Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 16.06.2009 - New York Times

Das New York Times Magazine befasst sich - schon wegen krisenbedingter Beschäftigungsprojekte - mit "Infrastruktur". Nicolai Ouroussoff , Architekturkritiker der Times, ist ganz begeistert von Nicolas Sarkozys Plänen für Großparis. Ouroussoff ist sich der Bausünden der sechziger und siebziger Jahre zwar noch bewusst, aber dann lässt er sich von Sarkozys Visionen doch mitreißen: "Die Pläne für Großparis lassen einen nach langer Zeit wieder denken, dass eine Regierung eine entscheidende Rolle bei der Erschaffung einer wirklich egalitären Stadt spielen kann - und dass Architektur wesentlich ist, um diesen Wandel zu erzeugen."

Außerdem hat Jon Gertner eine Reportage über Obamas kalifornischen Schnellzugprojekte geschrieben. Und Tom Vanderbilt sieht sch riesige Rechenzentren an um zu verstehen, was das Internet so schnell macht.
Stichwörter: Bausünden, Sarkozy, Nicolas

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - New York Times

Eric Pfanner berichtet vom konzertierten Widerstand liberaler und konservativer Gruppen in den USA gegen die restriktiven Verleumdungsgesetze Großbritanniens, die über das Internet auch immer häufiger amerikanische Autoren treffen: "London hat sich den Ruf der Welthauptstadt der Verleumdungsklagen erworben - saudische Geschäftsleute klagen gegen amerikanische Berichte über ihre Beteiligung an der Terrorfinanzierung; russische und ukrainische Oligarchen klagen, wenn ihnen anstößige Geschäftspraktiken vorgeworfen werden; Hollywood-Celebrities gehen nach London, wenn sie nichts über ihre Affären lesen wollen." Die britischen Gesetze, schreibt Pfanner, machten es ihnen leicht: "Die Beklagten müssen beweisen, dass ihre Anschuldigungen wahr sind, im Gegensatz zu den USA, wo der Kläger zeigen muss, dass ein Autor oder Verleger falsche Informationen verbreitet hat - und in Fällen von Prominenten, dass er dies trotz gravierender Zweifel an der Wahrheit seiner Berichte getan hat."

Außerdem besprochen werden in der Sunday Book Review Simon Schamas "The American Future. A History" (für das David Brooks vor allem Spott übrig hat), Amos Oz' nun auch auf Englisch erschienener Roman "Verse auf Leben und Tod", Anne Michaels neuer Roman "The Winter Vault", eine Naturgeschichte Manhattans "Mannahatta" und der Essay "One State, Two States" des israelischen Historikers Benny Morris, der weder in die eine noch die andere Lösung große Hoffnung setzt.

Für das Sunday Magazine schickt Sara Corbett eine Reportage über Montgomery County, wo - wie in vielen anderen Städten Georgias und Mississippis - die Abschlussbälle der High Schools getrennt für Weiße und Schwarze stattfinden. Oft auf Betreiben der weißen Eltern und gegen den Willen der Schüler.

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - New York Times

Russell Shorto, Autor eines lesenswerten Buchs über die Frühgeschichte von New York, lebt heute in Amsterdam. Mit viel Sympathie beschreibt er für das Sunday Magazine den niederländischen Sozialstaat und hält entgegen dem amerikanischen Vorurteil fest, dass der soziale Ausgleich keineswegs nur staatlich, sondern gesellschaftlich - etwa durch Wohnungsbaugenossenschaften - organisiert ist. Aber dann stimmt er doch auch einem anderen Ex-Pat zu, der den Mentalitätsunterschied zwischen Europäern und Amerikanern so beschreibt: "Wenn du einem Niederländer sagst, dass du seine Steuern um 500 Euro erhöhst. um die Armen zu unterstützen, dann wird er das okay finden. Aber wenn du sagst, dass du seine Steuern um 500 Euro kürzt, damit er die Armen unterstützen kann, dann wird er das nicht tun. Die Holländer machen das nicht von selbst. Sie finden, dass das System das tun muss. Einem Amerikaner erscheint das als Mangel an Eigeninitiative."

Außerdem: Alex Witchel schreibt ein episches Porträt über Colm Toibin, dessen neuester Roman in Brooklyn spielt (hier die Besprechung der Times). Präsident Obama höchst selbst wird zu seiner Wirtschaftspolkitik interviewt.

Und der Times-Kolumnist Nicholas Kristof bespricht Richard Dowdens Buch "Altered States, Ordinary Miracles" (Lesung des Autors), dessen sehr kritische Bilanz westlicher Hilfe für Afrika er zustimmend zitiert: "'Auch die Hilfsindustrie hat ein Interesse daran, das Bild der Afrikaner als hoffnungslose Opfer endloser Kriege und Hungersnöte aufrechtzuerhalten', schreibt Dowden. 'So gut ihre Absicht anfangs gewesen sein mögen - die Hilfsorganisationen haben dazu beigetragen das immergleiche deprimierende Afrika-Bild zu schaffen. Sie und die Journalisten bestärken sich gegenseitig.'"

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - New York Times

David Kushner schreibt über die neuesten Techniken der kolumbianischen Drogenschmuggler - sie basteln sich Unterseebote, und diese Boote funktionieren tatsächlich: "Allein im Januar wurden vier dieser Boote gesichtet. Aber da sie die Radar-Systeme umfahren können, kann man sie praktisch gar nicht aufspüren. Nur geschätzte 14 Prozent von ihnen werden gestoppt. Und man rechnet damit, dass in diesem Jahr gut 70 Boote gebaut werden - 2007 waren es noch 45. Die Baukosten für ein solches Boot werden auf gerade mal 500.000 Dollar geschätzt, die Bauzeit ist kürzer als 90 Tage. Man schätzt, dass sie heute knapp 30 Prozent der Kokain-Exporte transportieren."

Stichwörter: Baukosten, Kokain

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - New York Times

Wyatt Mason bricht eine Lanze für den amerikanischen Dichter Frederick Seidel, dessen Rang nicht ganz unumstritten zu sein scheint: Für die einen ist er der derzeit beste amerikanische Dichter überhaupt, für andere höchstens der furcherregendste. Oder der "Darth Vader der zeitgenössischen Poesie". Mason hält ihn für einen Poeten der großen Offenheit: "Sein Ton, aber auch sein Sujet, lassen seine Leser perplex zurück. Ein maßgeblicher Zug seiner Dichtung ist, wie er die Bandbreite an Inhalten erweitert hat, die einem poetischen Prüfung würdig scheinen. 'I live a life of laziness and luxury' beginnt sein Gedicht 'Frederick Seidel', eines von vielen Selbstporträts vor einem bestimmten Hintergrund: Hotels wie das New Yorker Carlyle ('The chandeliers were Faberge sleighs / Flying behind powerful invisible horses, / Powerful invisible forces'), Restaurants in Manhattan ('I mean every part I play. / I'm drinking my lunch at Montrachet ) oder die seltenen Motorräder, die er sein Eigen nennt ('Red/As a Ducati 916, / I'm crazed, I speed, / I blaze, I bleed' ). Gewisse Kritiker haben die poetische Anständigkeit solcher Einsprengsel in Frage gestellt."

In der Sunday Book Review widmet sich Michael Meyer den sechs- bis siebenstelligen Vorschüssen, die Verlage mittlerweile ihren Autor zahlen, obwohl höchstens drei von zehn Büchern einen entsprechenden Gewinn abwerfen. "Vorschussneid ist weit verbreitet: 'Autoren, die nicht einmal ihre eigene Sozialversicherungsnummer wissen, können auf den Penny genau beziffern, was für einen Vorschuss ihre Nemesis bekommen hat', sagt Elissa Schappell, unter anderem Herausgeberin der Anthologie 'Money Changes Everything', in einer Email."

Magazinrundschau vom 31.03.2009 - New York Times

Nicholas Dawidoff schreibt für das Sunday Magazine ein episches Porträt über den berühmtesten aller Klimaskeptiker, den in Princeton lehrenden Physiker Freeman Dyson, der anders als viele klimaskeptische Populisten als einer der bedeutendsten lebenden Physiker gilt. Er bezweifelt die Hochrechnungen aus Klimamodellen, die etwa Al Gore in seinem Film präsentiert, mit wissenschaftlichen Argumenten. Aber er betont auch, dass hier ein politischer Streit um ein divergierendes Natur- und Menschenbild tobt. Er hat keine Sehnsucht nach der englischen Klassengesellschaft, in der er aufwuchs, schreibt Dawidoff , "aber was er an England liebte, war die Landschaft. Die erfolgreiche Verwandlung einer Wildnis und Sumpflandschaft hatte ein vollständig neues grünes Ökosystem geschaffen, das es Pflanzen, Tieren und Menschen erlaubte, in einer 'Gemeinschaft der Arten' zu leben. Dyson hatte immer eine starke Antipathie gegen die Idee, dass es so etwas wie ein optimales Ökosystem gibt - 'Leben ist stete Veränderung' -, und er verabscheut die Idee, dass Männer und Frauen etwas der Natur Entgegengesetztes seien, dass sie 'sich für ihr Menschsein entschuldigen' müssen. Menschen, so sagt er, haben die Pflicht, die Natur zu verändern, um überleben zu können."

Auf den Reiseseiten staunt Nicholas Kulish über die Kultur der Lesungen und Open-Mike-Wettbewerbe im düster winterlichen Berlin.

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - New York Times

Tina Rosenburg erzählt die "Vielen Geschichten des Carlos Fernando Chamorro". Der Sohn des prominentesten unabhängigen Journalisten Nicaraguas war einst Redakteur der offiziellen sandinistischen Zeitung Barricada und ist heute bedroht, weil er sich für die Pressefreiheit einsetzt. Der Wendepunkt seiner Karriere war das Jahr 1990: "Als der Krieg gegen die Contras sich dem Ende neigte, war Daniel Ortega sechs Jahre Präsident und strebte eine Wiederwahl an. Die Sandinisten erwarteten eine Wahlerfolg, möglicherweise erdrutschartig. Stattdessen gewann erdrutschartig die Kandidatin der momentweise vereinigten Opposition, Violeta Barrios de Chamorro. 'Ich habe Ortega gewählt', erzählte mir Carlos und lächelt schäfisch. Die Redaktion von Barricada war geschockt vom Verlust der Sandinisten. Für Carlos war der Schock eher persönlich. 'Meine Mutter war Präsidentin', sagte er. 'Ich bin bei Barricada. Sollte ich gegen meine Mutter opponieren? Nun ja, genau das tat er, stellte sich heraus. Obwohl die Zeitung ihren Slogan zu 'Für das nationale Interesse' änderte, ging sie genadenlos um mit der Regierung seiner Mutter. Dann gab es einen anderen, erfreulicheren Schock: zum ersten Mal musste Carlos sich nicht zensieren. 'Wir sind richtige Journalisten, nicht Leute, die ein politisches Projekt verteidigen', erinnert er sich gedacht zu haben. 'Wir begannen uns befreit zu fühlen.' Die Veränderung bei Barricada war nicht nur eine berufliche; sie war fürs Überleben notwendig. Sie hatte ihr auf Regierungsanzeigen basierendes Einkommen verloren. Jetzt musste sie überleben, indem sie Zeitungen verkaufte."

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - New York Times

Arthur Lubow porträtiert den Dirigenten Valeri Gergiev, Leiter des Marinsky Theaters in Petersburg, als einen Mann, der in seiner Zeit lebt und sich nicht im geringsten davor scheut, alles zu tun, was ihm notwendig erscheint. Ein Freund Putins und aller Mächtigen abwärts, ein Mann, der nach dem russischen Angriff auf Georgien in Tskhinvali Schostakowitschs Leningrad-Symphonie spielt - zu Ehren der Opfer und der russischen Armee. Er ist auch ein Mann, der als Dirigent internationale Reputation erworben hat und seine Fähigkeiten und Kontakte einsetzt, um das Bolschoi und Marinsky vor dem Verfall zu retten. Gergiev erinnert sich daran, wie er 1998 Boris Jelzin Geld entlockte. "'Ich sagte: Es gibt so viele alte Künstler - Sänger, Musiker - mit kleinen Pensionen. Ich hoffe, wir können ihnen helfen. Keine Antwort. Außerdem würden wir gern zum erstenmal in unserer Geschichte eine Reise durch russische Gebiete an der Wolga machen. Vielleicht könnte Ihre Unterstützung uns helfen, das zu organisieren. Keine Antwort. Dann, päng, punktete ich mit Amerika.' Geschickt den Konkurrenzinstinkt des Präsidenten abmessend, erklärte Gergiev Jelzin, dass er 30 Millionen Dollar brauche, um den Theaterdistrikt so umzumodeln, dass er amerikanischen Standards entspricht. ... Später rief ihn ein Freund aus Moskau an, der im Finanzministerium arbeitete. 'Er lachte und sagte: Was hast du zu Jelzin gesagt? Er hat so wild unterzeichnet, dass das Papier ein Loch hat.'"

Hier Strawinskys "Sacre du Printemps" mit Gergiev und dem Londoner Symphonieorchester:



In der Book Review schreibt Lee Siegel vielleicht ein wenig unentschieden über den großen George Steiner: "Sein erfrischender Vorzug ist, dass er in nur einem Absatz von Pythagoras, über Aristoteles und Dante zu Nietzsche und Tolstoi kommt. Sein irritierender Nachteil ist, dass er in nur einem Absatz von Pythagoras, über Aristoteles und Dante zu Nietzsche und Tolstoi kommt."

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - New York Times

David Gates lässt kaum ein gutes Haar an Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten". Der von seiner Schwester besessene Held und Nazi Max Aue, der sich an einer Stelle ein Würstchen in den Hintern schiebt und es später seiner Mutter und seinem Stiefvater als Mahlzeit serviert, "ist einfach zu sehr Freak und sein angebliches Trauma zu speziell und gekünstelt, als dass wir es ernst nehmen könnten. Wenn er uns eine moralische Gänsehaut mit dem Argument einjagt, 'Sie hätten auch getan, was ich getan habe', tanzen Visionen von Würstchen vor unserem Auge."

Besprochen werden außerdem eine Reihe von Büchern aus oder über China: Yiyun Lis grimmiger Roman "The Vagrants" über das China der siebziger Jahre (erstes Kapitel), Yu Huas Roman "Brothers" (erstes Kapitel), Xinrans Interviewbuch "China Witness. Voices From a Silent Generation" und James Fallows Reportagen aus China für Atlantic Monthly, "Postcards from tomorrow square" (erstes Kapitel).
Stichwörter: Littell, Jonathan, Mutter, Trauma

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - New York Times

Hocherfreut zeigt sich Rezensentin Liesl Schillinger über "ein beachtliches literarisches Ereignis des Jahres 2009": Michael Hofmanns englische Übersetzung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein". Vorbild für das im Roman beschriebene Berliner Ehepaar, das während des Zweiten Weltkriegs eine Postkartenkampagne gegen Hitler ins Leben rief, war das reale Ehepaar Otto und Elise Hampel, das vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und enthauptet wurden. Übersetzt worden sind auch Falladas "Kleiner Mann - Was nun" und "Der Trinker". Spannend und lehrreich findet Schillinger auch die Nachworte von Philip Brady und John Willet: "Brady zufolge gestand der Autor einmal, dass er 'nur das wiedergeben kann, was er sieht, nicht was geschehen könnte'. Was Fallada im Berlin der 40er Jahre sah, war genug, um als labilerer Mann die Augen zu schließen. Aber Fallada hielt seine weit offen. Er war nicht stark genug um Nazi-Deutschland zu verlassen, obwohl er die Chance dazu gehabt hätte. Aber er war stark genug das niederzuschreiben, was er sah."

Besprochen werden außerdem unter anderem Brad Goochs Biografie der Schriftstellerin Flannery O'Connors und Alexander Waughs Geschichte der Familie Wittgenstein.