9punkt - Die Debattenrundschau

Die wollen deine Seele

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2018. Der französische Aufruf gegen einen puritanischen Overkill in der #MeToo-Debatte  sorgt für erregte Debatten - zuallererst in Frankreich selbst, wo die Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, heftig widerspricht. Die NZZ erläutert, dass es sich gerade in Frankreich um einen Streit zwischen Frauen und Frauen handelt. Die taz bringt ein Pro und Contra. In der FAZ haut Jürgen Kaube auf den Tisch: Gemeint sind die "Rechten", die auf die "Linken" und die "Linken", die auf die "Rechten" schimpfen, sich aber allenfalls in der Kostümierung unterscheiden.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Im Interview mit der SZ verteidigt die französische Schriftstellerin Catherine Millet ganz unbefangen den von mehr als hundert französischen Künstlerinnen unterzeichneten offenen Brief, der die ihrer Ansicht nach ausufernde #metoo-Debatte kritisiert (unser Resümee und Link zum Brief): "Missbrauch ist justitiabel. Aber mich stört der Opferdiskurs vieler Frauen. Sie bezeichnen sich als Opfer, weil Männer sie wegen eines Minirocks als Schlampe bezeichnen oder ihnen in der U-Bahn an den Hintern fassen. Meines Erachtens sind das harmlose Vorkommnisse. Eine normale, selbstbewusste Frau, der so etwas passiert, kann dem Typen in der U-Bahn eine schmieren oder sich anders wehren."

Die taz bringt ein Pro und Contra zu diesem Text, der die "sexuelle Freiheit" inklusive schlechter Anmache gegen einen Puritanismus des #MeToo-Diskurses verteidigt. Jan Feddersen begrüßt den Text: "Damit skizzieren diese Frauen eine Differenzierung der Debatte über sexuell ausgenutzte Machtverhältnisse. Diese Differenzierung ist in den vergangenen Wochen oft verloren gegangen; zuweilen wurde aber auch absichtsvoll der Unterschied zwischen ungebetenem Flirt und einer Straftat wie einer Vergewaltigung verwischt." Patricia Hecht ist ganz anderer Meinung: "Noch mal kurz zurück zum Urschleim: Bei #MeToo geht es weder um Sex noch ums Flirten, sondern um Sexismus, sexuelle Gewalt und den Missbrauch von Macht. Freiheit wäre an dieser Stelle, wenn sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch so geächtet wären, dass wir #MeToo nicht bräuchten." Den Hintergrund zum Text liefern in der taz Rudolf Balmer (hier) und Eva Oer (hier).

Claudia Mäder erläutert in der NZZ, dass der Streit in Frankreich vor allem auch zwischen Frauen und Frauen ausgetragen werde, denn der Feminismus habe sich in zwei unversöhnliche Lager gespalten: "Während das eine den Universalismus verficht und die Gemeinsamkeit zwischen weiblichen und männlichen Menschen betont, richtet das andere seinen Fokus auf die Besonderheiten der weiblichen Existenz. Die Debatten zwischen den beiden führen meist nicht über den Austausch von Vorwürfen hinaus; dass der vorliegende Streit produktiver ausgetragen wird, ist nach diesem Einstieg nicht anzunehmen."

Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz. Bei Spiegel online kommentiert Eva Horn. Le Monde bringt eine stolze Presseschau mit Reaktionen aus der ganzen Welt, die sie, anders als den Text selbst, online stellt.

In Frankreich gibt es starke Gegenpositionen zum Papier. Mit Marlène Schiappa widerspricht auf franceculture.fr die Regierung selbst, denn sie ist Staatssekretärin für die Gleichstellung und sagt, der Text verbreite "zutiefst schockierende und falsche Dinge": "Wenn ein Mann in der Metro sein Geschlecht an einer Frau reibt, dann ist das eine sexuelle Aggression. Darauf stehen bis zu drei Jahre Gefängnis und 75.000 Euro Strafe. Es wird schwierig, jungen Mädchen zu sagen, dass sie keine Scham empfinden sollen und nicht selber schuld sind. Darum ist dieser Diskurs meiner Meinung nach so gefährlich." Auf das Gegenpapier "Les porcs et leurs allié.e.s ont raison de s'inquiéter" (Die Schweine und ihre Verbündeten haben sind zu Recht beunruhigt) haben wir gestern schon verlinkt.

Kulturpolitik

In einem Grundsatztext im Tagesspiegel besingt Hermann Parzinger die Verdienste und Großartigkeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der er vorsteht, und verteidigt sie auch mit dieser Ankündigung gegen den Vorwurf, sie sei ein Tanker: "Wir müssen uns auch in unseren internen Strukturen neu ausrichten. Wir arbeiten daran, unsere Verwaltung effizienter und reaktionsschneller zu machen, Doppelstrukturen aufzulösen und übergreifende Planungen transparenter und kooperativer zu gestalten. Eine Institution wie die SPK muss einem permanenten Modernisierungsprozess unterworfen sein, der die kleinen Aufgaben ebenso umfasst wie die großen."

Internet

In der Zeit plädieren Jochen Bittner, Paul Middelhoff und Heinrich Wefing dafür, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zu verbessern, indem man es verschärft: "Zum einen muss das Gesetz klarstellen, dass die Netz-Konzerne weder zu viel löschen dürfen noch zu wenig. Auch ein manifestes overblocking müsste mit Bußgeldern belegt werden. Zum anderen braucht es, wie vielfach schon im Gesetzgebungsprozess gefordert, eine unabhängige Stelle, an die sich Nutzer wenden können, die überzeugt sind, ihre Beiträge seien zu Unrecht gesperrt oder gelöscht worden." Schätze, wir werden dafür eine Behörde aufbauen müssen.

Dinah Riese differenziert in der taz: "Nicht nachvollziehbares Sperren und Löschen sind ein Problem, das nicht erst mit dem NetzDG in die Welt der sozialen Medien gekommen ist. Schon immer löschte Facebook Posts, entfernte YouTube Videos, blockierte Twitter-Beiträge. Meist auf Grundlage eigener Regeln, die sehr vage formuliert sind."

Das Internet hat alles verändert, das Smartphone hat alles verändert, nun verändert die Spracherkennung, die zunächst in Form von zuhörenden Lautsprechern in die Wohnzimmer einziehen, noch mal alles, schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne. Auch Facebook wolle jetzt so ein Ding bringen mit Videochat und Gesichtserkennung: "Hört sich gruselig an, aber wenn sich etwas verändert hat in den letzten Jahren, dann die Grenze, ab der Durchschnittspersonen vernetzte Technologien gruselig finden. In jeder deutschen Fußgängerzone wäre man vor dreißig Jahren blau geschlagen worden allein für die Frage, ob man eine 'Wohnzimmerwanze' kaufen würde, die jedes Wort nach Amerika funken kann."
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Ideen

Der amerikanische Politologe Mark Lilla bekräftigt im Interview mit der Zeit nochmal seine Kritik an der Identitätspolitik der Linken, die an einer konkreten Veränderung der Verhältnisse überhaupt nicht interessiert sei: "Wenn europäische linke Bewegungen sich radikalisieren, werden sie gewalttätig, sie bekämpfen den Staat, wie die RAF. Wenn linke amerikanische Gruppen sich radikalisieren, werden sie zu evangelikalen Sekten. Sie bekämpfen nicht den Staat - die wollen deine Seele. Die wollen, dass du niederkniest und deine Sünden beichtest. Das ist, was Identitätspolitik letztlich will. Nicht eine Änderung der Machtverhältnisse."

War es der taz-Text über FAZ-Redakteur Simon Strauß, der die "Agenda der Rechten" bediene (unser Resümee), neulich, der den FAZ-Feuilletonchef Jürgen Kaube zu diesem Ausbruch getrieben hat? Er erwähnt ihn nicht, und die intellektuelle Schlichtheit vieler Debatten hierzulande geht ihm ja vielleicht schon länger auf die Nerven. Links oder rechts - das ist für Kaube jedenfalls heute nur noch nostalgischer Budenzauber: "Links und rechts werden insofern als Unterscheidungen künstlich und um den Preis gewaltiger Manipulationen am Leben gehalten, um der tatsächlichen Bedeutungslosigkeit des bloßen Meinens nicht ins Auge blicken zu müssen. Es durchzieht genau darum ein ungeheurer Moralismus all die Meinungstexte, die uns täglich Werte mit dem Hinweis um den Kopf hauen, ihre Verwirklichung werde gerade aufgrund böser Gesinnung verhindert."

Außerdem: In der Zeit wägt Ijoma Mangold die Debattenvorstöße von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der eine konservative Revolution fordert, und der Philosoph Guillaume Paoli, der den linken Kosmopolitismus kritisiert, gegeneinander ab. Ebendort ermuntert der Osteuropahistoriker Philipp Ther die EU, in ihrem Engagement für Flüchtlinge nicht nachzulassen. Er erinnert daran, wie gut das hier und in den USA schon mal geklappt hat: Bei der Auffnahme und Integration der Boatpeople Ende der siebziger Jahre.

Geschichte

Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker über eine Ausstellung im Italienischen Kulturinstitut in Berlin, die an das Schicksal italienischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg erinnert. Sie waren lange vergessen, auch in "Italien, weil die in Deutschland Gefangenen nicht Teil der Resistenza, des partisanischen Widerstands und so vom Gründungsmythos eines neuen antifaschistischen Italiens nach 1945 ausgeschlossen waren".