9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2018 - Geschichte

Emmanuel Debono wundert sich in einem Blog bei Le Monde, dass Charles Maurras, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr liegt, in den offiziellen französischen Gedenkkalender für dieses Jahr aufgenommen wurde. Jeder, der sich nach der Herkunft des klassischen französischen Antisemitismus fragt, sollte diese rechtskatholische Figur von der Action française studieren: "Er sah im Aufstieg des Maréchal Pétain und dem Ende der Republik eine 'göttliche Überraschung' und unterstützte logischer Weise die antijüdische Politik von Vichy. Der französische Staat war in seinen Augen der einzige mögliche und legitime Widerstand angesichts der deutschen Besatzung. Häufig rief er zur Niederschlagung der eigentlichen Résistance und zur Exekution von Geiseln auf und ermunterte die Regierung zu antisemitischen Maßnahmen."

Anlässlich des Auschwitz-Gedenktages warnt in der FR der Schriftsteller Artur Becker mit Gustaw Herling, Nicola Chiaromonte und Ignazio Silone "vor Geschichtsmanipulanten, die die Geschichte für ihre politischen und ideologischen Ziele instrumentalisieren".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2018 - Geschichte

Im Tagesspiegel fordert der deutsch-niederländische Historiker und ehemalige Mitarbeiter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam, Lutz van Dijk, beim Auschwitz-Gedenktag in Polen endlich auch homosexuelle NS-Opfer zu ehren: "Im Juli 2016 reiste ich erneut nach Auschwitz, um zu sehen, ob sich in mehr als einem Vierteljahrhundert etwas geändert hat. Während der Führung wurde deutlich, dass es noch immer nur die eine historische Tafel zur Erklärung der Winkelfarben gibt, und sonst so gut wie nichts bekannt ist. Das sei nur eine kleine Gruppe gewesen, erklärte der Leiter der Forschungsabteilung der Gedenkstätte: 77 Personen, ausschließlich Deutsche, und zudem sei es im heutigen Polen noch immer nicht leicht, mit Jugendlichen über Sexualität zu sprechen."

Außerdem: In der FAZ (politischer Teil) würdigt der Historiker Andreas Rödder den Außenpolitiker Gustav Stresemann, dessen Name womöglich für eine Parteistiftung der AfD missbraucht werden wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2018 - Geschichte



Max Thomas Mehr mit Christian Ströbele und Hannes Winter bei Tunix. Mit freundlicher Genehmigung von Günter Zint.

Max Thomas Mehr erinnert sich in Dlf Kultur an den Tunix-Kongress in der TU Berlin vor vierzig Jahren, an dem er als 24-jähriger teilgenommen hat. Die Spontis verabschiedeten sich von der Revolution und wollten lieber eine "Gegenöffentlichkeit" gründen, deren Medium dann die taz wurde: "Warum es die taz heute immer noch gibt? Ich weiß es nicht. Da die 'Gegenöffentlichkeit' von einst Mainstream geworden ist, bedarf es vielleicht einer neuen Gegenöffentlichkeit? Dafür bräuchte es aber keinen Tunix-Kongress mehr. Da reicht das World Wide Web."

Außerdem: Paul Ostwald macht in der taz darauf aufmerksam, dass es in Großbritannien immer noch Verteidiger des Kolonialismus wie etwa den Theologieprofessor Nigel Biggar gibt. 44 Prozent der Briten gaben in einer Umfrage an, stolz auf den Kolonialismus zu sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2018 - Geschichte

Anlässlich des bevorstehenden Jahrestags der Befreiung von Auschwitz erinnert der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung an den polnischen Arzt Zygmunt Klukowski (1885-1959), der das Krankenhaus von Szczebrzeszyn leitete und die Unmenschlichkeit der Deutschen, aber auch einiger Polen, in seinem Tagebuch beschrieb: "Ich empfinde es als Glück, dass jetzt - endlich! - Klukowskis bislang nur Fachleuten bekanntes Tagebuch über die Kriegszeit auf Deutsch erschienen ist. Die Qualität entspricht den berühmten Aufzeichnungen Victor Klemperers. Wer wissen will, wie die deutschen Machthaber in Polen hausten, sollte dieses Zeugnis der Verzweiflung über das Unmenschliche lesen. Klukowski gehörte dem bürgerlichen polnischen Widerstand an, weshalb er im kommunistischen Volkspolen mehrfach ins Gefängnis gesperrt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2018 - Geschichte

Der ukrainische Historiker Mychailo Kowaltschuk erzählt in der FAZ, wie die Ukraine schon im Jahr 1918 zum ersten Mal versuchte, sich unabhängig zu machen. In den Wirren des Jahrs nach der Oktoberrevolution gründete sich die "Zentralnaja Rada" als führendes Organ der ukrainischen Nationalbewegung: "Am 20.November rief die Rada die Ukrainische Volksrepublik (UNR) aus. Und obwohl die UNR Teil von Russland blieb, betrachteten die meisten russischen Politiker das Vorgehen der Rada als Vorstufe zur staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine. Die Bolschewiken gaben sich zwar hinsichtlich der nationalen Frage als tolerant. Doch Lenins Regierung, die der Rada das Recht absprach, die Interessen der 'Arbeiter' zu vertreten, entsandte bewaffnete Truppen aus Petrograd und Moskau, um die Ukraine zu befrieden."
Stichwörter: Ukraine, Oktoberrevolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2018 - Geschichte

Die allerletzten Prozesse gegen Nazi-Mörder werden zur Zeit geführt, die letzten Zeitzeugen sind meist über 90 Jahre alt. Im Gespräch mit Jan Pfaff von der taz ist der Historiker Norbert Frei dennoch zuversichtlich, die Erinnerung wachhalten zu können: "Der Historiker Saul Friedländer hat von dem Moment der Fassungslosigkeit gesprochen, der trotz aller gründlichen Analyse erhalten bleiben muss. Und ich bin überzeugt, dass es bei der Beschäftigung mit einer gut geeigneten Quelle - sei sie gedruckt oder ein Filmausschnitt - sehr wohl möglich ist, diese Fassungslosigkeit zu empfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2018 - Geschichte

Es ist 2018, fünfzig Jahre nach 1968. Anlass für FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, recht lustlos auf den Forderungskatalog von damals zu blicken: "Auf die Frage, was sie gern ändern würden, hätten die Studentensprecher damals sagen können: das Ganze. Überall wurde Unterdrückung beobachtet, überall der Befreiung bedürftige Menschen. Weit über Wohngemeinschaften und die Lockerung sexueller Verhaltensnormen hinaus gab es die Erwartung, schlechterdings alles müsse und könne 'ausdiskutiert', anschließend demokratisiert und neu verteilt werden."

Vielleicht hätten sie mehr Marx lesen sollen. Marx-Biograf Jürgen Neffe sagt im Gespräch mit Michael Hesse in der Berliner Zeitung: "Was in seinen berühmten Hexenmeister-Zitaten zum Ausdruck kommt, dass die Menschheit etwas geschaffen hat, dass sie nicht beherrscht, sondern das über sie herrscht. Das ist heute für uns auch noch wahr. Daraus leite ich den Auftrag ab, das System besser verstehen zu wollen, um darüber die Kontrolle wieder erlangen zu können. Marx hat einen Anfang gemacht. Ihm schwebt vor, dass nur ein bewusstes Kollektiv das leisten kann."

Auch Dietmar Dath rät in der FAZ, Marx zu lesen, dessen großartige Einsichten noch der heutigen SPD zu denken geben sollten. Warum genau die FAZ, die mit Daths Text eine Serie startet, Marx auf dem Titel mit Donald-Schnabel darstellt, können wohl nur die dort angestellten Donaldisten erklären.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2018 - Geschichte

Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker über eine Ausstellung im Italienischen Kulturinstitut in Berlin, die an das Schicksal italienischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg erinnert. Sie waren lange vergessen, auch in "Italien, weil die in Deutschland Gefangenen nicht Teil der Resistenza, des partisanischen Widerstands und so vom Gründungsmythos eines neuen antifaschistischen Italiens nach 1945 ausgeschlossen waren".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2018 - Geschichte

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli schlägt einen für Schüler verpflichtenden Besuch in KZ-Gedenkstätten vor. Die taz bringt ein Pro und Contra. Hanna Voss stimmt der Staatssekretärin zu: "An deutschen Schulen steht zum Beispiel das Lernen der Winkelberechnung zwischen zwei Vektoren verpflichtend im Lehrplan. Warum sollten wir nicht ebenso verinnerlichen müssen, wie weit Menschen aufgrund von Allmachtsfantasien und wahnwitzigen Rassenideologien bereit sind zu gehen?" Klaus Hillenbrand möcht kein Antreten zum Gedenken: "Wirklich wichtig ist es nicht, auf einem früheren Appellplatz zu stehen, sondern zu begreifen, was damals warum geschehen ist. Es geht um das Wecken von Empathie für die Opfer, darum, dass die nächste Generation diese nicht einfach als Millionenheer von Schattengestalten begreift. Das wird, zugegebenermaßen, mit dem Tod der letzten Zeitzeugen schwieriger. Aber es ist nicht unmöglich."

Außerdem: In der FAZ bilanziert der israelische Historiker Yfaat Weiss die jahrzehntelange Diskussion um die Stadt Jerusalem als Hauptstadt Israels.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2018 - Geschichte

In der NZZ erinnern die Historiker Wlodzimierz Borodziej und Maciej Gorny daran, wie mit dem Ende des Ersten Weltkriegs sechs neue Staaten in Osteuropa entstanden.
Stichwörter: Borodziej, Wlodzimierz