valley: Dort leiden Programmierer über 35 unter massiver Diskriminierung. "Während ich dies schreibe, wirbt ServiceNow, eine große IT-Company in Santa Clara, um neue Mitarbeiter - in Großbuchstaben und unter dem Slogan: "Wir suchen Leute, die ihre beste Arbeit noch vor sich haben, nicht hinter sich". Und das ist nur, was man öffentlich sagt. Ein Ingenieur in seinen Vierzigern erzählte mir kürzlich über ein Treffen mit einem CEO, der versuchte, seine Firma zu kaufen: "Sie müssen der Quotengraubart sein", sagte der CEO, der in seinen späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern war. Er sah ihn an uns sagte: "Nein, ich bin der Quotenerwachsene." Nachdem ich acht Monate lang mit Dutzenden von Leuten rund um Silicon Valley geredet habe - Ingenieuren, Unternehmern, Finanziers, unangenehm neugierigen Schönheitschirurgen - überkam mich das starke Gefühl, dass ich besser nicht aussehen sollte wie jemand, der schon in den Achtzigern gewählt hat. Dann lieber naiv und unreif."

Und hier ein paar von den 15- bis 22-jährigen Wunderkindern aus dem Silicon Valley.

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - New Republic

Wie ein Ausruf der Verzweiflung liest sich, was die Autorin Nilanjana Roy zum Fall Wendy Doniger schreibt (deren alternative Geschichte des Hinduismus der Penguin Verlag zurückgezogen hatte, nachdem er jahrelang von orthodoxen Hindus unter Druck gesetzt worden war, mehr hier): "Manchmal wird das 'Nie wieder' zu einer geladenen Waffe an den Schläfen der Kreativen. Wir leben nun seit über zwanzig Jahren (seit der Fatwa gege Salman Rushdie, d.Red.) unter der ständigen Drohung von Gewalt, der wir uns beugen müssen. Und Künstler, Autoren, Historiker, die in irgendeiner Weise als provokativ gelten, werden für die Drohungen gegen sich selbst verantwortlich gemacht. Sie sollen schuld sein an dem Schwert, das andere über ihre Köpfe halten. Seit vielen Jahren sind die beiden Mantras der liberalen Klassen in Indien, besonders bei den Kreativen, schizophren: Immer mehr steigt der Ärger über das Mobbing, dem wir ausgesetzt sind, und immer dringender wird im Gegenzug darauf beharrt, dass wir jede Gefahr eines Aufstands meiden sollen."

"Das Problem mit dem Futurismus ist, dass wir die Zukunft gesehen haben", schreibt Jed Perl angesichts der großen Ausstellung "Italian Futurism: 1909-1944: Reconstructing the Universe" im New Yorker Guggenheim, die ihm die heikle Rolle der Futuristen in der Geschichte der modernen Kunst verdeutlicht: "Ein Ästhet mit einem politischen Programm ist grundsätzlich eine beunruhigende Erscheinung, und es lässt sich nicht leugnen, wie widerlich die avantgardistischen Exkapaden der Futuristen werden können, wenn sich ihr polemischer Überschwang nicht mehr von antidemokratischer Demagogie unterscheiden lässt... Im Großen und Ganzen fühlen sich diejenigen, die mit der Kunstgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts betraut sind, mit linken Exzessen wohler als mit rechten, sodass (um nur ein Beispiel zu nennen) El Lissitzkys Arbeit als Propaganist für Stalin und die Sowjetunion mehr Verständnis entgegengebracht wird als der Propaganda für Faschisten."

Magazinrundschau vom 21.03.2014 - New Republic

Schriftstellern wird häufig vorgeworfen, sie lebten in intakten Scheinwelten und seien von den relevanten Geschehnissen ihrer Zeit entrückt. Wie groß der Graben wirklich ist, zeigt sich immer dann, wenn ein Autor versucht, ihn zu überwinden. Zum Beispiel Lorrie Moore, die sich in ihren Kurzgeschichten lange Zeit erfolgreich auf die gebildete amerikanische Mittelschicht konzentrierte, bis sie begann, Themen wie Terrorismus und Krieg einfließen zu lassen - und ihnen damit jegliche Plausibilität und Glaubwürdigkeit nahm, wie Alex MacGillis feststellt: "In früheren Zeiten befeuerten Antikriegsdemonstrationen die Literatur und erschütterten Unistädte wie Madison. In unserer Zeit inspirieren sie Schilder auf dem Rasen, gelegentliche eine prekäre Situation an einer Straßenecke, die die Fahrer zum Hupen zwingt, und in Moores Fall, Anspielungen, mit denen eine talentierte Autorin ihre Geschichten über häusliche Angst schmücken kann - ohne sich je darum zu kümmern, ob diese Anspielungen auch nur ansatzweise plausibel sind. Meinetwegen können sich Schriftsteller gerne stärker auf die Welt einlassen. Aber wenn man nicht willens ist, einen minimalen Aufwand zu betreiben, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, dann sollte man wohl besser dem Diktum aus "Fawlty Towers" folgen: don"t mention the war."

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - New Republic

In The New Republic erzählt Paul Berman die erstaunliche Geschichte der ersten schwarzen Sklavin, die eine Autorin wurde. Ihr Buch, "The Bondwoman's Narrative", trug die Unterzeile: von "Hannah Crafts, einer Sklavin, die kürzlich aus North Carolina geflohen war." Das Originalmanuskript war 2002 von Henry Gates jr. ersteigert und - mit einem ausführlichen Vorwort versehen - veröffentlicht worden. Inzwischen hat ein Professor namens Gregg Hecimovich Dokumente gefunden, die nahe legen, dass die Autorin Hannah Bond hieß, Sklavin der Wheeler Familie in North Carolina war und nach ihrer Flucht bei einer Familie namens Crafts lebte. Berman ist entzückt: "Zusätzliche Informationen über die Autorin und ihre Lebensumstände werden zweifellos noch erscheinen. Ich kann zu meiner Freude mitteilen, dass mir einige dieser Informationen zufällig vor die Füße fielen, wie Kokosnüsse oder Mangos. Das war vor Jahren, als ich noch Reporter in Nicaragua war. Diese Informationen betreffen Hannah Bonds letzten Sklavenhalter, John Hill Wheeler, und nach meiner Einschätzung liefern sie einen Einblick in den mysteriösesten Teil ihrer Großtat: Wie konnte jemand, der aus so bescheidenen Verhältnissen kommt, die literarische Finesse und den Ehrgeiz entwickeln, 'The Bondwoman's Narrative' zu schreiben? Diese Frage betrifft jeden einzelnen zum Erzähler gewordenen Sklaven, auch wenn vielleicht nie so dramatisch wie in diesem besonderen Fall."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - New Republic

Jonathan Galassi stellt Lucy Hughes-Halletts Biografie des italienischen Dichters Gabriele D'Annunzio vor. Im großen und ganzen, meint er, schließt sie sich dem Urteil von Henry James an, der 1902 schrieb, dass "D'Annunzios Forderung nach 'Schönheit um jeden Preis, Schönheit, die den Verstand und die Sinne gleichermaßen anspricht" geschmacklos und enervierend sei - wie so viele mediterane Produkte: 'eine sonderbare, geschmacksintensive Frucht aus Übersee ... nicht wirklich zu uns passend.' ... D'Annunzio predigte in seiner Literatur, was er lebte. Wie James an anderer Stelle beobachtete: 'Obwohl sein Werk nichts als literarisch ist, kann man nie erkennen, wo die Literatur oder das Leben beginnen oder enden.' Er benutzte häufig Briefe an seine Geliebten mit detaillierten Beschreibungen ihrer intimen Begegnungen als Erinnerungshilfe für die Komposition seiner Liebesszenen: 'Pentella [sein Kosename für die Vagina einer Geliebten] war nie so weich und heiß und samten wie während der vier Orgasmen vor dem Mittagessen Samstags', schrieb er einer seiner wechselnden Partnerinnen in seinen späten Jahren."

Philip Kennicott nimmt den britischen Komponisten Benjamin Britten aufs Korn. Liest man den Text zu Ende, stellt man fest, dass er durchaus einiges Schätzenswerte und sogar "Dorniges" in seiner Musik findet. Aber der Mittelteil über diese "Genie aus der Mittelklasse", das in seinen jungen Jahren Rachmaninows Musik als sentimentalen "Papp" verabscheute und Berg und Schönberg verehrte, ist ein Schlachtfest: "Egal, was der junge Komponist über sentimentalen 'Papp' sagte, Britten schwelgte darin, wie die meisten Menschen in Braten und Schnaps. Und er ist nie so genial wie bei den raren Gelegenheiten, - 'Albert Hering' zum Beispiel - wo er sich einen zweiten Martini genehmigte."

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - New Republic

In The New Republic nimmt Philip Kennicott den britischen Komponisten Benjamin Britten aufs Korn. Liest man den Text zu Ende, stellt man fest, dass er durchaus einiges Schätzenswerte und sogar "Dorniges" in seiner Musik findet. Aber der Mittelteil über diese "Genie aus der Mittelklasse", das in seinen jungen Jahren Rachmaninows Musik als sentimentalen "Papp" verabscheute und Berg und Schönberg verehrte, ist ein Schlachtfest: "Egal, was der junge Komponist über sentimentalen 'Papp' sagte, Britten schwelgte darin, wie die meisten Menschen in Braten und Schnaps. Und er ist nie so genial wie bei den raren Gelegenheiten, - 'Albert Hering' zum Beispiel - wo er sich einen zweiten Martini genehmigte."