Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 12.12.2006 - New York Times

Die Schriftstellerin Cynthia Ozick schildert eindrucksvoll ihre ethische Bekehrung durch Leo Baecks Essay "Romantische Religion": "In meiner Jugend stand ich auf 'Weltschmerz, Schwärmerei, Welttrunkenheit', diese entfesselten Wagnerschen Emotionen ... Durch Baecks Revision des romantischen Zaubers - seines Jubels, seiner Trauer und seiner illusorischen Schönheit - erschien mir das alles nur noch abstoßend ... Wo führte das schon hin? Zu Eitelkeit, Größenwahn und ins Delirium. Das war Dionysos. Ich wählte Rabbi Baeck."

Weitere Artikel: Simon Winders Buch über 007 (Auszug "The Man Who Saved Britain") nennt Isaac Chotiner achtungsvoll "geopolitische Kunstkritik". Edward Lewine findet John Grishams Tatsachenbericht "The Innocent Man" über einen authentischen Mordfall und Justizirrtum lange nicht so packend wie Capotes "Kaltblütig". Rachel Donadio porträtiert die einflussreiche Literaturwissenschaftlerin und Lyrikkennerin Helen Vendler. Joel Brouwer empfiehlt neue Gedichte von Frederick Seidel, Erin Belieu u. a. Und Jim Holt blättert vergnügt in Alain de Bottons Buch über glückbringende Bauten (Auszug "The Architecture of Happiness").

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - New York Times

Die 9/11-Kommission hat in ihrem Bericht festgestellt, dass die Anschläge vom 11. September deshalb nicht verhindert wurden, weil die amerikanischen Geheimdienste nicht in der Lage waren, ihre Erkenntnisse zu vernetzen. In einem spannenden Report berichtet Clive Thompson, wie die Dienste nun versuchen, in Sachen Informationsfluss auf den Stand gewöhnlicher Teenager zu kommen. So hat die CIA den Galileo Award ausgeschrieben, der erste Preis ging an den Essay von Calvin Andrus, Cheftechnologe beim Center for Mission Innovation der CIA. Spione könnten durchaus einen Nutzen ziehen aus der Schwarmintelligenz, die sich in Blogs und Wikis manifestiert. "In der traditionellen Spionagebürokratie des Kalten Kriegs entschieden Launen der Hierarchie über Leben und Sterben einer Analyse. Befand sich der Analytiker am richtigen Ort in der Hierarchie, konnte sein Bericht über sowjetische Raketen nach oben geschickt werden. Ignorierte ihn sein Vorgesetzter, verschwand er. Blogs und Wikis dagegen arbeiten demokratisch. Erkenntnisse erregen einfach deshalb Aufmerksamkeit, weil jemand sie interessant findet...- egal, was der Vorgesetzte darüber denkt."

Weiteres: Rachel Donadio hat sich in der südafrikanischen Literaturszene umgetan, die ihr ungeheuer lebendig, aber auch sehr fragmentiert erscheint. Deborah Solomon unterhält sich mit dem chinesischen Komponisten Tan Dun über die Arbeiten in den Reisfeldern und die Lieder der Bauern. Und Negar Azimi erforscht die Lage der Homosexuellen in Ägypten.

Die New York Times Book Review hat die zehn besten Bücher des Jahres 2006 erkoren: Angeführt wird die Liste von Gary Shteyngarts "Absurdistan". William F. Buckley jr. findet Martin Gecks Bach-Biografie außerordentlich informativ (wenn auch etwas trocken), allein auch sie kann die Frage nicht beantworten, "was ein halbes Jahrhundert lang den Fluss der Magie aus diesem Mann strömen ließ".

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - New York Times

Liesl Schillinger hat sich für die Book Review durch den neuen Pynchon gegraben. "Against the Day" - 1085 Seiten, losgelöst von Raum und Zeit und so witzig wie nie, findet Schillinger: "Pynchon scheinen seine Figuren große Freude zu bereiten. Manchmal ist es allerdings ein grausames Spiel. Er schleift sie durch zwielichtige Vergnügungsparks, von der Weltausstellung 1893 in Chicago (wo Franz Ferdinand auftritt und verzweifelt versucht, die Jagdrechte für den Schlachthof von Chicago zu bekommen) ... zum Wiener Prater, wo zwei seiner Figuren, Cyprian Latewood (ein 'bläßlicher Sodomit' und Geheimagent) und Yashmeen (ein bisexueller Mathematiker, der durch Wände geht) eine Gondelfahrt durch ein venezianisches Wien unternehmen, so wie ein Liebespaar in einem Ophüls-Film."

Eher gravitätisch dagegen erscheint der zweite Teil von Gore Vidals Autobiografie ("Point to Point Navigation", Leseprobe). Ein Abschiedsbuch vermutet Christopher Hitchens: "Diese beinahe schlicht zu nennenden Erinnerungen befassen sich hauptsächlich mit anderer Leute Angelegenheiten (Beerdigungen vor allem) und wecken das Bild eines silberhaarigen alten Löwen im Winter."

Weiteres: Robert F. Worth bespricht Denys Johnson-Davies' umfassende Anthologie arabischer Erzählliteratur ("The Anchor Book of Modern Arabic Fiction", Leseprobe). Und in einem Quiz untersucht Henry Alford die Willkür bei der Wahl von Buchtiteln. Außerdem stellt die New York Times die ultimative Lektüreliste für 2006 ins Netz.

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - New York Times

Die Ära der Babyboomer - mit ihren Kulturkämpfen und ihren Extremen zwischen starkem Staat und keinem Staat - nähert sich ihrem Ende, meint Matt Bai im Magazin der New York Times. "Die Meinungsführer in Washington beschreiben die Wahlen immer noch als eine Reihe von Wellen, die abwechselnd die Befürworter des Roten Teams und des Blauen Teams an die Macht schwemmen; nach dieser Theorie kam erst die Woge der Republikaner vor 12 Jahren und jetzt kommt die demokratische Gegenwelle. Tatsächlich aber könnten die Wellen Teil derselben seismografischen Störung sein: der wachsenden Frustration der Wähler mit der Washingtoner Meute beider Parteien, die in den ideologischen Debatten des Jahres 1975 festzustecken scheinen, während der Rest des Landes mächtig mit den Wirtschaftskrisen und politischen Bedrohungen des Jahres 2006 kämpft." Das, so Bai, könnte einen jüngeren Kandidaten an die Macht bringen, der Distanz zum Establishment beider Parteien hält - jemanden wie Barack Obama.

Weitere Artikel: James Traub beschreibt das chinesische Abenteuer in Afrika. Charles McGrath porträtiert den irischen Lyriker Paul Muldoon, der nebenberuflich für eine Rockband textet: "I?m through with hitting the sake / With Kenzo and Miyake / I?m done with Valpol and polenta / With Oscar de la Renta..." John Bowe zeigt im Aufmacher, wie homosexuelle Männer und Frauen die Familie neu definieren. Und Chandler Burr besucht den Parfümeur Christophe Laudamiel, der Süskinds "Das Parfum" "beduftet" hat..

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - New York Times

Jim Windolf ist einfach hingerissen von Stephen Kings Gruselmärchen "Lisey's Story" (Auszug), eine "Ode an Schwesternschaft und Blut". Das überrascht den Leser, der zu Beginn der Rezension erfährt, dass die Hauptperson in dem Roman eigentlich Liseys Mann ist, der verstorbene Pulitzerpreisträger Scott Landon. "Stephen King hat über Zombies geschrieben, Vampire und das Ende der Welt. Er hat ein mörderisches Auto, einen mörderischen Hund, einen mörderischen Clown und ein mörderisches Handy erfunden. Aber wenn er Ihnen wirklich Angst einjagen will, holt er das fürchterlichste Monster von allen hervor, diese zitternde Masse aus Ego und Unsicherheit - den Schriftsteller."

Nathaniel Rich hat keinen Gefallen gefunden an Will Selfs neuem Roman "The Book of Dave" (Auszug). "Self überlegt, was wäre, wenn die englische Gesellschaft in 500 Jahren nicht von der jüdisch-christlichen Theologie, sondern von den unflätigen Schimpfreden eines hasserfüllten Londoner Taxifahrers aus dem 21. Jahrhundert geprägt wäre." Diese Vision missfällt Rich nicht nur, er versteht sie auch nicht, denn Selfs Held spricht einen Cockney-Dialekt, der einem Amerikaner den letzten Nerv raubt: "Mi awdas R onle 2 tayk U sarf 2 Wyc, ware U R 2 B landid. Eye no nuffing uv oo U R aw wot U av dun, mayt, so folla ve rools uv mi ferre an Eyel giv U no aggro." Hugh.

Weitere Besprechungen: James Traub nennt Anatol Lievens und John Hulsmans Bush-Kritik "Ethical Realism" eine "perverse Errungenschaft neokonservativer Theorie und Praxis". Elena Lappin stellt nach der Lektüre von Jeffrey Goldbergs Buch "A Muslim and a Jew Across the Middle East Divide" (Auszug) fest: "Der Nahe Osten wird ein großes Gefängnis bleiben, solange es keine Bücher über die Freundschaft zwischen Juden und Arabern gibt, die Araber geschrieben haben." Charles Taylor stellt Nick Rennisons (natürlich) unautorisierte Biografie über Sherlock Holmes vor.

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - New York Times

In der Book Review stellt Michael Kinsley eine Handvoll Bücher vor, die sich mit dem schlechten Zustand der amerikanischen Demokratie beschäftigen. Kinsley macht dafür vor allem eins verantwortlich: "die enorme Toleranz für intellektuelle Unredlichkeit". Als Beispiel nimmt er die Wahlen im Jahr 2000. "Einige Tage vor der Wahl 2000 versammelte das Bush-Team Leute, die sich mit folgendem Problem beschäftigten: Angenommen, Bush würde die meisten Wählerstimmen, Gore aber die meisten Wahlmänner gewinnen. Sie beschlossen für diesen Fall eine große Kampagne, um die Bürger zu überzeugen, dass es falsch wäre, wenn Gore die Präsidentschaft übernehmen würde. Und sie beabsichtigten, enormen Druck auf Gores Wahlmänner auszuüben, damit diese für Bush stimmen. Die Wahlmänner hätten zweifellos das Recht dazu gehabt. Tatsächlich entstand jedoch genau die entgegengesetzte Situation. Und sofort lancierten die Bushies auch das entgegengesetzte Argument: die Wahlmänner seien ein vitaler Teil unserer Konstitution, sie seien nicht frei in ihrer Entscheidung und so weiter. Gore focht übrigens die Entscheidung der Wahlmänner nie an, obwohl einige Berater ihn dazu drängten. Von all den Dingen, die Bush in der Wahlkrise 2000 tat und sagte, war dieses 'having-it-both-ways' das korrupteste."

Weiteres: Peter Dizikes glaubt, dass es bald keine Wissenschaftler-Biografien mehr geben wird, denn die größten und bedeutendsten Erfolge in der Wissenschaft verdanken sich nicht mehr einzelnen Personen, sondern ungeheuer großen Teams. Besprochen werden unter anderem David Mamets Buch "The Wicked Son. Anti-Semitism, Self-Hatred, and the Jews" (Nextbook/Schocken) und Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt", das Tom LeClair ein bisschen zu kurz findet, dem er aber "schnelles Tempo und eine leichte Hand" bescheinigt.

Magazinrundschau vom 31.10.2006 - New York Times

Google ist überall. Auch Intellektuelle sollten darüber nachdenken, meint Steven Johnson in einem Essay für die New York Times Book Review. Wer Definitionsmacht über Begriffe sucht, sollte die richtigen Suchbegriffe besetzen: "Sagen wir, Sie sind ein Juraprofessor, der sich ein Renommee als Experte für 'affirmative action' erwerben will. Früher hätten Sie diesen Ruf durch Artikel in verschiedenen Prestigepublikationen und Zeitschriften mit hoher akademischer Glaubwürdigkeit aufgebaut. Viele dieser Artikel würden in einer Google-Suche dann bei der Eingabe von 'affirmative action' auch genannt, aber verstreut über die ganze Ergebnisliste. Da Google Links als Abstimmung für den Inhalt einer bestimmten Seite ansieht, würden Sie aber - sofern Sie eine 'Affirmative Action'-Website aufbauen, wo Ihre Artikel versammelt sind, und andere ermuntern, darauf zu verlinken - den Begriff bei Google bald 'besitzen'... Und wenn Sie es in die Top Ten der Ergebnislisten bringen, würde Ihre Seite noch populärer werden, da sie zu den ersten gehört, die über Google gefunden werden." (Haben wir schon mal erwähnt, dass der Perlentaucher auch Websiten baut? Gern auch für Akademiker.)

Weitere Artikel in der Book Review vom Samstag: A.O Scott bespricht den neuen Roman von Richard Ford, "The Lay of The Land" (man darf sich die Kritik auch als MP3 anhören).

In einem großen und etwas ungemütlichen Essay für das New York Times Magazine fragt der Verfassungsrechtler Noah Feldman (der an der irakischen Verfassung mit geschrieben hat), was passieren würde, wenn der Iran die Bombe hätte: "Die Nachbarn des Iran werden keine Wahl haben - sie müssen aufschließen. Nordkorea, das jetzt durch seine eigene Bombe geschützt ist, hat bereits mit Weitergabe gedroht. Und im Nahen Osten würde es willige Käufer finden. Kleine Fürstentümer mit riesigen US-Basen wie Qatar mögen sich unter den Schutz der USA begeben. Aber Saudi Arabien, das Iran stets als bedrohlichen Konkurrenten ansah, würde seine nukleare Sicherheit nicht allein in die Hand der Amerikaner geben. Sobald die Saudis mit von der Partie sind, wird Ägypten Nuklearwaffen brauchen, um in der regionalen Machtbalance nicht an Bedeutung zu verlieren. Schon im letzten Monat hat Gamal Mubarak, der Sohn und wahrscheinliche Erbe des Präsidenten Mubarak, in aller Öffentlichkeit ein ägyptisches Nuklearprogramm gefordert."

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - New York Times

Das Magazin der New York Times bringt den ersten Teil einer langen Reportage über das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan. Elizabeth Rubin beschreibt die pakistanisch-afghanische Grenzregion als eine Art "Taliban Spa", wo die Kämpfer Erholung und neue Inspiration suchen, während die von den Amerikanern und der NATO sich selbst überlassene, unterbezahlte afghanische Polizei sich mit Opium berauscht: "Eines Nachmittags begegnete ich einer Gruppe Polizisten. Sie sagten, ihre Freunde seien gerade von einem als Polizist verkleideten Taliban vergiftet worden. Ein zottiger Officer in einer schwarzen Tunika schaute auf meine Füße. 'Ich beneide dich um deine Schuhe', sagte er mit Blick auf seine ausgetretenen Gummisandalen. 'Ich beneide dich um deinen Toyota'. Und als er meinen Stift und mein Notebook sah: 'Ich beneide dich darum, dass du lesen und schreiben kannst.' Er war 35 Jahre alt und davon 20 Jahre im Krieg."

Ferner: Jeneen Interlandi dokumentiert einen besonders schweren Fall von wissenschaftlichem Betrug. Alex Witchel porträtiert die Choreografin Twyla Tharp und stellt ihr neues Broadway-Projekt vor. Und im Gespräch mit Deborah Solomon erklärt der Princeton-Philosoph und Bestseller-Autor Harry G. Frankfurt ("Bullshit"), wie wir zur Wahrheit finden: durch Selbstlosigkeit.

Ist Gott eine Illusion? Die zu einer positiven Antwort führende Argumentation des Evolutionsbiologen Richard Dawkins in seinem Buch "The God Delusion" (Auszug) kommt Jim Holt in der Book Review bekannt vor: "Erstens, misstraue den üblichen Begründungen für die Existenz Gottes. Zweitens, sammle ein, zwei Argumente für die gegenteilige Hypothese. Drittens, streue Zweifel an den transzendenten Ursprüngen der Religion und zeige, dass es für sie eine natürliche Erklärung gibt. Zuletzt zeigst du, dass ein glückliches und sinnvolles Dasein ohne Gott möglich und Religion kein Garant für Moralität ist, sondern mehr Böses als Gutes schafft." Nach dem Prinzip, so Holt, funktionierte schon Bertrand Russells "Why I Am Not a Christian" von 1927. Die Gottesfrage aber bleibt für ihn spekulativ und das Buch also "eine intellektuell frustrierende Erfahrung".

Außerdem: Marcel Theroux entdeckt in dem Cicero aus Robert Harris' historischem Thriller "Imperium" (Auszug) einen modernen Politiker. Christopher Benfey lobt Michael Hofmanns Übertragung von Thomas Bernhards Roman "Frost" (Auszug), der erstmals auf Englisch erscheint. Und Henry Louis Gates Jr. macht sich an eine Revision von Harriet Beecher Stowes Roman "Onkel Toms Hütte" und entdeckt anstelle von Sentimentalität: Sex!

Magazinrundschau vom 17.10.2006 - New York Times

Pankaj Mishra stellt im New York Times Magazine den chinesischen Intellektuellen Wang Hui vor, einen der Mitbegründer des Magazins Dushu (hier einige Artikel auf Englisch) und profilierteste Leitfigur der "Neuen Linken". Diese noch kleine, aber umtriebige Gruppe hält die kritiklose Übernahme des kapitalistischen Modells für einen Fehler und einen Verrat an den 800 Millionen Armen des Landes. "Wang gibt ohne Zögern zu, dass die chinesischen Anstrengungen zur Reform des Marktes große Fortschritte gebracht haben. Er befürwortet die erste Phase von 1978 bis 1985, die die Nahrungsmittelproduktion und den Lebensstandard der Landbevölkerung steigerte. Die Besessenheit der Zentralregierung aber, in den städtischen Gebieten Wohlstand zu erzeugen - und die Entscheidung, politische Macht an lokale Parteiführer abzugeben, die sich oft ausdrücklich nicht um die Direktiven der Zentralregierung scheren - habe die eklatante Ungleichheit innerhalb Chinas verursacht. Die Einführung einer neoliberalen Marktwirtschaft führte bisher immer zum Einsturz des Sozialsystems, zu einer wachsenden Einkommenskluft zwischen Arm und Reich und immer häufiger auftretenden Umweltkrisen, nicht nur in China, sondern auch in den USA und anderen entwickelten Ländern. Für Wang liegt die Aufgabe der Intellektuellen darin, den Staat nun an seine nicht eingehaltenen Verpflichtungen gegenüber Bauern und Arbeitern zu erinnern."

Als echten Unsympath schildert Daniel Mendelsohn in der New York Times Book Review den Autor Jonathan Franzen in seiner Besprechung von Franzens autobiografischen Essays "The Discomfort Zone" (Auszug). Franzen sei eine tragische Figur, die ihren Sturz in der Publikumsgunst selbst zu verantworten habe (zur Erinnerung: Franzen fand seinen Bestseller "Die Korrekturen" zu genial für Oprah Winfreys populären Buchclub): "Wie dieses unappetitliche Buch zeigt, hat Franzen, anders als Ödipus oder Hippolytus, nichts dazu gelernt. Die während der Oprah-Affäre zur Schau gestellte selbstgefällige Cleverness einerseits, die entwaffnende, manchmal unangebrachte Offenheit andererseits, Egozentrik, Altklugheit und die von Unreife zeugende Unfähigkeit, die Wirkung seiner Brillanz auf andere zu ermessen - sie bestimmen nicht nur Franzens Karriere, sondern den Mann selbst." Darum, meint Mendelsohn, habe sich Franzen als Kind auch nicht mit dem Loser Charlie Brown identifiziert, sondern mit Snoopy, "der zu ichbezogen ist, um zu merken, dass er kein Mensch ist".

Weiteres: Douglas Brinkley lobt das entmythisierende Potential in Michael Streissguths Biografie "Johnny Cash". Elissa Schappell bedauert das überstürzte Ende in Joyce Carol Oates' neuem Roman "Black Girl / White Girl". Und Megan Marshall schätzt an Antonia Frasers populärgeschichtlichem Werk über König Ludwig XIV. und die Frauen ("Love and Louis XIV") nicht zuletzt die kuschelige Schlafzimmer-Atmosphäre.

Magazinrundschau vom 10.10.2006 - New York Times

Ist die Welt nach dem 11. September wirklich eine andere? In einem Essay erklärt der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, dass zumindest die Sicherheitspolitik der USA heute nicht fantasievoller ist als im Kalten Krieg. Edward Shils unter dem Eindruck der Ära McCarthy entstandendem Buch "The Torment of Secrecy: The Background and Consequences of American Security Policies" von 1956 entnimmt Fukuyama, "dass die USA Bedrohungen von außerhalb schon früher gern übertrieben und sich Verschwörungstheorien ausgedacht haben. Dies rechtfertigte die Schaffung eines Geheim-Staates, der die Grundrechte und den freien Datenaustausch aushöhlte, die Fundamente des Erfolges für die USA als Gesellschaft ... Solche Erfahrungen zeigen, dass die Regierung ihren Kenntnisstand transparent machen muss; nur so können wir die anstehenden Herausforderungen richtig einschätzen."

William Kennedy stellt Cormac McCarthys neuen Roman "The Road" vor, der in biblischen Bildern schildert, wie Vater und Sohn die Welt sehen - nach der Apokalypse: "Alle Farben, außer des Feuers und des Blutes, existieren nur noch in der Erinnerung oder in Träumen. Feuerstürme haben Städte und Wälder verschlungen ... Wilde Orchideen stehen, aschfarbene Abbilder ihrer selbst, wartend, dass der Wind sie zu Staub macht." (Hier ein Feature zu McCarthy)

Außerdem: Tom Reiss erinnert der Detailreichtum in den Memoiren des Historikers Fritz Stern (Auszug "Five Germanys I Have Known") an Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern". Und Thomas Mallon bespricht Biografien "der beiden Hepburns" (William J. Manns "Kate" und Donald Spotos "Enchantment") und findet, Audrey und Katharine könnten verschiedenartiger nicht sein.

Was der Renaissance die Zentralperspektive war, ist uns der "lange Zoom" - bestes Beispiel: Google Earth. Oder Spore, das neue Spiel des SimCity-Machers Will Wright, das fürs New York Times Magazine Steven Johnson probegespielt hat: "Zuerst bist du ein Einzeller ... Hast du genug 'DNA-Punkte' gesammelt, wird es spannend - du kannst den "Kreaturenschöpfer" benutzen ... Im nächsten Level kommt das fertige Geschöpf in ein vollfunktionsfähiges Ökosystem ... Schließlich erlangst du eine UN-ähnliche Perspektive, wenn es darum geht, einen ganzen von rivalisierenden Zivilisationen zerrütteten Planeten zu einen. Hast du das "Krieg der Zivilisationen"-Stadium Richtung "Ende der Geschichte" verlassen, gewährt das Spiel dir die ultimative Hegelsche Belohnung: Ein Raumschiff. Los geht?s zu anderen Planeten ..."

Weiteres: Mark Sundeen porträtiert den demokratischen Spitzenpolitiker und Gouverneur von Montana, Brian Schweitzer. In einem unter die Haut gehenden Text untersucht Charles Siebert beunruhigende Veränderungen im Seelenleben der Elefanten.