Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 27.02.2007 - New York Times

Nach dem Vorabdruck im Magazin der New York Times vor einigen Wochen, erklärt William Boyd in der Sunday Book Review nun das elementar Verstörende an den Erinnerungen des 26-jährigen Ishmael Beah an seine Zeit als Kindersoldat in Sierra Leone (Auszug "A Long Way Gone"): "Der Schrecken wird zwar registriert, doch seine Unbestimmtheit und Allgemeinheit verhindern, dass er Teil einer persönlichen Geschichte wird. Tatsächlich machen Beahs Zeit in der Armee und seine Berichte von Kampfhandlungen nur einen kleinen Teil des Buches aus. Und wer könnte ihm das verübeln? Der Blutrausch eines mit Drogen vollgepumpten Jugendlichen mit Sturmgewehr würde die Beschreibungskunst eines James Joyce erfordern ... Die vermittelte Erfahrung ist erschreckend, doch der Schauder entsteht durch unsere Fantasie und nicht durch diese Rohform ihrer Beschreibung. Beah zeigt uns eine Ansicht der Hölle, die eines Hieronymus Bosch würdig wäre, aber in den Grundfarben, etwa so, wie sie ein naiver Maler abbilden würde."

Weitere Artikel: William Grimes erinnert an den russischen Philosophen und Schriftsteller Alexander Herzen und dessen lesenswerte Autobiografie "Erlebtes und Gedachtes". Und Walter Kirn findet David Mamets Breitseite gegen die Filmindustrie ("Bambi vs. Godzilla") irgendwie unglaubwürdig: Immerhin ernährt Hollywood den Mann.

Das Magazin der New York Times widmet dem Künstler Jeff Wall ein langes Porträt. Und Steven Lee Myers fragt: Wer kommt nach Putin?

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - New York Times

Als "frisches Modell" zum Verständnis der breiten Unterstützung Hitlers in Deutschland stellt Dagmar Herzog die englische Ausgabe von Götz Alys auch bei uns viel diskutiertem Buch "Hitlers Volksstaat" ("Hitler?s Beneficiaries") vor. Ein Modell mit Fehlern allerdings: "Alys Verdienst ist es zu zeigen, dass weder der Zweite Weltkrieg noch das Stillhalten der deutschen Bevölkerung ohne die Enteignung der Juden so lange hätte andauern können. Aber Zusammenhang ist nicht gleich Ursache und das Aufzeigen von Zusammenhängen kein Beweis für eine Motivation. Der Historiker Jonathan Petropoulos schrieb: 'Die Nazis waren nicht nur die berüchtigsten Mörder der Geschichte, sondern auch die größten Diebe.' Aly beweist, dass Raub und Mord in vielen Fällen Hand in Hand gingen. Dass der Holocaust mit unerhörter Habgier verbunden war, darf aber nicht dazu verleiten, ihn auf die Gier allein zurückzuführen."

Weitere Artikel: Jane Stern blättert interessiert in den bunten Memoiren des Porno-Stars Ron Jeremy ("The Hardest (Working) Man in Showbiz"). Sophie Harrison erscheint Paul Austers neuer Roman "Travels in the Scriptorium" wie ein Lehrbuch in Creative Writing. Und Rachel Donadio erinnert an den jüngst verstorbenen CIA-Mann, Watergate-Strippenzieher und Autor Hemingwayesker Groschenromane, E. Howard Hunt.

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - New York Times

Am 21. Juli erscheint "Harry Potter and the Deathly Hallows". Wer's nicht abwarten kann, liest "What Will Happen in Harry Potter 7" (Auszug) oder besucht die Website der jugendlichen Autoren, denen Lee Siegel in der New York Times Book Review eine nicht ungefährliche Hingabe an den Stoff attestiert: "Zu Rowlings Ankündigung, Buch 7 werde das letzte sein, schreiben sie: 'Solange wir unsere Fantasie haben, wird Harry Potter niemals sterben.' Solche Menschen verletzen sich nicht selten an Windmühlenflügeln. Vielleicht hat Rowling ja die dunklen Machenschaften in Hogwarts verstärkt und es immer mehr von einem Ort der Zuflucht zu einem des Unfriedens gemacht, um ihren Fans eine Lektion zu erteilen, indem sie ihr Universum sich selbst auflösen lässt, bevor sie es tut. Seht her, könnte das heißen, so sieht die Welt in Wirklichkeit aus."

Weitere Artikel: Allison Glock hält Charlie LeDuffs Soziologie des durchschnittlichen amerikanischen Mannes für zu durchschnittlich männlich. Und Marilyn Stasio bespricht neue Krimis von Ariana Franklin, John Cardinal und S. J. Rozan.

Magazinrundschau vom 06.02.2007 - New York Times

Im Magazin der New York Times widmet Ian Buruma dem umstrittenen Islamwissenschaftler Tariq Ramadan ein langes Porträt. "Eine der schärfsten Kritiker Ramadans in Frankreich, Caroline Fourest ("Frere Tariq"), fürchtet, er wolle auf lange Sicht den europäischen Säkularismus durch religiöse Bigotterie in Frage stellen. Sie sagte mir am Telefon, Ramadan sei 'gefährlicher als die offensichtlichen Extremisten, eben weil er sich so gemäßigt anhört'. Die Schlüsselfrage sei seine Haltung zu Frauen. Ich wollte wissen, was genau Ramadan mit 'islamischer Weiblichkeit' meint, die er in seinem Buch 'Western Muslims and the Future of Islam' mit Begriffen wie 'natürliche Ergänzung' und 'Autonomie des weiblichen Seins' beschreibt. Das klang etwas vage. Er antwortete: 'Wenn man für seine Rechte kämpft, kann man einen legalen Status erreichen. Das ist notwendig. Wir müssen für die gleichen Rechte der Frauen kämpfen. Aber der Körper darf nicht vergessen werden. Männer und Frauen sind nicht dasselbe. In der islamischen Tradition werden Frauen als Mütter, Ehefrauen oder Töchter begriffen. Jetzt existiert eine Frau als Frau.' Ich war mir nicht sicher, dass diese Antwort mich klüger machte." Am Ende vergleicht Buruma Ramadan mit Ayaan Hirsi Ali. Letztere erreiche die Muslime nicht mehr, weil sie ihrem Glauben abgeschworen habe. Ramadan dagegen bestehe darauf, dass "eine vernünftige, wenn auch traditionelle Auffassung vom Islam Werte anbietet, die so universal sind wie die der europäischen Aufklärung. Diese Werte sind nicht säkular, noch sind sie stets liberal, aber sie sind auch nicht Teil eines Heiligen Krieges gegen westliche Demokratien. Ramadans Politik ist eine Alternative zur Gewalt - Grund genug sich kritisch, aber furchtlos mit ihm zu befassen."

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - New York Times

Reformkost, nein danke! Im Magazin der New York Times appelliert Michael Pollan ("The Omnivore's Dilemma") gegen Essen als medizinische Maßnahme und für eine Rückkehr zum, nun ja, Lebensmittel als solchem: "In den 80ern begannen die Nährstoffe die Lebensmittel zu ersetzen. Wo vormals 'Eier' oder 'Getreide' draufstand, hieß es plötzlich 'Ballaststoffe', 'Cholsterin' oder 'gesättigte Fettsäuren'. Der An- oder Abwesenheit dieser unsichtbaren Substanzen wurde heilende Wirkung zugesprochen. Lebensmittel waren altmodisch und undurchsichtig - wer konnte sagen, was sie wirklich enthielten. Nährstoffe aber versprachen wissenschaftliche Gewissheit - mehr von den richtigen, weniger von den falschen und du würdest länger leben ... Zeit für eine kulturell und ökologisch geprägte, weniger reduktionistische Vorstellung davon, was Essen ist. Essen als eine Art von Beziehung vielleicht."

Magazinrundschau vom 23.01.2007 - New York Times

Zehn Jahre nach "Das Jesus-Evangelium" liefert der 83-jährige Norman Mailer mit "The Castle in the Forest" (Auszug) einen neuen Roman ab. Eine Phänomenologie des Bösen am Beispiel des jungen Adolf Hitler und seiner Familie. Der Erzähler ist der Teufel persönlich in Gestalt eines SS-Mannes namens Dieter. Lee Siegel beschreibt das tollkühne Buch so: "Eine Geschichte über das einfache Volk, gutmütige Bauern, erzählt von einem Teufel mit samtweicher Stimme, geschrieben im Geist heilsamer Ironie. Wir sehen Hitler und die Seinen im Schweinestall ihrer Instinkte, hastig erfüllten Bedürfnisse und primitiven Ängste, ein jeder überzeugt von der Vornehmheit und Ehrenhaftigkeit seines Existenz. Mailer, der Meister des menschlichen Egos, zeigt diese Illusionen in klarem Licht - als das, was sie sind: die trügerisch heimeligen Ursprünge des Bösen."

Weiteres: Liesl Schillinger findet die Heldin in Roddy Doyles neuem Roman "Paula Spencer" authentisch unglücklich. Alan Wolfe hält Dinesh D'Souzas Appell, christliche und islamische Konservative gegen die kulturelle Linke in Stellung zu bringen, für heiße Luft (Auszug "The Enemy at Home"). Und in einem Essay verrät Joe Queenan sein oberstes Lektürekriterium: das Buch muss "erstaunlich" sein.
Stichwörter: Hitler, Adolf, Mailer, Norman

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - New York Times

Das Magazin der New York Times bringt einen Vorabdruck aus Ishmael Beahs Erfahrungsbericht "A Long Way Gone: Memoirs of a Boy Soldier," der demnächst als Buch erscheint; grausige Eindrücke aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone: "Josiah, mit elf Jahren etwas jünger als ich, lag neben mir, seine Augen auf das unsichtbare Ziel im Sumpf gerichtet ... Ich hörte, wie Josiah nach seiner Mutter schrie. Noch nie hatte ich eine so durchdringende Stimme gehört ... Eine Raketengranate hatte seinen kleinen Körper in die Luft gerissen und auf einen Baumstumpf geschleudert. Seine Beine zuckten und sein Schrei verstummte ... Manchmal mussten wir raus, während wir einen Film ansahen. Wir töteten viele Menschen und dann schauten wir den Film weiter, als kämen wir nach der Werbepause zurück."

Außerdem: Jim Holt stellt mit leuchtenden Augen den neuen Teilchenbeschleuniger des Cern vor, neben dem die Alpen "fast ein wenig schlampig" aussehen. James Traub porträtiert den Vorsitzenden der jüdischen Anti-Defamation League, Abraham Foxman, der die Vorstellung von einer angeblich allmächtigen "Israel Lobby" bekämpft. Deborah Solomon plaudert mit dem Lyriker John Ashbery über amerikanische Selbstverliebtheit und postum veröffentlichte Texte.

In der Book Review der New York Times liest sich Daniel Handler durch einen Haufen "sinnloser" Benimmliteratur für Kinder. Robert Pinsky findet Barbara Ehrenreichs Geschichte der kollektiven Ekstase, "Dancing in the Streets", nicht uninteressant, allein: "Dieser Pop-Anthropologie fehlt es an Pep." Maggie Galehouse schätzt Isabel Allendes historischen Roman "Ines of My Soul" (Auszug) für sein Zeitkolorit. Und Liesl Schillinger vermisst in Martin Amis' Gulag-Roman "House of Meetings" ein Gegengewicht zu den düsteren Erinnerungen eines Rotarmisten.

Magazinrundschau vom 09.01.2007 - New York Times

Von wegen Schriftsteller! Richard Powers (mehr) outet sich als Vokalist. Liegt im Bett und sabbelt seine Romane in ein Spracherkennungsprogramm, seit Jahren schon! Nichts naheliegender als das, schreibt, pardon, sagt Powers: "Was könnte dem Fluss unserer Gedanken hinderlicher sein als die ständigen Unterbrechungen, wenn sich das Kurzzeitgedächtnis müht, riesige musikalische Einheiten durch unsere Finger zu pressen, einen langweiligen Buchstaben nach dem andern ... Ich vergesse die Anwesenheit der Maschine. Ich kann mich über den Satz hinaus und in ganzen Abschnitten bewegen und die rhythmischen Bögen erfassen, bevor sie verschwinden. Ich muss nicht warten, verarbeiten, abschicken und wieder warten. Ich verwende weniger Zeit auf Orthografie und Fingerakrobatik und mehr darauf, meinen Figuren zu lauschen, wie sie sich ins Leben sprechen. Vor allem bin ich näher an der Bedeutung meiner Sprache, wie sie sich durch die innere Stimme des Lesers/Hörers materialisiert."

Weitere Artikel: Ethan Bronner wundert sich über die verquere Parteilichkeit in Jimmy Carters Darstellung des israelisch-palästinensischen Konfliktes ("Palestine Peace Not Apartheid"). Fouad Ajami zweifelt, ob er Pervez Musharrafs "In the Line of Fire" für die Autobiografie eines Staatslenkers oder eines Popstars halten soll. Und Dave Itzkoff hält Michael Crichtons neuesten fiktionalen Wurf (Auszug "Next") für gezielte Desinformation.

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - New York Times

Dass wir unsere Memoiren lieber selber schreiben sollten, legt ein Beitrag von Rachel Donadio nahe. Es geht um das Gerangel um Ronald Suresh Roberts' Biografie über die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer ("No Cold Kitchen"). Gordimer wirft Roberts Vertrauensbruch vor, Roberts sieht in Gordimers Einwänden gegen das Buch das Gebaren eines autokratischen Kontrollfreaks: "Roberts beschreibt Gordimer als Verkörperung eines scheinheiligen weißen Liberalismus, der noch in seiner Parteinahme für das schwarze Südafrika paternalistisch bleibt." Für Donadio klingt diese Kritik nicht neu: "Indem Roberts Gordimers Einwände gegen die südafrikanische Aids-Politik kritisiert, verfällt er in eine populistische Rhetorik, die die westliche Medizin als neue Form des Imperialismus begreift."

Weitere Artikel: Joshua Clover bewundert Keith Waldrops Prosafassung von Baudelaires "Blumen des Bösen" für ihren eleganten Umgang mit der komplexen Bildlichkeit. Terrence Rafferty wünscht guten Appetit mit Thomas Harris' "Hannibal Rising", der Vorgeschichte zur Hannibal-Lecter-Reihe. Und Rober Leiter folgt gebannt Kati Martons Nachzeichnung der Lebenswege berühmter ungarischen Juden wie Leo Szilard, Arthur Koestler und Robert Capa (Auszug "The Great Escape").

Im Magazine erinnern Redakteure der New York Times an berühmte Menschen, die im Jahr 2006 verstarben: "The Lives They Lived"

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - New York Times

Wieviel sollte ein Milliardär spenden - und wieviel Sie? Unter dieser Überschrift prüft der Bioethiker Peter Singer im Magazin der New York Times, unter welchen Kriterien eine Spende als gerecht angesehen werden kann. Hätten Bill Gates und Warren Buffett nicht locker mehr als zusammen rund 60 Milliarden Dollar stiften können? Immerhin hatten sie dabei keine Hintergedanken, im Gegensatz zu Mutter Teresa. "Interessanterweise wurden weder Gates noch Buffett durch die Vorstellung motiviert, im Himmel für ihre guten Taten auf Erden belohnt zu werden. 'Ich kann an einem Sonntag morgen einiges mehr tun' als in die Kirche zu gehen, sagte Gates einem Times-Reporter... In einem Land, in dem 96 Prozent der Bevölkerung sagen, sie glaubten an eine höhere Macht, ist das eine bemerkenswerte Aussage. Es bedeutet, dass Gates und Buffett wahrscheinlich weniger selbstsüchtig in ihrer Wohltätigkeit sind als Mutter Teresa, die als gläubige Katholikin an Belohnung und Strafe im Jenseits glaubte."

Außerdem: Zev Chafets besucht eine Prediger-Familie, die New Yorks Finanzwelt den Teufel austreiben will. Im Interview mit Deborah Solomon erklärt der Mitbegründer der Zagat-Restaurantführer, Tim Zagat, wie industriell hergestellte Fette unser Leben verändern. Und Tom Mueller stellt einen Mann vor, der Psychogramme von Kunsträubern erstellt und selber ein Auge auf Berninis Ludovica-Statue hat.