Magazinrundschau - Archiv

Telerama

71 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 8

Magazinrundschau vom 11.01.2011 - Telerama

Wer kann die Finanzwelt, diese durchgedrehte Maschinerie stoppen, die unsere westlichen Gesellschaften kaputt macht? Nur durch die Auflehnung jedes Einzelnen, glaubt der Soziologe Alain Touraine, der große Gegenspieler Pierre Bourdieus, in einem Gespräch über die von ihm diagnostizierte "post-soziale Gesellschaft". "Die Globalisierung hat das Soziale zum Verschwinden gebracht. Was ist das Soziale? Eine Art und Weise, materielle Ressourcen zu nutzen, um daraus Institutionen zu schaffen - Schulen, Krankenhäuser etc. Diese zerstörten Institutionen werden durch Mitgefühl und humanitäre Intervention ersetzt, die den Problemen aber nicht gewachsen sind."

Zu lesen ist auch ein Artikel über Regisseure und Schriftsteller, die den Finanzcrash derzeit in aktuellen Arbeiten thematisieren, unter anderem Ariane Mnouchkine in ihrem Theaterprojekt Naufrages du Fol Espoir.

Magazinrundschau vom 21.12.2010 - Telerama

Vincent Remy unterhält sich mit dem Soziologen und Chefredakteur von Esprit Olivier Mongin über dessen Lieblingsthema: die Stadt und Urbanität. Die Stadt existiere nicht mehr, ist die These seines jüngsten Buchs "La Condition urbaine". Zu Umfrageergebnissen, wonach viele Franzosen Angst vor großen Städten haben, meint er: Wer nach der Kleinstadt verlangt, verlangt nach Geborgenheit. Aber die Stadt bedeutet nicht Geborgenheit, sondern Öffentlichkeit ! Wenn man nur auf Schutz aus ist, tötet man den öffentlichen Raum und man tötet die Demokratie... Wir müssen uns nicht vor unbewohnbaren Städten fürchten, Frankreich ist nicht Brasilien, hier wird es kein Sao Paulo geben. Aber man sollte wissen, was man will: die Museums-Stadt - siehe Prag, Venedig oder Paris - oder lieber die Metropole, die aus einem bestimmten europäischen Maßstab Nutzen zieht, der hier immer noch gilt?"

Magazinrundschau vom 23.11.2010 - Telerama

"Anregend und ehrgeizig" findet Catherine Halpern die erste Biografie über den vor sechs Jahren verstorbenen französischen Philosophen Jacques Derrida: "Derrida" von Benoit Peeters (parallel dazu erscheint vom gleichen Autor "Trois ans avec Derrida. Les carnets d'un biographe"). "Drei Jahre Recherche, Hunderte von Zeitzeugen, Durchforsten gewaltiger Archive ... Der nötige Abstand ist dem Autor vielleicht leichter gefallen, weil er selbst kein Philosoph ist. Er bietet keine neue Interpretation von Derridas Werk, sondern eine Erzählung, die sich fast liest wie ein Roman, in dem er intellektuelle und persönliche Geschichte vermischt und den historischen Kontext, die Entstehung und die Rezeption der Werke beleuchtet." (Der Guardian übernahm kürzlich Elisabeth Roudinescos kleines Loblied auf Derrida aus Le Monde, das mit einem Foto des erstaunlich verführerisch dreinblickenden Derrida bebildert war.)
Stichwörter: Derrida, Jacques

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Telerama

Frankreich hat seine eigene Sarrazin-Debatte. Anlass ist die dreihundertseitige Studie "Le Deni des cultures" (die Verleugnung der Kulturen) des Soziologen Hugues Lagrange, in dem er das schulische Versagen und die Kriminalität afrikanischer Einwandererkinder vor allem aus Mali, Senegal und Mauretanien auf Familienstrukturen zurückführt - den absoluten Autoritätsanspruch der Väter, die Unterwürfigkeit der Mütter und die Anzahl von Geschwister. Durch den Kontrast zur "Gastgesellschaft" gerieten viele dieser Familien in Unordnung. In Telerama diskutiert Lagrange mit dem Historiker Pap Ndiaye, der 2008 sein vielbeachtetes Buch "La Condition noire" vorgelegt hat und Lagranges Thesen insofern für gefährlich hält, als sie die Debatte gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt "verschärften". Lagrange erklärt eingangs: "Ich wollte kein polemisches Buch schreiben. Ich habe 1998 damit begonnen und wusste nicht, wie es aufgenommen werden würde. Allerdings hatte ich bereits sehr früh den Eindruck, dass es in Frankreich im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern schwierig ist, über Kultur oder Ethnizität zu sprechen." Den Hintergrund eines Schülers zu ermitteln, sei in Frankreich sehr schwer, da Statistiken über Ethnizität der Bevölkerung verboten sind. "Das Buch entstand deshalb als Antwort auf diese Schwierigkeit - und diese Verdrängung."

Ndiaye erwidert: "Es stimmt, die französischen Sozialwissenschaften tun sich schwer mit dem Begriff der Kultur... Das kommt daher, dass die französischen Wissenschaftler seit 25 Jahren die Differenzen, die die alte Anthropologie inneren Eigenschaften von Gruppen zuschrieb, um jeden Preis vom Begriff der Rasse befreien wollten ... Es wird Zeit, über diesen Kulturbegriff zu diskutieren, ohne deshalb 'Kulturalismus' zu betreiben. Das Buch von Hugues Lagrange scheint mir diese Schranken zwischen den Gruppen jedoch wieder einzuführen und sie zu verstärken!"

Und wie in der hiesigen Sarrazin-Debatte werden auch in Frankreich einzelne Thesen aus Lagranges Buch aus dem Zusammenhang gerissen und - von rechts wie von links - instrumentalisiert. In einem Kommentar in Le Monde schreibt Caroline Fourest, dass gerade viele Rechte, die das Buch jetzt lautstark begrüßten, es offensichtlich gar nicht gelesen haben.

Magazinrundschau vom 10.08.2010 - Telerama

Wenn er nicht gerade darüber nachdenkt, wie man Israel abschafft oder den Maoismus wieder einführt, befasst sich der französische Philosoph Alain Badiou auch mit Themen, die eher der Beratungssektion der Brigitte entnommen zu sein scheinen - wie etwa mit dem Thema der "Begegnung" (rencontre). Vincent Remy und Fabienne Pascaud führen für die linkskatholische Fernsehzeitschrift Telerama ein ausführliches Gespräch mit ihm. Es geht darin etwa um Partneragenturen, aber auch um eine Begegnung der unwahrscheinlicheren Art, ein Gesprächsbuch mit Alain Finkielkraut, der anders als Badiou ein leidenschaftlicher Verteidiger Israels ist. Trotzdem gibt es auch gemeinsame Leidenschaft, sagt Badiou: "Zwei Punkte haben mich im Lauf unseres Gesprächs berührt, die es zu einer wahren Begegnung machten. Der erste ist eine Art von Patriotismus, die ich trotz allem mit ihm teile: Ich liebe Frankreich, seine Geschichte - die Revolution, die Commune, die Resistance, Mai 68 - also jenes Frankreich der Menschenrechte, das im Ausland immer noch als solches gesehen wird. Und ich leide an seinem gegenwärtigen defensiven und ermatteten Zustand, seinem Mangel an politischer Erfindungskraft, so wie ich sehe, dass auch Finkielkraut leidet, wenn auch aus meiner Ansicht nach irrigen Gründen..."

Hier ein ausführlicher Fernsehdialog zwischen Badiou und Finkielkraut:


Magazinrundschau vom 22.06.2010 - Telerama

Emmanuel Tellier unterhält sich mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Medientheoretiker Olivier Bomsel, der an einer der berühmten großen Schulen in Paris lehrt und Begriffe für den Medienwandel sucht: "Ich mag das Wort Revolution nicht, aber Bruch, ja, das scheint mir zutreffend. Das Internet ist ein Bruch, die Vorstellungen der Zeit davor sind nicht mehr gültig. Die Frage, die mich umtreibt, ist: Was ist das Digitale? Nach einer Diskussion mit dem Altorientalisten Jean-Jacques Glassner bin ich zu der These gelangt, dass das Digitale eine Schrift ist. Hieraus lassen sich viele Folgerungen ziehen. Auf ein Mal kommt man zu der extravaganten Idee, dass Schrift nicht über das Wort laufen muss, die Idee, dass die Einsen und Nullen eine universale Sprache darstellen... Zum ersten Mal seit 3000 Jahren erfinden wir einen neuen Standard weltweiter Kommunikation. Das ist nicht nichts!"
Stichwörter: Medienwandel

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - Telerama

Telerama hat ein ausführliches und mit vielen Filmausschnitten garniertes Interview mit der großen Claire Denis geführt. Sie erinnert sich unter anderem an ihren Film "Beau Travail" über die Fremdenlegion, der auch eine politisch gar nicht korrekte Feier der Schönheit männlicher Körper war: "Wenn man die gravitätischen Märsche der Legionäre sieht, dann sieht man die Legion, bevor man die Soldaten sieht. Diese Zugehörigkeit trennt sie und vereinigt sie zugleich. Selbst wenn mir die Legion einige Drehgenehmigungen versagt hat, weil man erklärte, dass man mit den 'Schwuchteln' aus meinen Film nichts zu tun haben wollte, habe ich einige Legionäre weinend aus meinem Film gehen sehen... Ich selbst muss manchmal noch ein bisschen weinen, wenn ich Denis Lavants Tanz am Ende des Films sehe. Ich verstehe, dass ein Mann, der zur Legion gehört hat und dann ausgeschlossen wird, Lust hat zu sterben. Wer ein solches Leben kennen gelernt hat, will nicht mehr anders leben."
Stichwörter: Denis, Claire

Magazinrundschau vom 26.02.2008 - Telerama

In einem ausführlichen Interview spricht der französische Schriftsteller Yves Pages anlässlich des Erscheinens seines achten Buchs ("Le Soi-disant", Verticales) über das Schreiben, seine Verlegertätigkeit, das Intime und das Obszöne und den gesellschaftlichen Stellenwert der Arbeit. "Die Arbeit! Sie ist die einzige wichtige Frage! (...) Wir müssen fragen, wie sich die Arbeit verändert. Meine Generation erlebt eine verrückte Revolution und hat keine Kategorien, um sie zu durchdenken. Der klassische Arbeitnehmer, die ständige Vollzeitbeschäftigung sind abgeschafft. Muss man dem nachtrauern? Ich tue das nicht. Aber wer in prekären Verhältnissen lebt, sollte Rechte haben. Studenten, die Teilzeit arbeiten, sind Arbeiter, die nirgendwo vorkommen. Sie sind voll in den Arbeitsmarkt integriert, aber nicht anerkannt. Politiker und Gewerkschafter tun nichts, verstehen das nicht oder wollen es nicht. Die Leiharbeiter, das Prekariat, sind nicht die Feinde der Arbeiterklasse. Sie sind die heutige Arbeiterklasse."

Magazinrundschau vom 02.10.2007 - Telerama

Einigermaßen fassungslos verfolgen belgische Intellektuelle und Künstler aus allen Gewerken die Krise in ihrem Land. In Telerama äußern sich einige von ihnen zu den Konflikten und zu einer drohenden Spaltung Belgiens, darunter der Sänger Arno, der Comiczeichner Francois Schuiten und die Regisseurin Marion Hänsel. Der Künstler, Theatermacher und Choreograf Jan Fabre, der nach eigener Auskunft schon seit 20 Jahren auf der Schwarzen Liste extremistischer Flamen steht, meint: "Ich mag den Straßenslang und bin auch sehr stolz auf das kulturelle Erbe von Antwerpen, besonders auf seine Maler Van Dyck und Rubens. Aber zwischen der Liebe zu einer Sprache oder Kultur und flämischem Nationalismus liegen Welten. (...) So weit ist es mit uns gekommen, ich hege noch Hoffnung: Ich hoffe, dass dieses Land zusammen bleibt, dass sich die Flamen daran erinnern, wie sie von den vierziger bis zu den sechziger Jahren von den Frankophonen unterstützt wurden, und vor allem, dass die extreme Rechte sie nicht mitreißt. Mir ist eigentlich egal, wer Belgien regiert: die Sozialisten, die Liberalen, die Katholiken ... alles, nur nicht die extreme Rechte!"

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Telerama

Telerama unterhält sich mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carriere, der mehr als 60 Drehbücher verfasst hat, darunter für Luis Bunuel ("Schöne des Tages"), Jean-Luc Godard ("Rette sich wer kann"), Louis Malle ("Komödie im Mai") und Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel"). In dem Interview geht es hauptsächlich um das Fantastische, die Notwendigkeit von Feen und, selbstverständlich, das Kino. Carriere meint unter anderem: "Wenn es etwas gibt, das mich in der Geschichte der Welt und der Menschheit wirklich verblüfft, dann ist es dieser unersättliche Drang in eigentlich allen Gesellschaften, das Fantastische zu ergründen, sich aufzuschwingen, diesen Himmel zu berühren, unter dem wir eingeschlossen sind, bis man eine andere Welt aufgestöbert hat. Dieser beständige Wunsch, der auch etwas Erschreckendes haben kann, weil er zu den schlimmsten Maßlosigkeiten führen kann - individuell (Askese, Drogen) oder kollektiv (radikale politische Utopien, Sekten und fanatische Massenbewegungen) -, ist die Reaktion auf eine unendliche Frustration, die zum menschlichen Wesen gehört".