9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2018 - Geschichte

Marko Martin besucht für die Salonkolumnisten das Genozid-Museum in Vilnius, Litauen - das in erster Linie der Ermordung von 60.000 sogenannt 'bürgerlich-reaktionärer' Litauer durch die Stalinisten beleuchtet. Der Holocaust und die litauische Beteiligung dagegen sind unterbelichtet: "Würde dem gegenwärtigen Litauen, das seit der 'zweiten Unabhängigkeit' von 1990 eine stabile und wirtschaftlich prosperierende Demokratie ist, wirklich ein Zacken aus der Identitäts-Krone fallen, wenn man statt unkritischer Hagiografie ein wenig mehr Mut aufbrächte, historischer Komplexität gerecht zu werden? Bislang erinnert jedoch im 'Genozid-Museum' mit seinen original erhaltenen Verhör- und Kellerzellen lediglich ein (!) Raum an den Holocaust. Mit historischen Fotos und Quellentexten wird hier an die nahezu vollständige Vernichtung der litauischen Juden zur Zeit der deutschen Besatzung erinnert, die einheimische Mitschuld nicht geleugnet, jedoch recht kursorisch abgehakt."

Die Nazis schlossen in den Kriegsjahren zahlreiche Bündnisse mit muslimischen Alliierten, erzählt der Historiker David Motadel im Gespräch mit Andreas Main vom Deutschandfunk. Und sie kümmerten rührend um das geistliche Wohl der Soldaten: "Islamische Rituale und Praktiken, wie zum Beispiel das Gebet oder das Schächten, wurden in diesen Einheiten gestattet. Und das Schächten, das ist ein besonders klares Beispiel, dadurch, dass das Schächten eigentlich immer ein großes Thema der Antisemiten in Deutschland gewesen war. Seit dem 19. Jahrhundert gab es diese Schächt-Debatte, die natürlich gegen Juden gerichtet war. Und so kam es auch, dass in einem der ersten Gesetze des NS-Regimes 1933, das Reichstierschutzgesetz, das Schächten verboten wurde. 1941 wurde dieses Verbot dann aufgehoben, um Muslimen, die in der Wehrmacht und SS kämpften, das Schächten zu gestatten."

In der Welt erinnert Alan Posener an den sehr starken jüdischen Beitrag zur 68er-Bewegung, besonders in den USA und Frankreich, aber auch in den osteuropäischen Ländern. Aber dann drehte sich die Atmosphäre: "Wie konnte eine Bewegung, die in ihren Anfängen internationalistisch und blockübergreifend war, proisraelisch und von der jüdischen Idee des 'Tikkun Olam', der Heilung der Welt, inspiriert, zu einer antiamerikanischen, antiisraelischen und oft genug antisemitischen Bewegung werden? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Aber neben den Panzern in Prag, den Knüppeln in Warschau und der Stasi in Ost-Berlin muss man auch die Rolle der SPD und der moskauhörigen Kommunisten im Westen nennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2018 - Geschichte

Arno Widmann erinnert sich in der Berliner Zeitung an den Vietnam-Kongress an der TU Berlin 1968, an das zerstörte West-Berlin und an die Demo, die dem Kongress folgte: "Man ging langsam, hakte sich unter, rannte ein paar Schritte und ging wieder langsam. Das gab diesem mir endlos erscheinenden Zug - von wohl nicht mehr als 12.000 Menschen - eine Dynamik, eine Energie, die ich aus der Frankfurter Praxis nicht kannte. So lächerlich es mir vorkam, dass man den aus den Fenstern blickenden Berlinern zurief: 'Bürger kommt herunter vom Balkon, unterstützt den Vietcong!', so hatte das doch in schmalen Straßen einen Hall, der auf die, die ihn erzeugt hatten, mächtig zurückwirkte."
Stichwörter: 68er, West-Berlin, Vietnam

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2018 - Geschichte

In einem sehr persönlichen Text denkt die Autorin Deborah Feldman, die durch ihr Buch über ihren Ausbruch aus einer jüdisch-orthodoxen Community bekannt wurde, in der Zeit über ihr Verhältnis zu Deutschland und über die Erinnerung an den Holocaust nach: "Ich will, dass mein Sohn über den Holocaust Bescheid weiß, aber ich will mitnichten, dass er sich an ihn 'erinnert'. Ich würde dies für kein Kind wollen. Solange sich aber die öffentliche Diskussion den Effekten der paradoxen Intervention verschließt, wird die Zukunft dieser Kinder überschattet werden von unserer Vergangenheit, und die Spaltung wird tiefer in sie eindringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2018 - Geschichte

Im Interview mit der SZ will sich Aleida Assmann von der AfD-Forderung nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" nicht bange machen lassen. So etwas lässt sich nicht so leicht erzwingen, meint sie. Die jüngere Generation in Deutschland macht ihr größere Sorgen: "Ich sehe zwei Gefahren: Neben dem Unbehagen von rechts, das sie am liebsten abschaffen möchte, droht auch ein Versiegen einer Ressource, die diese Erinnerungskultur in Gang hält in Form eines ehrenamtlichen Engagements, das weitgehend in den Händen der 68er-Generation lag. Für diese war Holocaust-Gedenken so etwas wie eine historische Mission. Ich frage mich, was bleiben wird, wenn sie einmal nicht mehr ist. Diese Gefahr ist vielleicht größer als der lautstarke Ansturm der AfD."

Doch nationale Erinnerungen allein genügen nicht, meint Natalie Nougayrède im Guardian. Sie plädiert für eine europäische Erinnerungspolitik: "Es gibt keinen Mangel an offiziellen Reden über Europa, die voller historischer Referenzen sind. Schwerer zu finden sind Veranstaltungen, Denkmäler, Statements, Erziehungsprogramme oder Museen, in denen Europas komplexes Mosaik aus klar nationalen Geschichten in einer Art zusammengebracht wird die verstehen hilft, welches Leben, welche Geschichte, welche Erfahrung andere auf diesem Kontinent haben. Europäer sehen die Geschichte andere Europäer oft immer noch durch die Linse ihrer eigenen nationalen Vergangenheit. Das trägt sicherlich bei zu der wachsenden Kluft zwischen Ost und West, aber auch Nord und Süd."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2018 - Geschichte

In Britannien gibt es eine Diskussion über die Geschichte der Sklaverei, nachdem das Finanzministerium in einem Tweet behauptet hatte, dass Britannien im Jahr 1833 20 Millionen Pfund ausgegeben habe, um die Sklaverei abzuschaffen. Aber in Wirklichkeit diente das Geld dazu, die Sklavenhalter zu entschädigen, schreibt Kenan Malik im Guardian: "Das Ministerium löschte den Tweet am Samstag morgen. Es ist dennoch Teil einer langen Tradition. Britische Behörden spielen ihre zentrale Rolle im transatlantischen Sklavenhandel herunter, während sie sich für die Abschaffung der Sklaverei Verdienste zuschreiben. Aber es war nicht Britannien, es waren die Sklaven selbst und einige Radikale in Europa, die den Kampf gegen die Sklaverei begannen. Dennoch dient das 'moralische Kapital' des Abolitionismus dazu, 'die düstere koloniale Vergangenheit Britanniens aufzuhellen', sagt die Historikerin Katie Donington."

Für die  Abolitionisten war die Entschädigung an die Sklavenhalter eine moralische Qual, ergänzt David Olusoga ebenfalls im Guardian: "Eine Kompensation zu akzeptieren stand im Widerspruch zu ihrer moralischen Grundposition: dass es für einen Menschen unmöglich sei, einen anderen zu besitzen... Die einzigen Leute, die die Entschädigung positiv sahen, waren diejenigen, die dafür drei Jahrzehnte lang gekämpft hatten und die davon profitierten - die Sklavenhalter."

Und auch in Frankreich gibt es Debatten um das koloniale Erbe. Alain Mabanckou und Achille Mbembe begrüßen zwar in einem gemeinsamen Text für den NouvelObs, dass Emmanuel Macron die "Frankophonie" wieder in Mode bringen und Französisch zur zweitmeist gesprochenen Fremdsprache der Welt machen will - aber sie warnen ihn, das vergiftete Erbe der Idee der Frankophonie zu vergessen: "Denn tatsächlich galt die Frankophonie als das linguistische Äquivalent der Macht des Schwerts. Sie ist, um eine alte Formel aufzugreifen, ganz und gar ein 'ideologischer Apparat' des französischen Imperialismus. So gesehen war ihr ursprünglicher Zweck, die Kolonialsprache aufzuerlegen, um ein Gesetz ohne Legitimität bei militärisch besiegten Völkern durchzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2018 - Geschichte

2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Im Interview mit der FR skizziert der Historiker John Röhl Kaiser Wilhelm II. als ziemlich armes Würstchen. Aber die Schuld am Krieg trägt er für ihn dennoch: "Die Hauptschuld Wilhelms II. sehe ich nicht in der Auslösung des Krieges ... In seinem langfristigen Versuch, Deutschland zur Weltmacht zu erheben, sehe ich die grundsätzliche Ursache des Konflikts, der im Sommer 1914 zum Weltkrieg führte, egal wie der Krieg nun tatsächlich ausgelöst wurde. Die Grundursache der Urkatastrophe war das Streben des wilhelminischen Kaiserreiches, das von Anfang an (wie der Kölner Historiker Theodor Schieder festgestellt hat) eine latente Hegemonie in Europa innehatte, nach Weltrang. Und das bedeutete, Frankreich und Russland als Großmächte auszuschalten. Darin sehe ich die Hauptverantwortung Wilhelms II."

1968 wurde nicht nur von Männern bestimmt, erinnert die Historikerin Christina von Hodenberg im Interview mit der Welt: "Wir alle kennen die viel reproduzierten Bilder. Junge Männer mit wehendem Haar im Demo-Laufschritt, Rudi Dutschke am Megafon. Aber das Material ist höchst selektiv. Kein Kamerateam war bei den ersten Frauengruppen dabei. 68erinnen waren für die Medien nur die 'Bräute' der Revoluzzer. Ohnehin wurde nur das gefilmt und dokumentiert, was sich in der politischen Öffentlichkeit abspielte. Was in den Familien passierte, blieb im Dunkeln. Es ist aber zentral, diese Privatsphäre auszuleuchten, um die gesellschaftliche Langzeitwirkung von 68 zu verstehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2018 - Geschichte

Nun ist die Mauer so lange weg, wie sie gestanden hat - aber die Teilung in den Köpfen ist immer noch nicht überwunden, meint Max Thomas Mehr bei Dlf Kultur: "Dass das Glücksstreben des Einzelnen das Wohl aller garantieren soll - das haben die meisten Ossis nicht erfahren. 56 Jahre ununterbrochene Diktaturerfahrung, davon 44 Jahre Formatierung durch den Kommunismus und dann die Treuhand und die ganze nur verwaltungstechnisch vollzogene Einheit - da wuchs kein Vertrauen in das Instrumentarium der Demokratie..."

Dominik Rigoll bespricht in der taz eine Münchner Ausstellung über den Rechtsextremismus in Deutschland nach dem Krieg. "Man fragt sich unweigerlich, wie hoch die Dunkelziffer der von Rechten zwischen 1945 und 1990 ermordeten Menschen liegt, wenn die Amadeu Antonio Stiftung, deren Zahlen in die Ausstellung übernommen wurden, allein seit der Wiedervereinigung 192 Tote gezählt hat. Das Bundeskriminalamt kam von 1990 bis 2015 auf immerhin 75 Todesfälle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2018 - Geschichte

Am Montag ist die Berliner Mauer so viele Tage verschwunden, wie sie einst stand: 10.316 Tage. Die Berliner Zeitung bringt aus diesem Anlass eine Sonderausgabe, die "die Stärken von Print ausspielt", meldet turi2. Der Tagesspiegel präsentiert aus diesem Anlass einige Vorher-Nachher-Bilder.

Sabine Rennefanz erinnert sich in der Berliner Zeitung sehr persönlich: "In der Kommandantenstraße überquere ich die Mauer. Es klingt vielleicht albern, aber fast jedes Mal denke ich darüber nach, weil es für mich nicht selbstverständlich ist. Weil ich im Osten geboren wurde, in einer Zeit, in der die Mauer für viele normal war. Es ist jetzt nicht so, dass ich jedes Mal 'Wahnsinn' rufe, wie die Menschen 89, es ist eher ein stilles Staunen, ein Innehalten."

Ohne 68 keine Hartz 4-Reformen, meint Soziologe Heinz Bude im Gespräch mit Welt-Redakteur Marc Reichwein: "Gerhard Schröder bleibt die überragende Figur eines nachhaltigen Umbaus des deutschen Wohlfahrtsstaates, der im Nachhinein fast einer Revolution gleichkommt. Die Wucht seiner Reformen war radikal: Sie ging nur mit der 68ertypischen Haltung, das Ganze in Frage zu stellen."

Alexander Kluge präsentiert bei Zeit online ein Multimedia-Dossier zu Stalingrad mit vielen Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen - störend ist, dass jedes der eingebetteten Youtube-Videos mit einem Werbespot beginnt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2018 - Geschichte

Im FR-Interview mit Harry Nutt spricht der Soziologe Heinz Bude über Herkunft, Mentalitätshintergrund und die heutige Verklärung der 68er:  "Da hat nichts begonnen, was es vorher nicht schon gab. Weder die sexuelle Revolution noch die Demokratisierung der Gesellschaft und vor allem nicht die Konfrontation mit Auschwitz. (…) Diese Suche nach dem gesellschaftlichen und geschichtlichen Trend verdeckt die Mischung aus Melancholie und Sehnsucht, aus radikaler Reflexion und rebellischem Elan, aus politischem Dadaismus und existenziellen Ausbruchsversuchen, die für die Bresche von 1968 kennzeichnend waren. Glaubten die 68er an ihre Mythen? Wenn sie auf der Straße riefen: 'Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!', ja. Wenn sie abends auf leeren Bürgersteigen als dürre Gestalten in ihren Schlaghosen und Fransenjacken nach Hause gingen, nein."

In der NZZ kann Claudia Mäder nur den Kopf schütteln über die Entscheidung des französischen Kulturministeriums, den rechtsextremen Autor Charles Maurras, der dieses Jahr 150 Jahre alt würde, nach öffentlichen Protesten wieder aus dem amtlichen Gedenkjahrbuch zu streichen. Das ist "weiße Geschichtsblendung", meint sie: "Maurras ist wahrlich keine Gestalt, die einem das Herz aufgehen lässt. All jenen aber, die sich von dem Buch Aufschlüsse über die französische Geschichte versprechen, erweist sie einen Bärendienst. Denn Maurras ist ein Denker, den kennen muss, wer immer etwas von den politischen Ideen der Zwischenkriegszeit, von der Ideologie des Vichy-Regimes oder den Konzepten der heutigen französischen Nationalisten verstehen will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2018 - Geschichte

Das Jubiläumsfieber kühlt nicht ab. Nach Luther und Oktoberrevolution stehen uns jetzt die Feierlichkeiten zum Dreißigjährigen Krieg, zu 1918 und 1968 bevor. Wir sind auf dem besten Weg, die Geschichte zu sakralisieren, warnt in der NZZ der Historiker Norbert Furrer: "Diese Geschichtsheiligung ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wird von Akteuren betrieben, die etwas damit bezwecken und bewirken wollen, die Wünsche erfüllen und Bedürfnisse bedienen. ... So gern die Menschen ihn zelebrieren, der Geschichtsglauben hat eine dreifache Crux. Erstens: Die Geschichte sakralisieren bedeutet im besten Fall das Schöne, Wahre und Gute im Menschen pflegen, sich um Ordnung, Sicherheit, Zusammenhalt und Wohlstand bemühen. Im schlimmsten Fall aber bedeutet es: beschönigen, manipulieren, moralisieren; Macht, Einfluss und Profit vermehren. Zweitens: Ihre Geschichtsgläubigkeit macht moderne Gesellschaften für verschiedenste 'Krankheiten' anfällig: Denkmalfieber, Erinnerungstrieb, Gedenkzwang, Jubiläumssucht, Museomanie, Nostalgie, Paläolatrie, Passeismus, Rekorditis, Retrophilie."