Magazinrundschau - Archiv

Telerama

71 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 8

Magazinrundschau vom 06.12.2011 - Telerama

Der Verlag la Decouverte bringt nach langer Zeit eine einbändige Werkausgabe Frantz Fanons heraus, der ähnlich wie Che Guevara eine Ikone des Antikolonialismus ist und vor fünfzig Jahren im Alter von nur 36 Jahren an Leukämie gestorben ist. Juliette Cerf empfiehlt dringend eine neue Lektüre Fanons, weniger wegen seines berühmten Werks "Die Verdammten der Erde", sondern wegen seines ersten Buchs, "Peau noire, masques blancs". "Kurz vor seinem Tod fürchtete Fanon nicht mehr den Blick des weißen Siedlers: 'Sein Blick erschüttert mich nicht mehr, lähmt mich nicht mehr.' Genau dieser Blickwechsel, 'die Grunderfahrung des Schwarzen', stand bereits im Mittelpunkt von 'Peau noire, masques blancs', eines atemberaubenden, 1952 veröffentlichten 'Essays zum Verständnis des Verhältnisses von Schwarz und Weiß', der zugleich ein philosophisches Bekenntnis und eine klinische Studie ist. Genau wie der Antisemit den Juden zum Juden macht (Sartre), so existiert der Schwarze nur im Blick des Weißen: 'Ich bin ein Neger - aber natürlich weiß ich es nicht, denn ich bin es.'"

Magazinrundschau vom 15.11.2011 - Telerama

Rue89 (hier), Slate.fr (hier), Owni (hier), Mediapart (hier) - und wie sie alle heißen: Anders als in Deutschland, wo die Medienkonzerne sitzen und besitzen und im Schatten der Öffentlich-Rechtlichen nichts Ernstes heranwachsen kann, ist im französischen Netz eine höchst lebendige Szene journalistischer Startups entstanden. In Telerama geben Emmanuelle Anizon und Olivier Tesquet einen lesenswerten Überblick. Ungelöst ist allerdings auch in Frankreich das Problem der prekären Informationsökonomie im Netz: "Um am Abenteuer eines 'pure players' teilzuhaben, muss man nur die krisengeschüttelte und dennoch immer noch komfortable Printpresse des 20. Jahrhunderts verlassen, um sich in den unsicheren Journalismus des 21. Jahrhunderts zu stürzen. Man ist Pionier in einer labilen Ökonomie, arbeitet in unsicheren Geschäftsmodellen, deren Rentabilität vorerst Hypothese bleibt. Man arbeitet mehr, um weniger zu verdienen. Aber man vibriert. In den winzigen Büros von Owni trifft man sich jeden Freitag zum Umtrunk, um mit lauwarmem Bier auf das Überleben der eigenen kleinen fliegenden Untertasse ('Ovni' heißt 'UFO', A.d.Ü.) anzustoßen."

Magazinrundschau vom 08.11.2011 - Telerama

Xavier de Jarcy nimmt in Telerama (mit einigen schönen Fotos) eine Anregung aus Michel Houellebecqs Roman "Karte und Gebiet" auf und beschäftigt sich eingehender mit dem Urvater britischen Designs, William Morris, der marxistischen Ideen anhing und im Geiste eines utopischen Sozialismus Stoffe und Tapetenmuster entwarf, die heute allerdings superbürgerlich und unerschwinglich wirken. Die Firma, die er mit anderen Designern gründete, Morris & Co., gibt es immer noch. Jarcy beschreibt Morris' Idee so: Er "möchte den Geist des Mittelalters wiederbeleben, wo 'der größte Künstler doch ein Handwerker und der demütigste Handwerker doch immer ein Künstler war', wie Morris schrieb. Die dekorativen Künste sollen auf das Niveau der so genannten großen Künste, also der Malerei und Skulptur, gehoben werden. So werden die Arbeiter als Kunsthandwerker von der Sklaverei der Maschinen befreit und finden das Glück der Arbeit wieder, indem sie zur Verschönerung der Welt beitragen."

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - Telerama

Pünktlich zur Rentree bekommt Frankreich seinen Plagiatsskandal und unter Verdacht steht der Literaturkritiker und journalistische Tausendsassa Joseph Mace-Scaron. Er spricht von "Leihgaben" und Intertextualität. Emmanuelle Anizon sieht darin eher gängige Praxis im Journalismus. Statt selbst zu recherchieren und zu schreiben, bedient sich jeder nach Herzenslust an einem riesigen Textbuffett aus Pressemittleiungen und Klappentexten: "Der Journalismus ist zu einer einzigen riesigen Plagiatsmaschine geworden. Das Fernsehen kopiert die Printmedien, die wiederum vom Internet abschreiben... und umgekehrt, ohne das auch nur irgendjemand wüsste, wer die eigentliche Quelle ist."

Noch vor der "Jasminrevolution" und dem Sturz des Diktators Ben Ali, brachte die tunesische Regisseurin Nadia El Fani im Sommer 2010 mit ihrer Kamera einen gewagten Vorschlag unter die Menschen - die Einführung des Laizismus. Mathilde Blottiere präsentiert den daraus entstandenen Dokumentarfilm "Laicite inch'Allah", den die Filmemacherin anhand dreier Ausschnitte kommentiert. In den kleinen alltäglichen Begegnungen, die sie dokumentiert, ohne ihre Kamera zu verstecken, setzt die Filmemacherin auf Konfrontation: "Als ich das Thema Ramadan anspreche, stelle ich fest, dass der Taxifahrer gut reagiert. Ich schalte die Kamera ein und sage ihm, dass ich Atheistin bin. In Tunesien ist das eine subversives Bekenntnis, aber als Filmemacherin bin ich zu dieser Provokation bereit. Ich bin dazu da um der Gesellschaft den Kopf zu streicheln, sondern um sie gegen den Strich zu bürsten und neue Ideen voran zu bringen."

Jeremie Couston porträtiert die britische Schauspielerin und frühere Athletin Tilda Swinton, die in ihrem kreativen Langstreckenlauf meist ihrem Instinkt gefolgt sei: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich Karriere gemacht habe, aber ich habe ein Leben."

Magazinrundschau vom 16.08.2011 - Telerama

Die mediale Verbreitung von Gerüchten rund um Politiker beschäftigt Frankreich derzeit: DSK und seine Affären, der - nicht belegte - Pädophilievorwurf gegen einen Minister und jetzt der angebliche Alkoholismus von Martine Aubry. Heute, erklärt der Soziologe Philippe Aldrin, beherrsche in den Medien ein pyschologisch-privater Ansatz die Politikerbetrachtung. Wie kam es dazu? "Weil es eine Personalisierung und Personifikation der Macht gibt. In den USA, in Europa, überall passt sich die politische Kommunikation jener der Wirtschaft an. Man verkauft seinen Kandidaten wie eine Ware. Deshalb besteht eine sehr starke Nachfrage nach Informationen über die Privatsphäre der Politiker."

Google, illustriert Telerama begleitend mit kurzen Screenshots und Auflistungen, verstärkt und befeuert die Gerüchteküchen noch, indem es nach dem Namensaufruf zweckdienliche Verknüpfungsvorschläge macht. Also etwa Nicholas Sarkozy - Größe, Francois Hollande - Jude, Segolene Royal - Schönheitschirurgie oder eben Martine Aubry - Alkoholismus.

Magazinrundschau vom 31.05.2011 - Telerama

In einem Gespräch erläutert der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin seinen Begriff einer globalen Empathie, die das Internet gestiftet habe. "Die Revolution des Internet hat das Zentralnervensystem von zwei Milliarden Menschen miteinander verknüpft. Dank Facebook oder Twitter sind Jugendliche auf der ganzen Welt daheim in ihren Zimmern binnen weniger Sekunden angerührt vom Erdbeben in Haiti oder dem japanischen Tsunami. Aber ist diese Empathie echt? Ich habe die Solidariät mit der jungen Iranerin Neda, die bei den Demonstrationen nach den Wahlen in ihrem Land getötet wurde, als echt empfunden. Ein paar Stunden nach ihrem Tod kannte dank YouTube die ganze Welt ihre Geschichte und konnte sich mit ihr identifizieren. Das ist sie, die globale Empathie. Aber ich gebe zu, dass das Internet die Aufmerksamkeit des Einzelnen ebenso verringern wie steigern kann: Es ist eine ununterbrochene Quelle der Stimulation, aber auch der Zerstreuung, und Empathie bedarf der Tiefgründigkeit und der Aufmerksamkeit."

Magazinrundschau vom 08.03.2011 - Telerama

Zensur bei Arte? Jean-Michel Meurice hat einen Dokumentarfilm gemacht, der die Finanzierung der Adenauer-CDU aus höchst obskuren Schweizer (also wohl auch Ex-Nazi-)Quellen belegen will, der aber auch auf die Schwarzgeldaffäre der CDU unter Helmut Kohl zurückkommt. Die deutschen Hierarchen bei Arte haben sich drei Jahre lang gegen die Ausstrahlung gestemmt - jetzt darf der Film im April gesendet werden, berichtet Olivier Milot: "Jerome Clement, der scheidende Präsident hatte aus Schwäche oder aus Angst vor einem 'diplomatischen Zwischenfall' abgewunken. Verständlich? Darüber urteile jeder selbst. Man kann sich jedenfalls fragen, was passiert wäre, wenn französische Politiker einen deutschen Dokumentarfilm über französische Politiker oder Ereignisse verhindert hätten..."
Stichwörter: Kohl, Helmut

Magazinrundschau vom 01.03.2011 - Telerama

In einem langen Interview spricht der französische Verleger Antoine Gallimard über die Schwierigkeiten und Schönheiten seines Berufsstands sowie die Gratwanderung zwischen Tradition und Marktanpassung. Sein Credo hat er von seinem Großvater übernommen, der sagte, Verleger zu sein bestehe darin, Bücher zu veröffentlichen, die andere abgelehnt hätten. "Man darf sich nicht zum Opfer des Markts oder der Mode machen, sondern sich auf seinen Geschmack und seine Intuition verlassen." Die Herausforderung durch das E-Book sieht er gelassen: "Die Verleger wollen Piraterie verhindern, und dafür muss ein attraktiver legaler Markt geschaffen werden, der von mehreren Teilnehmern betrieben wird, nicht nur von Apple, Amazon und Google. Das Angebot muss groß sein und die kommerzielle Kontrolle beim Verleger liegen. Ich bin in keinster Weise beunruhigt. Das digitale Buch kann eine Chance für einen einfacheren Zugang zu Werken sein, eben über einen neuen Verbreitungsweg. Es muss nur Regeln geben."
Stichwörter: Amazon, Gallimard

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - Telerama

Die tunesische Revolution lasse sich durchaus erklären, meint der syrisch-französische Publizist und Intellektuelle Farouk Mardam-Bey, da die Idee vom freien Individuum in der arabischen Welt schon seit etlichen Jahren kursiere: "Der Westen hat zu sehr die Tendenz, alles zu vermischen: Dschihad, Fundamentalismus, politischen Islam, Volksreligiosität. Aber das Spektrum des Islam ist komplex. Zwischen Al-Qaida und den Muslimbrüdern gibt es keine größere Nähe als zwischen Pol Pot, um ein Beispiel aus dem kommunistischen System zu nehmen, und der reformistischen kommunistischen Partei von Enrico Berlinguer in Italien... Gibt es denn eine demokratische Tradition in Ägypten? Diese Frage Alain Finkielkrauts und einer gewissen Anzahl französischer Intellektueller hat einen rassistischen Beigeschmack. In ihren Augen sind arabische Welt und Demokratie offenbar unvereinbar. Aber gab es in Spanien am Ende der Franco-Diktatur eine demokratische Tradition? Oder in Portugal, der alten Kolonialmacht, das 36 Jahre unter der Knute von Diktator Salazar stand? Demokratie ist ein Lernprozess und es gibt kein Volk, das ein für alle mal dagegen geimpft ist."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Telerama

Thierry Leclere schildert in einer Reportage, was es im Tunesien unter Ben Ali hieß, ein Künstler oder Intellektueller zu sein. Neben dem Theater El Teatro, dessen Betreiber es vielen tunesischen Künstlern ermöglichten, "nicht zugrunde zu gehen unter diesem kulturverachtenden Polizeiregime und Bling-Bling" schreibt er auch über eine Buchhandlung in Tunis. "'Wir waren immer ein rebellischer Buchladen', erklärt Selma Jabbes. Ihre Mutter, die das Geschäft 1967 eröffnete, war der erste weibliche Buchhändler Tunesiens. Aber konnte man unter Ben Ali wirklich rebellisch sein? Ja, zumindest andeutungsweise. Ohne großes Spektakel. Ohne Lärm. Zum Beispiel in dreiundzwanzig Jahren nicht ein einziges Mal das Bild des Präsidenten-Diktators ins Schaufenster gehängt zu haben, ist bereits ein Zeichen für einen ziemlich starken Charakter." (Vaclav Havel sah das 1978 auch so.)