Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 13.10.2009 - New York Times

Im NYT Magazine erliegt Alex Witchel dem Charme von Englands berühmtestem Koch Jamie Oliver, der demnächst in einer amerikanischen Kleinstadt mit dem höchsten Übergewicht Amerikas gesundes Kochen propagieren will. Oliver soll mit seinen Büchern, Restaurants und Fernsehshows inzwischen mindestens 65 Millionen Dollar verdient haben. Beim Kochen erklärt er Witchel sein Erfolgsrezept: "Der Schlüssel im Leben ist es, sich mit vielen Frauen zu umgeben', sagt Oliver. 'Männer würden mich einfach anlügen. Mädchen sagen: Gib mir eine halbe Stunde und ich finde es heraus. Sie sind intelligent, loyaler und sorgen dafür, dass Ideen auch umgesetzt werden. Alles was ich tue, dreht sich um Teamarbeit. Neunzig Prozent meines Teams sind Frauen.'"

In der Book Review sammeln Motoko Rich und Nicholas Kulish Reaktionen auf den Literaturnobelpreis für Herta Müller.

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - New York Times

Lewis Hyde, Autor des Buchs "Die Gabe", denkt in der Book Review über das Google Book Settlement nach und findet keine befriedigende Lösung, die den Ideen der Gründerväter der USA gerecht wird: "Vor allem Jefferson glaubte, dass keine Generation das Recht habe, die nachfolgende zu verpflichten. 'Die Erde gehört ... den Lebenden', schrieb er 1789 an Madison. 'Die Toten haben weder Macht über sie noch Rechte daran.' Darum sollten 'unbefristete Monopole' in den Künsten 'ausdrücklich verboten werden'. Jeffersons schlug vor, dass das Copyright nicht länger als 19 Jahre dauern sollte." Google aber würde mit der Digitalisierung von Büchern allein kraft seiner Marktmacht ein unbefristetes Monopol erwerben... (Hyde hat seine Überlegungen zum Copyright ausführlicher hier beschrieben: pdf zum runterladen)

Besprochen werden unter anderem Kazuo Ishiguros neuer Erzählband (dem Christopher Hitchens nicht viel abgewinnen kann) und Karen Armstrongs Buch "In Case for God".

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - New York Times

Nächsten Monat wird erstmals das "Rote Buch" von Carl Jung veröffentlicht - auf Deutsch und auf Englisch. 1913, mit 38 Jahren, erlebte Jung eine Art Zusammenbruch: Visionen verfolgten ihnen, er hörte Stimmen, er "verlor sich in der Suppe seiner eigenen Psyche", wie Sara Corbett schreibt, die das Buch für das New York Times Magazine gelesen hat. Und alles, was er in dieser Zeit durchlebte, schrieb er auf, 16 Jahre lang. "Was er schrieb, gehörte nicht zum Kanon der leidenschaftslosen akademischen Essays über Psychiatrie. Es war auch kein gewöhnliches Tagebuch. Er erwähnt seine Frau oder seine Kinder nicht, auch nicht seine Kollegen. Er benutzt auch keine psychiatrische Fachsprache. Stattdessen ist das Buch eine Art phantasmagorisches Moralstück, vorangetrieben von Jungs eigenem Wunsch, nicht nur einen Fall aus dem Mangrovensumpf seiner inneren Welt aufzuzeichnen, sondern auch etwas von dem Reichtum darin zu retten. (...) Das Buch erzählt, wie Jung seinen eigenen Dämonen begegnete, die aus dem Schatten traten. Das Ergebnis ist beschämend, manchmal widerlich. Jung reist durch das Land der Toten, verliebt sich in eine Frau, die er später als seine Schwester erkennt, wird von einer riesigen Schlange zerquetscht und isst, in einem entsetzlichen Moment, die Leber eines kleinen Kindes. ('Ich schlucke mit verzweifelter Anstrengung - es ist unmöglich - wieder und wieder - fast werde ich ohnmächtig - es ist vollbracht.') An einer Stelle bezeichnet ihn sogar der Teufel als abscheulich."

Außerdem: Chip Brown porträtiert den derzeit "coolsten Opernsopran": Danielle de Niese.

Magazinrundschau vom 15.09.2009 - New York Times

In seinem neuesten Buch "Why Are Jews Liberal" verzweifelt der neokonservative Denker Norman Podhoretz an der Tatsache, dass seit 1928 im Durchschnitt 75 Prozent der amerikanischen Juden demokratisch wählen. Das sei "gegen ihre eigenen Interessen", meint Podhoretz (mehr hier). Rezensent Leon Wieseltier versteht das nicht. Was jüdische Interessen in Bezug auf Israel sind, kann er ja noch ahnen, nicht aber in Bezug auf Steuern, Waffen, Abtreibung, Umwelt. "Podhoretz' Buch wurde als die Lösung des Rätsels ausgegeben, dass Milton Himmelfarb vor einigen Jahren so formulierte: 'Juden verdienen wie Episkopale und wählen wie Puertorikaner.' Ich habe die Reputation dieses Witzes nie verstanden. Warum sollten Juden wie Episkopale wählen? Wir sind keine. Die Implikation ist, dass politische Zugehörigkeit von der sozialen Position bestimmt werden sollte, durch den Grad des Wohlstands. Wenn sie also reich leben und arm wählen, beweisen die Juden Amerikas keine Solidarität mit ihrer Klasse." Aber, meint Wieseltier: "Es ist kein Irrtum, kein Verrat, gegen die eigenen ökonomischen Interessen zu wählen. Es trägt der Vielzahl von Interessen und Zielen Rechnung, die das Leben eines Bürgers ausmachen."

Louisa Gilder feiert Graham Farmelos Biografie des Physikgenies Paul Dirac "The Strangest Man": "Wir begegnen hier einem Mann mit einem fast wundersamen Verständnis für die Struktur der physikalischen Welt, gepaart mit mildem Unverständnis für die weniger logische, ungeordnetere Welt anderer Menschen."

Besprochen werden unter anderem auch E.L. Doctorows neuer Roman "Homer and Langley" über die beiden wohlhabenden New Yorker Ur-Messies, die Collyer-Brüder, die 1947 in einem gigantischen Gängesystem aus Müll tot aufgefunden wurden, und Adam Bradleys Anthologie "Book of Rhymes", das Rap als Dichtung erklärt, "deren Popularität darauf gründet, dass sie nicht als solche erkannt wird".

Magazinrundschau vom 01.09.2009 - New York Times

Jonathan Lethem ist vor Freude völlig aus dem Häuschen: Nach elf Jahren ist endlich wieder ein Buch von Lorrie Moore erschienen, der Roman "A Gate at the Stairs": "Ich kenne nur einen - einen einzigen - Leser, der sich nicht für Lorrie Moore interessiert, und selbst der scheint sich dafür noch zu verteidigen: 'Zu wortspielerisch.' Für andere ist Moore dagegen die unwiderstehlichste zeitgenössische Autorin Amerikas: geistreich, menschlich, unprätenziös und warmherzig; scheinbar mühelos lyrisch, und lustig wie Lily Tomlin." Und dabei lege Morre großen Wert auf Chancengleichkeit, meint Lethem: "Helden und Schurken machen ihre Witze gleichermaßen mit Niveau und chandleresker Forschheit; Cleverness lässt sich hier nie als moralischer Index benutzen."

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - New York Times

Das New York Times Magazine hat ein faszinierendes Dossier zur Lage der Frauen in Entwicklungsländern zusammengestellt. Kernstück ist ein raumgreifender Artikel von Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn (eigentlich ein Auszug aus einem kommenden Buch), die trotz allen Elends von der These ausgehen: "Frauen und Mädchen sind nicht das Problem, sondern die Lösung." Das Elend hat Amartya Sen vor zwanzig Jahren zuerst beziffert: Durch Abtreibung, Babymord und Vernachlässigung sind der Welt in den letzten Jahrzehnten 60 bis 100 Millionen Frauen abhanden gekommen. Auch an die Adresse Obamas und Hillary Clintons (Interview) sagen Kristof und WuDunn, dass eine Entwicklungspolitik, die nicht bei den Frauen ansetzt, verschwendet ist. Die Gründe dafür sind häufig recht konkret: "Warum konzentrieren sich Mikrokreditorganisationen auf Frauen? Und warum profitieren alle davon, wenn Frauen in die Arbeitswelt eintreten und Schecks nach Hause schicken? Ein Grund liegt in dem dreckigen kleinen Geheimnis der globalen Armut: Die schlimmsten Leiden werden oft nicht durch Armut ausgelöst, sondern durch unkluge Art, das Geld auszugeben - vor allem seitens der Männer. Erstaunlich häufig sind wir Müttern begegnet, deren Kind an Malaria gestorben war, weil ein fünf Dollar teures Moskitonetz fehlte. Die Mutter sagte, dass sie sich kein Netz leisten konnte und meint das auch, aber dann treffen wir ihren Mann in der Bar. Er geht drei Abende die Woche dorthin und gibt pro Woche fünf Dollar aus."

Tina Rosenberg nuanciert den Glauben, dass Frauen, wenn sie, etwa durch Mikrokredite, zu Wohlstand kommen, automatisch ihren Töchtern helfen - im Gegenteil: Gerade in reichen Regionen Indiens fehlen Mädchen. Der Grund ist einfach: "Wohlhabende Familien sind kleiner, die einzelne Geburt wird wichtiger. In Familien mit sieben Kindern ist die Geburt eines Mädchens eine Enttäuschung, in einer Familie mit zwei oder drei Kindern eine Tragödie." Darum werden Mädchen häufig abgetrieben. Ohne Veränderung der von der westlichen Linken neuerdings so geschätzten "Kulturen", so Rosenberg, wird's also nicht gehen.

Magazinrundschau vom 18.08.2009 - New York Times

Alissa J. Rubin zeichnet im New York Times Magazine das Porträt einer irakischen Selbstmordattentäterin, die kurz vor der geplanten Tat gefasst wurde. Rubin konnte sie ausführlich interviewen. Der Anfang ihrer Geschichte liest sich so: "Sie sprach mit sanfter Stimme. 'Mein Name ist Baida Abdul Karim al-Shammari, und ich komme aus Neu Baquiba in der Nähe des Krankenhauses. Ich bin eines von acht Kindern; fünf sind getötet worden. Die Polizei ist über unser Haus hergefallen. Es war eine halbe Stunde vor der Morgendämmerung. Es waren Amerikaner dabei.' Mit stolzem Unterton fügt sie hinzu: 'Meine Brüder waren Mujahidin. Sie stellten Sprengsätze her."

Dana Jennings bespricht in der Buchbeilage Greg Kots Buch "Ripped - How the Wired Generation Revolutionized Music" (Auszug) über den Kampf der Musikindustrie gegen die Kids: "Der faszinierendste Teil dieses Buchs erzählt erzählt noch einmal, wie die Majors kapitalistischen Selbstmord begingen. Die Manager konnten ihre anologen Köpfe einfach nicht in die digitale Richtung drehen. Wären Industrieführer stets ihrem Misstrauen gegen die Technik gefolgt würden wir wohl noch Musik von Schellackplatten oder Wachswalzen lauschen."

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - New York Times

In einer riesenhaften Reportage (ausgedruckt 18 volle Din A 4-Seiten) über Hamid Karzai vor den afghanischen Wahlen stellt Elizabeth Rubin unter anderem die Frage, wann sich das anfangs recht positive Bild des Manns und - damit verknüpft - des Erfolgs der internationalen Afghanistan-Mission gedreht hat: "Wenn es einen klaren Wendepunkt gab, an dem die Regierung Karzai ihren Zugriff verlor, dann war das im Frühjahr 2006. An einem sonnigen Morgen des Mai verlor ein amerikanischer Soldat in einem Konvoi nördlich von Kabul die Kontrolle über seinen Laster und krachte in den Morgenstau. Fünf Menschen wurden getötet. Noch viel mehr wurden verletzt. Die Afghanen begannen, die amerikanischen Fahrzeuge mit Steinen zu bewerfen. Die Amerikaner schossen in die Luft. Kurze Zeit später ging das Gerücht, dass betrunkene amerikanische Soldaten ein Massaker in der Zivilbevölkerung angerichtet hätten."

Zeitungskrise, wieder einmal. Michael Sokolove besucht für das New York Times Magazine den neuen Hauptinvestor des Philadelphia Inquirer und seiner boulevardesken Schwester The Daily News, Brian Tierney, einen durchaus skandalumwitterten Mann, über den die Journalisten der Zeitungen früher recherchierten. Nun ist er ihr Retter, und Sokolove zitiert mit Wohlwollen seinen Beschluss, den Online-Auftritt der Zeitungen wieder zahlbar zu machen: "In einer von Selbszweifeln geplagten Branche hat Tierney den Vorzug der Deutlichkeit. Er mag nicht immer recht haben, aber er hat Emphase. Nichts kann die seiner Ansicht nach immer noch mächtigen Druckerpressen aufhalten. Ganz bestimmt nicht Fernsehen und Radio, deren Nachrichtenredaktionen meistens von den Vorgaben der Zeitungen abhängen. Und auch nicht Blogs oder der entstehende stiftungsgeförderte Journalismus. 'Wir machen die Drecksarbeit', sagt Tierney, als wäre er ein Boss aus der Schwerindustrie. 'Was im Web entsteht, fügt etwas hinzu. Da gratuliere ich. Lasst tausend Blumen blühen. Aber wenn die denken, dass sie kurz- oder mittelfristig die Antwort auf die Probleme sind, dann machen sie sich ja wohl über sich selber lustig."

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - New York Times

Sehr positiv bespricht der Politologe Fouad Ajami Christopher Caldwells Buch "Reflections on the Revolution in Europe" (Auszug) über den wachsenden Einfluss des Islams in Europa, den Caldwell als durchaus beunruhigend ansieht. Paradoxerweise, so Ajami in der Erinnerung an seine eigene Auswanderung in die USA vor einigen Jahrzehnten, funktionierte Integration früher besser: "Ich war damals ein Teenager und akzeptierte die 'Andersheit' des neuen Landes. Nachrichten aus dem Libanon drangen selten bis zu mir durch, Flüge waren selten und teuer. Ich verlor Jahre meines Familienlebens, aber ich vermisste die Erzählungen aus der alten Heimat auch nicht. Heutzutage sind Flugreisen banaler Alltag, Satellitenstationen aus Dubai und Qatar erreichen die Einwanderer in ihren neuen Ländern, Priester und Imame sind unterwegs und haben eine tragbare Version ihres Glaubens im Gepäck... Man nennt es Globalisierung."

Das Buch ist überhaupt gleich nach Erscheinen auf eine Riesenresonanz in den USA und Großbritannien gestoßen und wurde in der New York Times bereits vor Ajami besprochen (hier). Außerdem gab es Besprechungen im Observer (hier), im Guardian (hier) und von Kenan Malik im New Humanist (hier).

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - New York Times

Für eine dieser monumentalen Reportagen, die sich die amerikanischen Medien bewundernswerter Weise immer noch leisten, trifft Jonathan Mahler einige General-Motors-Arbeiter in der zerfallenden Stadt Detroit. Meistens sind sie schwarz, und ihre eigenen Existenzen stehen so sehr auf dem Spiel wie die der Firma: "Autoarbeiter stellen immer noch den größten Anteil an der verbliebenen schwarzen Mittelschicht, aber ihre Anzahl sinkt schnell. Im letzten Jahr wurden 20.000 schwarze Autoarbeiter der Big Three entweder entlassen oder abgefunden. Wenn die Übriggebliebenen ihre Jobs verlieren und ihre Häuser zwangsvollstreckt werden - Detroit hat hier eine der höchsten Raten -, müssen sie anderswo hinziehen, auf der Suche nach einem neuen Job. Dann sind die Tage dieser Stadt wirklich gezählt."