
Ab sofort gibt es eine
polnische Ausgabe der
Vogue. Das müsste keine besondere Meldung wert sein, doch in diesen Zeiten kann selbst die
Vogue zum Politikum werden, wie Pavel Turek
berichtet: "Statt allgemeiner Begeisterung rief das
Titelfoto von
Juergen Teller eine kontroverse Debatte über polnische Nationalwerte, Symbole und polnisches Selbstverständnis hervor. (…) Eigentlich ist nicht viel an diesem Foto: Die beiden erfolgreichsten polnischen Supermodels der letzten zwanzig Jahre
Anja Rubik und
Malgosia Bela stehen dort in strenger schwarzer Kleidung vor dem ikonischen Kultur- und Wissenschaftspalast - der historisch belasteten Dominante Warschaus, die im Geiste des
sozialistischen Realismus errichtet wurde. Neben ihnen parkt ein schwarzer Wolga, und die gedrückte Stimmung der ganzen Aufnahme wird noch von
feuchtkaltem Nebelwetter und einem grauen Himmel verstärkt." Die polnische Journalistin Agata Pyzik beschreibt die Reaktion darauf als "eine Kombination aus gekränktem ästhetischem Empfinden und
verletztem Nationalstolz: Wie kann es sein, dass uns
Vogue, Symbol des Luxus, kein glänzendes Abbild der letzten Erfolgsjahre unseres Landes bietet, sondern eine Apotheose der vergangenen Sowjetära, die wir doch zu vergessen suchen?" Die schwächelnde Mittelklasse wolle die eigenen Verluste durch eine schöne Zeitschrift kompensieren, die habe sie aber nicht bekommen. Der Sozialanthropologe
Michał Murawski erinnert daran, dass der Kulturpalast als Totem fungiere, auf den alle polnischen Ängste und Phobien projiziert würden, und das Model Anja Rubik engagiere sich seit langem
gegen homophobe und chauvinistische Politik: "Es handelt sich um einen Versuch der
Vogue-Herausgeber, der paranoiden Haltung des gegenwärtigen Regimes hinsichtlich Geschichte, Sex und nationaler Identität eine Absage zu erteilen."