Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 17

Magazinrundschau vom 30.06.2015 - New Republic

Ben Lerner, Michel Houellebecq, Sheila Heti, Siri Hustvedt, Orhan Pamuk - immer mehr Autoren beschäftigen sich mit Kunst, stellt Shaj Mathew fest. Mehr noch, sie betrachten ihre Bücher selbst als Konzeptkunst. Hat die Literatur gerade ihren Duchamp-Moment? Als Beispiel nimmt Mathew den neuen Roman von Enrique Vila-Matas, "The Illogic of Kassel", der die Erfahrungen des spanischen Autors auf der Documenta 2013 beschreibt, als er - wie ein lebendes Kunstwerk - in einem chinesischen Restaurant sitzen und schreiben sollte. "In "The Illogic of Kassel" wiederholt Vila-Matas immer wieder einen Satz, den einst Mallarmé zu Manet gesagt hat: "Malen Sie nicht den Gegenstand, sondern die Wirkung, die er hat." Mit anderen Worten, die Wirkung, die Kunst hat, ist jetzt wichtiger als die Leinwand. Es überrascht nicht, dass dieser Satz im Roman so oft wiederholt wird: Vila Matas malt in seinem Roman nämlich sehr deutlich die Wirkung aus, die Kunst hat. Der Leser hat uneingeschränkten Zugang zu seinem reichen Innenleben - all seine Ängste, Ansichten und Erfahrungen beim Betrachten der Installationen auf der Documenta. Tatsächlich verlangt Vila-Matas einen aktiven Leser, so wie die Installationen der Konzeptkunst auf der Documentea eine Beteiligung des Betrachters fordern, um eine Bedeutung zu erlangen. ... Mit konkurrierenden Interpretationen zu ringen, die eigenen Assoziationen, Gefühle, Theorien verarbeiten, das ist das Kunstwerk im neuen Jahrtausend."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - New Republic

Die Autoren Neil Gaiman and Kazuo Ishiguro unterhalten sich sehr ausführlich über Ishiguros neuen Roman "The Buried Giant" - das einige amerikanische Kritiker verwirrt hat, weil es Fantasy-Elemente enthält aber kein Fantasy ist -, über Genreliteratur, die Gemeinsamkeiten von Musicals und Pornofilmen und die Unterschiede zwischen einem Samurai-Schwertkampf und einem Robin-Hood-Duell. Zwar denken Kritiker, Verlage und Buchhändler immer noch viel zu schlecht über Genreliteratur und Genre, dennoch hat Science-Fiction in den letzten Jahren einen enormen Anerkennungsschub erfahren. Ob dies mit der veränderten Wirtschaft zu tun hat, fragt sich Ishiguro: "Wir sind keine Fabrikarbeiter mehr, Angestellte und Soldaten etc. Und mit dem Beginn des kreativen Denkens scheinen die neuen Tech Industrien, die in den letzten zwanzig Jahren den Weg bereitet haben, ein gewisses Maß an Vorstellungskraft zu fordern. Vielleicht fangen die Leute an, einen wirtschaftliche Nutzen darin zu sehen, wenn wir dem frönen, was einst als kindische Fantasie abgetan wurde. Ich höre mich an wie ein Soziologieprofessor aus den Siebzigern, aber mir scheint, da ist etwas dran."

Gaiman kann dem nur zustimmen. Er erzählt von einem staatlich geförderten Science-Fiction-Tagung 2007 in China, zu der er eingladen war. "Ältere chinesische Autoren erzählten mir, dass man lange auf Science Fiction herabgesehen habe, sie sogar als verdächtig und konterrevolutionär eingeschätzt habe. Denn wenn man eine Story über eine riesige Ameisenkolonie in der Zukunft schreibt, in der Menschen zu Ameisen werden, wusste niemand genau. War das wirklich ein Kommentar zum Staat? Es war sehr, sehr heikel. Ich nahm einen staatlichen Organisator beiseite und sagte: "Ok. Warum organisieren Sie heute, 2007, eine Science-Fiction-Tagung?" Und die Antwort war, dass die Partei besorgt war, weil China historische gesehen eine Kultur der magischen und radikalen Erfindungen war. Heute aber erfinde niemand mehr etwas. Sie können sehr gut Dinge nachmachen, aber sie erfinden nicht. Also gingen Parteimitglieder nach Amerika und interviewten Leute von Google und Apple und Microsoft und sprachen mit den Erfindern und sie entdeckten, dass jeder einzelne von ihnen in seiner Jugend Science Fiction gelesen hatte."

Magazinrundschau vom 28.04.2015 - New Republic

Mag sein, dass der Arabische Frühling in Etappen kommt. Liest man Ahmed Benchemsis Artikel, gibt es noch Hoffnung. Denn es gibt in der arabischen Welt, wie Benchemsi mit Umfragen untermauert, immer mehr Atheisten. Auch solche, die sich dazu bekennen, schreibt er und verweist auf den Youtube-Kanal "The Black Ducks", der im August 2013 von einem weiteren ägyptischen Atheisten, Ismael Mohamed gestartet wurde, ein Programm, das Atheisten der arabischen Welt einlädt sich auszusprechen. Wer anonym ist, kann dummes Zeug reden und muss sich nicht dafür verantworten, sagte Ibrahim in einem Video: "Ich dachte, wenn wir Atheisten aufhören, Gespenster zu sein, und uns materialisieren, dann werden wir ernster genommen, denn unsere Aussagen werden besser durchdacht sein. Wir werden nie bekommen, was wir wollen, wenn wir nicht den Mut haben, dazu mit unseren Gesichtern und unseren Namen einzustehen.""

Magazinrundschau vom 27.01.2015 - New Republic

In der New Republic kann sich Shahan Mufti, Journalist und Professor für Journalismus an der Universität von Richmond, Mohammed-Karikaturen nicht anders denken denn als Ausdruck von Hass, Rassismus und Bigotterie. Zum Beleg führt er Mohammed-Dartellungen von Dante, Voltaire, Salvador Dali, Auguste Rodin, Gustav Dore, William Blake und Salman Rushdie an und vergleicht sie mit der amerikanischen Tradition des Blackfacing. Wie soll man heute damit umgehen? Gandhi zeigt ihm den Ausweg, der nach Lektüre der satirischen und in den zwanziger Jahren einen muslimischen Aufruhr auslösenden Erzählung "The Colorful Prophet" folgendes empfahl: "Revolutionärer Denker, der er war, formte Gandhi seine Vorstellung, wie der Extremismus zu bekämpfen war, nach der Lektüre des Buchs. Um die Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu überbrücken, schlug er vor, "statt dessen saubere Literatur zu verbreiten und Toleranz für den Glauben des jeweils andere zu zeigen"."


Magazinrundschau vom 16.12.2014 - New Republic

Kunst wird immer öfter zensiert. Nicht in irgendwelchen Diktaturen, sondern bei uns im Westen, stellt Tiffany Jenkins fest: Gefordert wird Zensur heute meist von Linksliberalen, die Rassismus, Antisemitismus, Pädophilie oder Religionsfeindlichkeit wittern. Und die Institutionen wehren sich praktisch überhaupt nicht mehr. Jenkins belegt das mit einer erschreckenden Anzahl von Beispielen in Europa und Amerika. Eins ist die Installation "Exhibit B" (Bild) des südafrikanischen Künstlers Brett Bailey, die eine Art menschlichen Zoo des 19. Jahrhunderts zeigt, mit 12-14 afrikanischen Künstlern und einem Chor aus Namibia. Statt eine Diskussion über Sklaverei, Kolonialisierung und heutigen Rassismus auszulösen, gab es massive Verbotsforderungen in England und Paris: "In ihrem Kern diktieren diese Rufe nach Zensur, dass nur bestimmte Gruppen oder Menschen Kunst machen dürfen, weil nur sie die entsprechende Erfahrung haben. Diese Proteste sind unterlegt von der Vorstellung, wir, das Publikum, seien nicht fähig zur Empathie und dass der Zweck von Kunst nicht darin besteht, zu erschaffen und Menschen von anderen Welten zu überzeugen, sondern die Realität so abzubilden, wie die Selbsterwählten sie sehen. Es ist eine ausschließende und spaltende Auffassung, die letzlich die Basis jeder Kunst leugnet."

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - New Republic

Grässliche Einsichten gewinnt Michael Lewis bei der Lektüre von Darrell M. Wests Buch "Billionaires - Reflections on the Upper Crust" und einigen psychologischen Studien in die Hirne sehr reicher Menschen. Da ist zum Beispiel eine Studie von Mike Norton, einem Professor an der Harvard Business School. Er fragte einige dieser sehr reichen Menschen, "wie glücklich sie gerade waren. Dann fragte er, wieviel Geld sie bräuchten, um noch glücklicher zu sein. "Alle sagten, sie bräuchten ungefähr zwei bis dreimal mehr, um glücklicher zu sein" erläutert Norton. Die Beweise sprechen dafür, dass Geld jenseits einer bescheidenen Summe nicht die Macht hat, Glück zu kaufen. Und doch glauben sogar sehr reiche Menschen daran, dass es das tut: Glück wird von jenem Geld kommen, das sie noch nicht haben."
Stichwörter: Oligarchen, Reichtum

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - New Republic

Die Philosophin Martha Nussbaum unterzieht Angus Deatons Studie "The Great Escape: Health, Wealth, and the Origins of Inequality" (Auszug) einer sehr gründlichen Lektüre, obwohl sie es durchaus einer gewissen Leichthändigkeit der Argumentation beschuldigt. Auch Deaton fragt (wie Perry oben in Newsweek) nach dem Dilemma westlichen Engagements in Entwicklungsländern, beschäftigt sich aber weniger mit Militärinterventionen als mit Entwicklungshilfe. Bei aller Reserve scheint Nussbaum Deatons Thesen weitgehend zuzustimmen: "In den wahrscheinlich streitbarsten Kapiteln seines Buchs argumentiert Deaton, dass die Probleme globaler Armut von ausländischer Hilfe und privaten Hilfsorganisationen wohl nicht nur nicht gelöst, sondern eher noch verschlimmert werden. Die Menschen in den reichen Ländern wollen helfen, sie fühlen eine moralische Verpflichtung. Aber wenn sie armen Ländern Geld geben, lösen sie damit nicht das Problem. Wie der Ökonom Peter Bauer vor langem darlegte: Wenn alle Bedingungen für Entwicklung gegeben sind, außer Kapital, dann wird das Kapital früher oder später lokal gebildet oder als Kredit zur Verfügung gestellt... Deaton ergänzt einige Argumente: Erstens wird die Hilfe selten von den Nöten der Bedürftigen geleitet, sondern von den Prioritäten und Interessen der Geberländer. Zweitens wird Hilfe in der Regel Regierungen gegeben, die kein Interesse daran haben, ihren eigenen Leuten zu helfen."

"Amazon muss gestoppt werden", titelt Franklin Foer programmatisch und erzählt, wie sich irgendwann in den Sechzigerjahren die Auffassung durchsetzte, dass der Kampf gegen Monopole nicht dem Schutz kleinerer Unternehmen dient, sondern dem Schutz der Konsumenten. Als Konsequenz daraus sind heutige Monopolisten wie Walmart und Amazon ausgesprochen verbraucherfreundlich und beuten stattdessen ihre Angestellten und Zulieferer aus. Die Auswirkungen sind nicht weniger zerstörerisch, aber der öffentliche Protest hält sich in Grenzen, weil die Kunden von dem kannibalistischen Geschäftsmodell profitieren: "Wir alle sind verführt worden von den niedrigen Preisen, den automatischen monatlichen Windellieferungen, den kostenlosen Prime-Filmen, der Geschenkverpackung, dem kostenlosen Zwei-Tage-Versand, der Möglichkeit, Schuhe und Bücher und Toilettenpapier und Pintobohnen am selben Ort kaufen zu können. Aber inzwischen ist es über Verführung hinausgegangen. Jetzt erwarten wir diese Bequemlichkeit, als wäre sie ein Geburtsrecht. Sie hat sich eingebrannt in unsere Vorstellung davon, wie Konsumenten behandelt werden sollten. Diese Erwartung führt zu unserer kollektiven Verleugnung von Amazons Wesen." Und das wird uns am Ende, so Foer, wie alle Monopole eine geringere Auswahl und Qualität verglichen mit heute anbieten.

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - New Republic

Isaac Chotiner freut sich über den warmen Empfang, den Hilary Mantel und ihr Mann Gerald McEwen ihm in ihrem Haus bei London bereiten. Mantel spricht mit ihm über ihren neuen Ezählband, Maggie Thatcher und Saudi-Arabien, wo sie in den 80ern mit ihrem Mann, einem Geologen, lebte. "Was für eine wundervolle Gelegenheit! Wieviele Menschen haben heute die Chance, nicht nur in einer absoluten Monarchie, sondern in einer Theokratie zu leben. ... Ich habe die Tendenzen gesehen, die zum Krieg gegen den Westen führten, sie waren in jeder Konversation sichtbar ... Sie kommen aus ziemlich primitiven Impulsen. Woher kommt Antisemitismus? Die abscheulichen Cartoons in der arabischen Presse, die Holocaust-Leugnung. Man hat Karten und Israel ist nicht darauf. Das ist institutionell, es ist offiziell. Die Informationen, die die Leute über den Westen hatten, waren so unglaublich verzerrt. Natürlich ist es ein Schock, auch wenn man theoretisch darüber Bescheid weiß."

Außerdem: John Gray empfiehlt dringend - und alle Atheisten beschimpfend - das neue Buch der Religionswissenschaftlerin Karen Armstrongs, "Fields of Blood", die darin allen Religionskritikern, die Religion für die Ursache der schlimmsten Gewalt halten, die Vielzahl säkularer Verbrechen entgegenhält. David Thompson erklärt, warum er Mathieu Amalrics Film "The Blue Room" viel besser findet als David Finchers gefeiertes "Gone Girl": ""The Blue Room" ist an die unerkennbare Erregung zu leben angeheftet, während "Gone Girl" Körper als Stücke für die Fleischplatte betrachtet. Amalric liebt Sex und lässt seine Geschichte atmen, Fincher hat keine Geduld mit seiner und saugt ihr alle Substanz aus."

Magazinrundschau vom 29.07.2014 - New Republic

Tom Bissell besuchte William T. Vollmann in Sacramento und kam mit einem riesigen Porträt des Schriftstellers zurück, der für seine dicken Bücher berühmt ist: "In Gesprächen kommt er immer wieder und immer wieder darauf zurück, wie glücklich er über seine Unabhängigkeit vom Literaturbetrieb ist, der wahrlich feindselig gegenüber solcher Unabhängigkeit sein kann. "Der Leser, für den ich schreibe, wird offen sein für wundervolle Sätze und er wird zumindest versuchen zu verstehen, warum ich tue, was ich tue", sagte er mir. "Das ist dann der Leser, den ich liebe, und das ist der Leser, der schlussendlich mich liebt." Ich persönlich habe eine ganze Menge von Vollmanns Romanen gelesen und in viele andere reingelesen, mich in ihnen umgesehen. "Fathers and Crows" ist eines meiner Lieblingsbücher von ihm; aber ich habe wohl kaum mehr als die Hälfte davon wirklich gelesen. Du liest Vollmann nicht auf der Suche nach Struktur und altbackenem Geschichtenerzählen; du liest Vollmann wegen seiner Sätze, wegen der Stimmung, wegen dem Erlebnis. Du gibst dich Vollmann hin, aus dem selben Grund, der andere dazu bewegt, Stürmen nachzujagen."

Magazinrundschau vom 04.08.2014 - New Republic

Paul Berman erinnert sich anlässlich des posthum erschienenen Buchs "A Colossal Wreck" an seinen 2012 verstorbenen Kollegen Alexander Cockburn, mit dem er Ende der Siebziger kurz bei The Village Voice zusammengearbeitet hatte. Cockburn war der Fall eines britischen Marxisten mit adligem Stammbaum, der Amerika, Israel, Homosexuelle und Populärkultur hasste. Für die amerikanische - zumeist jüdisch geprägte, sozialdemokratische - Spielart des Marxismus interessierte er sich nicht die Bohne. "Liest man Cockburn in der Voice oder später in The Nation oder in "A Colossal Wreck", gewinnt man den Eindruck, hier sei jemand seit etwa 1967 in einer Anti-Vietnamkriegsdemo gefangen und verdammt, sich für immer vor Grausen über Robert McNamara zu schütteln. Er schüttelte sich auch vor dem Zionismus, dessen Natur ihm so durch und durch abscheulich erschien. Afghanistan führte ihn, nachdem die Sowjetunion das Land besetzt hatte, zu orgasmischen Höhen sexueller Befriedigung: "ein unsägliches Land voller scheußlicher Menschen, Schafficker und Schmuggler". Mehr: "Ich lasse mich von niemandem in meiner Sympathie für Russlands Geknechtete übertreffen, aber wenn ein Land es je verdiente, vergewaltigt zu werden, dann ist es Afghanistan. ""