Magazinrundschau - Archiv

Respekt

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Magazinrundschau vom 04.06.2018 - Respekt

Erik Tabery beobachtet in Tschechien derzeit die Tendenz, Andersmeinende kategorisch entweder als "(Neo-)Marxisten" oder als "(Neo-)Faschisten" abzukanzeln, und wünscht sich mehr Besonnenheit im Umgang mit diesen Begriffen. Anlässlich des Skandaltheaterstücks "Unsere Gewalt, eure Gewalt" (in dem Christus eine Muslimin vergewaltigt) des kroatischen Regisseurs Oliver Frljić auf dem Theaterfestival in Brno hatte Kardinal Dominik Duka geäußert: "Was sich das heutige neomarxistische Pack gegenüber Glauben und Religion leistet, das hat sich nicht einmal der nazistische oder kommunistische Totalitarismus erlaubt." Tabery bemerkt dazu: "Angesichts dessen, dass der Totalitarismus gefoltert, gemordet, Kirchen verbrannt und katholische Geistliche eingesperrt hat, ist das ein außerordentlich geschmackloser Vergleich." Ebenso kritisiert Tabery einen Artikel Tomáš Tožičkas, in dem dieser Besserverdienende mit Ökobewusstsein als "Biofaschisten" bezeichnet, und meint: "Menschen mit anderer Meinung als Faschisten zu bezeichnen, ist eine grobe Beleidigung, nichts mehr. Heben wir uns diese für Extremfälle auf, etwa für Leute, die Cafés überfallen, Vertreter der Stadt durch die Straßen treiben oder gewaltsam eine Theateraufführung stören." So geschehen nämlich vor einigen Tagen, als die umstrittene Inszenierung in Brno von einer rechten Gruppierung gestürmt wurde, die sich "Anständige Leute" nennt und die Aufführung behindern wollte, sodass am Ende die Polizei eingreifen musste, um wieder für Ordnung zu sorgen.

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - Respekt

Eine tägliche Herausforderung für alle journalistischen Medien: Wie umgehen mit Hassmails, Shitstorm & Co? Die Wochenzeitschrift Respekt hat nach der Ermordung des slowakischen Journalisten Kuciak beschlossen, für sich eine Grenze zu ziehen: "Wenn jemand zu Liquidierung einer Journalistin oder eines Journalisten aufruft, übergehen wir das nicht mehr, sondern übergeben es der Polizei", schreibt Chefredakteur Erik Tabery. "Kürzlich haben wir das zum ersten Mal gemacht, als ein Herr auf Facebook wiederholt schrieb, ein Mitglied unserer Redaktion solle erschossen werden, weil er unter anderem über die russischen Verbindungen im Umkreis von Präsident Miloš Zeman schrieb. Wir haben den Fall der Polizei unterbreitet und letzte Woche den Bescheid erhalten, dass sie sich nicht damit befassen werde, da wir öffentliche Kritik akzeptieren müssten. Es ist interessant, wie sich in den letzten Jahren die Einschätzung von akzeptabler Kritik verschoben hat. Für uns ist die Sache damit natürlich noch nicht zu Ende, aber die Haltung der Prager Polizei, die einen Tötungsaufruf als öffentliche Kritik erachtet, ist wahrhaftig eine Neuerung."

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - Respekt

Der Tod des Filmregisseurs Miloš Forman bewegt nach wie vor die tschechischen Feuilletons. Der Konservative Roman Joch hat den großen Filmemacher in den Lidové noviny sehr kritisch beurteilt: Forman habe jede Art von Autoritäten verachtet: "Warum hasste er nur so unsere Zivilisation?" und: "Was Leni Riefenstahl für den Nationalsozialismus war, war Forman für den Linksliberalismus". Joch beschließt seinen Artikel mit den despektierlichen Worten: "Jetzt wo er entschlafen ist - Gott schenke seiner verwirrten und verirrten Seele Frieden." Respekt-Chefredakteur Erik Tabery widerspricht ihm in seinem aktuellen Editorial aufs Schärfste und meint, Jochs Artikel habe nachgerade etwas von einer "Kaderbeurteilung". Petr Fischer erinnert in Novinky noch einmal an die günstige Atmosphäre von Formans Anfangsjahren: "Der lebensnahe Film, das Cinéma-vérité, wie die französischen Regisseure diese neue Richtung nannten, schaffte paradoxerweise eine Verbindung zwischen den Ingenieuren des Sozialismus und den jungen Künstlern. Die Kommunisten wollten das Leben zeigen, und zwar das bessere, das sie selbst den Menschen ermöglichten; die jungen Filmemacher kamen ihnen darin entgegen, auch wenn sie dieses Leben ein wenig anders zeigten als erwartet." Dass Forman die komischen, grotesken, ja auch dümmlichen Seiten der einfachen Leute zeigte, nahmen ihm die Kommunisten dann doch übel, weshalb er schließlich das Land verließ.

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - Respekt

Nach seinem Amt als tschechischer Premierminister wird der Sozialdemokrat Bohuslav Sobotka nun auch sein Abgeordnetenmandat abgeben und die Politk verlassen. Erik Tabery zieht dazu das Fazit: "Sobotka wurde in diesem Blatt oft kritisiert. … Allzu oft schwieg er, wenn er sich hätte zu Wort melden sollen (…) Doch wie in den Märchen mögen wir Geschichten, in denen ein auf den ersten Blick gleichgültig wirkender, kleiner und schwacher Held aufwacht und die Welt zu verändern beginnt. Sobotka wurde Premier in einer Zeit grundlegender historischer Umbrüche. Russland äußerte wieder seinen unstillbaren Hunger nach fremden Gebieten und fiel in die Ukraine ein. Die Kriege in Syrien und anderen Ländern bewirkten eine große Migrationswelle, die Europa erreichte. Auf der heimischen Bühne war er in seiner Regierung mit dem ehrgeizigen Andrej Babiš, dem keine Regeln respektierenden Präsidenten Miloš Zeman und den Aufständischen in der eigenen Partei konfrontiert. Vieler Problemen nahm Sobotka sich zu spät an (…) doch am Ende hat er sich meist auf die richtige Seite gestellt und diese verteidigt, auch wenn ihm das keine Punkte einbrachte. (…) Die Würdigungen werden unterschiedlich ausfallen, in jedem Fall aber verlässt die Politik ein anständiger Mann, an dessen westlicher Orientierung kein Zweifel bestand. Es geht ein Politiker, der über seinen Schatten gesprungen ist, wenngleich dieser Schatten nicht sehr groß war. Im Tschechien dieser Tage ist das bereits geschichtswürdig."

Magazinrundschau vom 06.03.2018 - Respekt

Erik Tabery, Chefredakteur von Respekt, konstatiert für die Slowakei das "Ende der Unschuld": Journalisten seien immer schon verletzlich gewesen, sie hätten weder Leibwächter noch Ermittlungsvollmachten oder eine Waffe in der Tasche. Doch selbst wenn sie in den dunkelsten Winkeln der Gesellschaft recherchierten, habe es immer etwas wie einen "ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag" gegeben: dass man Journalisten nicht liquidiert. "Nicht, weil nicht jemand Interesse daran hätte, sondern weil er weiß, dass es eine entschiedene Reaktion des Staates zur Folge hat. Mit anderen Worten, jeder sieht von solchen Angriffen auf Journalisten lieber ab, da Sicherheitselemente und Politiker nicht ruhen werden, ehe der Täter eine harte Strafe erhält. So funktioniert es in Ländern, in denen man sich der Bedeutung unabhängiger Journalisten bewusst ist. Die Slowakei weiß nun, dass dieses 'Tabu' gebrochen wurde. In dieser Hinsicht wird die Gesellschaft nie mehr die gleiche sein - über das Ausmaß des Schadens aber wird eine schnelle Aufklärung des Falles entscheiden."
Stichwörter: Kuciak, Jan, Slowakei

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - Respekt

Ab sofort gibt es eine polnische Ausgabe der Vogue. Das müsste keine besondere Meldung wert sein, doch in diesen Zeiten kann selbst die Vogue zum Politikum werden, wie Pavel Turek berichtet: "Statt allgemeiner Begeisterung rief das Titelfoto von Juergen Teller eine kontroverse Debatte über polnische Nationalwerte, Symbole und polnisches Selbstverständnis hervor. (…) Eigentlich ist nicht viel an diesem Foto: Die beiden erfolgreichsten polnischen Supermodels der letzten zwanzig Jahre Anja Rubik und Malgosia Bela stehen dort in strenger schwarzer Kleidung vor dem ikonischen Kultur- und Wissenschaftspalast - der historisch belasteten Dominante Warschaus, die im Geiste des sozialistischen Realismus errichtet wurde. Neben ihnen parkt ein schwarzer Wolga, und die gedrückte Stimmung der ganzen Aufnahme wird noch von feuchtkaltem Nebelwetter und einem grauen Himmel verstärkt." Die polnische Journalistin Agata Pyzik beschreibt die Reaktion darauf als "eine Kombination aus gekränktem ästhetischem Empfinden und verletztem Nationalstolz: Wie kann es sein, dass uns Vogue, Symbol des Luxus, kein glänzendes Abbild der letzten Erfolgsjahre unseres Landes bietet, sondern eine Apotheose der vergangenen Sowjetära, die wir doch zu vergessen suchen?" Die schwächelnde Mittelklasse wolle die eigenen Verluste durch eine schöne Zeitschrift kompensieren, die habe sie aber nicht bekommen. Der Sozialanthropologe Michał Murawski erinnert daran, dass der Kulturpalast als Totem fungiere, auf den alle polnischen Ängste und Phobien projiziert würden, und das Model Anja Rubik engagiere sich seit langem gegen homophobe und chauvinistische Politik: "Es handelt sich um einen Versuch der Vogue-Herausgeber, der paranoiden Haltung des gegenwärtigen Regimes hinsichtlich Geschichte, Sex und nationaler Identität eine Absage zu erteilen."

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - Respekt

Jindřiška Blahová unterhält sich mit der französischen Filmregisseurin Claire Denis über ihre Assistenzzeit bei Jim Jarmusch und Wim Wenders ("Mit ihm war alles Musik."), über weibliches Filmemachen und über Afrika, wo Denis in verschiedenen Ländern aufwuchs. Über die postkoloniale Ära sagt Denis: "Für mich ist die staatenübergreifende Wirtschaft der neue Kolonialismus. Während Unternehmen das Recht haben, in Tasmanien oder Namibia Gold oder Diamanten oder in Nigeria Erdöl abzubauen, haben die dortigen Einwohner nicht genug Geld fürs tägliche Leben. Es ist umso gefährlicher, als sie keinen Namen haben. Niemand erkennt sie als kolonisiertes Volk. Als Britannien oder Frankreich ihre Kolonien verwalteten, bemühten sie sich wenigstens, zum Beispiel Schulen zu bauen. Sie hatten einen Namen und eine Verantwortung. Die großen Ölfirmen haben keine solche Verantwortung. Sie sind bis zu einem gewissen Grad anonym. Sie existieren irgendwo, aber es ist, als würden sie eigentlich nicht existieren."

Magazinrundschau vom 17.01.2017 - Respekt

Erik Tabery, Chefredakteur des tschechischen Wochenmagazins Respekt, wünscht sich mehr intellektuelle Redlichkeit bei der Benennung von Gegenwartsphänomenen: "Es gibt Momente, wo die Sprache uns verrät. Angesichts unserer genannten Geschichtskenntnisse haben wir die Tendenz, aktuelle Ereignisse mit den vergangenen zu vergleichen. Häufig benutzen wir dafür sogar den Begriff 'Neo' - wir haben also einen Neonazismus, einen Neofaschismus und, immer öfter zu hören, einen Neomarxismus. Nach der Wahl Donald Trumps behalf sich eine Reihe von Journalisten und Beobachtern mit dem Begriff 'Faschismus', um das Trump-Phänomen zu beschreiben. Und auch bei uns lesen wir ab und zu von einer Faschisierung der Gesellschaft." Diese Schlagwörter bewirken jedoch laut Tabery ein Abstumpfen der Sensibilität für ganz neue Formen der Bedrohung für die freie Gesellschaft. "Der Fall Ungarn beweist, dass es möglich ist, ein relativ unfreies Land zu schaffen, das weder mit dem Faschismus noch mit dem Kommunismus zu tun hat. Wenn heute also etwas nottut, dann dass wir uns von den diversen Stempeln lösen - auch wenn die Erinnerung an die Geschichte weiter von großer Bedeutung ist - und nach einer eigenen Interpretation für das gegenwärtige Geschehen suchen."
Stichwörter: Faschismus, Trump, Donald

Magazinrundschau vom 18.10.2016 - Respekt

Die mehrfach ausgezeichnete polnische Journalistin Lidia Ostałowska beschreibt mit Gespräch mit Tomáš Brolík über die besondere Tradition der polnischen Reportage: "Das begann in der Zwischenkriegszeit. Damals mussten die Schriftsteller von etwas leben, und so arbeiteten praktisch alle für Zeitungen. Den Lesern gefiel das, die Texte waren fantastisch geschrieben und mit einem vertrauenswürdigen Namen unterzeichnet." Namen wie Melchior Wańkowicz, Małgorzata Szejnert oder Ryszard Kapuściński bekräftigten in der Folge diese Qualität. Mit dem Ende des Totalitarismus entstand dann eine "besondere Situation. Auf einmal verschwand ein gewisser Zauber, die starke Seite der Reportage, das Spiel mit der Zensur. Und die Kollegen, die aus der Emigration zurückkehrten, wunderten sich darüber, was die polnische Reportage für ein seltsames Genre war, so ganz anders als zum Beispiel die französischen Reportagen, die sie kannten." Die 90er-Jahre waren dann eine großartige Zeit für die investigative Reportage - doch seit der Wirtschaftskrise ein Standard, der nicht aufrechtzuerhalten war. Und wie ist es in der jetzigen Situation, mit den starken gesellschaftlichen Verschiebungen? "Leute, die zuvor geschwiegen haben, haben begonnen, laut zu sagen, was sie denken. Und stellen fest, dass es viele von ihnen gibt, dass ihre Stimme stark ist, es ist die Stimme der Masse. Doch über diese neue Welt lässt sich schwer schreiben, weil sich diese Welt das nicht wünscht. Man muss sich deshalb tarnen, um 'die andere Seite' zu erreichen - womit ich persönlich Probleme habe, denn das ist keine eindeutige Methode. ... Man kann keine Fragen stellen. Man erfährt etwas, aber nicht alles."

Magazinrundschau vom 16.08.2016 - Respekt

Anlässlich ihres 120. Geburtstags erinnert Erik Tabery an die großartige Milena Jesenská, deren Reportagen aus den dreißiger Jahren zum Besten dieses Genres gehören: "Jesenská lebte in einer Zeit, in der Journalistinnen nur selten die Gelegenheit bekamen, sich den 'großen' Themen zu widmen. ... Zum Glück wurde Ferdinand Peroutka auf ihr Talent aufmerksam und nahm sie in seine Zeitschrift Přítomnost auf. Das war sehr klug von ihm, denn ihre Texte gehören neben seinen zu den Glanzstücken. Sie schrieb vor allem über Menschen, die andere gerne übersahen - über Juden, über Flüchtlinge oder Arme. Während die Parteipresse menschliche Schicksale vor allem aus parteitaktischen Gründen beschrieb, interessierte sich Jesenská für die Menschen selbst. Sie wollte ihre Geschichten erzählen, um den Schwächsten zu helfen, nicht um einer Partei zu mehr Popularität zu verhelfen oder die Konkurrenz zu beschmutzen. Deshalb sind ihre Artikel so eindrucksvoll. Beim Schreiben nahm Jesenská auch keine Rücksicht auf die sich verschlechternde politische Lage. Viele Freunde warnten sie, aber sie ließ nicht einmal nach, als das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen wurde. Neben ihrem Schreiben - nach Peroutkas Verhaftung durch die Gestapo leitete sie sogar eine Weile seine Zeitschrift - verhalf sie vielen Menschen zur Flucht. Sie selbst weigerte sich zu gehen, sah ihre Rolle darin, in Prag zu helfen. Die Gestapo wartete allerdings nicht lange, verhaftete auch sie und schickte sie ins KZ, wo sie auch starb. In ihrem letzten Brief an den Vater schrieb sie, dass sie sich dort 'keine Minute der Schwäche' erlaube. Laut den Zeugnissen ihrer Mitinsassinnen war das kein bisschen übertrieben." Tabery schließt: "Müsste man die fünf bedeutendsten tschechischen Journalisten nennen - Jesenská dürfte unter ihnen nicht fehlen."