
Frankreich hat seine
eigene Sarrazin-Debatte. Anlass ist die dreihundertseitige Studie "Le Deni des cultures" (die Verleugnung der Kulturen) des
Soziologen Hugues Lagrange, in dem er das
schulische Versagen und die Kriminalität afrikanischer Einwandererkinder vor allem aus Mali, Senegal und Mauretanien auf
Familienstrukturen zurückführt - den absoluten Autoritätsanspruch der Väter, die Unterwürfigkeit der Mütter und die Anzahl von Geschwister. Durch den Kontrast zur "Gastgesellschaft" gerieten viele dieser Familien in Unordnung. In
Telerama diskutiert Lagrange mit dem
Historiker Pap Ndiaye, der 2008 sein vielbeachtetes Buch "La Condition noire" vorgelegt hat und Lagranges Thesen insofern für
gefährlich hält, als sie die Debatte gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt "verschärften". Lagrange erklärt eingangs: "Ich wollte kein polemisches Buch schreiben. Ich habe 1998 damit begonnen und wusste nicht, wie es aufgenommen werden würde. Allerdings hatte ich bereits sehr früh den Eindruck, dass es in Frankreich im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern
schwierig ist, über Kultur oder Ethnizität zu sprechen." Den Hintergrund eines Schülers zu ermitteln, sei in Frankreich sehr schwer, da Statistiken über Ethnizität der Bevölkerung verboten sind. "Das Buch entstand deshalb als Antwort auf diese Schwierigkeit - und diese Verdrängung."
Ndiaye
erwidert: "Es stimmt, die französischen Sozialwissenschaften tun sich schwer mit dem Begriff der Kultur... Das kommt daher, dass die französischen Wissenschaftler seit 25 Jahren die
Differenzen, die die alte Anthropologie inneren Eigenschaften von Gruppen zuschrieb, um jeden Preis vom Begriff der Rasse befreien wollten ... Es wird Zeit, über diesen Kulturbegriff zu diskutieren, ohne deshalb 'Kulturalismus' zu betreiben. Das Buch von Hugues Lagrange scheint mir diese
Schranken zwischen den Gruppen jedoch wieder einzuführen und sie zu verstärken!"
Und wie in der hiesigen Sarrazin-Debatte werden auch in Frankreich einzelne Thesen aus Lagranges Buch aus dem Zusammenhang gerissen und - von rechts wie von links - instrumentalisiert. In einem
Kommentar in
Le Monde schreibt
Caroline Fourest, dass gerade viele Rechte, die das Buch jetzt lautstark begrüßten, es offensichtlich gar nicht gelesen haben.