Magazinrundschau - Archiv

Le point

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Magazinrundschau vom 05.01.2004 - Point

Le point bringt ein schönes langes Gespräch mit Gerard Depardieu, der seinen katholischen Glauben bekennt (er hat jüngst vor 3.000 Zuhörern im Straßburger Münster aus den Bekenntnissen des Augustinus gelesen), über seine Freundschaft zu Castro spricht ("Ich weiß, dass er ein Diktator ist, und ich würde nicht gern in seinen Kerkern hocken") und Sex doof findet: "Sex hat mich nie wirklich angezogen. Es gibt nichts Nervenderes als den Akt, und ich bin kein Eroberer... Was ich dagegen liebe, ist davon zu sprechen, denn die Sprache der Sexualität ist Poesie. Apollinaire hat bestimmt nicht ein Viertel von dem getan, worüber er in seinen Briefen an Lou schreibt. Aber er hat geliebt, und die Liebe hat mich immer interessiert." Depardieu spielt in seinem neuesten Film "Nathalie" von Anne Fontaine den ermüdeten Mann einer Frau (Fanny Ardant), die ihn mit Hilfe einer Prostituierten (Emmanuelle Beart) wieder auf Trab bringt.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - Point

Bernard-Henri Levy stellt sich in seiner Kolumne einige bestürzte Fragen zu den Saddam-Bildern, die vor einer Woche um die Welt gingen: "Etwas in diesem Bild, in dieser modernen Version des gesenkten Daumens, ist peinlich, obszön und verdirbt uns unsere Freude: Musste man das wirklich filmen? Zeigen? Musste man Saddam, um zu beweisen, dass man ihn in seiner Gewalt hat, derart demütigen, die nackte Intimität dieses entsetzten Gesichts vergewaltigen?" Eine deutsche Übersetzung von Levys Artikel ist in der FAZ am Sonntag erschienen.

Nicht uninteressant auch drei Gespräche, die Le point über die Außenpolitik Dominique de Villepins führte (Anlass ist ein Buch mit Reden des illustren Ministers). Der Harvard-Politologe Stanley Hoffman zeigt sich euphorisch über die franzöische Rolle im Irak-Krieg. Der Raymond-Aron-Schüler Pierre Hassner ist eher skeptisch. Und der New Republic-Redakteur Leon Wieseltier konstatiert nicht ohne Spott, dass die Beziehungen zwischen Frankreich und den USA dauerhaft geschädigt bleiben werden.


Magazinrundschau vom 08.12.2003 - Point

Auch in Frankreich, wo zur Zeit viel von einem neuen Antisemitismus die Rede ist, hat die von der EU unterdrückte Studie zum Thema für Aufruhr gesorgt. In mehreren neuen Büchern wird dieser neue Antisemitismus zudem essayistisch reflektiert. Alain Finkielkraut hat "Au nom de l'autre" veröffentlicht. Der bekannte Publizist Roger Pol-Droit bespricht in Le point ein Buch des Philosophen Jean-Claude Milner ("Les penchants criminels de l'Europe democratique ", Verdier), der den modernen Antisemitismus direkt aus der Aufklärung herleitet: "Die Aufklärung hat das Begriffspaar 'Problem - Lösung' ins Zentrum unserer Verstehensprozesse gesetzt. Die Gesellschaft erzeugt 'Probleme' (heute zum Beispiel die Arbeitslosigkeit), und die Politik muss die 'Lösung', möglichst eine definitive Lösung für dieses Problem finden, sonst taucht es wieder auf. Und so sind die Juden in den Augen der Aufklärung und zumal der Französischen Revolution als ein besonderes, zu lösendes Problem erschienen... In Europa entwickelte sich ein Denken der Universalität des Menschen, in deren Namen alle Partikularismen aufgelöst werden müssen." Hitlers "Endlösung", so heißt es weiter unten sei sein einziger Sieg. Und Pol-Droit zitiert einen drastischen Satz Milners: Der europäische Friede "trägt auf ewig die unauslöschlichen Spuren des Zyklon B".

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - Point

Bernard-Henri Levy greift in seinem wöchentlichen bloc-notes eine Debatte auf, die auch in anderen franzöischen Medien von sich reden macht: Es scheint, dass die Kreise der Globalisierungsgegner (die in Frankreich neuerdings als "altermondialistes" firmieren) von Islamisten unterwandert werden. In einem Forum von Globalisierungsgegnern wurde ein Text des islamistischen Genfer Intellektuellen Tariq Ramadan veröffentlicht, der in den französischen Intellektuellen wie Andre Glucksmann, Pascal Bruckner und Levy selbst eine fünfte Kolonne Israels sieht. Levy attackiert die Globalisierungsgegner: Er sei nicht gegen ihr Anliegen: "Ich respektiere ihren Kampf. Aber wenn sie, nur um die Vorstädte nicht zu brüskieren, derartige Argumente zulassen, wenn sie aus List oder Taktik, auch nur einen Moment lang den Antisemitismus als eine legitime Ausdrucksform der Revolte erscheinen lassen, dann ist das ein Desaster, nicht nur für sie selbst, sondern für die Allgemeinheit."

Der omnipräsente Soziologe Alain Duhamel zieht durch die Medien und diskutiert über den Niedergang Frankreichs, diesmal mit Nicolas Baverez, der wie Duhamel ("Le desarroi francais", Plon) ein Buch über das Thema geschrieben hat. "La France qui tombe". Er spricht noch mal über die vielen Hitzetoten unter Frankreichs Alten im Sommer. "Wir brüsten uns mit dem besten Gesundheitssystem der Welt, aber wir haben in dieesem Sommer 15.000 Personen sterben lassen, weil 30 Prozent der Krankenhausbetten nicht zu belegen waren, fünfzig Prozent davon in der Pariser Region, und das alles wegen der 35-Stunden-Woche. In einem Departement wie Hauts-de-Seine gab es im Sommer noch ganze zwei frei praktizierende Ärzte, weil alle andere in Ferien waren." Ein Land macht Urlaub!

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - Point

In Le point liefern sich Alain Finkielkraut und Rony Brauman, zwei jüdisch-französische Intellektuelle, eine erbitterte und luzide Debatte über Israel, Kritik an Israel, Antisemitismus, Islamophobie und "den Antisemitismus, der sich in den Begriffen des Antirassismus äußert", so Finkielkraut. Finkielkraut, Kritiker der Kritiker Israels, sagt: "Wenn Etienne Balibar behauptet, dass die Sicherheitsmauer ein Volk von Lagerinsassen von einem Volk von Lagerwächtern trennt, dann fordert er uns auf, einen toten Lagerwächter niemals zu betrauern. Wer wird je über das Schicksal eine Mengele weinen? Die Mauer ist ein Problem, die Grenzlinie, die sie zieht, ist ein Skandal, aber es handelt sich nicht um eine Mauer der Apartheid. Die Apartheid ist eine Ideologie der Ungleichheit der Rassen. So etwas hat es in Israel nie gegeben." Brauman, Kritiker Israels, hat dagegen keine Aversion gegen den Begriff "Mauer der Aprtheid": "Diese waffenstarrende Festung enteignet dauerhaft die palästinensische Bevölkerung, die immer mehr in den Nihilismus gedrängt wird. Ich erinnere daran, dass 50 Prozent des Westjordanlands und 15 Prozent des Gaza-Streifens heute unter israelischer Kontrolle stehen."

In der selben Nummer fragt sich Bernard-Henri Levy, warum die Amerikaner so sauer sind auf die Franzosen, und nicht zum Beispiel auf die Deutschen, die doch auch gegen den Krieg waren. Antwort: Sie finden die Deutschen einfach zu langweilig. "Die amerikanischen Intellektuellen erwarten im Grunde nichts von Deutschland, während Frankreich trotz allem eines der wenigen Länder dieser Welt ist, auf die sie noch blicken - Hassliebe Amerikas gegenüber Frankreich, und natürlich umgekehrt."

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - Point

War der Surrealismus totalitär? Jean Clair, Direktor des Picasso-Museums in Paris und berühmt-berüchtigt für seine Pamphlete gegen den abstrakten Expressionismus oder die deutsche Kunst, schlägt mal wieder zu. " Du surrealisme considere dans ses rapports au totalitarisme et aux tables tournantes" (Editions mille et une nuits) lautet der etwas blumige Titel seines neuen Buchs. In Le point unterhält er sich mit Elisabeth Levy. Er liebe weiterhin de Chirico und Max Ernst, beteuert Clair. "Aber ich reagiere heute extrem empfindlich auf den libertären Hintergrund, der sich zugleich von toalitären Dogmen in Versuchung führen lässt und der für den intellektuellen Niedergang Frankreichs mit verantwortlich ist." Selbst für die Nazis habe sich die surrealistische Bewegung kurzzeitig begeistert, behauptet Clair.

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - Point

In Le Point, einer der eher Meinungs- als Nachrichtenmagazine zu nennenden Zeitschriften Frankreichs hält der Philosoph Bernard-Henri Levy ("Sartre") eine wöchentliche Kolumne, in der er in dieser Woche einen auch in hiesigen Medien erstaunlich indifferent aufgenommenen Skandal aufgreift: Die Festnahme von 78 Dissidenten in Kuba und ihre Verurteilung zu Gefängnisstrafen von bis zu 27 Jahren. Mit dem für ihn typischen rhetorischen Furor fordert Levy die Öffentlichkeit zu einer Reaktion auf. "Wir müssen Kuba jenen befremdlichen Status einer sympathischen Diktatur absprechen, den es unerklärlicher Weise in einem Teil der westlichen und zumal französischen Intelligentsia genießt. Wir müssen Unterstützungsmeetings für die kubanische Dissidenz organisieren, so wie wir es vor zwanzig Jahren mit Jean-Francois Revel oder Mario Vargas Llosa taten und darauf bestehen, dass ein Regime, das einen Paul Rivero ins Gefängnis wirft, weil er in seinen Gedichten 'die Wirklichkeit verzerrt', ein regelrecht faschistisches Regime ist. Und wir müssen immer wieder, wie wir es einst für Armando Valladares taten, die Namen von Marta Beatrix Roque, Carlos Brizuela Yera, Lester Tellez Castro, Ricardo Gonzalez und all der anderen aussprechen. Leider können wir sie hier nicht alle nennen - aber sie sind auf der Website von Reporters sans frontieres verzeichnet. Castro will von der allgemeinen Gleichgültigkeit profitieren, um seine Verbrechen zu begehen. Es ist an uns, ihm unrecht zu geben." Levy hat zuletzt eine Recherche zum Tod des von pakistanischen Islamisten ermordeten Journalisten Daniel Pearl vorgelegt - hier eine Leseprobe.