
Die mehrfach ausgezeichnete polnische Journalistin
Lidia Ostałowska beschreibt mit Gespräch mit Tomáš Brolík über die besondere Tradition der
polnischen Reportage: "Das begann in der Zwischenkriegszeit. Damals mussten die Schriftsteller von etwas leben, und so arbeiteten praktisch alle für Zeitungen. Den Lesern gefiel das, die Texte waren fantastisch geschrieben und mit einem vertrauenswürdigen Namen unterzeichnet." Namen wie Melchior Wańkowicz, Małgorzata Szejnert oder Ryszard Kapuściński bekräftigten in der Folge diese Qualität. Mit dem
Ende des Totalitarismus entstand dann eine "besondere Situation. Auf einmal verschwand ein gewisser Zauber, die starke Seite der Reportage, das Spiel mit der Zensur. Und die Kollegen, die aus der Emigration zurückkehrten, wunderten sich darüber, was die polnische Reportage für ein seltsames Genre war, so ganz anders als zum Beispiel die
französischen Reportagen, die sie kannten." Die 90er-Jahre waren dann eine großartige Zeit für die investigative Reportage - doch seit der Wirtschaftskrise ein Standard, der nicht aufrechtzuerhalten war. Und wie ist es in der
jetzigen Situation, mit den starken gesellschaftlichen Verschiebungen? "Leute, die zuvor geschwiegen haben, haben begonnen, laut zu sagen, was sie denken. Und stellen fest, dass es viele von ihnen gibt, dass ihre Stimme stark ist, es ist die
Stimme der Masse. Doch über diese neue Welt lässt sich schwer schreiben, weil sich diese Welt das nicht wünscht. Man muss sich deshalb tarnen, um 'die andere Seite' zu erreichen - womit ich persönlich Probleme habe, denn das ist keine eindeutige Methode. ... Man kann
keine Fragen stellen. Man erfährt etwas, aber nicht alles."