Magazinrundschau - Archiv

Telerama

71 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 8

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - Telerama

Die Ukrainer pflegten im Gegensatz zu gewissen russischen Kreisen kein nostalgisches Verhältnis zum Stalinismus, erklärt der amerikanische Historiker Timothy Snyder in einem Gespräch mit Télérama auf die Frage, ob die schmerzvolle Geschichte des Landes - Hungersnöte in den dreißiger Jahren, massive Deportationen zwischen 1945 und 1946 - eine Rolle für die aktuellen Ereignissen spielten. "Und zwar aus dem einfachen Grund, dass diese Periode für die Ukraine viel grausamer war als für Russland. Die Ukraine hat unter dem Stalinismus und dem Naziregime zwischen 1933 und 1945 mehr gelitten als jede andere Region, und die Verluste an Menschenleben waren ungeheuerlich. Das hat Spuren hinterlassen und erklärt den tief verwurzelten Wunsch nach einem normalen Leben."

Magazinrundschau vom 14.01.2014 - Telerama

Der französische Feminismus habe sie sehr inspiriert, erklärt die amerikanische Philosophin Judith Butler in einem Gespräch mit Juliette Cerf. Die Pionierin der Gender-Theorie spricht darin auch über die Proteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich, Simone de Beauvoir und den merkwürdigen Umstand, dass die illegalen Immigranten unter den Opfern von 9/11 von der kollektiven Trauer ausgeschlossen sind. Beauvoir würdigt sie als bedeutende Vorläuferin ihrer eigenen Gender-Theorie - und bezieht sich auf Beauvoirs berühmten Satz: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es": "Als ich diese Seiten las, fragte ich mich, was dieses 'man wird es' bedeutet? Ein Geschlecht? Das eigene Geschlecht? Gibt es einen Punkt, wo ich mein Geschlecht geworden bin, wo ich in meinem Gechlecht angekommen bin? Nein, denn Gender ist ein Prozess, ein ständiges Werden. Diese Überlegung steht am Ursprung meiner Theorie der Performativität. Was ich zeigen wollte, war, dass eine totale Emanzipation vom Geschlecht nicht möglich ist. Es gibt keinen Punkt, wo es kein Gender mehr gibt, wir sind stets zutiefst vom Gender geformt."

Magazinrundschau vom 10.12.2013 - Telerama

Olivier Tesquet traf in Rio de Janeiro Glenn Greenwald, jenen Journalisten, dem Edward Snowden sein Material überließ und der mit seinen Veröffentlichungen im Guardian die Lawine um den NSA-Abhörskandal auslöste. Greenwald, der heute aus Vorsicht und Neigung in Brasilien lebt, denkt gar nicht daran aufzugeben und ist fest entschlossen, das gesamte Material zu veröffentlichen. Der Interviewer fragt leider nicht, was Greenwald über die Abhörmethoden Frankreichs und dessen Zusammenarbeit mit den Five Eyes weiß. Stattdessen befragt er ihn zu seinem jetzigen Leben und den Hintergründen des Scoops: "Journalisten betrachten meine Scoops wie eine Währung, deshalb werde ich immer wichtiger in ihrer Welt. Aber sie haben mir keine neuen Freunde eingebracht. Journalisten in Washington D.C. sind totale Feiglinge. Sie sitzen rum und sagen, wie gefährlich Leaks sind. Bob Woodward wurde zu einem der reichsten - wenn nicht dem reichsten - Journalisten der Welt, indem er Bücher verkaufte, die alle möglichen Geheiminformationen enthielten. Aber niemand hatte etwas dagegen einzuwenden, weil seine Quellen hohe Regierungsbeamte sind und sie amerikanische Interessen vertreten. Leaks werden also nicht grundsätzlich als schlecht angesehen, sondern nur die Leaks, die die Regierung unterminieren."

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - Telerama

Jean-Baptiste Roch zeigt an fünf Beispielen aus Frankreich - darunter Filmen (zum Beispiel "Chasing Bonnie & Clyde" von Thomas Salva und Olivier Lambert), aber auch einer Supermarkt-Kooperative in Paris - wie der Schneeballeffekt des Crowdfunding im Internet funktioniert. Immerhin konnte sich Irma Pany, nachdem sie einen Youtube-Erfolg hatte, dieses Video finanzieren: "Sie sammelte 70.000 Euro in 48 Stunden ein. Damals versprach das Label My Major Company den Spendern ein Return on Investment. 'Mit diesem System war es doch sicher, dass man den dritten Kreis, den des großen Publikums, erreicht', sagt Michael Goldman. Angesichts der Enttäuschung der Spender, die sich beklagten, dass sie keinen Gewinn gemacht hatten, wurde das System aufgegeben."

Stichwörter: Bonnier, Crowdfunding, Youtube

Magazinrundschau vom 06.08.2013 - Telerama

Weronika Zarachowicz ventiliert Thesen aus dem Buch "Communication et pouvoir" des spanischen Soziologen Manuel Castells, der ein neues Zeitalter des Protests angebrochen sieht. "Ein kollektives Thema neuen Typs kommt zum Vorschein: das vernetzte Individuum. Es handelt sich dabei nicht um einen neuen Klassenkampf, sondern um eine Gemeinschaft von Individuen auf sämtlichen Netzebenen. Der Hauptakteur ist heute das Netz selbst. Es ermöglicht die unmittelbare Verbreitung des aktuellen Stands über Facebook, Tweets und Videos, also von Emotionen, und es definiert die Form der Struktur und der Gestaltung. Es ist das Netz, das es den Ägyptern ermöglicht, 22 Millionen Unterschriften zur Abdankung von Mohamed Morsi zu sammeln (obwohl er bei den Wahlen 13 Millionen erhalten hat). Aber vor allem steigert das Internet die Autonomiefähigkeit der Individuen."

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - Telerama

In einer Reportage stellt Anne Berthod eine neue Künstlerszene vor, die das musikalische Erbe der Kapverden bewahren wollen, darunter auch das der bekanntesten Sängerin des Inselstaats, Cesaria Evora. Im Zentrum stehen eigenständige Formen der Musik und des Musizierens, wie etwa die Morna, das kapverdische Pendant zum portugiesischen Fado. Deren neuer Star ist inzwischen ein Mann, der durch das von Jose Da Silva gegründete Label Lusafrica nun auch international bekannt wird: Ze Luis (mehr hier), dessen Magie aus einem samtigen Timbre rührt: "'Für die Morna braucht man Erfahrung, um ein solches Niveau an Emotion zu erreichen, das schaffen nur sehr wenige Interpreten’', meint Jose Da Silva. Einige halten Ze Luis für eine männliche Cesaria. Er hat dabei interessanterweise die gleiche Trägheit auf der Bühne: die Pose des kleinen Jungen, die am Körper anliegenden Arme, der Blick ins Leere... Verwirrend, aber berührend.“"

Magazinrundschau vom 05.03.2013 - Telerama

Olivier Pascal-Moussellar berichtet in einer Reportage, wie in Jerusalem mittels einer mitunter fragwürdigen Archäologie, die sich in den Dienst der Politik stellt, der Friede gefährdet wird. Dem Projekt der "Biblisierung" der "Stadt Davids" fallen demnach Grabstätten Keramiken und Häuser zum Opfer - allesamt arabischen Ursprungs. Unter anderen das der Familie Shaqeer im arabischen Viertel Silwan. "'Botschaft angekommen', erklärt Jawad Siyam, Leiter des Vereins zur Verteidigung des Viertels. 'Die Regierung will uns unser Land wegnehmen. Aber Silwan ist palästinensisch. Wenn die Geschichte auf ihrer Seite ist, dann gehört mir Land in Andalusien! Am schlimmsten ist, dass diese 'Judaisierung' für den Staat Israel selbstmörderisch ist ... Ich bin ein Idiot, die wissen ganz genau, dass das unseren Widerstand verstärkt." Viele Archäologen und Historiker, zeigt Pascal-Moussellar, sehen das Projekt der "Biblisierung" Jerusalems allerdings auch kritisch und versuchten, es zu bremsen.
Stichwörter: Archäologie, Idiot, Keramik

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - Telerama

Laurent Rigoulet unterhält sich mit David Simon, dessen Serie "Treme" in die vierte Saison geht. Schauplatz ist diesmal nicht Baltimore wie in "The Wire", sondern New Orleans nach Katrina. Der Sturm habe die ganze Grausamkeit des Krisenkapitalismus enthüllt, so Simon, aber auch noch etwas anderes: "Ich habe fünf Jahre in dieser Stadt verbracht, und was ich dort beobachtet habe, ist umwerfend. Ich bin kein Nationalist, aber ich glaube, ich werde in meinem Leben keine bessere Gelegenheit erleben, über Patriotismus in Aktion zu berichten. Auf der Ebene einer Stadt, gewiss, aber im Geist eines Amerikas des New Deal, in dem es noch wünschenswert war, sich mit einem kollektiven Ideal zu identifizieren."

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - Telerama

Valerie Lehoux berichtet über die nicht immer redlichen Praktiken, mit denen Radiomacher, die nicht nur durch Videokanäle wie YouTube unter Druck geraten sind, ihre Playlists zusammenstellen. Demnach muss man sich vom Mythos, dieser Berufszweig entscheide nach Hören und Qualität, endgültig verabschieden. So gibt es neben den diversen Druckmitteln, mit denen die Plattenindustrie darüber mitentscheidet, was gespielt wird oder nicht, "noch eine weitere Form, die einen mit den Zähnen knirschen lässt: die Co-Ausnutzung. Das Prinzip ist überall das gleiche: Ein Radiosender beschließt, über seine Playlist und rabattierte Werbung einen Sänger zu unterstützen; im Gegenzug erhält er dafür Prozente am Plattenverkauf, häufig mit einem garantierten Minimum. Das heißt: Je öfter ein Sender einen Titel spielt, desto mehr verhilft er ihm zum Verkauf und desto größer sind seine Chancen, Geld zu machen."
Stichwörter: Geld

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - Telerama

Aus Anlass des vor 50 Jahren beendeten algerischen Unabhängigkeitskrieges sind die französischen Medien derzeit voll mit Beiträgen zu diesem Thema. In einem Interview erklärt der französische Historiker Benjamin Stora, die Ereignisse vom Mai 1968 hätten dazu beigetragen, eine offene politische Auseinandersetzung mit diesem Kapitel in Frankreich zu verhindern. "Diese anarchistische Bewegung, hat, indem sie den Staat infrage stellte, all die großen Fragen, die aus dem Algerienkrieg entstanden sind, überlagert und unter den Teppich gekehrt. Erst in den 1980er Jahren sind mit der wachsenden Stärke der Einwandererbewegungen, dem Rassismus und dem Front National, die mit dem Krieg verbundenen Erinnerungen wieder hochgekommen. Die wahre Wende ereignete sich jedoch 1992 mit Beginn des Bürgerkriegs in Algerien." Dieser Krieg hat die Algerier traumatisiert und auch in Frankreich den Blick auf den Befreiungskrieg bis 1962 erneuert, so Stora: "Man dachte, dass diese Seite der Geschichte umgeblättert sei, dass Algerien aus der französischen Vorstellungswelt verschwindet, und da kommt es zurück wie ein Boomerang, aufgeladen durch einen neuen Parameter: den politischen Islamismus."